Haarige Geschichten
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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
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Haariges Grauen

© Patrick Herrmann

Frustriert schaute Frank in den Spiegel. Wie jeden Morgen betrachtete er seinen Kopf mit einem bösen Blick. Frank war zweiunddreißig und sah nicht gerade schlecht aus und doch war er mehr als unzufrieden mit seinem Aussehen. Es hatte schon mit sechzehn begonnen. Die ersten Geheimratsecken hatten sich über der Stirn gebildet. Nach und nach fielen ihm immer mehr Haare aus, bis er mit ende zwanzig komplett kahlköpfig war. Seine Kopfhaut war so glatt, dass man sich darin spiegeln konnte. Was hatte er nicht schon alles versucht. Er hatte eine Menge Geld für Haarwässer und Pflegeprodukte ausgegeben. Hatte sich über Haartransplantationen informiert, aus irgendeinem Grund war ihm davon abgeraten worden. Nichts hatte geholfen. Er hatte sich zwei Toupets gekauft, jedoch beide auf ziemlich peinliche Weise verloren. Manchmal überkam Frank das Gefühl, ein Fluch läge auf ihm. Selbst die ältesten Verwandten hatten noch volles Haar. Er stieß einen schweren Seufzer aus, trocknete sich noch einmal die Hände und verließ das Bad. Auf dem Weg zur Küche, stieg ihm der Duft von Kaffee in die Nase. Dies hob seine Stimmung merklich. Die dunkle Brühe war bereits durchgelaufen. Ein Hoch auf die Technik! Die Maschine begann jeden Morgen um die gleiche Zeit, Kaffee aufzubrühen. Frank schenkte sich eine volle Tasse ein und warf ein Stück Zucker hinterher. Er öffnete eine Schranktür und holte ein Packung Knäckebrot heraus. Er hielt streng Diät. Drei Stück Knäckebrot am Morgen mussten reichen. Er wollte schließlich nicht auch noch Fett werden. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er noch genügend Zeit hatte, bis er ins Büro musste. Zufrieden ließ er sich auf einen der Küchenstühle fallen. Das Knäckebrot stellte er neben die Tageszeitung. Der erste Schluck Kaffee, ließ einen zufriedenen Ausdruck über sein Gesicht wandern. Seine Lebensgeister begannen sich nun immer mehr zu regen. Er nahm sich eins dieser kleinen Dinger und biss ab. Brösel verteilten sich über ihm. Er nahm es hin, schließlich war dies jeden Morgen so. Nachdem er das erste Knäckebrot gegessen hatte, wobei er sich nicht sicher war, ob nicht die Hälfte auf seinen Schoss lag, nahm er sich die Zeitung. Er begann zu lesen und blieb eine ganze Weile im Wirtschaftsteil hängen, bevor er die anderen Themenbereiche im Schnelldurchlauf umblätterte. Dabei aß er das zweite Brot und hatte seine Tasse fast leer. Er erreichte die letzten Seiten und überflog die Zeilen nur, als er plötzlich inne hielt. Seine Aufmerksamkeit galt einer kleinen Anzeige, am unteren Ende der Seite. Er las den Text so interessiert, dass er vergaß zu kauen und sich an einigen Bröseln verschluckte. Er hustete und begann noch einmal zu lesen. "Volles Haar! Garantiert! Sie möchten endlich wieder Attraktiv wirken! Ihre Glatze mach Ihnen zu schaffen! Kommen Sie bei mir vorbei. Endgasse dreizehn, Frankfurt." Frank las sich die Anzeige noch dreimal durch. Ihn übermannte die Vorstellung von vollem Haar, statt seiner Glatze. Sein Traum würde in Erfüllung gehen. Er sah sich im Freien, wie der Wind sein kräftiges Haar durcheinander wühlte. Frank musste lachen. Diese Anzeige war wahrscheinlich totaler Blödsinn. Sie wirkte kein bisschen seriös. Wer wusste schon, was die einen andrehen wollten. Er faltete die Zeitung zusammen und trank den Rest Kaffee. Als er sich der Kanne zuwandte um sich die Tasse noch einmal aufzufüllen, glitt sein Blick an der Uhr vorbei. Der Schreck ließ ihn erstarren. Die Zeit war schon zu weit fortgeschritten, wenn er sich nicht beeilte würde er zu spät kommen. Hastig stellte er die Kaffeemaschine ab, zog sich den Mantel an, nahm seine Tasche und verließ sprintend das Haus. Er hätte sich jedoch auch Zeit lassen können. An diesem Morgen waren Frankfurts Straßen ohnehin verstopft und er kam eine geschlagne halbe Stunde zu spät.

