Haarige Geschichten
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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Die Seidenflamme

© Markus Gregory Pärm

"Kannst du mich malen?", fragte sie.

Sie stand eines Tages einfach vor mir. Einfach so. Vor der Tür zu meiner kleinen Wohnung in London, wo ich mir ein Atelier eingerichtet hatte. Ich wusste nicht, wo sie herkam, woher sie mich kannte und warum sie ausgerechnet mich auserwählt hatte.

Ich starrte sie nur an. Sie war nicht nur schön. Sie war ... verschlingend.

"Kannst du mich malen?", fragte sie ein weiteres Mal. In ihrer Stimme lag der ungeduldige Hunger eines Raubtieres.

Ich räusperte mich und nickte knapp.

Sie betrat mein Reich. Sie zog einen Duft von Rosen hinter sich her.

Es war eine kleine Wohnung, eigentlich mehr ein Schuhkarton, vollgepackt mit Farben und Leinwänden. Ich blickte der Fremden nach. Ihre Bewegungen waren geschmeidig. Es war, als würde sie durch den Raum fließen.

Sie war in einen schwarzen Ledermantel gekleidet. Sie zog ihn aus. Darunter war sie nackt.

Ihr verführerischer ewig junger Körper stand vor mir wie die makellose Statue einer griechischen Göttin. Ihre geschwungenen Hüften wogten in einen aprikosenfarbenen Körper, der von dem lodernden Busch ihres Venushügels gekrönt wurde. Sie war eine sinnliche, wilde Schönheit.

Ihre vollen, pfirsichgleichen Brüste reckten sich mir auffordernd entgegen. Ein feuchter Schweißfilm bedeckte sie.

Sie war wie eine wilde Rose.

Ihr Gesicht erinnerte mich an die Statue einer ägyptischen Felbkatze, die ich einmal im Museum von Kairo gesehen hatte.

Mit ihren schlanken Fingern wischte sie sich eine Strähne ihres Haars aus der Stirn. Wieder war mein Blick wie hypnotisiert von diesem seidigen Glanz. Es war reich und voll, wie die Blätter eines Herbstwaldes. Es schien sich zu bewegen. Als hätte es ein Eigenleben. Es war kein Fenster in meinem Atelier geöffnet. Und doch bewegte sich das Haar der Fremden. Als würde es mich zu sich locken.

Es war flammend rot. Mit flammend meine ich nicht, dass es orange oder dunkelrot war. Es war, als stünde ihr ganzer Körper in Flammen. So, als sei sie eine unbekannte Schwester der Aphrodite. Eine Flammengeborene ...

Der Anblick dieses Haares faszinierte mich so sehr, dass ich vergaß, weshalb sie eigentlich hier war. Weshalb ich eigentlich hier war.

Schon in diesem Augenblick wusste ich, dass es unmöglich sein würde, dieses Haar zu malen.

Trotzdem begann ich damit. Dabei vergaß ich die Zeit. Fast war es, als würde diese Frau die Zeit anhalten. Es gab nur noch sie und meine Leinwand. Mit der Erfahrung vieler Jahre des Malens - insbesondere des Aktmalens - ließ ich den Pinsel über die Leinwand gleiten, malte Schicht um Schicht ihres sinnlichen Körpers, der mich wie der Ruf der Sirenen zu sich hinzurufen schien.

Aber ich verdrängte alle Gedanken an Sex. Nur das Haar dieses unbeschreiblichen Wesens war von Bedeutung. Es war wie ein Rausch, diese Frau zu malen.

Nach zwei Stunden, in denen sie regungslos auf der Couch gelegen war, mich dabei gemustert hatte wie eine Raubkatze, war ich fertig. Das heißt ... Ich war fast fertig.

Zwar hatte ich die Schönheit ihres Gesichtes und ihres Körpers eingefangen so gut es ging. Ich war sogar stolz auf die Lebendigkeit des Ausdrucks, aber es war doch nichts anderes als langweilige Auftragsmalerei.

Ihr Flammenhaar war nicht zu sehen. Es war nur eine unförmige Masse auf der Leinwand. Die Farben waren tot und aschfahl, nicht annähernd vergleichbar mit dem magischen Glanz ihres Haars. Es war zutiefst dilettantisch, was ich da auf die Leinwand gebracht hatte.

Sie stand auf. Nein, sie glitt durch die Luft, die sie umgab, schien zu mir zu fließen, anstatt zu gehen. Bewegungslos. Schattenlos.

Sie warf einen langen Blick auf die Leinwand. Sie stand direkt neben mir. Ich roch den schweren Rosenduft ihres Körpers. Es war kein Parfum, das sie trug. Es war ihre Haut, die so duftete.

Nein ... Es war das Haar. Ihr Haar duftete wie ein Rosengarten an einem Spätsommertag.

Sie sagte nichts. Der Drang, sie zu berühren war für mich unbeherrschbar geworden. Scheu streckte ich eine Hand nach ihr aus, nur um ihr Seidenhaar einmal kurz zu berühren.

Meine Finger zuckten sofort zurück. Es war mir, als hätte ich einen leichten elektrischen Schlag bekommen.

"Mein Haare beißen", sagte sie dann. Ihre Stimme war das tiefe Schnurren eines Tigers.

