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Die professionell Erleuchteten - Reiki

© Anoù Rosenholz


Schon beim REIKI-Probeabend fand Erstaunliches statt: Dorothee weissagte mir "eine gewisse innere Unruhe" und Peter bekam eine Verbindung zu dem Geist der toten Mutter von einer Mitschülerin. Er war selber total hingerissen von sich und seinen spontanen medialen Fähigkeiten. Weil nämlich ihre tote Mutter "ihm erzählt habe", wie dankbar sie ihrer Tochter für die aufopfernde Pflege sei und wie sehr das die Bindung gestärkt habe zwischen ihnen. Ich blieb trotz meiner Neigung zur Euphorie etwas zurückhaltender. Immerhin hatte sie uns gerade erzählt, wie fertig sie wegen dem Tod ihrer Mutter sei, die sie bis vor paar Wochen zu Hause gepflegt hatte.
Egal.
Dorothee hatte unter Zuhilfenahme ihres mildesten und erleuchtetesten Lächelns gesagt, wir sollten das mal einfach machen, das passe dann schon. "Was machen?!" revoltierte der Wissensdurst in mir. Dorothee war verschnupft: also Hände auflegen und an gar nichts denken! Wie das funktionieren solle?! Und warum?! Und was das nütze? Dorothee war jetzt genervt und befahl kraft der Autorität, wir mögen uns jetzt am vor uns liegenden Opfer versammeln und einfach tun, was sie uns hieß! Na gut.... Ansonsten hüllte sie sich in den geheimnisvollen Nimbus der Erleuchteten und sparte sich all die spektakulären Mysterien für den eigentlichen Kurs auf.
Ein ganzes Wochenende war angesetzt, diesmal waren wir zu fünft und Dorothee war so froh, wie nur selten. Wir entzündeten Kerzen mit Segnungen an dem ausgelegten violetten Lappen mit den Muscheln, Hölzern und Steinen. Eine winzige Information drückte sie raus über das Ensemble, es sei nämlich ein alt-keltischer Ritualkreis der Hexen und darüber gäbe es soviel zu sagen, dass es dafür einen Workshop über Rituale gebe (siehe Angebotsblatt Zentrum, am Eingang ausliegend). Wir froren alle wie die Schneider und Meisterin Dorothee musste Abhilfe schaffen. Es sei WARM hier drin, aber unsere Energie sei total blockiert, wir "seien zu sehr im Kopf" und müssten erst mal wieder "in den Körper kommen". Sie schmiss Bingo-Bongo-Musik ein und was dann geschah, sehe ich noch heute vor mir. Sie, die total gehemmt wirkende, begann nämlich spontan "total gelöst und unverkrampft" - ein Ausbund an ungezügelter Lebensfreude - in ihrem dottergelben Jogginganzug (wirkte "stimulierend" auf das Solar-Chakra) und ihren quietschroten Socken (wirkten "erdend" auf das Basis-Chakra) plötzlich spastisch im Zimmer herumzuzucken! Erstaunt und etwas betroffen verfolgten wie das ungelenkig zuckende, dottergelb-quietschrote Gezappel der Reiki-Meisterin. Das war ja furchtbar. "Los, los, wir bewegen uns rhythmisch zur Musik, wir spüren Lebensfreude und kindlichen Übermut....!" Sie zuckte unverdrossen weiter über den lila Teppich und wir anderen bewegten verwirrt unsere knarrenden Gelenke. Vorsichtig - und völlig ohne die vor unseren Augen heftig produzierte Lebensfreude. Sie war nicht recht zufrieden mit uns. Somit griff sie zur Geheimwaffe und spendierte uns ein Ritual: wir "öffneten gemeinsam unsere Chakren" - damit die Energie tiefer in uns rein käme. Sie warnte uns aber auch gleichzeitig davor, dass wir nun in diesem Zustand "völlig offen und ungehemmten Fremdeinflüssen hilflos preisgegeben waren". Das war ja furchtbar. Was für Gefahren es an jeder Straßenecke gab, von