Der Tag verlief für Frank alles andere als gut. Erst kam er zu spät. In der Frühstückspause übergoss er sein Hemd mit Kaffee. In einer Filmreifen Aktion beschaffte er sich ein Neues, denn er hatte ein wichtiges Meeting, das dann doch ausfiel. In dem Durcheinander das entstanden war, zerstörte er wichtige Dokumente im Schredder und zu allem Überfluss, schnitt er sich mit dem Brieföffner in den Finger. Um die verloren gegangenen Dokumente wieder zu beschaffen, brauchte er Stunden und so verließ er das Büro als es schon Dunkel war. Der Wind pfiff durch die Straßenschluchten. Er war bereits sehr kalt und kündete vom bevorstehenden Winter. Frank hatte den Mantel fest geschlossen und lief strammen Schrittes zu seinem Auto. Der Mantel hielt warm, jedoch fror er erbärmlich am Kopf. Er hatte keine Mütze dabei. Wehmütig dachte er daran, dass er keine Mütze brauchen würde, wenn er nur Haare hätte. Wie auf ein Kommando blieb er stehen. Als hätte er sie auswendig gelernt, spulte sich die Zeitungsanzeige in seinem Kopf ab. Sollte er oder sollte er nicht. Er haderte mit sich. Die Anzeige erschien nicht seriös und machte auf ihn einen merkwürdigen Eindruck. Jedoch reizte ihn die Möglichkeit, endlich wieder Haare zu bekommen. Man soll die Hoffnung nie aufgeben, sagte seine Mutter immer. Es dauerte noch einen Moment, bis er sich entschieden hatte. Schnellen Schritte lief er weiter, erreichte sein Auto und stieg ein. Frank ließ den Motor an, drehte die Heizung auf und fädelte sich in den Verkehr ein. Sein Ziel war die Stadtmitte. Endgasse dreizehn.

Die Gasse lag nicht gerade in einer der schönsten Gegenden Frankfurts. Frank hatte sein Auto an einer relativ gut ausgeleuchteten Stelle abgestellt. Nur ein paar Straßen weiter war das Rotlichtviertel und auch hier hielten sich einige Damen auf. Frank wurde zweimal angesprochen, lief aber ohne eine Reaktion zu zeigen weiter. Er konnte sich gut vorstellen, dass auch Junkies an den Hausecken lauerten. Bei dem Glück, das er an diesem Tag gehabt hatte, würde er bestimmt ausgeraubt werden. Er befand sich auf einer etwas breiteren Straße. Sie war schwach ausgeleuchtet und ziemlich verdreckt. Er kannte den Namen dieser Straße nicht, wusste aber, das die Gasse die er suchte von ihr abzweigte. Er behielt Recht. Urplötzlich tauchte neben ihm ein Spalt in der Häuserzeile auf. Sie war so schmal, das nicht einmal ein Auto hindurch gepasst hätte. Auf einem Messingschild, das an einer grauen Backsteinmauer angeschlagen war, las er den Namen der Gasse. Er war Richtig. Für einen Moment zögerte er. Die Gasse war nicht nur eng, sondern auch so gut wie dunkel. Es gab keine Laternen und nur aus wenigen Fenstern schien ein mattes Licht. Er focht einen inneren Kampf aus, gab sich schließlich einen Ruck und betrat das Dunkel. Der Boden war nicht geteert, sondern bestand aus altem Kopfsteinpflaster. Es glänzte feucht. Wie mein Kopf, dachte Frank. Kein Laut war zu hören, nur seine Schritte, die als Echos von den Wänden zurück geworfen wurden. In dunkle Nischen eingelassen, entdeckte er immer wieder Türen. Sie machten einen soliden Eindruck. In so einer Gegend, konnte man sich keine morsche Tür erlauben. Nicht alle Hauseingänge waren mit Hausnummern ausgestattet, doch er wusste inzwischen, dass er in der Nähe der dreizehn war. Er war so auf die Hausnummern konzentriert, dass er nicht merkte wie sich vor ihm etwas bewegte. Mit einem lauten poltern, fielen Kartons und Müllsäcke vor seine Füße. Frank erschrak so sehr, dass er schon fast zurück gerannt wäre, doch er hielt inne. Einer der Müllsäcke war aufgeplatzt und ein Ekel erregender Geruch stieg in seine Nase. Leichtfüßig löste sich ein Schatten von der Hauswand. Eine schwarze Katze lief vor ihm, von einer Seite zur anderen. Auf der Mitte des Weges blieb sie stehen und sah Frank an. Ihr fehlte ein Auge und ihr Fell war dreckig und