Ein Mann unsrer Zeit
© Otto Wendl
Mani ist ein Mann unsrer Zeit, ohne Zweifel. Er hat zwei Kinder gezeugt, einen Bonsai gepflanzt, ein Puppenhaus gebaut und sein Job als Programmierer in der Bank für Commercial and splendid Humans, kurz CASH genannt, war sicher und gut bezahlt. Mani konnte kochen, putzen, staubsaugen und er fährt ein sicheres, kompaktes und ordinäres Dieselauto, kurz Skoda. Er ist ein liebevoller Familienvater und geduldiger Zuhörer für die Sorgen seiner Angebeteten. Das heißt, er wäre ein guter Zuhörer, denn seine bessere Hälfte spricht seit einem Monat nicht mehr mit ihm, sie chattet. Seine Frau lebte schon seit vier Wochen in einer anderen Welt, im so genannten "World Wife Net". Der Anschluß ans Internet vor zwei Monaten führte zum Ausschluss Mani's aus dem Heimnetzwerk. Sie hing den ganzen Tag nur mehr vor dem Bildschirm und flirtete auf Teufel komm raus mit der ganzen deutschsprachigen Welt. Etwa in der Art:
Hallo Hengst. Hallo Püppchen. Gibt's heut wieder Nudelsüppchen?
Hast du Kohle, bist du reich, ach Geliebter, sei mein Scheich.
Bist du weiblich? Bist du schön? Möchtest mit mir schnackseln gehen?
Bin so ja einsam, so allein, lass mich in den Chatraum rein.
Bist du schwarz? Bist du braun? Ach, ich liebe blonde Frauen.
Ist dein Mann nun endlich weg? Mein kleiner Freund da ist schon leck.
Bin 1,80. Groß und schlank. Und geschieden, Gott sei Dank.
Steh auf Tussis, schrill und laut. Und ich bin total versaut.
Liebe mich und schreib mir täglich, das Leben hier ist ja so kläglich.
Oh, ich komme, lieg in Windung .He, wo bist du? Scheiß Verbindung.
So ging es Tag für Tag. Pausen legte sie nur dann ein, um sich zwischendurch ihren Lieblingsfilm "E-Mail für Dich" Reinzuziehen, auf der Suche nach neuen Inspirationen. Er und seine Kinder lebten seit Wochen nur mehr von Nudelsuppe und er konnte dieses "tüüüüüüüüüdidldidltütütütüpfffffffffffffiiiiiiiiiiiii" beim Einwählen in das Internet schon nicht mehr hören. Ihm graute vor diesem Geräusch. Aber was sollte er machen. Er liebte sie. Und immerhin noch besser als wenn sie eine reelle Affäre hätte, dachte er sich, und mit diesem tröstlichen Gedanken im Kopf schaffte er es dann doch immer wieder, seine Schritte so freudig es halt nur irgend möglich war, vom Büro nach Hause zu lenken. In einer Woche Weihnachten, also ein Grund mehr, sich dieser Tage auf das nach Hause gehen zu freuen. Petrus hatte zwar wie jedes der letzen Jahre Lieferverzug, aber auch ohne Schnee spürte man beim Hinausgehen aus dem Bürogebäude die weihnachtliche Stimmung, die in der Luft lag. Und wie jeden der vorherigen Tage sperrte er die Wohnungstüre auf und begrüßte seine Kinder, die um diese Zeit, in der Kindersendungen verstärkt gesendet wurden, meistens vor dem Fernseher saßen und diese verfolgten.
Mani: Hallo, Kinder !
Sohn Nr. 1 und 2: Hallo, Papa !
Mani: Wo ist eure Mutter?
Sohn Nr.1: Wer?.
Sohn Nr.2: Papa, ich seh nichts. Geh aus dem Bild.
Mani: Eure Mutter, wo ist sie?
Sohn Nr.1: Im Wintergarten hatte sich vorhin etwas bewegt.
