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© Jörg Sprave


"Herr Wirt, noch eine Runde bitte!" Man konnte die Fröhlichkeit der Studentenrunde am Tisch deutlich spüren. Die fünf jungen Männer in der kleinen Berliner Kneipe waren in genau dem Stadium fortgesetzter Alkoholisierung, in dem kreative Ideen nur so sprühen.
Im Moment ging die Unterhaltung um das Thema "Wir sind Papst" und die neue deutsche Frömmigkeit. "Ekelhaft, wie die Leute in beinahe mittelalterliche Gläubigkeit zurückfallen" sagte Robert, ein schlaksiger BWL-Student. "Meine Großtante schickt jetzt sogar Locken Ihrer Enkelkinder an ein polnisches Kloster, die dann gegen eine Spende für die Blagen beten. Oder auch nicht, wer kann das schon sagen".
"Wieso, das ist doch ein echt geiles Businessmodell", sagte Peter, der noch nicht mal sein Vordiplom in VWL hatte. "Die Leute zahlen für gar nichts, und fühlen sich noch gut dabei. So etwas nennt man einen Win-Win-Deal".
"Kann man so was nicht auch übers Netz anbieten?", warf Klaus, Informatikstudent im 7. Semester ein. "Locke fotografieren, Hochladen, Kreditkartennummer eintippen und schon wird gebetet."
"Hm... man betet nicht mehr, sondern Man lässt beten - gar nicht so dumm. Passt gut zur viel beschworenen Dienstleistungsgesellschaft. Wofür könnte man denn beten lassen - Gesundheit, Beförderung, Lottogewinn?"
Jetzt kam die Diskussion so richtig in Gang. Der Alkohol floss reichlich, es wurde viel gelacht. Kugelschreiber wurden gezückt und der Wirt lieferte einen Skat-Notizblock. Es entstand der Entwurf einer Internet-Seite:
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WWW.REICHBETEN.DE
Einloggen als Auftraggeber
Einloggen als Beter
Auftraggeber-Account einrichten
Beter werden bei Reichbeten.de
Aktuelle Betcams
Informationen über Reichbeten.de
Bannerwerbung
Betshop
Ihre Meinung über Reichbeten.de
Kontakt
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Jetzt sprudelte die Fantasie. "Betcams sind absolut geil, da kann man die frommen Trottel beim idiotischen Kommerzbeten beobachten. Im Hintergrund stehen dann die bestellten Zahlen auf der Kreidetafel."
"Der Betshop wird klasse. Da kann man Kerzen, Bettteppiche und so mit dem Reichbeten-Logo kaufen." - "Das Rekrutieren der Beter kann man prima auf Kirchenparkplätzen machen, einfach Flyer hinter die Scheibenwischer klemmen..." - "Warum machen wir nicht wirklich eine Website daraus - nur so zum Spaß natürlich? Das gibt jede Menge Hits. Die Einnahmen aus der Bannerwerbung versaufen wir dann jeden Freitag!"
Man beschloss in der Tat die Einrichtung einer Webseite. Noch am selben Abend wurde der Text "Informationen über Reichbeten.de" verfasst, auf demselben Skatblock mit der stolzen Überschrift einer Schnapswerbung "Bestell zum Bier Kabänes Dir":
Informationen über Reichbeten.de
Reichbeten.de ist ein kommerzieller Betservice im Bereich Lotterien und Wetten.
Unsere freien Betmitarbeiter beten für das Eintreffen des gewünschten Ereignisses. Dies sind in der ersten Phase unseres Geschäftsmodells ausschließlich Lottozahlen.
Die Bet-Dienstleistung ist für den Auftraggeber nur dann kostenpflichtig, wenn der Gewinnfall eintritt. Es handelt sich um ein reines Beteiligungs-Abrechnungssystem. Der Auftraggeber benötigt natürlich einen Account, der online und kostenfrei eingerichtet werden kann. Dann kann die gewünschte Zahlenkombination und der Spieltermin angegeben werden.