zersaust. Mit einem tiefen Geräusch feuchte sie den Mann an. Dann, als wäre nichts gewesen, drehte sie sich weg und lief weiter. Frank war irritiert. Etwas stimmte nicht. Vielleicht sollte er umdrehen. Wer lief schon am späten Abend in der Endgasse umher, auf der suche nach Nummer dreizehn und ließ sich von schwarzen Katzen anfauchen. Frank war kein abergläubiger Mensch, aber nun war ihm doch etwas flau im Magen. Er schaute zurück. Niemand folgte ihm. Sollte er weiter gehen? Er entschied sich dafür, auch wenn eine Stimme in ihm lautstark protestierte. Mit einem großen Schritt überwand er den Müllberg. Der Geruch intensivierte sich. Es war eine Mischung aus verfaulten Fisch, Zigarettenasche und dreckigen Windeln. Ein übelkeitserregendes Gemisch. Mit schnellen Schritten entfernte er sich von der Stelle, schaut auf und stand vor Hausnummer dreizehn.

Die Tür des Hauses schien nicht so solide zu sein, wie die anderen in der Straße. Frank suchte vergeblich nach einer Klingel. Die Fenster in der grauschwarzen Fassade waren dunkel. Ihm war nicht besser geworden, im Gegenteil, sein flaues Gefühl hatte sich verstärkt. Frank schaute die Gasse hinauf und hinab. Auf der einen Seite, war das Kopfsteinpflaster zu Ende, dort erhob sich eine Mauer. Daher hatte die Gasse also ihren Namen. Er atmete noch einmal tief ein. Mit all seinem Mut hob er die Hand, ballte sie zur Faust und hämmerte an die Tür. Schnell lies er die Hand wieder sinken und wartete. Es geschah nichts. Etwas Kaltes fiel auf seinen Kopf. Es klatschte auf und verteilte sich. Frank lief eine Gänsehaut über den Rücken. Wieder traf es seinen Kopf. Das hatte noch gefehlt, es begann zu Regnen. Die Tür hatte sich immer noch nicht geöffnet. Frank wollte es noch einmal versuchen, es würde sein letztes Mal sein. Er hob die Faust und wollt sie gerade gegen die Tür hämmern, als diese ein kleines Stück aufschwang. Zuerst war es im Türspalt dunkel, doch dann erschien ein weißes Gesicht. Es war alt. Das graue Haar hing dünn an den Seiten herab. Doch die Augen waren wie Eissperre. Glänzend und kalt starrten sie auf Frank. Dieser hatte das Verlangen zurück zu weichen, doch er blieb stehen. Der Alte tat nichts. Er blieb im Türspalt und starrte. Frank nahm seinen Mut noch einmal zusammen und sprach den Mann mit trockenem Mund an. "Ich habe ihre Annonce gelesen. Ich interessiere mich für ihr Haarmittel. Mein Name ist Frank." Mit allem hätte er gerechnet, nur nicht mit dem, was folgte. Mit einem heftigen Knall, wurde ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Perplex blieb er stehen. Er war so verwirrt, das er erst seine Gedanken ordnen musste. Hatte er etwas Falsches gesagt? Er starrte auf die geschlossene Tür und konnte es nicht begreifen. Es begann heftiger zu Regnen und Frank drehte sich, um die Gasse so schnell wie möglich zu verlassen. Doch er kam nicht dazu. In seinem Rücken vernahm er ein Quietschen und Knirschen. Er warf einen Blick über die Schulter und sah, dass sich die Tür geöffnet hatte. Ein diffuses Licht drang heraus und erleuchtete einen Teil des Pflastersteins. In diesem Licht stand der Alte. Er war schwer zu erkennen, denn er bildete nur einen Schattenriss im erhellten Hauseingang. Frank drehte sich wieder um. "Darf ich hereinkommen?" Seine Stimme enthielt eine Spur von Angst, dies schien dem Alten zu erfreuen, denn er Lachte auf. "Komm nur. Du willst bestimmt nicht im Regen stehen bleiben. Ich konnte die Tür leider nicht schneller Öffnen, die alten Knochen lassen dies nicht mehr zu." Der alte Mann hatte eine weiche, beruhigende Stimme, die nicht zu seinen Augen zu passen schien. Frank war noch unentschlossen und blieb stehen. Das Wasser lief bereits an seinem kahlen Kopf herunter. "Willst du jetzt herein kommen oder lieber im Regen stehen bleiben?" Frank schüttelte den Kopf und trat in die Wohnung des alten Mannes hinein.