Sohn Nr.2: Papa, ich seh nichts.
Im Wintergarten, wo das zentrale Nervenzentrum von Manuela alias Meg Ryan stand, saß wie erwartet seine Frau vor dem Computer, E-Mail lesend und schreibend, Weihnachtsbussis schickend und empfangend.
Mani: Hallo.
Manuela: Grmmpff.
Mani: Was gibt es zu essen?
Manuela: Nudelsuppe.
Mani: Ach. Noch eine Packung gefunden?
Manuela: Grmmpff.
Mani: Ich möchte mit dir reden.
Manuela: Gleich.
Computer: "tüüüüüüüüüdidldidltütütütüpfffffffffffffiiiiiiiiiiiii".
So konnte es auf keinen Fall weitergehen, dachte sich Mani. Irgendetwas musste geschehen. Aber was? Sollte er die Kabel durchbeißen? Den Strom abmelden? Die Nudelsuppen aufkaufen?
Anfangs erhoffte er sich ja durch verstärkte Aufmerksamkeit und Zuneigung ihre Liebe zurückgewinnen zu können, doch auch diese Bemühungen waren gescheitert. Sein Sexualleben glich inzwischen auch schon einem Einwählvorgang.
Mani: Na, mein Schatz, wollen wir am Abend kuscheln?
Manuela: Nickname und Passwort?
Mani: Ehemann. Ich begehre dich.
Manuela: Zugriff verweigert.
Computer: "tüüüüüüüüüdidldidltütütütüpfffffffffffffiiiiiiiiiiiii".
Nein, er musste rigoros durchgreifen, wollte er seine Ehe noch retten. Und die dauerte doch immerhin schon 8 lange Jahre. Damals, vor dem Standesbeamten, wusste er für sich, das dieser Schritt der richtige war. Er fühlte sich reif für eine harmonische Beziehung auf Lebenszeit, für eine Kinderschar, an der man vorher, und für ein Heim, an dem man nachher intensiv basteln darf. Er hatte seine wilden Jahre hinter sich und nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Das gleiche nahm er natürlich auch von ihr an. Schon damals vor dem Bezirksamt erkämpfte man sich gemeinsam noch im Auto kreischend und diskutierend den Entschluss, trotz der Schürf- und Kratzwunden im Gesicht hineinzugehen und die Heirat anzumelden. Was konnte da bei so viel Einigkeit noch schief gehen?.
Und er wäre auch heute noch bereit gewesen, alles für sie zu geben, wenn er sich da inzwischen nicht des Umstandes bewusst gewesen wäre, das sie auch alles genommen hätte. Sicher, es war auch für Manuela nicht immer leicht, jeden Abend auf der hohen Warte anzurufen und ihnen mitzuteilen, das Mani jetzt schläft und sie die Nacht über 5 Striche von der Richterskala abziehen konnten. Er hatte natürlich auch seine Fehler, aber die meisten seiner Macken kannte sie im voraus. Und was sollte er machen? Damals hatte er einen Narren an ihr gefressen, er vergötterte sie, sie war seine Traumfrau schlechthin. Er liebte und begehrte sie auch heute noch, doch inzwischen lief er diesem Bildnis seiner Göttin 24 Stunden am Tage hinterher. Sie entmystifizierte und entglorierfizierte sich im Laufe der Jahre selbst, mit einer Vehemenz und einer Aggressivität, das sich Amor vor Schreck in die Götterhosen pinkelte. Er konnte zwar selten mit ihr reden, weil sie die meiste Zeit die Lautstärke ihres Sendeorgans auf High und die Empfangsbereitschaft ihrer Ohren auf Low gestellt hatte. Er konnte sie nie zu Freunden oder Verwandten mitnehmen, da sie stets schon beim Betreten der Räumlichkeiten die erste der vielen "ins Gesicht springen"-Runden einläutete. Und er konnte selten mit ihr ins Bett, da sie es meistens schon schlafend oder Filme schauend besetzte. "Sean Connery liebt Richard Gere" war ihr Favorit unter den Videokassetten.
