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Humor lustige Kurzgeschichten Satire

Autofan

© Wortemacherin


An meiner Depression ist Dieter schuld. Da bin ich ziemlich sicher. Dem Geschwätz meines Therapeuten kann ich nicht so ganz folgen. Er sagt, ich muss mir meiner Eigenverantwortung bewusst werden. Eigenverantwortung. Wenn ich das schon höre. Davon reden Leute, die einen abzocken wollen. Ich weiss echt nicht, was Dr. Moser damit meint. Und warum verdammt noch mal soll ich auch nur ansatzweise für meinen Zustand verantwortlich sein?
Wenn Dieter nicht so blöd getan hätte, wäre nie was passiert. Wegen ihm bin ich versetzt worden. Das zieht einen doch ganz böse runter. Wenn ich mir vorstelle, wie ich früher durch ganz Europa gekurvt bin. Immer auf der Suche nach neuen Geschäften. Sauerkonserven jeglicher Art. Nicht nur Gurken und so. Nein, wir probieren es mit allen Gemüsesorten. Zucchini, Auberginen, Lauchzwiebeln, alles Mögliche eben. Wir versuchten es sogar mit Okra. Aber das war nichts. Schmeckte nicht schlecht, aber der Aufguss verschleimte. Das fanden die Leute eklig. Na ja. Ich jedenfalls immer munter unterwegs. Die Leute mochten mich. Wir hatten immer viel Spaß miteinander. Jetzt sitze ich in einem kleinen Büro im Untergeschoss. Ich bekomme kaum Tageslicht ab und bin dazu verdonnert, technische Anfragen brieflich zu beantworten. Da ist es kein Wunder, wenn man melancholisch wird.
Warum ich mir nichts mehr aus Auto fahren mache: keine Ahnung. Ich hatte nie einen schlimmen Unfall oder sonst was, was ein Trauma auslöst. Die eine Sache im Winter habe ich gut verkraftet. Immerhin bin ich danach noch ein über ein Jahr mit Vergnügen gefahren.
Mein Trauma ist Dieter. Eigentlich verdiene ich eine Medaille dafür, dass ich ihn solange ausgehalten habe. Aber das sieht natürlich keiner.
Dieter ist das krasse Gegenteil von mir. Ein grüner Spinner. Hat immer versucht, mir meine Autos madig zu machen. Er fuhr immer einen Japaner. Basisausstattung. Das muss man sich mal vorstellen. Ein wirklich hässliches und unbequemes Auto. Immer wenn ich ihm das sagte, hielt er mir die Pannenstatistik unter die Nase. Na und? Mich würden keine zehn Pferde dazu kriegen, mich in so ein Teil zu setzen. Aber nach dem Vorfall im Winter weigerte er sich, mit mir zu fahren und bestand darauf, dass wir gemeinsame Dienstfahrten mit seiner Schrottschüssel erledigten. Das fand ich richtig gemein, aber die Kröte musste ich nach dieser unseligen Panne einfach schlucken.
Jedes Auto kann mal eine Panne haben. Das finde ich durchaus verzeihlich, damit habe ich kein Problem. Sogar ein Auto wie meins. Leider darf ich hier nicht sagen, welches ich fahre, das habe ich dem Hersteller versprochen.
Also. Es war Winter. Ausnahmsweise richtig Winter. Es gab nur einen einzigen Abend, an dem die Temperatur auf -15°C fiel, und da war ich unterwegs. Ich genoss die Behaglichkeit. Es gibt nichts, was mein Auto nicht hat. Und wenn ich nicht ausgerechnet auf dieser einsamen Landstraße mitten durch den Wald gefahren wäre, dann wäre auch nichts passiert. Gar nichts. Auf jeden Fall bockte die Karre plötzlich, das kann doch mal vorkommen. Oder? Da in der Nähe ein Wanderparkplatz war, fuhr ich ihn an. Ich hörte noch, wie die Zentralverriegelung klackte, dann war das Auto tot. So was Dämliches. Ich war eingesperrt und konnte noch nicht mal an die Motorhaube. Aber wofür hat man ein Handy. Blöderweise schien ich mich in einer Art Funkloch zu befinden, das mir abgehackte Wortfetzen um die Ohren haute. Ich rief Lisa an. Natürlich verstand sie mich nicht. Doch ich überlegte mir, wenn ich Lisa andauernd anrufe, dann würde sie darauf kommen, dass ich ein Problem habe und mich suchen lassen. Ich rief Lisa noch zweimal an, dann war der Akku leer. Der Ersatzakku war im Kofferraum, genauso wie mein Mantel. Mist! Der Parkplatz wirkte nicht so, als würde bald jemand vorbei kommen. Ich musste die Seitenscheibe einschlagen. Schraubenschlüssel und Wagenheber waren auch im Kofferraum, so ein Elend. Ich versuchte es mit der Faust und meinen Schuhen, aber vergeblich.