Ihn empfing eine wohlige Wärme. Er war überrascht, hatte er doch gedacht in eine muffige, nach Moder riechende Wohnung zu treten. Dies war nicht so. Eine Vielzahl von Düften kitzelte seine Nase. Es roch nach Früchten und Kräutern. Der alte Mann schloss hinter ihm die Tür. Krachend fiel sie ins Schloss. Er drehte sich um und lief an Frank vorbei. "Folg mir!" Sagte er mit seiner angenehmen Stimme. Frank schritt hinter ihm her. Der Alte ging gebückt. Sein Rücken war zu einem mächtigen Buckel ausgewachsen, der ihn kleiner machte, als er wahrscheinlich war. Sie schritten durch den Flur. Nur schemenhaft konnte Frank die Einrichtung erkennen, bis unerwartet alles heller wurde. Der Mann hatte eine Tür geöffnet, hinter der sich weiches, warmes Licht ausbreitete. Frank betrat den Raum und stellte fest, dass es sich um eine Art Wohnraum handelte. Direkt vor ihm an der Wand, prasselte ein Feuer im Kamin. Das Zimmer war erfüllt von einer angenehmen Wärme. Die Gerüche aus dem Flur hatten sich hier noch verstärkt. An der linken Seite stand eine Sitzgruppe aus Sesseln, die sich um einen alten, massiven Tisch gruppierten. Der Boden war mit weichen, dicken Teppichen ausgelegt. In einer Ecke nahe der Sitzgruppe leuchtete eine Kerze, in einem alten, golden glänzenden Kerzenhalter. Frank ließ den Blick weiter gleiten und hielt interessiert inne. Die rechte Seite des Zimmers bestand komplett aus einem riesigen Regal. Es war zur Hälfte mit Büchern gefüllt, die ihre besten Tage schon hinter sich hatten. Doch nicht sie zogen Franks Aufmerksamkeit auf sich. Es waren hunderte von kleinen Fläschchen, die sich auf den Regalböden verteilten. Ihr Glas hatte die unterschiedlichsten Farben und alle waren mit Korken verschlossen. Es wirkte auf ihn, wie ein altmodisches Chemielabor. Alle Flaschen hatten Etiketten, er konnte jedoch nicht entziffern, was auf ihnen stand. Er löste seinen Blick und schaute nach dem Mann. Der starrte ihn mit seinen durchdringenden Augen an. "Interessant, nicht? Ich habe nicht noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Wusof." Er reichte Frank die Hand. Sie war von Gicht gezeichnet. Etwas zögernd ergriff Frank die Hand und schüttelte sie. Wieder sprach Wusof ihn an. "Setz dich doch. Dann können wir ein bisschen über dein Problem reden." Mit einer Geste, die sehr einladend wirkte, zeigte er auf die Sitzgruppe. Da Frank nicht unhöfflich sein wollte, ließ er sich in einen der Sitzmöbel fallen. Er sank tief ein. Für einen kurzen Moment fühlte er sich völlig geborgen. Doch dann sah er wieder den Alten und das Gefühl verschwand. Etwas umgab den Mann, eine Aura die man nicht sehen oder ertasten konnte. Sie ließ sich nur fühlen. Wusof ließ sich auf einen der anderen Sessel fallen und sprach Frank an. "Du bist wegen deiner Glatze hier. Ein so junger Mann und schon total Glatzköpfig. Das muss für dich eine große Belastung sein." Die Worte des Mannes waren wahr und so stimmt Frank zu. "Da haben sie Recht. Mir fielen die Haare schon so früh aus. Ich habe bis jetzt schon alles probiert, nichts hat geholfen. Es nagt an meinen Selbstwertgefühl." Der alte Mann sah ihn an und nickte nur, für einen Moment trat Stille ein, bevor Frank die angenehme Stimme wieder vernahm. "Wie du siehst bin ich ein alter Mann. Ich weiß, dass mein Leben fast zu Ende ist. Als ich noch viel jünger war, bereiste