Aber er liebte sie. Warum, weiß nur Amor mit der nassen Hose.
Und so versuchte Mani, seinen Fehler zu korrigieren und schaltete den Internetzugang rigoros temporär ab (er versteckte das Kabel). Und tatsächlich, Ruhe kehrte ein. Kein pfeifender Einwählvorgang mehr und kein Grmmpff. Die folgenden Weihnachtsfeiertage verbrachte man fast harmonisch und die Rechnung schien aufzugehen. Zu hoch, wie sich später herausstellte. Denn Meg Ryan war zwar ausgezogen, aber nur in die nächste Telefonzelle. Innerhalb kürzester Zeit erreichten die Telefonrechnungen des Hauses Mani&Co astronomische Höhen. Was war da los? Anfrage an die Ehefrau.
Mani: Telefonierst du jetzt mit denen?
Manuela: Mit wem?
Mani: Na, mit deinen virtuellen Hormonhengsten?
Manuela: Grmpff.
Mani: Aha.
Manuela: Nichts aha. Nein. Tu ich nicht. Grmpff.
Wer in so einer Phase seiner Frau noch glaubt, ist selber schuld. Mani tat es nicht. Er musste nur auf eine Gelegenheit warten, ihr Handy in die Finger bekommen. Und die ergab sich relativ schnell. Ohne, das Manuela es merkte, nahm er es zu einem Spaziergang mit seinem Hund mit. Und ging auf Beweissuche. Allerdings, die Anrufliste war leer. Versäumte Anrufe: leer. SMS-Eingang: leer. SMS-Ausgang: leer. Hatte er ihr Unrecht getan? War er schizophren? Blödsinn, die letzte Handyrechnung war höher ausgefallen als die Miete, also musste doch etwas zu finden sein. Die Mailbox, die hatte er noch nicht abgehört. Und tatsächlich, er wurde fündig.
Stimme Detlevs: Hallo, mein Püppchen.
Was? Wer? Püppchen? Hat sie ein Verhältnis mit Gepetto?
Stimme Detlevs: Ich verzehre mich nach Dir. Wann stillst du meinen Hunger?
Der steht also auf Nudelsuppe, schau einer an !
Stimme Detlevs: Ich hoffe, wir hören uns heute Abend, wenn dein Mann schläft. Ich vergehe vor Sehnsucht nach dir. Bussi, mein Krümelchen.
De Beukeler. Jetzt reichts.
Ohnmächtig vor Wut knallte Mani Manuela das Handy auf den Tisch, schnappte sich seine Stereoanlage und Sporttasche und verließ die Wohnung. Auf der Straße rannte er seinen Schwiegereltern, die anscheinend zu Besuch kommen wollten, direkt in die Arme.
Schwiegerpapa: Hallo. Was hast du denn vor?
Mani: Ich geh nach Hause zurück. Mir reichts. Aus. Schluss.
Schwiegermama: Nach Hause?
Schwiegerpapa: Hast du dich verlaufen? Haha.
Schwiegermama: Du wohnst doch hier.
Mani: Nein, hier wohnt jetzt Bahlsen. Ich zieh aus.
Schwiegermama: Wieso denn, was ist denn los?
Mani: Fragt Püppchen. Und füttert die Kinder. Tschüß.