Mittlerweile war mir schon ganz schön kalt. Und dann musste ich noch zu allem Überfluss pinkeln. Das war echt blöd, denn ich hatte noch mindestens eine halbe Thermoskanne schön heißen Kaffee bei mir, aber wenn ich kurz vorm Platzen bin, kann ich nicht noch trinken. Der Drang raubte mir echt den letzten Nerv und hinderte mich daran, klar zu denken. Aber ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen und pinkelte die Thermoskanne voll. Jetzt hatte ich wieder Platz für den Kaffee, aber der war sozusagen verwässert. Als mir die Ausweglosigkeit meiner Lage so richtig bewusst wurde, nahte doch tatsächlich Rettung. Ein Auto mit einem Pärchen kam, aber die waren mit sich selbst beschäftigt und hatten keine Augen und Ohren für das unbeleuchtete Auto, in dem ich wie ein Wilder tobte und schrie. Das Pärchen fiel übereinander her und brauchte ewig. Bei der Kälte wäre ich persönlich in spätestens fünf Minuten fertig gewesen. Voller Bitterkeit dachte ich, dass die vielleicht ein neues Leben machen, während direkt neben ihnen jemand sein gar nicht so abgenutztes Leben aushaucht. Endlich waren sie fertig und die Frau fing an zu rauchen. Gottseidank stieg sie dazu aus. Ich schrie und brüllte und sie machte mir ein Zeichen, als ob ich einen an der Waffel hätte. Dann kam der Typ raus. Irgendwann dämmerte den beiden, dass ich mich in einer Zwangslage befand. Mir war so kalt, dass ich kaum noch sprechen konnte, aber endlich kapierten sie, dass sie den Pannendienst holen sollten. Sie versprachen das und verschwanden. Ich nutzte mein Alleinsein, um ein bisschen zu weinen.
Dann erschien das berühmte gelbe Auto. Den Pannenhelfern schien nicht bewusst zu sein, wie übel es mittlerweile um mich bestellt war, denn sie gingen in aller Gemütsruhe daran, das Problem zu lösen. Irgendwann schnallten sie es, schlugen die Scheibe ein und holten mich raus. Ich konnte mich kaum noch rühren. Sie packten mich in eine Decke, schnappten sich meine Thermoskanne und fingen an, mir den vermeintlichen Kaffee einzuflößen. Ich wehrte mich, so gut es ging. Sie brachten mich ins Krankenhaus, wo ich zwei Tage blieb.
Als ich wieder fit war, machte ich der Autofirma die Hölle heiß. Sie entschuldigten sich tausend Mal und versprachen mir und Lisa ein Wellness-Wochenende in einem erstklassigen Hotel unter der Voraussetzung, dass wir den Vorfall für uns behalten. Das Hotel war wirklich Spitze.
Ich weiß auch nicht, wie Dieter das Ganze erfahren hat. Jedenfalls zog er mich auf und weigerte sich fortan, mit mir in meinem Auto zu fahren. Angeblich hatten sich mit dem Modell schon mehrere solcher Pannen ereignet und er hatte keinen Bock auf einen derartigen Luxussarg.
Es war so entwürdigend, mit ihm unterwegs zu sein. Außerdem bekam ich immer ziemlich schnell Rückenschmerzen und vergaß auch immer, den Knopf runterzudrücken. Ok, wir hatten tatsächlich nie eine Panne. Ganz ehrlich gesagt ärgerte mich das mehr als alles andere.
Als wir nach Extremadura fuhren, hatte er sich gerade wieder ein neues Auto mit einer Ausstattung aus dem letzten Jahrhundert gekauft. Noch nicht mal eine Klimaanlage. Es war die reinste Zumutung. Aber kurz vor Villanueva de la Serena machte mir das Leben wieder so richtig Spaß. Dieters Auto blieb lieben. Zahnriemen bei 25.000 km. Ein Witz. Tja ja, lieber Dieter. Nichts ist unmöglich. Es war affig heiß, aber immerhin konnten wir aussteigen. Dieter wollte den Pannendienst anrufen und musste sich mit einer genauso schlechten Funkverbindung quälen wie ich damals. Ich feixte, obwohl mir klar war, dass es nicht so toll für uns aussah, weil wir uns auf einer Nebenstrecke befanden, die außer uns wohl niemand benutzte. Oder vielleicht war bei dieser abartigen Hitze einfach kein normaler Mensch unterwegs. Dieter ging es nicht gut. Geschah ihm ganz recht. Er legte sich in den Autoschatten und machte die Augen zu. Er merkte gar nicht, dass ein Auto neben uns hielt. Die Leute fragten uns, ob wir Hilfe brauchen. Ich sagte nein. Das machte ich noch zweimal so. Dann kamen die Polizei und ein Krankenwagen. Dieter ab in den Krankenwagen, ich musste zu den Bullen. Ich verstand die Welt nicht mehr.
Damit hätte ich echt nicht gerechnet. Das erste Auto, das ich abgewiesen hatte, meldete den Vorfall der Polizei. Sicherheitshalber. Schließlich liegt nicht alle Tage einer auf dem Boden, und bei der Hitze musste man mit allem rechnen. Nachdem noch einer der anderen Fahrer den Vorfall meldete, ging die Polizei der Sache nach.
Der deutsche Konsul war sehr, sehr ernst. Er nannte mein Verhalten widerlich. Zurück in Deutschland bekam ich eine erdrückende Strafe wegen unterlassener Hilfeleistung aufgebrummt und die Firma kam zum Schluss, dass man mich nicht mehr in den Außendienst schicken durfte. Völlig übertrieben.
Ich finde, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Wenn der Dieter mich nicht immer so maßlos provoziert hätte, wäre nichts passiert. Ich glaube auch nicht, dass diese beiden Pannen in meinem Unterbewusstsein rumoren und mir meine Fahrfreude verderben. Da muss Dr. Moser sich irren.



Eingereicht am 15. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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