Gebetet wird in verschiedenen Tarifen. In der Einführungsphase handelt es sich um rein christliche, ökumenische Gebete. Der einfachste und preiswerteste Tarif (5 Minuten Intensivbeten) löst im Gewinnfall eine Beteiligung von 10% an der Gewinnsumme aus. Jede weitere Betminute kostet ein weiteres Prozent. 20 Minuten Beten bedeuten also 10% für die ersten fünf Betminuten und weitere 15% für die zusätzlichen 15 Betminuten, insgesamt also 25% Gewinnanteil für Reichbeten.de.
Das Ausfüllen und Abgeben des Lottoscheines obliegt dem Auftraggeber. Reichbeten.de rechnet auch denn eine Gewinnbeteiligung ab, wenn der Auftraggeber keinen Lottoschein mit den gebuchten Zahlen platziert hat, der Auftraggeber muss Reichbeten.de für diesen Fall also schadlos halten.
Reichbeten.de beschäftigt freie Mitarbeiter als Betpersonal. Ein Gutteil der monatlichen Einnahmen wird an die Beter pari nach geleisteten Betminuten ausgeschüttet. Die Beter müssen auf ihre Kosten eine Webcam als Betcam einrichten und sich vor Beginn des Betvorganges als Beter einloggen. Ihnen werden dann aktuelle Betaufträge zugeleitet. Reichbeten.de nimmt dann stichprobenartige Kontrollen über die Betcam vor.
Jede Betleistung wird natürlich genau nachgewiesen. Die Personalnummer und das Betpseudonym des bzw. der Beter wird nebst Betdatum und -zeit sowie der Dauer des Betvorganges angegeben und dem Auftraggeber per Email zugeleitet. Die jeweilige Betcam kann hier natürlich ebenfalls von Kunden aufgerufen werden. Sollte aus Kapazitätsgründen kein rechtzeitiges Beten möglich sein erfolgt natürlich auch keine Berechnung. Bei Teil-Betleistungen wird minutengenau abgerechnet.
Beter kann eigentlich jeder volljährige Bürger werden. Ein Mindestmaß an Gläubigkeit wird aus Effizienz- und Pietätsgründen natürlich erwartet. Jeder Beter ist selbstständiger Betunternehmer und muss seine Einkünfte aus den Betleistungen selbst versteuern.
Ein Antrag auf Registrierung als Beter kann online gestellt werden. Der Beter kann sich einen Beternamen (Betpseudonym) aussuchen. Alle Namen müssen natürlich biblisch sein und werden ggfs. kirchenüblich durchnummeriert.
In den nächsten Wochen arbeiteten die Informatiker unter den Studenten, Klaus und Andy, an der Webseite. Die Texte kamen auch von den anderen Gruppenmitgliedern. Natürlich ging alles recht langsam voran, aber dann war es soweit: Die Webseite ging online. Da Andy etwas von Suchmaschinenoptimierung verstand erwartete man schon etliche Hits.
Das Ergebnis war allerdings dann doch etwas überraschend...
"Hallo, setzt euch und bedient euch beim Kaffee", sagte Klaus. "Vielen Dank fürs Kommen. Der Grund für dieses Treffen ist schnell erzählt - Reichbeten.de ist sensationell eingeschlagen. Wir sind Thema auf allen News-Portalen, und ich habe schon etliche Anrufe von Talk-Shows erhalten... Harald Schmidt will mich heute Abend in seiner Sendung. Wir werden berühmt!"
Einige Hardcopy-Versionen der bekannten Websites von Spiegel, Focus, FAZ, ARD etc. lagen auf dem Tisch. Während des aufgeregten Gesprächs kam einiges davon zur Sprache. "Wahnsinn, die nehmen das ernst! Kapiert denn niemand, dass das eine Satire ist?"
"Und jetzt kommt's noch mal dicke - wir haben bereits 2365 - nein, 66 - Auftraggeber-Accounts, und Hunderte von Leuten, die Beter werden wollen. Soll ich euch was sagen - das Ding könnte tatsächlich klappen - und wie!"