Desillusioniert und noch immer sichtlich geschockt von den Ereignissen suchte Mani sein Auto. Nach drei Runden um den Gebäudekomplex fiel ihm ein, das er es auf dem Parkplatz der Siedlung abgestellt hatte, wie jeden Tag. Eine Zeitlang versuchte er, das Auto des Parkplatznachbarn aufzuschließen, bis ihm auffiel, das dieses Auto eine andere Farbe hat als die, die er von seinem Auto in Erinnerung hatte. Fluchend und nach Luft ringend, weil die Stereoanlage und die Sporttasche mittlerweile so viel wogen wie zwei Stereoanlagen und zwei Sporttaschen, schaffte er es endlich, seinen Kram im Auto zu verstauen und einzusteigen. Verdammt, wo war Gas und wo die Bremse? Und wieso ist das Lenkrad so weit vorne? Mani kletterte vom Rücksitz in den Fond des Autos, startete und fuhr bei 20km Luftlinie Entfernung 83km über 12 Außenbezirke zu seiner Mutter. Endlich dort angekommen und wieder einigermaßen gefasst erstattete er Bericht.
Mutter: Hallo, was willst DU denn hier?
Mani: Ich zieh hier ein.
Mutter: Nein.
Mani. Doch.
Mutter: Nein.
Mani: Doch. Ich kann nicht mehr.
Mutter: Was ist denn los?
Mani: Manuela betrügt mich.
Mutter. N e i n. Mit wem denn?
Mani: Mit einem Keksfabrikant aus dem Internet?
Mutter: W a s? Mit einem Ausländer?
Mani: Nein. Mit einem Mann aus dem Computer.
Mutter: Das geht? Kann man den auch ausdrucken?
Mani : Nein. Sie chattet mit ihm.
Mutter. Wohin denn. Hat der soviel Geld?
Mani: Nicht jettet, sondern chattet. Wo ist mein Zimmer?
Mani war also wieder im elterlichen Schoß. Doch um welchen Preis. Er konnte im Moment zwar joggen und Musik hören, doch er konnte keine Unterwäsche wechseln und seinen Hund hatte er auch dort vergessen. Eine blöde Situation. Also bat er telefonisch seinen Schwiegervater, ihn am nächsten Tag in die eheliche Wohnung zu begleiten, damit er seine Sachen ausräumen konnte. Denn Mani wusste, wenn er jetzt mit Manuela allein sein würde, würden unweigerlich die Fetzen fliegen, und das wollte er sich und auch den Kindern ersparen.
Denn in Situationen des Streits benutzte Manuela statt ihrem "Grmpff" grundsätzlich ein "Zisch", bzw. bei längeren Diskussionen ein "Zisch ab". Aber der Aufwand erübrigte sich, denn am nächsten Tag war Manuela ausgeflogen, um mit ihren Freundinnen über den grundlosen Ehemann, der böse ausgezogen ist, herzuziehen und die Kinder sowieso bei den Schwiegereltern ablieferte. Schwiegerpapa kam trotzdem mit, um mit Argusaugen zu kontrollieren, das Mani aus Mani's Wohnung nicht etwas ausräumte, was Mani gehörte. Also den Großteil der Einrichtung, denn Manuela war zwar seit zwei Jahren wieder halbtags berufstätig, vorher aber die ganze Zeit zu Hause bei den Kindern gewesen, während Mani sich Manuelas Aussagen nach
genüsslich in Überstunden badete und sich dadurch nur demonstrativ vor dem Haushaltsratweitschießen drückte.
Aber wenigstens seine Wäsche durfte er ebenso mitnehmen wie seinen Hund und die offenen Rechnungen, die Kinder waren ja vorsorglich in Sicherheit gebracht worden. Und Mani vermisste sie. Heute Nacht ebenso schmerzlich wie jetzt, als er die Wohnung betrat. Mani konnte sich so ziemlich alles vorstellen, ein Leben ohne "Grmpff und Zisch" in Neuseeland genauso wie ein Leben ohne Frauen auf der Insel Lesbos. Nur kein Leben ohne seine Kinder. Es musste sowieso eine Regelung getroffen werden, allerdings wollte er vorher unbedingt mit jemanden darüber sprechen. Also ging Mani nach dem Großreinemachen in der gemeinsamen Ex-Wohnung vorab einmal mit Otto, seinem Freund einen trinken.
