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Humor lustige Kurzgeschichten Satire

Das Picknick

© Christos Piperidis


Morgen um 10.00 Uhr habe ich ein Rendezvous!
Das habe ich mit Sally so abgemacht, dass wir uns im Busbahnhof treffen, um dann den Tag gemeinsam bei einem Picknick auf der Wiese am Flussufer zu verbringen.
Wir haben uns in einer Bank kennen gelernt. Sie hatte Schwierigkeiten am Geldautomaten und ich habe ihr geholfen. So kamen wir ins Gespräch und nachdem wir uns über Gott und die Welt unterhalten hatten, haben wir das Rendezvous vereinbart.
Also ging ich rechtzeitig um 18.30 Uhr schlafen, damit ich morgen früh aufstehen konnte und nicht noch in Stress geriet.
Um genau 6.15 Uhr am nächsten Morgen stand ich auf und begann gleich nach dem Frühstück systematisch mit den Vorbereitungen. Zuerst ab ins Bad. Es war 7.20 Uhr und ich beschloss, mich heute trocken zu rasieren, um etwaige Wunden im Gesicht zu vermeiden. Während der Rasur wanderten meine Gedanken zu Sally und ich dachte, was für ein hübsches Mädchen sie war! Sie hatte blaue oder vielleicht auch braune Augen und ihre Stimme glich einer erfrischenden Wasserquelle wenn sie lachte. Sie trug schwarze Jeans und eine grüne Jacke, ihr Haar war halb lang und die leichten Locken wippten bei jeder Bewegung.
Ich war fertig mit der Rasur, aber nicht sicher, welches Rasierwasser ich nehmen sollte. Das mit dem Fliederduft oder doch etwas herber? Ich schaute auf die Uhr: Es war erst 8.15 Uhr - da hatte ich ja noch viel Zeit, denn zum Busbahnhof brauchte ich nur etwa 20 Minuten zu Fuß. Ich entschied mich für das andere Rasierwasser. Das, das mit dem Maracuja-Duft, das ich mir selbst zum Geburtstag geschenkt hatte.
Zurück im Schlafzimmer stellte ich meine Garderobe zusammen: Mein gelbes Hemd, das mit den blauen Steppnähten. Dazu meine pinkfarbene Jeans mit den Kupfernieten, den passenden Gürtel á la Johnny Cash und meine Schnürstiefel mit den vielen Ösen. Inzwischen war es 8.45 Uhr.
Gestern hatte ich einen schönen Korb gekauft und fing nun an, alles einzupacken, was man vielleicht so brauchen würde: Salz, Pfeffer, Zahnstocher, Brötchen, Käse, Obst, Gemüse und so weiter. Ausserdem ein Glas eingelegte Aprikosen und als besondere Überraschung: 2 Tafeln Schokolade! Zum Trinken - Karottensaft oder Tomatensaft? Eine Packung Servietten und eine Decke aus PVC rundeten das Ganze ab. An den Korbrand steckte ich noch eine rosafarbene Nelke, die ich gestern im Kunststoffblumenladen gekauft hatte.
Es war 9.13 Uhr, ich war nicht direkt aufgeregt, aber ein Cognac wäre jetzt auch nicht schlecht. Also dann prosit! Noch mal schnell ins Bad um meinen Mund zu spülen, ich wollte ja nicht nach Alkohol riechen.
Vom Schlafzimmerschrank nahm ich 123 EURO - das muss reichen, dachte ich.
20 EURO für den Bus zu zweit hin und zurück, 100 EURO falls wir nach dem Picknick vielleicht noch etwas Wildes unternehmen würden und 3 EURO als Trinkgeld.
9.30 Uhr: Ich beschloss, doch noch mal die Toilette aufzusuchen. Man wusste ja nie, ob man dort wo man hingeht noch die Möglichkeit dazu hatte. Es dauerte… ein Weilchen länger als nur ein Weilchen, bis ich erleichtert und mit sicherem Schritt wieder herauskam.
Ich war einen letzten Blick in den Spiegel, prüfte, ob ich auch nichts vergessen hatte, dann schaute ich auf die Uhr: 9.50! Ich rannte los, aber halt: den Korb hatte ich stehen lassen. Also noch mal zurück: 9.53 Uhr! Nun machte ich die größten Schritte meines Lebens. Ich schwitzte, mein Mund wurde trocken, meine Brust schmerzte und die Armbanduhr sagte: 9.57 Uhr!!! Auf dem Gehweg stand eine Frau mit zwei Kindern, eins an der Hand, das andere im Kinderwagen. Ich versuchte vorbeizukommen, was nach kurzer Verzögerung auch gelang.
Der Busbahnhof war nun schon gegenüber, ich sah den Bus. Der Motor lief bereits, es war Punkt 10.00 Uhr aber Sally war nicht zu sehen. Der Busfahrer wollte losfahren, also stieg ich ein und erklärte ihm, dass ich jemanden suche. Er schaltete den Motor wieder aus. Im Bus bin ich den Gang bis ganz nach hinten und zurück gelaufen, doch Sally war nicht im Bus.
Ich setzte mich auf eine Bank im Innern des Busbahnhofs und wartete auf Sally. Sicher hat sie nur etwas die Zeit vertrödelt - bestimmt, ganz bestimmt. Ich lachte als ich daran dachte wie sie gestern hilflos vor dem Geldautomaten gestanden hatte.
"Der nimmt meine Karte nicht an", hatte sie mit traurigem Blick gesagt. "Was mach ich denn jetzt? Ich habe doch meiner Mutter versprochen Papas Geburtstagsgeschenke abzuholen. Wie soll ich die jetzt bezahlen?"
Sie war so ratlos. "Darf ich Ihnen helfen" hatte ich sie gefragt. Und so habe ich sie kennen gelernt. "Ich heiße Sally", sagte sie, "ich brauche 200 EURO, um Geschenke abholen zu können, aber der Geldautomat ... oh Gott, ich weiß nicht was ich machen soll."
"Kein Problem", antwortete ich und gab ihr die 200 EURO. Sie war so glücklich und so kam es dass wir uns unterhielten, herzhaft miteinander lachten und unser Rendezvous vereinbarten.
Wie die Zeit vergeht! Es ist jetzt 23.15 Uhr und Sally ist noch immer nicht da.
Ich werde noch ein Weilchen warten …



Eingereicht am 24. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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