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Humor lustige Kurzgeschichten Satire

Madame K.

© Christine Kühnel


So liebe Kinder, lasst mich heute euch von einer ganz besonderen Frau erzählen. Madame K. ist die Seele eines kleinen Familienbetriebes, der sich durch Zähigkeit und Fleiß tapfer auf dem Markt mit all diesen größeren Firmen schlägt. Dieser große Erfolg lässt sich nicht zuletzt dem großen Zusammenhalt der Angestellten verdanken, dieser wiederum ist nicht zuletzt Madame K.'s Verdienst. Nicht das ihr glaubt Madame ließe sich während der Arbeitszeit verführen zu quatschen oder ähnliches, niemals. Aber in den Pausen, da hat sie für alle ein offenes Ohr und ein gutes Wort, nicht zuletzt ein großes Herz, von dem man sich wärmen lassen kann.
Da wäre z. B. Edith. Eine ruhige, zufriedene, inzwischen jung verheiratete Frau. Aber denkt nicht, dass das immer so gewesen ist, nein! Edith hatte oft große Probleme mit ihrem Freund.
Das lag zum einen daran, dass ihr Freund eine sehr starke, selbstbewusste Person ist und Edith hatte oft das Gefühl mit ihm einfach nicht mithalten zu können, was eben genau aufgrund dieses Gedankens auch zutraf. Dann beschlich sie oft die Angst, dass sie ihn verlieren könnte.
Nun kam auch noch erschwerend hinzu, dass Edith eine recht einfache Person ist und sich im Laufe der Zeit völlig in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Freund begeben hatte. Er gab wort- und faustgewaltig den Ton an und bestimmte, wie und in welche Richtung alles in der Beziehung so verläuft. Die arme Edith hatte den Fehler gemacht, zu hoffen, das er nun, da er der unangefochtene Herrscher im Hause war, ein wenig milder gestimmt sei und sie bald fragen würde, ob sie seine Frau werden will. Leider schien das Gegenteil sich zu entwickeln, denn er hatte in der letzten Zeit immer öfter die Nase voll von Edith und - was noch viel schlimmer ist - das sagte er ihr auch noch fast täglich.
Wir merken also, die ganze Situation drohte zu eskalieren und alle hatten Sorge Edith würde eines Tages nicht zur Arbeit kommen können, weil sie zu Hause inmitten all ihrer Spitzendeckchen mit zerborstenem Schädel in ihrer eigenen Blutlache läge. Madame K. ließ nicht einen Tag vergehen, an dem sie sich nicht ihre Sorgen anhörte. Sie war niemals so unvorsichtig, sich hinreißen zu lassen und direkt etwas gegen den Freund von Edith zu sagen, da wäre sie ja schön dumm gewesen. Nein, sie lauschte und nickte mit sanftem Lächeln und machte sich dann erst einmal ein genaues Bild über die Gefühle der armen Edith und aus der Ferne - so gut sie es eben vermochte - von deren dominantem Freund. Es verwunderte Madame am Ende selber sehr, dass sie den Eindruck hatte, das die beiden im Grunde ihres Herzens füreinander bestimmt seien, wofür manche sie fast glatt für verrückt erklären wollten.
Madame wäre aber nicht sie selbst, wenn sie sich von so etwas beirren ließe und nach und nach und Stück für Stück brachte sie Edith bei, sich selbst zu lieben und zu akzeptieren und über das Bild, dass sich ihr im Spiegel bot, zu freuen und stolz darauf zu sein. Sie ermutigte sie zu allerlei Eskapaden, die zunächst allesamt zunächst so winzig waren, dass sie kaum als solche zu benennen waren. Aber nach und nach und mit wachsendem Ausbruch der jungen Frau aus ihrem eigentlich traurigen Dasein ging ihr Plan ging auf und Edith's ehemals so gelangweilter Freund begann auf einmal zu entdecken, dass seine langjährige Freundin ja doch gar nicht so langweilig war, wie er in den letzten Jahren vermutet hatte. Als er sie das erste Mal von der Arbeit abholen kam, damit sie sich zusammen etwas schönes zu ihrem Jahrestag gönnen, war noch keiner in der Firma nach Hause gegangen, allesamt wollten sie die fast Frischverliebten sehen, wie sie Hand in Hand in Richtung Stadtzentrum verschwanden.