Otto: Hi. Und, bist jetzt ganz draußen?
Mani: Nein, ich steck mittendrin. Wie geht's dir?
Otto: Naja, meine Ex ist inzwischen auf DefCon 3.
Mani: Auf was?
Otto: Defense Condition. Verteidigungszustand Stufe 3.
Mani: Und? Was bedeutet das.
Otto: Totale Kommunikationssperre.
Mani: Und was machst du jetzt?
Otto: Auf DefCon 2 warten.
Mani: Und was passiert dann?
Otto: Dann geht sie auf DefCon 1. Und ich zum Anwalt.
Mani: Blödmann. Verstehst du die Frauen?
Otto: Wie sollte ich? Ich durfte im letzen Jahr zweimal. An meinem Geburtstag und zu Weihnachten.
Mani: Hast eh einen guten Schnitt.
Otto: Herr Ober, zwei Bier.
Mani: Ich brauch Antworten.
Otto: Such einen Psychologen auf.
Und das tat Mani dann auch.
Psychologe: Grüß Gott. Nehmen sie bitte auf der Coach Platz. Sie können auch gerne liegen, wenn sie sich wohler dabei fühlen.
Mani: Danke.
Mani liegt sich also der Länge nach auf die Couch und atmet tief durch.
Psychologe: Also, wo drückt der Schuh?
Mani: Am linken Rist, wieso?. Sind sie Schuhmacher?
Psychologe: Ich fahre keine Rennen. Wieso?
Mani: Was?
Psychologe: Was? Was quält sie?. Wieso suchen sie mich auf?
Mani: Ja, also, es geht um meine Ehe. Es ist in meiner... Sagen sie, haben sie keine bequemere Couch? Auf der liegt es sich wie auf einer Parkbank.
Psychologe: Es tut mir leid. Das ist eine Parkbank. Aus meinem Garten, ich habe nur eine Decke darüber gelegt. Ich wurde leider vorige Woche Opfer eines Einbruches und die Bande hat so ziemlich alles mitgehen lassen. Legen sie ihren Kopf auf den Polster und versuchen sie sich zu entspannen, dann wird es schon nicht so schlimm werden.
Mani: Naja, ok. Also, wie gesagt, es geht um meine Ehe. Im Moment läuft alles schief. Meine Frau meint... Wieso stinkt der Polster so nach Hund?
Psychologe: Das meint ihre Frau?
Mani: Nein, das meine ich. Wieso stinkt der Polster so nach Hund?
Psychologe: Ach ja, tut mir leid. Wie gesagt, die Bande hat alles mitgehen lassen. Ich habe mir den Polster aus dem Hundekörbchen ausgeborgt. Verzeihen sie bitte.
Mani: Nein, so geht das nicht. Wie soll ich mich da entspannen?
Psychologe (verärgert): Wollen sie Platz tauschen?
Mani: Ja, bitte.
Mani setzt sich also in den Sessel des Psychologen, der sich als Korbsessel mit einer darüber geworfenen Decke entpuppt, und der Psychologe nimmt auf der Parkbank platz.
Mani (auch schon ziemlich verärgert): Also, wie gesagt, in meiner Ehe läuft im Moment so ziemlich alles schief. Wenn ich nach Hause komme, sitzt meine Frau.....
Psychologe: Entschuldigen sie. Würden sie mir meine Schreibunterlagen herüberreichen?
Mani, schon sichtlich bis auf's äußerste gereizt, reicht dem Psychologen ein paar zerfetzte Blatt Papier und einen offensichtlich mit dem Taschenmesser angespitzten Bleistift.
Mani: Haben sie denn keine Ordner und Schreibblöcke?
Psychologe: Es tut mir leid, wie gesagt, die Bande...