"Dann lasst uns loslegen. Wer kennt einen Notar - wir müssen eine GmbH gründen! Oder... besser gleich eine AG? Dann können wir an die Börse gehen!" "Au ja, und wir legen uns alle dicke Schlitten zu, und Maßanzüge, und wohnen in Penthäusern!"
"Aber habt ihr euch schon mal überlegt, wie viel Arbeit das alles ist? Was wird aus dem Studium?"
"Das kann warten! So eine geniale Sache rechtfertigt doch eine kleine Pause, ist doch easy."
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Sechs Monate später.
Der Projektor im Konferenzraum der staatlichen Lottogesellschaft wurde langsam heller, und als die Aufwärmphase beendet war, sah man das typische Bild des Internet-Explorers. Der schlanke Manager im grauen Anzug redete auf die versammelte Vorstandsriege ein. "Hier sehen wir die Webseite von Reichbeten.de. Um Ihnen eine Vorstellung zu geben, wie das funktioniert, habe ich einen Betauftrag erteilt und hier ist mein Beter." Er loggte sich ein und ein Bild mit der Unterschrift "Betcam 23458" erschien. Ein junger Mann in adretter Kleidung kniete offenbar vor seiner Webcam, die Hände hielt er in typischer Bethaltung gefaltet. Hinter ihm war auf einer Kreidetafel "Mittwochslotto, 11.Oktober 2006, Zahlen 11-23-32-35-40-42" aufgemalt worden. Eine riesige Stoppuhr lief, die Zeit stand bei 3 Minuten und 10 Sekunden. Das Fenster, in dem das alles zu sehen war, trug den Namen "Ezechiel 67". "Das ist das Bet-Pseudonym dieses Beters, die wahren Namen sind geheim".
"Sehen Sie das große Plus-Symbol auf der Kreidetafel? Das nennen sie den Booster. Zusätzlich zu den 10%, die ich nun im Falle eines Gewinns an Reichbeten abführen muss, habe ich mich verpflichtet, weitere 10% für wohltätige Zwecke zu spenden. Wer das Geld bekommt entscheidet Reichbeten.de - aber man würde mich im Fall des Falles informieren und mir die Spendenquittung zukommen lassen."
Einer der Zuhörer meldete sich zu Wort. "Sind diese Spinner denn tatsächlich erfolgreich? Wie dumm muss man denn sein, um da mit zu machen?"
"Diese Leute sind in der Tat erfolgreich. Sehr erfolgreich sogar. Ganz Deutschland, nein, die ganze Welt spricht von Reichbeten! Und sie haben sogar ein US-Patent auf das Geschäftsmodell angemeldet. "prayandwin.com" ist nur noch eine Frage der Zeit. Und sie sollten die Gläubigkeit der Menschen nicht unterschätzen - bedenken Sie, die Sache ist nur dann kostenpflichtig, wenn man etwas gewinnt."
"Was ich aber noch nicht verstanden habe: Schadet oder nutzt uns diese Sache nun?"
"Eigentlich ist Reichbeten.de nützlich für uns. Wir haben bereits messbare Zuwächse! Aber langfristig sind Imageprobleme zu befürchten."
"OK, behalten Sie die Sache im Auge. Nächstes Thema!"
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"Nein, das kann einfach nicht richtig sein", echauffierte sich der grauhaarige Mann, legte den soeben gelesenen Brief auf den Tisch und rückte seine Hornbrille zurecht. "Wir sollen beten für schnöden Mammon - für Lottogewinne? Heißt es nicht in der Bibel "Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt?""
"Walter, rege dich doch nicht gleich so auf. Diese Leute sind immerhin für einen wahren Spendenregen verantwortlich! Heutzutage muss doch jeder Trend hin zum Glauben gefördert werden. Und du weißt ganz genau, dass die Kirche ein neues Dach braucht. Wir sollten uns das ganze wirklich noch einmal überlegen," sagte die hagere Mittvierzigerin, die neben dem Sprecher stand. "Jeder Trend zurück zum Glauben muss uns doch heutzutage förderungswürdig sein. Und diese Leute sind aufrichtige Christen, das spürt man."
