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Humor lustige Kurzgeschichten Satire

Verruchte Tochter

© Onivido Kurt


Wie ein Tiger im Käfig schritt Herr Kühne im Wohnzimmer auf und ab. Den Fernseher hatte er ausgeschaltet. Zu dämlich das Programm. Herr Kühne war besorgt. Es war schon weit über zehn Uhr nachts und seine Tochter, Susy, war immer noch nicht nach hause gekommen. Seine Frau war auch nicht da. Nicht einmal ihr Handy hatte sie eingeschaltet. Ausgerechnet heute war ihr Tratschabend. Sie war eben nie zur Stelle, wenn man sie brauchte. Geteilte Sorgen sind doch bekanntlich halbe Sorgen. Oder war es geteiltes Leid?
Natürlich, Leid. Ist doch egal. Und außerdem, wem sollte er da jetzt die Schuld geben für das Verhalten dieser Göre, mit wem sollte er zanken. Diese Weiber, sie haben eben kein Verantwortungsgefühl! Wie konnte seine Frau nur so lasch reagieren, wenn es darum ging Susy den Umgang mit Mehmet auszureden, geschweige denn zu verbieten. Recht hatte sie natürlich schon. Susy hatte eigentlich gar keine große Wahl. In ihrer Schule gab es doch fast nur Türken. Dafür konnte Susy nichts. Sie mussten ausziehen aus diesem Viertel, nichts wie weg von hier, weg, bevor es zu spät war.
Ja, und außerdem meinte Sabine, so hieß seine Frau, sähe der Mehmet sehr gut aus. Das war doch die Höhe, ihm so in den Rücken zu fallen. Zugegeben Mehmet war eigentlich ganz okay. Ein ausgezeichneter Fußballer.
Ein vernünftiger Junge, keine Drogen, keinen Alkohol, etwas zu altklug für Kühnes Geschmack.
"Es gibt nur einen Gott", hatte er geantwortet, als das Gespräch einmal vom Fußball unverhofft auf Religion kam, "die Menschen verehren ihn alle auf ihre Weise. Überall hat er einen anderen Namen, genauso wie auch der Mond und die Sonne in jeder Sprache anders heißen."
Wer ihm das wohl vorgesagt hatte? Bestimmt nicht der Iman. Egal, es war wirklich gar nicht so dumm. Wenn der Kerl nur ein Jens wäre oder ein Otto, sogar ein bayrischer Seppl wäre noch akzeptabel, aber ausgerechnet Mehmet. Kühne fühlte sich verlassen und hilflos. Na ja, seine Gattin würde schon wieder nach hause finden. Aber seine Tochter, wo sie nur steckte.
Sollte er bei Mehmets Eltern anrufen? Er wusste nicht einmal ihre Telefonnummer. Was hatte Susy angezogen?
Er müsste ihre Kleidung beschreiben können, wenn er eine Vermisstenmeldung bei der Polizei machte.
Erschrocken verwarf er diesen Gedanken. Dennoch plagten ihn böse Vorahnungen, als er die Tür des Zimmers seiner Tochter öffnete.
Auf ihrem Bett lag ein Briefumschlag. Hastig riss er ihn auf und fingerte ein Blatt Papier heraus, eine aus einem Schulheft herausgerissene Seite.
Lieber Vati, liebe Mutti,
ich bin zu meinem neuen Freund gezogen. Endlich habe ich eingesehen, dass Mehmet nicht der Richtige für mich ist. Bestimmt freut euch das. Jetzt habe ich die Liebe meines Lebens gefunden. Der Junge ist wirklich fantastisch. Seine Piercings, seine Tätowierungen und sein tolles Motorrad haben es mir angetan. Aber nicht nur das. Ich bin schwanger und Adrian meint, wir werden sehr glücklich sein in Berlin. Er möchte viele Kinder mit mir haben und das ist auch mein Traum. Ich habe gemerkt, dass Marihuana keinem schadet und wir haben vor das Kraut auf dem Balkon zu pflanzen als Nebenverdienst und natürlich auch für uns und unsere Freunde, weil sie uns Kokain besorgen, soviel wir wollen.
Wir beten, dass die Wissenschaft bald ein Mittel gegen AIDS findet, damit Adrian wieder gesund wird. Adrian meint, dass seine Menschenrechte grob missachtet werden. Er kann nicht einmal zum Arzt gehen, weil ihn sonst bestimmt die Polizei schnappt, wegen eines Überfalls auf einen Supermarkt in Recklinghausen.
Dabei ist eine Kassiererin ums Leben gekommen. Mein Adrian war nicht schuld.
Um Geld braucht ihr euch übrigens keine Sorgen zu machen. Adrian hat seine Freunde Leo und Boris dazu überredet, mich bei den Filmen mitmachen zu lassen, die sie im Keller drehen. Ich verdiene 50 Euros pro Szene. 50 weitere, wenn mehr als drei Männer mitwirken und 50 mehr, wenn ein Hengst dabei ist. Mach dir keine Sorgen Mamma, ich bin schon fast 16 und kann auf mich aufpassen.
In ein paar Jahren besuche ich euch, damit ihr eure Enkel kennen lernt.
Eure liebe Tochter Susy
P.S.: Papi, Mamma, das ist ein Scherz. Ich bin bei Verónica. Wir sehen fern. Ich wollte euch nur zeigen, dass es Schlimmeres im Leben gibt als meine Noten. Sie sind übrigens in meiner Nachttischschublade.



Eingereicht am 26. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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