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Die professionell Erleuchteten - Heilsteine

© Anou Rosenholz


Ich machte mich auf um professionelle Hilfe im Dschungel der Esoterik zu suchen. Mein "innerer Führer" ließ mich auf Dorothee treffen. Dorothee leitete ein esoterisches Zentrum und ich besuchte eine ihrer Vorstellungen zum Thema "Heilsteine". "Klönggg!" sagte das "planetenabgestimmteglockenspiel" an der Tür, als ich mir die Rübe dran stieß. "KLÖNGGGKLINGKLANGKILINGKLUNGGG!!!" kreischte das Glockspiel, als 195cm Peter sich auch noch mit drin verhedderten. Die gute Dorothee war offensichtlich an kleinere Gäste gewöhnt als uns. Sie saß - irgendwie wahnsinnig vogelähnlich - auf dem lila Teppich und legte auf einem gelben Tuch eine Spirale verschiedener Heilsteine aus. Das mache ihr Spaß "mit den Steinen zu arbeiten" sagte sie, sichtlich um Kommunikation bemüht. Wir staunten etwas angestrengt. Es kam leider niemand mehr, also begann sie den Vortrag schließlich verspätet mit der Erklärung, dass es jetzt einfach Fügung sei, das wir heute alleine seien.... und wir nun eine bevorzugte Behandlung genössen, was doch auch sehr schön sei, NECHT WAHR?! Bemühtes Gekicher auf Seiten der zahlenden Gäste. Ich hatte den Eindruck das war in erster Linie schlechtes Marketing, aber bleiben wir bei den Tatsachen. Wir schwadronierten etwas über Steine, dann bat sie uns - aber ganz spontan - einen Stein auszusuchen. Ich erwählte - ganz spontan, wie befohlen - den hässlichsten, kleinsten, schwärzesten und schrumpeligsten. Ein Meteorit, wie sie mich milde lächelnd aufklärte... Erstaunlich! Wir legten uns nieder zur "Meditation mit dem Stein". Er würde uns jetzt was sagen..... Kaputt gemacht hat sie sich an diesem Abend wahrhaft nicht, die gute Doro. Wir versenkten uns folgsam in diverse Chakren und quatschten etwas mit dem Stein. Dann schließlich "kamen wir langsam zurück und verabschiedeten uns". Etwas benusselt hockten wir schließlich tranig im Räucherstäbchen-Qualm vor Dorothees gelbem Lappen. Nachdem wir "wieder ganz angekommen waren" wurden wir aufgefordert - einfach mal ganz spontan - zu erzählen "wie es denn so gewesen sei, die Reise mit unserem Stein". Tja - wie so was halt immer ist.
Natürlich hatte man so wachsam wie gespannt seine Gedanken belauscht und darauf gehofft, dass irgendeine hochnotwichtige Inspiration für die Nachwelt dabei war. Jetzt waren da aber "während der Reise" einige Probleme zu lösen gewesen, die spirituelle Ergüsse etwas zu blockieren schienen: Wie meditiert man eigentlich "richtig"? Wie meditiert man gemeinsam mit einem Stein? Wie reden eigentlich Steine? Woher weiß man, dass "er" was gesagt hat? Wie kann ein Stein was "wissen" - so ganz ohne Hirn? Und die drängendste Frage: Wie löste man diese Aufgabe so elegant wie möglich, ohne hinterher wie ein Volldepp da zustehen und trotzdem noch irgendwas für sich mitgenommen zu haben?! Dorothee hüllte sich in vornehmes Schweigen und lächelte so milde, wie sie es vermochte. "Macht einfach" sagte sie kryptisch "Alles wird sich zeigen…" Ach.
Somit wartete ich mit dem erstaunlichen Namen MESEMBRIA auf, "den der Stein mir verraten hatte" (also hopefully) und seinem Ratschlag "dem Leben die Bühne frei zu machen". Dorothee Vogel nickte milde lächelnd und war gar nicht überrascht. Peter erzählte, das der Mahagoni-Obsidian den er erwählt - FALSCH - sagte Dorothee milde lächelnd - der IHN erwählt hatte - oh, Pardon! Also jedenfalls habe der ihm irgendwas von Indianern erzählt. Toll, da sollte der sich EINmal konzentrieren und dann guckte der sich 'nen Western an! Er könne ja auch nichts dafür, jammerte er später draußen - es sei halt einfach so gewesen, der Stein hätte die Schuld an dem Schlamassel gehabt! Na, klasse... Wir "gaben dann den Steinen noch Energie" und Dorothee wachte milde lächelnd mit mütterlicher Strenge darüber, dass ihre kleinen Steinfreunde, die sich uns großzügig zur Verfügung gestellt hatten, ihre verschlissene Energie zurückbekamen.
Überhaupt fiel mir dieses berufsmäßige milde Lächeln später auch bei anderen sogenannten Lehrern noch oft auf - und sollte mich schließlich ausgiebig nerven. Zuerst allerdings hielt uns nur Dorothees mildes Lächeln in seinen Bann geschlagen. Wir verfielen in eine Art Rauschzustand und gaben einiges an Papier für Steine hin.... Doch noch bevor ich mich ganz uns gar mit allen Angehörigen meiner neuen Passion vertraut gemacht hatte, ereilte mich leider auch schon die Erkenntnis, das die Bedeutung von Heilsteinen gewaltig überschätzt würde und mit sehr, sehr viel Phantasie und sehr, sehr wenig echten Fakten unterlegt sei. Aber Dorothee hatte ja noch andere Erleuchtungen im Programm und die nächste war "REIKI"…



Eingereicht am 24. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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