Der Brief, von dem die Rede war, hatte folgenden Wortlaut:
Liebe christliche Mitbürger,
wir wenden uns heute mit einem ganz besonderem Anliegen an Sie.
Unser Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, dem Glauben wieder einen größeren Anteil am Leben der Menschen in unserem Lande zuteil werden zu lassen. Wir möchten gläubigen Christen die Möglichkeit geben, Ihre Religion in einen Teil ihres Lebens, nämlich dem Lottospiel, mit einzubringen.
Dazu geben wir jedem, der dies bei uns in Auftrag gibt, ein Gebet mit auf den Weg. In diesem Gebet bitten wir den Herrn um Seine Gunst beim Lottospiel. Weiterhin bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, die natürlich erforderliche Kostenbeteiligung durch eine Spende für gemeinnützige Zwecke aufzustocken.
Unsere Dienste werden zur Zeit stark nachgefragt, und so sind wir auf der Suche nach gläubigen Christen, die bereit sind, im Sinne einer guten Tat für die Hilfe suchenden Schwestern und Brüder zu beten.
Selbstverständlich erhält jeder unserer hoch geschätzten Bet-Mitarbeiter eine Unkostenpauschale für seine Mithilfe.
Sollten Sie in Ihrer Gemeinde gläubige Menschen haben, die bereit sind, an diesem frommen Projekt mit zu arbeiten, so würden wir uns über eine Kontaktaufnahme freuen. Unsere Adressen und Telefonnummern finden Sie auf dem kleinen Infoblatt, welches wir Ihnen beigelegt haben.
Mit frommen Gruß
....
"Ich werde mit dem Bischof telefonieren", sagte der Pfarrer der kleinen Vorstadtgemeinde. "Ich muss in dieser Sache um Rat ersuchen."
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Liebe Zuschauer, ich begrüße Sie recht herzlich zur heutigen Folge von "Rededuell". Unsere Gäste sind Ulrich Klaasen von der Reichbeten.de AG Berlin, und Superintendent Rudolf Waghammer aus München. Thema heute: Ist es christlich, für einen Lottogewinn beten zu lassen, und ist es moralisch vertretbar, an solchen Dienstleistungen Geld zu verdienen? Hören wir dazu zunächst Rudolf Waghammer. Herr Waghammer, wie sehen Sie das?" Der offensichtlich sehr fitte Moderator drehte sich leicht in die Richtung des Gastes zu seiner Linken.
"Herr Bultscheidt, ich danke Ihnen zunächst ganz herzlich für die Einladung." Der würdige Mann Anfang sechzig wechselte die Körperhaltung und wurde ernster. "Grundsätzlich ist das Gebet als Zwiesprache mit dem Schöpfer natürlich positiv. Wir reden hier von einem der Stützpfeiler des christlichen Glaubens. Was ich persönlich aber für bedenklich halte, ist, jemanden für sich beten zu lassen, und das noch für wirtschaftlichen Gewinn. Das Gebet ist doch nichts, das man einfach kaufen kann! Wir reden von Religion - das hat mit einer bezahlten Dienstleistung nichts zu tun. Also ich kann diese Sache nicht gut heißen."
"Herr Klaasen, Sie sind der PR-Manager der Reichbeten.de AG. Was sagen Sie zu dieser Einschätzung?"
"Also wir sehen das ganz anders. Die Kirchen lassen sich doch auch bezahlen, und zwar - weil es so bequem ist - gleich per Steuererhebung. Ohne diese Einkünfte gäbe es sicher weit weniger Gottesdienste und Geistliche. Diese Leute beten ohne Frage aufrichtig für ihre Schäfchen. Aber ohne monatliche Bezüge würde es solche Gebete einfach nicht mehr geben. Bleiben wir doch realistisch. Niemand kommt heute noch in die Kirche, um für sein Glück zu beten. Wir aber haben einen wahren Trend hin zum Glauben ausgelöst! Und noch dazu sind 18% unserer Kunden auch Spender. Wir haben allein im ersten Quartal dieses Jahres über 47 Millionen Euro an Spenden eingenommen - ohne uns gäbe es dieses Geld nicht. Es ist doch an der Zeit, aufzuwachen, Herr Superintendent! Ihre Vorstellung von Religion ist modernisierungsbedürftig. Während jede Woche weniger Gläubige in die Kirchen kommen haben wir zweistellige Zuwächse. Das können Sie doch nicht ignorieren!"
