Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Um ein Haar

© Anne Habedank

"Natürlich." Er lächelte, eine lautlose Lüge auf seinem Gesicht. "Du weißt, ich kann dir keinen Wunsch abschlagen."

Ihr Blick war bezaubernd, wie alles an ihr. Nichts deutete auf die Worte hin, die noch irgendwo an ihren dunkelroten Lippen hingen. Gefährliche Worte. Tödliche Worte. Mit ihnen war soeben ihre Beziehung gestorben. Doch sie wusste es noch nicht - und so lächelte auch sie.

"Ich mach mich gleich auf den Weg", erklärte Lucan und hauchte ihr einen Kuss auf die weiße Wange. Ihr letzter - aber auch das wusste sie nicht. Sanft strich er ihr mit dem Finger übers Kinn, fühlte noch einmal, ein letztes Mal ihre weiche Haut. "Branna." Ihr Name hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Zu viele Erinnerungen hafteten an ihm. Zu viele Sehnsüchte nach diesen braunen, unter langen Wimpern verborgenen Augen. Aber es war zu spät. Wenig, so wenig - und doch genug um jedes Mitleid in ihm zu zerbrechen - hatte er von der Frau hinter der betörenden Fassade erhascht. Und erkannt, dass die Branna, die er liebte, kaum mehr als Schein war, um ihn zu blenden. Lucan wusste, dass er sich nie von diesem Glanz erholen würde. Doch er wusste auch, dass er mit dem Bisschen an Sehkraft, das er noch besaß, fliehen musste, bevor es zu spät war.

"Schon morgen früh wirst du dein Geschenk erhalten", versprach er mit angemessenem Ernst. Dann riss er sich von ihrem Anblick los und ging zur Garderobe, um sich den schwarzen Mantel überzustreifen. Als er den letzten Knopf schloss, zählte er Branna Doppelschmidt bereits zu seiner Vergangenheit. Nur ihre Worte begleiteten ihn hinaus in den Flur.

Es gibt da eine Uhr ... O Lucan, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön sie ist! Das Holz hat die Farbe von dunklem Honig und ihr Pendel ist ganz aus Silber. Ihr Klang ... Sie ist einfach wundervoll! Und sie wäre so ein tolles Hochzeitsgeschenk für Nia und Timm ... Nur teuer, sehr teuer. Aber ... du könntest sie besorgen, oder, Lucan? Ich weiß, du könntest es - dir stehen alle Türen offen. O Lucan - würdest ... würdest du das für mich tun?

Hatte er nicht eine letzte, törichte Hoffnung gehegt, dass sie ihn nicht fragen würde? Dass er nicht tun würde, was er sich geschworen hatte zu tun, weil sie ihm keine Gelegenheit mehr dazu bot? Aber sie war Branna. Sie hatte gefragt.

Er schloss die Tür. Schloss mit den verlorenen Träumen der letzten Monate ab. Verschloss sich selber. Und warf den Schlüssel weit weg.

Die Nacht folgte ihm die Straße entlang. Schweigsam, unhörbar. Nur das grelle Licht der Straßenlaternen zersplitterte die schläfrige Stille. Seine Schritte verschmolzen mit den Schatten.

Die Fenster waren dunkel, das Haus, dem Lucan sich näherte, verlassen. Aus einem der kleineren Räume drang das sanfte, rote Leuchten einer Alarmanlage, zeichnete gedämpfte Umrisse in die Dunkelheit. Über Lucans Gesicht huschte ein verstohlenes Lächeln. Manche Menschen schienen trotz allem wirklich zu glauben, dies sei ein wirksamer Schutz vor Einbrechern - und keine unüberhörbare Einladung.

Für Einbrecher wie ihn.

Seine wachsamen Augen glitten die leere Straße zu beiden Seiten entlang, auf der Suche nach einem warnenden Autoscheinwerfer. Reglos lauschte er in die windstille Schwärze.

Diese Nacht würde die letzte ihrer Art sein - das letzte Geschenk für Branna, sein letzter Auftragsdiebstahl. Und danach würde er zu dem Leben zurückkehren, das er geführt hatte, bevor er Branna begegnet war. Danach würde er wieder stehlen, was er wollte.

Er warf einen prüfenden Blick auf die blass schimmernden Zeiger seiner Armbanduhr - und dann begann er seinen Arbeitstag.

Das unheimliche Ticken hallte im Raum wider, beständig, Zeit zerstückelnd, als wären die Uhren eben zu diesem Zweck an die weiß getünchten Wände gehängt worden: Um Diebe aus der Ruhe zu bringen, um sie daran zu erinnern, dass sie jeden Moment entdeckt werden konnten. Mit jedem Schlag ihres Pendels schienen sie zur Eile anzutreiben. Schnell - schnell. Schnell - schnell. Lucan versuchte vergeblich ihre Stimmen zu ignorieren.

Er war zugegebenermaßen erleichtert, als sich das Schloss der Glasvitrine endlich öffnete. Das zaghafte Klick ging im Konzert der vielen Uhren beinahe unter und auch das vorsichtige Schaben, mit dem seine behandschuhten Hände eines der Ausstellungsstücke heraushoben, war kaum herauszuhören. Der Reißverschluss der Tasche dagegen, in der die Uhr verschwand, bot einen deutlichen Kontrast zum gleichmäßigen Ticken.

Lucan verschwendete keinen überflüssigen Blick auf Brannas Wahl. Die Uhr war viel wert - dies und nichts anderes war Branna in Wahrheit wichtig, auch wenn sie das gekonnt hinter scheinbarer Liebenswürdigkeit verbarg. Sie hatte ihn ausgenutzt, ihn ahnungslos für ihre Zwecke missbraucht. Und geblendet von ihrer Schönheit hatte er nicht hinterfragt, was sie ihm vorspielte. Erst nach und nach war er dahinter gekommen, dass die "Geschenke" für unzählige Freunde - natürlich hatte Branna es nicht für sich gewollt - nie bei ihnen ankamen, sondern auf mysteriöse Weise vorher verschwanden. Und Branna wahrscheinlich um ein beträchtliches Sümmchen reicher machten. Oh, sie war klug, sehr klug. Er hatte ihr Spiel selbst nicht glauben wollen - bis er ihren letzten Freund im Gefängnis ausfindig machte, verurteilt wegen Diebstahls.

Tick - tack. Tick - tack.
Schnell - schnell.

Oh ja, sie war klug. Doch sie unterschätzte ihn. Man wurde nicht zum erfolgreichen Dieb, ohne ein gewisses Maß an Verstand zu besitzen. Und das würde Branna zum Verhängnis werden.

Aus seiner Manteltasche zog er ein gut verschlossenes Reagenzglas. Diese Nacht war die letzte ihrer Art - und doch ganz anders. Diese Nacht würde er Rache nehmen.

Er entfernte den Verschluss und wandte sich wieder der Vitrine zu, die nun eine Uhr weniger beherbergte. Aus der Öffnung des Röhrchens fiel ein dünnes Haar auf das staubfreie Glas.

Kurz starrte Lucan es an. Dann drehte er ihm abrupt den Rücken zu und zog den Reißverschluss der Tasche zu. Es gab keinen Grund, noch länger zu bleiben, seine Arbeit war getan.

Am nächsten Tag wurde Lucan Schwarzer aufgrund von Einbruch und Diebstahl festgenommen. Laut Angaben der Polizei wurde er anhand eines Haares, das am Tatort gefunden wurde, als Täter überführt.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
14. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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