Mani: Jaja, ich weiß. Sie hat alles mitgehen lassen (brummt leise in sich hinein: Wieso haben sie den Wahnsinnigen hier liegen lassen?).
Psychologe: Also, bitte weiter.
Mani: Danke. Also, zum vierten Mal. Meine Ehe ist im Eimer. Ich kann ihnen gar nicht sagen, wie schlimm das für mich ist. Meine Frau ist Internetsüchtig. Sie chattet und emailt Tag und Nacht. Sie vernachlässigt die Kinder, den Haushalt und mich auch. Was soll ich machen? Ich bin mittlerweile ausgezogen.
Psychologe: Sie haben recht. Die Bank ist wirklich unbequem. Ich brauche was, um mich zu entspannen. Stört es sie, wenn ich mir einen einschenke?
Mani (mit gebrochener Stimme): Kann ich auch einen haben?
Psychologe: Bedienen sie sich.
Der Psychologe reicht ihm ein Glas, schenkt sich und Mani ein, trinkt sein Glas auf einen Zug aus, schenkt sich gleich noch einmal ein und stellt die Whiskyflasche auf den Tisch zwischen ihnen.
Psychologe: Also, wo waren wir? Ihre Frau ist süchtig. Ist sie auf Entzug?
Mani: Nein. Ich sagte, sie ist I n t e r n e t-süchtig. Sie liebt virtuelle Männer.
Psychologe: Aha. (schenkt sich noch einmal nach und kippt auch dieses Glas auf einen Zug hinunter). Sie liebt also vitale Männer, schau einer an. Auch noch ein Glas?
Mani: Aus, mir reicht es. Auf Wiedersehen.
Psychologe (springt entsetzt auf): Nein, bitte, bleiben sie. Schauen sie, ich muss ihnen etwas gestehen. Bei mir wurde nicht eingebrochen. Meine Exfrau hat alles pfänden lassen. Ich bin am Boden zerstört. Ich bin dem Alkohol verfallen, kann mich nicht mehr konzentrieren und schlafe im Hundekörbchen. Das auf der Coach ist mein Kopfpolster, den Hund hat meine Exfrau mitgenommen. Bleiben sie bitte, ich flehe sie an.
Mani: Was ist passiert?
Psychologe: Sie hat über das Internet einen anderen Mann kennengelernt. Den Computer hat sie gleich mitgenommen. Verstehen sie, ich kann dieses Thema nicht behandeln. Ich brauch selber einen Psychologen, wenn einer dieses Thema bei mir anschlägt. Warum sind sie nicht schizophren, manisch depressiv oder sonst irgendwie bescheuert?
Mani: (läßt sich wieder auf dem Korbsessel nieder und schenkt sich doch noch ein Glas ein) Wollen sie darüber sprechen?
Psychologe: Ja. Danke. Danke vielmals. Darf ich mir noch einen einschenken?
Mani: Bitte. Bedienen sie sich.
Und so erzählte der verkorkste Psychologe Mani eigentlich nur den weiteren Verlauf von seiner eignen Tragödie. Sie tranken zum Abschluss noch Bruderschaft und nachdem der Psychologe kein Geld hatte, um Mani zu bezahlen, schenkte er ihm als Ersatz seinen Kopfpolster aus dem Hundekörbchen. Nur Mani war damit leider nicht geholfen. Weder mit dem stinkenden Polster noch mit dem beschädigten Psychologen.
Er musste Antworten finden, Ursachenforschung betreiben. Gab es nirgendwo einen Schaltplan der Frauen Baujahr 67?
Oder überhaupt eine Anleitung, wie man mit Frauen umgehen kann, ohne in psychologischer Betreuung oder unter der Brücke zu enden?
Mani war verzweifelt. Wen oder was sollte er fragen. Wer wusste über die Frauen Bescheid? Und so entschied Mani, sich direkt an den Leiter der allwissenden Auskunft zu wenden. Er suchte ehrfürchtig eine Filiale der katholischen Zweigstelle auf, um mit dem Auskunftsleiter direkt zu sprechen.