Sie sah mir in die Augen. Es waren zwei glühende Smaragde. "Kunst ist das Feuer der Unendlichkeit", sagt sie. "Leidenschaft ist unsere Farbe." Sie leckte sich die Lippen und hinterließ dabei eine blutrote Spur. Ein kalter Hauch von Kupfer strömte aus ihrem Mund zu mir.

Ich spürte, wie ihr Haar sich um meine Hüften legte. Wie es mich mit sich zog. Die Frau bewegte sich auf die Couch zu. Ich wurde hinter ihr hergezogen. Dann zog sie mich an sich heran. Nein, es war vielmehr so, dass ihr Haar mich an sie heranzog. Wie ein Lasso hielt es mich umfangen.

Sie lag auf der Couch. Ich war schwerelos in ihren Armen. Sanft drängte ich mich in sie vor, aber meine Scheu wurde von den drängenden Bewegungen ihrer Hüften herausgefordert. Sie trieb mir ihren erhitzten Körper entgegen. Dabei erfüllte der Rosenduft ihres Atems mein Bewusstsein, berauschte mich und machte mich süchtig nach ihr.

Immer tiefer stieß ich in sie vor, aber ihr schien es nicht genug zu sein. Sie wollte immer mehr. Dabei wusste sie genau, dass ich nur ein zappelnder Fisch in ihrem Netz war. Die Tiefe ihrer Lust war unergründlich. Ein unfüllbares Gefäß. Die spitzen Dornen ihrer Brüste stachen in mein Fleisch. Meine Hände versanken im Seidenmeer ihres Haars. Es umspülte meine Finger wie die Wogen eines tosenden Ozeans die Klippen eines Riffs umschmeichelten.

Es war, als würde ich mit all meinen Sinnen in einen Ozean aus rotem Samt eintauchen.

Dabei verschmolzen unsere Zungen ineinander. Hungrig bedeckte ihr Mund den meinen. Ihre Lippen waren weich, zum Versinken. Aber ihre Küsse waren bestrafend und ungeduldig. Ein Hauch von Zorn lag darin. Unmut darüber, dass ich ihr nicht mehr zu geben hatte. Es war, als wolle sie alles von mir. Der Nektar, der ihre Zunge umgab, schmeckte wie mit Blut gemischter Honig. Sie saugte mich mit grausamer Intensität in sich auf. Es war, als wolle sie meinen Lebensatem in sich aufnehmen. Trotzdem lag eine traumgleiche Zärtlichkeit in ihren Umarmungen.

Dann spürte ich, wie sie mich packte. Aber nicht mit ihren Armen. Die lagen um meinen Nacken geschlungen, während ich mich in unstillbarer Lust in ihr verströmte. Es war ein grausam zarter Akt der Besitzergreifung.

Es war ihr Haar, das mich ergriff und umschlang. Wie die Tentakeln eines Kraken drückten sie mich an sich. Immer fester, immer leidenschaftlicher, bis mir die Luft wegblieb.

"Meine Haare beißen", sagte sie ein weiteres Mal.

Dann spürte ich die spitzen Dornen ihrer Zähne an meinem Hals.

"Ich auch ...", flüsterte sie.

Sie kam mit einem Stöhnen, in dem die Tiefe eines blutroten Ozeans lag.

Ich versank in diesem Ozean. Es wurde nicht schwarz um mich. Es wurde rot. Roter Rosenduft umfing mich wie das Haar meiner Geliebten.

Als ich wieder erwachte war sie weg. Ich stand auf und sah nach dem Portrait. Es war noch da. Ihr Haar war immer noch genauso unförmig und hässlich wie vorhin.

Aber auf dem Tisch neben der Staffelei, wo ich meine Farben aufbewahrte, lag etwas.

Es war ein Pinsel. Aus ihrem Haar geformt. Ich wusste nicht, wo sie ihn herhatte. Ich griff danach und spürte sofort wieder das elektrisierende Knistern. Aber ich ließ ihn nicht los. Vielmehr genoss ich das Gefühl, das mich durchfloss. Es war, als würde ein Strom aus blutender Sinnlichkeit durch meinen Körper fließen.

Dann begann ich wieder zu malen. Wie besessen malte ich ihr Haar, und Feuer floss aus dem Pinsel auf die Leinwand. Es umhüllte die Staffelei und auch mich. Ich malte nicht. Ich fieberte. Ich brandschatzte das Leinen.

Als ich fertig war und die Flammen langsam verlöschten, war das Gemälde vollkommen. Es lebte. Es bewegte sich. Aus den Augenwinkeln war es zu sehen. Wenn ich mich von der Leinwand abwandte, loderte das Haar meiner Geliebten. Wenn ich wieder direkt darauf blickte, war es wieder still. Nicht leblos, nicht statisch, es schien vielmehr zu ruhen, wie das Meer in dem kurzen Moment, bevor es als Flut zurückkehrt.

Ich sah die Frau nie wieder. Das Bild habe ich immer noch. Es macht allen Menschen, die es sehen, Angst.

Angst wovor weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass alle erzittern, die vor ihm stehen. Jeder Atem stockt.

Seit all den Jahrhunderten erzittern sie.

Wie das flammende Haar der Unendlichkeit.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
14. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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