ich die ganze Welt. Ich war in Asien, in Amerika sogar am Nordpol. Die aufregendste Reise war jedoch nach Afrika. Ich entdeckte dort nicht nur die Kultur, sondern auch die Magie des Landes. Glaubst du an Magie?" Frank hatte mit so einer Frage nicht gerechnet und er war sich sehr unschlüssig. Glaubte er an Magie? Er musste sich eingestehen über diese Frage noch nie nachgedacht zu haben. Er war ein Mensch der Realität und der Fakten. Magie kannte er höchsten von irgendwelchen Zaubershows und selbst da waren es alles nur Tricks. Entschlossen, eine wahre Antwort zu geben, schüttelte er den Kopf. Wider Erwartend sah er keine Enttäuschung in Wusofs Gesicht. Er grinste sogar und nickte. "Ja, das hatte ich mir schon fast gedacht. In der heutigen Welt hat die Magie, die alte Magie, keinen Platz mehr. Doch es gibt sie. Verborgen in anderen Ländern, fernab der heutigen aufgeklärten Zivilisation, hält sie sich versteckt. Sie ist kein Trick, sie ist echt. Menschen können sie benutzen, jedoch nicht erklären. Sie kann gefährlich sein, aber auch helfen. Und diese Magie wird auch dir helfen." Er ließ das gesagte im Raum stehen und erhob sich. Mit schwerfälligen Schritten ging er zum großen Regel. Sein Blick huschte über die Etiketten der Flaschen. Es dauerte eine Weile, dann griff er zielsicher zu. Mit seiner Beute in der Hand, kehrte er zu Frank zurück. Er stellte die Flasche auf den Tisch vor ihnen. Sie war schwarz. Frank konnte das Etikett sehen, jedoch nicht entziffern was darauf stand. Die Schrift war verschnörkelt und es schien eine andere Sprache zu sein. "Ist das magisches Haarwasser?" Fragte Frank. Wusof lachte. "Man könnte es so ausdrücken. Es ist eine Tinktur aus Afrika. Sie stammt von einem Schamanen. Diese Tinktur ist aus wertvollen Substanzen zusammen gestellt. Es ist lange her, als ich sie bekam. Es war auf einer Reise, tief in das alte Afrika hinein. Damals sah ich die Wirkung, die sie hatte. Einem Mann, dessen Haare ausfielen, wuchsen plötzlich neue. Festes, schwarzes Haar. Ich war begeistert, von diesem Phänomen. Der Schamane schenkte mir die Flasche. Ich sollte sie jedoch erst benutzen, wenn die Zeit gekommen ist. Ich glaube die Zeit ist nun da. Ich habe diese wertvolle Flüssigkeit nie gebraucht, aber du brauchst sie." Frank war fasziniert. Mit zitternden Fingern griff er nach dem Gefäß. Es war schwer. "Wie viel möchten sie dafür haben?" Ein Lächeln lief über das Gesicht des Alten. Seine Augen wirkten gedankenverloren. "Nichts!" Frank war verblüfft. "Wieso möchten sie nichts dafür haben? Viele Leute würden eine Menge dafür bezahlen." "Da hast du Recht. Doch ich bin Alt und habe schon alles. Ich brauche nichts mehr. Wenn es dir Hilft, ist dies für mich Lohn genug." Frank starrte ungläubig auf die Flasche. Er konnte den Inhalt nicht erkennen. Der alte Mann erhob sich. "Ich möchte nicht unhöfflich sein, doch es ist spät. Meine müden Knochen verlangen nach Ruhe, darum bitte ich dich zu gehen." Frank stand auf. Wusof begleitete ihn zur Tür. "Ich hoffe ich konnte dir Helfen." Er streckte wieder seine Hand hervor. Diesmal ergriff Frank sie ohne Scheu. Sie verabschiedeten sich und Frank verließ das Haus. Der Regen war zu einem feinen Nieseln geworden. Er drehte sich noch einmal um, winkte und machte sich auf den Weg. Das gehässige Grinsen in Wusofs Gesicht, bekam er nicht mehr mit.