Mani: Gott, was habe ich falsch gemacht? Wieso ist meine Ehe so kaputt?
Gott: Du hast standesamtlich geheiratet. Das geht mich nichts an.
Mani: Ja, aber, du hast doch die Frau erschaffen, du weißt doch, was in ihnen vorgeht.
Gott: Ich habe sie nicht erschaffen.
Mani: Nein? Wer dann?
Gott: Keine Ahnung.
Mani: Ja, aber, .....
Gott: Nächster, bitte !
Mani: Nein, ich will eine Antwort. Das gibt es doch nicht. Irgendjemand oder irgendetwas muß doch auch die Frau erschaffen haben. Wen nicht du, wer dann?
Gott: Bin ich die Auskunft?
Mani: Jaaaaa, du bist der einzige, der alles weiß !
Gott: Grmpff. Na gut, der Mann hat sie selbst erschaffen. Ich habe ihm nur das Werkzeug in die Hand gegeben und weinend dabei zugesehen.
Mani: Waaaaas? Wieso? Warum?
Gott: Ja, glaubst du, ich hätte mir eure andauernde Jammerei, das ihr so einsam seit, ewig angehört? Ihr wolltet eine Partner nach euren Vorstellungen, also bitte.
Mani: Ja, aber, wieso nicht du? Wie kannst du uns denn so etwas machen lassen, wir haben doch keine Ahnung von so etwas.
Gott: Wieso nicht? Eure Kinder macht ihr ja auch selber. Ich hauche euch nur den Lebensatem ein.
Mani: Oh Gott.
Gott: Ja?
Mani: Nein, ich meine, was soll ich jetzt machen?
Gott: Keine Ahnung. Bin ich die Auskunft?
Das brachte Mani natürlich keinen Schritt weiter. Außer, das der Mann sein Schicksal anscheinend selbst geformt hatte, wusste er nicht viel mehr als vorher. Grübelnd schlenderte Mani die Mariahilferstrasse entlang, als sich plötzlich vor ihm eine dunkle Gestalt breit machte.
Luzifer: Salben, Öle, Tranquilzer, Koks, Briketts, Liebes- und Eifersuchtstränke, Gummibärchen, Politiker, Wahlergebnisse, EU-Beitrittsformulare, Alimententoto !
Mani: Was ist Alimententoto?
Luzifer: Bei einem Treffer zahlst du für 1 Kind X- mal das 2-fache von dem, was du dir leisten kannst. Auch als Systemscheine verfügbar.
Mani: Witzbold.
Luzifer: Gell (wenn der wüsste). Was willst Du?
Mani: Gar nichts. Du hast mich angequatscht.
Luzifer: Das ist so nicht richtig. Ich quatsche nicht an, ich verkaufe.
Mani: Was verkaufst du?
Luzifer: Was du suchst.
Mani: Hast du Betriebsanleitung für Frauen?
Luzifer: Ja, aber nur von einen von einem japanischen Hilfsteufelchen aus dem englischen ins deutsche übersetzt.
Mani: Zwar nicht das gelbe vom Ei, aber immerhin. Was verlangst du dafür?
Luzifer: Deine Seele.
Mani: Bist du beim verkaufen gegen die Wand gelaufen? Ich gebe dir doch nicht meine Seele.
Luzifer: War nur ein Scherz, das war einmal. Ich gehe mit der Zeit, weißt du. Gib mir dein letztes Hemd, wenn es soweit ist.
Mani: Hä?
Luzifer: Vertrau mir, ich weiß, wovon ich rede. Also, willst es oder willst es nich, hää?
Mani. Ok. Gibs mir.
Und Luzifer gab es Mani. Mani lebt heute unter der Brücke. Ohne Hemd.
Eingereicht am 11. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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