Nun denkt nicht, dass das schon alles war, was Madame so alles bewirken kann, jetzt erzähle ich euch von Johann, einem großen, schlacksigen Jungen, der seine Ausbildung im Betrieb macht. Aber hinter der linkischen Fassade steckt ein wahrhaftes Genie, denn er hat ein Händchen für den Pinsel und so ziemlich ein jeder, der im Betrieb arbeitet, hat schon ein Bild von ihm zu Hause. Nun glaubt aber nicht, dass das von alleine kam, denn Johann kommt aus einer kinderreichen Familie, in der man sparen muss und auch vieles tun, was dem eigenen selbst widerstrebt, damit die Gemeinschaft es gut hat. Johann's Opfer war es nun als ältester der Kinder gewesen seinen lang gehegten Traum des Kunststudiums aufzugeben und statt dessen eine Ausbildung in einem Beruf zu absolvieren, der ihn sicher und gut genug bis ans Ende seines Lebens mit dem nötigsten und vielleicht auch ein wenig mehr versorgen würde. Der Arme brachte niemals ein Wort des Kummers über seine Lippen, aber jeder in der Firma sah ihm an, dass er eine Last mit sich herumtrug, die für seine schmalen Schultern einfach viel zu schwer schien. Und wenn jeder das sah, dann doch erst recht Madame K. Wie sollte sie nun Zugang zu dem Jungen bekommen? Sie wollte ihn nicht genieren indem sie, als ältere Dame das Wort zu oft an ihn richtete, aber wissend, dass er aus kinderreichen Hause kam und eine Vorliebe für selbstgebackene Kuchen hatte, richtete sie es ein ,stets die eine oder andere Leckerei zu backen und mit zur Arbeit zu bringen, wovon der arme Junge sich auch gerne bediente und freute, dass er es nicht gegen eine ganze Horde grabschender Händchen verteidigen musste.
Was soll ich sagen, Madame studierte ihn eine ganze Weile lang und brauchte dann auch nicht mehr lange, bis sie den Grund erahnte, warum der arme Junge stets diese unsichtbare Last mit sich herumtrug, sodass die spitzzüngingen, rotnasigen Gemüsefrauen aus der Markthalle direkt gegenüber ihn schon immer 'das lange Elend' riefen. Hier offenbart sich uns ein Stück mehr des wahren Genies der Madame, denn sie vermochte es dem Kind zu helfen, ohne überhaupt sein Problem mit ihm diskutiert zu haben. Sie pflegte gute Beziehungen auch mit Damen aus anderen Firmen, mit denen sie stets Schriftverkehr hatte und wusste von einer, die eine Tochter im Kunststudium hatte. Diese erklärte sich nun nach Aussage ihrer Mutter bereit, sich nach Möglichkeiten für Johann umzusehen, wie er zum einen seiner großen Leidenschaft und seines Lebenstraumes gerecht werden könnte, eine Ausbildung in der Kunst zu absolvieren, ohne dabei aber diejenige Arbeit aufzugeben, die ihn und seine Familie zu ernährt. Ich brauche euch wohl nicht zu sagen, dass das ganze Unterfangen ein grandioser Erfolg wurde. Johann fand die Broschüre rein zufällig eines Tages in der Teeküche, aufgeschlagen bei den Studiengängen für die Abendschule. Etwas, von dem er überhaupt nicht gewusst hatte, dass es das gab bestimmt nun sein Leben. Inzwischen ist er schon im zweiten Semester und in Kürze erwartet ihn seine erste Prüfung. Die Vorprüfung hierzu hat er mit Bravour bestanden, als Klassenbester und sein Werk wurde bei einer Schulinternen Ausstellung gewürdigt, an der seine Eltern und Geschwister allesamt mit Tränen in den Augen teilnahmen. Johann trägt sein Haupt inzwischen hoch und glücklich erhoben, sodass er mit der Stirn fast gegen den Türrahmen stößt, aber er freut sich immer noch wie ein kleiner Junge über den Kuchen, den Madame ihm immer noch von Zeit zu Zeit zu backen pflegt. Die Gemüsefrauen sind inzwischen auch schon weniger boshaft in ihrer Meinung über ihn, aber sie tratschen immer noch darüber, dass dieser Junge noch nicht einmal so etwas wie eine Abendschule kannte. Allein das beweise doch wie tief sein Kopf in den Wolken verborgen gewesen sei. Aber das sind eben nur Gemüsefrauen. Und keine Damen vom Kaliber einer Madame K.!