"Wo sind denn Ihre Spenden? Bei uns ist jedenfalls kein Geld eingegangen..."
"Na ja, natürlich haben wir unsere eigenen Vorstellungen von förderungswürdigen Projekten. Das Effizienz Rating ist bei Ihren Programmen denkbar schlecht, mit über 40% Verwaltungsanteil..."
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BETSTAT - Copyright 2005, 2006 Reichbeten.de AG
Auswertung der Messreihe
Analyse 21498, 2/1/2007.
Ergebnis mit Betdienst:
1,00291072
Ergebnis Kontrollgruppe:
1,00000098
Gerundete Ergebnisse über alle 21498 Testreihen:
Ergebnis mit Betdienst:
1,00301088
Ergebnis Kontrollgruppe:
1,00000000
Der junge Statistiker in den Diensten der Reichbeten.de AG war sich jetzt ganz sicher. Rechenfehler waren eigentlich nicht mehr möglich. Was zunächst ein Zufall, dann ein Fehler in der Messmethode sein konnte, war jetzt offenbare Tatsache:
Beten funktioniert.
Natürlich war ein Beten-Lassen bei Reichbeten.de noch lange kein Garant für einen Gewinn. Aber die Chancen auf einen Gewinn stiegen, und zwar deutlich - null Komma drei Prozent oder anders gesagt drei Promille waren der messbare Unterschied. Wer beten lässt hatte eine reproduzierbare und sehr signifikante Chancenverbesserung!
Das traf den Wissenschaftler hart, hielt er sich doch für einen absolut unreligiösen Menschen. Er setzte sich schwer auf den nagelneuen Drehstuhl - der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens war mittlerweile auch für die Angestellten spürbar. Der junge Mann griff zum Telefon. "Den Vorstand, bitte. Ja, es ist dringend. Ich warte."
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"Was machen wir nun? Drei unabhängige Statistiken, und alle kommen zum selben Ergebnis. Drei Promille. Ich habe mir schon ernsthaft überlegt wieder in die Kirche zu gehen..." sagte Klaus, der mittlerweile Vorstand der Reichbeten.de AG war.
"Ich kann das immer noch nicht so richtig glauben. Haben wir jetzt die Existenz Gottes bewiesen?" sagte Robert, der sein BWL-Studium mittlerweile quasi aufgegeben hatte.
"Bis jetzt haben wir lediglich eine eindeutige Korrelation zwischen Beten-Lassen und Im-Lotto-Gewinnen festgestellt. Das kann auf alles mögliche zurückführen sein. Massenhypnose, paranormale Fähigkeiten - bloß den Zufall können wir mittlerweile ausschließen, dazu sind die Testreihen zu gründlich und zahlreich", sagte Andy, der Chefstatistiker.
"Wir sollten die Sache publizieren. Das wäre für unsere Umsätze wirklich gut - der Reiz des Neuen verblasst langsam, unsere Umsätze stagnieren. Wenn wir bekannt geben, dass die Sache funktioniert, dann sehe ich die Chance zum nächsten Wachstumssprung."
"Wegen drei Promille Unterschied? Da gehe ich einfach nicht mit. Die Leute hoffen auf einen Lottogewinn! Wer gibt schon 10 % für drei Promille aus?"
"Dann müssen wir das eben optimieren. Vielleicht ist das noch steigerbar! Haben zum Beispiel einige Beter bessere Ergebnisse als andere? Wenn ja, warum - ist die Bettechnik eine andere? Sind diese Leute gläubiger? Spielt die Tageszeit eine Rolle? Das können wir doch herausfinden!"