denen ich nicht mal was GEAHNT hatte! Gut, das ich jetzt Dorothee kannte, sie würde mich retten und unterweisen! Zugegeben für eine stolze Stange Geld, aber schließlich musste sie ja auch von irgendwas leben?! Somit spendierte sie uns in ihrer überschäumenden Großzügigkeit noch ein Ritual, als wir das Zentrum notgedrungen für eine kleine Zwischenmahlzeit verließen. Der "Chakra-Zipper": wir schlossen unsere Chakren von unten nach oben, wie mit einem Reißverschluß und machten ihn oben über dem Kopf zu. Ich hatte danach die ganze Zeit das unbestimmte Gefühl auf mysteriöse Weise in einem durchsichtigen Leichensack zu stecken und stellte schon an diesem Wochenende fest: DAS war's getz nich gewesen.... zippertechnisch gesehen.
Bei einer unserer Teilnehmerinnen verhielt sich die Energie leider antizyklisch. Entweder sie pennte geräuschvoll, oder sie wachte plötzlich genauso geräuschvoll auf und hatte nur die Hälfte mitgekriegt. Leider immer nur die unwichtige Hälfte. Wenn Dorothee mit dem Kommentar: "So, nun wollen wir nicht mehr reden, sondern uns sammeln" den Kreis aufhob, um etwas herum zu zucken oder die theoretisch erworbenen Kenntnisse auszuprobieren, dann war das der Moment, wo die Schnarchnase mit einem Grunzen zu sich kam: "Was machen wir jetzt?! Wie geht das?! Warum weiß ich davon nichts?! Ich habe aber noch ein paar Fragen!! Was genau ist eigentlich "Reiki"?! Ich verstehe aber nicht....."
Alles in allem war das ganze Thema Reiki sehr mysteriös und Dorothee tat das Ihrige, um die Sache noch völlig zu verschleiern. Die Reiki-Zeichen waren streng geheim und Dorothee bekam ein ganz verkniffenes Gesicht, als sie (als hätte sie unsere Gedanken gelesen, erstaunlich!) vor dem Missbrauch selbiger warnte, die in unaussprechlichen Werken bereits dreist veröffentlicht würden. Das seien Werke von äußerst zweifelhafter Qualität, jawohl, und die Autoren seien mindestens ebenso zweifelhaft! Immerhin habe man den heiligen Eid der Geheimhaltung und dem Schutz vor dem Missbrauch geschworen, mümmelte sie verdrießlich in ihre Duftschale, der betäubende Schwaden entwaberten. Es sei eine Schande, das uralte Geheimwissen so dermaßen entweiht vor den Augen der unwissenden Öffentlichkeit entblößt zu sehen, die wer weiß was damit anfangen würde...!! Anderseits musste stets das Einverständnis des Opfers gegeben sein, sonst kriegte man die karmische Keule zurück. Die Sache hatte also sozusagen eine Firewall, karmisch gesehen.... Somit zerstieben trotzdem unsere Hoffnungen mit einer kleinen Investition in den Genuss weiterführender asiatischer Techniken zu kommen. Aber so dermaßen gefährliches Gedankengut, wollten wir alle uns natürlich nicht reinziehen! Dorothee "öffnete dann noch den Lichtkanal" bei jedem einzelnen (gut, das wir sie kannten!) und "installierte" die geheimnisvollen ersten Zeichen in uns. Wir durften aber nicht gucken L Die Zeichen würden sich selber irgendwie in uns setzen und wirken und alles was so reinkam erkennen und so weiter, und so weiter - alles sehr, sehr mysteriös. Die Schnarchnase pennte schon wieder geräuschvoll während der meditativen Empfängnis. Was auch immer sie an geheimen Zeichen gebären würde, es konnte der Welt jedenfalls nicht gefährlich werden: wer schläft sündigt ja nicht...



Eingereicht am 27. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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