Würde ich so weitermachen, nahtlos von all ihren Taten zu berichten, die ich zu Recht fast als Wunder benennen möchte, ach, ihr wäret bald gelangweilt. Denn was soll ich euch so ausführlich erzählen, von Madeleine zum Beispiel, die so große Sorgen mit ihrem Sohn hatte, weil dieser sich in den falschen Kreisen bewegte und Madame verhalf ihr dazu, eine enge Bindung zu ihm aufzubauen, die er ihr inzwischen mit einem soliden Lebensstil vergolten hat.
Oder von Albert, der immer zu schüchtern war um Frauen, die ihm gefielen anzusprechen. Es stellte sich heraus, dass er stets das Gefühl hatte zu riechen, was durchaus den Tatsachen entsprach, aber Madame kam der Ursache schnell auf den Grund, der arme hatte eine Krankheit, ohne es zu wissen und mittlerweile hat er seine erste Freundin. Sie liebt ihn auch, wenn er wieder mal riecht, weil er seine Tabletten vergessen hat.
Da wäre noch Tristan, den Madame K. beim Griff in die Firmenkasse erwischt hat. Das war eine heikle Sache, dass muss ich hier in aller Deutlichkeit noch sagen, denn das eine sind kleine Problemchen und das andere ein Diebstahl, eine kriminelle Tat!
Aber Madame hat nun einmal ein Herz, wie es kaum ein zweites gibt und sie glaubte ihm den Grund für seinen Betrug, er verschuldete sich immer mehr um, seinen Stammtischbrüdern zu imponieren, die allesamt bessere Berufe hatten als er.
Madame schaffte es nicht nur seinen Griff von der Kasse zu lösen, sie sorgte dafür, dass er sich auch von seinen so genannten Freunden löste, die ihn verhöhnten, wenn er die Zeche nicht für alle zahlen konnte.
Nun höre ich aber wirklich auf mit ihren Heldentaten, sonst hört ihr mir vor Langeweile tatsächlich hier an dieser Stelle auf zu lesen und ein wenig Raum brauche ich noch für das traurigste von allen Schicksalen. Das einzige, ich wage es kaum auszusprechen, an dem Madame K. stets zu scheitern pflegt. Natürlich weiß niemand davon, dass würde ihren guten Ruf verderben. Madame schafft es nicht, dem Leben dieser armen Kreatur einen solchen Erfolgsmoment zu verschaffen, wie der Madeleine, der Edith und all den Anderen. Die arme Person hasst es wie die Pest, sich selbst im Spiegel anzuschauen, denn sie findet sich im Alter immer hässlicher, dicker und aufgequollen.
Ihre Wohnung mag sie aus Faulheit schon lang nicht mehr recht sauber halten und wann sie den letzten Traum gehabt hat, daran kann sie sich schon seit Jahren nicht mehr erinnern. Sie hat eine Tochter, aus erster Ehe, und die hat auch schon selbst einen Sohn, aber beide wollen mit ihr nichts zu tun haben, die Gründe hierfür liegen so weit in der Vergangenheit, dass wir nicht die Zeit haben, sie aufzusuchen. Und ihre Chefs, diese beiden alten Knauser, zu denen scheint ihre Beliebtheit nicht durchgedrungen zu sein, denn Monsieur und seine Frau weigern sich beharrlich eine Gehaltserhöhung rauszurücken. Zu langsam sei sie bei der Arbeit und zu rückschrittlich. Man behielte sie nur, weil sie schon so lange im Betrieb sei und man wolle sich ja nicht versündigen.
Das alles interessiert sie aber gar nicht mehr so sehr wenn, sie erst einmal zu Hause ist. Sie zieht sich gerne ein Hauskleid an, ohne Büstenhalter darunter, und wenn sie sich dann neben ihren Alten auf die Couch fallen lässt, bricht sie immer einen Streit vom Zaun, weil sie es satt hat, ihn, diesen faulen, alten Hund durchzufüttern, soll er sich doch endlich eine Arbeit suchen, damit sie sich mal den Arsch platt sitzen kann, den lieben langen Tag. Dann köpft sie meist das erste von vielen Bierchen, die sie schließlich irgendwie versöhnen werden und bevor sie trinkt blickt sie immer, und ich meine wirklich immer, zu einem Wandbehang hinauf, den ihre Mutter einmal bestickt hatte. Auf diesem steht:
Sieh zu, dass du nur so lange vor den Türen der anderen kehrst,
wie du noch Kraft hast, um das Gleiche vor deiner eigenen zu tun.
Aber was wusste die schon vom Leben, die alte Natter.



Eingereicht am 20. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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