Andy runzelte die Stirn. "Hm... ja, da sehe ich Möglichkeiten. Die Sache mit den Betern kann ich leicht herausfinden. Die Bethaltung ist ebenfalls unproblematisch - wir haben ja die AVI-Files der Betcams. Tageszeit - kein Problem. Aber die Sache mit der Gläubigkeit - das wird schwerer. Ohne Befragung der Beter wird das nicht abgehen. Und ob die den Braten nicht riechen werden - das ist nicht sicher. Einige von den Burschen sind ziemlich clever."
"Also ich weiß nicht... Beten Lassen als Gag ist ja noch OK, aber experimentieren mit dem Glauben? Da habe ich Bedenken. Damit will ich nichts zu tun haben", sagte Dagmar, eine der später hinzu gekommenen "Aktionäre".
"Nun bitte... wir haben jetzt und hier die Chance, wirklich etwas zu bewegen - und du willst mir mit Bedenken kommen?", erwiderte Andy.
Klaus meldete sich zu Wort. "Gegen eine Auswertung der vorhandenen Daten ist doch nichts einzuwenden, oder? Wir müssen doch wissen wovon wir eigentlich reden. Wenn die Info vorliegt können wir doch immer noch entscheiden, wie wir weitermachen sollen."
Das überzeugte - und alles ging gespannt in den Feierabend...
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Heute, neunzig Jahre später, gilt der Orden der Reichbeter als die mächtigste "unabhängige" Organisation überhaupt. Die Versuche mit dem Beten als Einflussmaßnahme waren überaus erfolgreich. Alle Spekulationen über die Wirksamkeit der Bethaltung und die Gläubigkeit des Beters hatten sich als Unsinn erwiesen.
Alle Versuche zeigten: Es kommt auf die geistige Kapazität des Beters sowie die Intensität der geistigen Beschäftigung dieser Person mit einem konkreten Ziel an. Der wirkliche Durchbruch kam mit der Erkenntnis, dass die Chancen wesentlich steigen wenn mehrere fähige Beter sich zeitgleich auf ein gemeinsames Ziel konzentrieren. Je mehr Beter, um so besser, wobei es auf absolute Synchronität ankam.
Dann führte eines zum anderen.
Heute gilt die Umwandlung der Reichbeten.de AG in eine Ordensgemeinschaft als die Rückkehr der Templer. In der Tat sind die Strukturen ähnlich - absolute Verschwiegenheit der Brüder und Schwestern, lebenslange Zugehörigkeit, hohe Eingangsvoraussetzungen für eine Mitgliedschaft.
Früher waren nur Adelige zugelassen, heute benötigt die richtigen Gene. Früher gab es in jeder größeren Stadt ein Tempelviertel, heute sind die Wohnungen der Ordensmitglieder ebenfalls in bestimmten Stadtteilen konzentriert. Vereidigung, Strafen bei Zuwiderhandlungen gegen die Satzung - alles war wie einstmals. Nur auf Wohlstand mussten die Reichbeter nicht verzichten.
Der Großmeister des Ordens ist heute der wohl mächtigste Politiker ohne eigenen Staat. Wer die Unterstützung des Ordens genießt, für den ist alles möglich. Was nicht durch die Synchrongebete der Mitglieder erreichbar ist, das kauft der Orden und zahlt bar. Der Reichtum ist legendär!
Natürlich sind die Mitglieder vernetzt - erst das Internet hatte eine so perfekte Gleichschaltung der ausgebildeten Beter ermöglicht. Zwar kann der Zufall auch durch die größte Gruppe von Betern nicht völlig ausgeschaltet werden, aber eine höhere Eintrittswahrscheinlichkeit von 15% ist erreichbar und kann schon mittelfristig unglaubliche Verschiebungen erzielen.
In der Führungsebene wird nun der nächste große Schritt geplant. Man will die große Betrunde, also die Top-80% der diplomierten und voll zugelassenen Reichbeter, ein ganzes Jahr im Drei-Schicht-Betrieb für die Geburt eines neuen Messias einsetzen... die Welt rechnet mit seinem Erscheinen innerhalb der nächsten 35 Jahre. Wobei das "Rechnen" durchaus mathematisch gemeint ist.



Eingereicht am 05. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise,
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