Frank erreichte ohne Zwischenfälle sein Auto und fuhr los. Während der Fahr in seine Wohnung, dachte er über die vergangenen zwei Stunden nach. Was er erlebt hatte, war auf eine Art aufregend gewesen und merkwürdig zugleich. Der alte Mann war ihm ein Rätsel. Er hatte das Gefühl, als wäre alles nicht real gewesen. Er erreichte sein Wohnhaus und stellte sein Auto auf seinem Stammparkplatz ab. Der Nieselregen war konstant geblieben und der Wind hatte an schärfe zugelegt. Als er den Hauseingang betrat, blieb der Lärm der Stadt hinter ihm. Er stieg die Stufen zur zweiten Etage hinauf, öffnete seine Wohnungstür und trat ein. Seine Wohnung wirkte ausgekühlt und verwaist. Seinen Schlüssel lies er geräuschvoll auf die Kommode aufschlagen, schälte sich aus seinen Mantel und hing ihn auf. Nachdem er sich die Schuh abgestreift hatte, drehte er die Heizung auf. Ein gluckern erklang, sie musste bald entlüftet werden. Mit einem gekonnten Griff schaltete er das Licht im Badezimmer ein. Die schwarze Flasche hatte er die ganze Zeit über nicht aus der Hand gelegt. Nun stellte er sie auf den Rand des Waschbeckens und betrachtete sie. Befand sich in diesem unscheinbaren Gefäß ein Mittel, das ihm helfen würde? Frank hob den Blick und betrachtete sich im Spiegel. Seine Glatze glänzte noch immer feucht. Er fuhr mit der Hand über sie hinweg. Einen Versuch war es wert und so ergriff er die Flasche. Dicht führte er sie an seine Augen. Er schaute angestrengt, doch so sehr er es auch versuchte, er erkannte keinen Inhalt. Mit kreisenden Bewegungen schüttelte er die Flasche und spürte wie sich der Inhalt bewegte. "Jetzt oder nie." Sprach er zu sich selbst, nahm die andere Hand und löste den Korken. Ein zischendes Geräusch erklang, wie wenn Luft unter Druck ausgestoßen wird. Kurz darauf stieg ein merkwürdig, süßlicher Geruch in seine Nase. Er konnte nicht beschreiben was für ein Geruch es war. Angespannt beugte er sich über die Öffnung. Die Flüssigkeit war dunkel und sehr dickflüssig. Ihm wurde etwas Wichtiges bewusst. Wusof hatte ihm nicht gesagt, wie viel von der Tinktur und wie oft er sie benutzen musste. Noch einmal schaute er in den Spiegel. Seine Glatze grinste ihn hämisch an. Mit einer leichten Bewegung kippte er die Flasche an und ließ einige Tropfen auf seine geöffnete Hand fallen. Die Tropfen klatschten schwer auf und besaßen eine dunkelgrüne Farbe. Der Geruch war nicht gewichen, er hatte sich eher noch intensiviert. Zweifel keimten in ihm auf. Dieses widerliche Zeug sollte ihm helfen? Er musste grinsen und ein Gedanke huschte durch seinen Kopf. Wer schön sein will muss leiden. Mit bedächtigen Bewegungen führte er die Hand zum Kopf, legte sie auf und massierte die Flüssigkeit ein. Seine Glatze glänzte nun in einem grün, als wenn seine Kopfhaut verfaulen würde. Frank stellte jedoch schnell fest, dass die Flüssigkeit in seine Haut einzog. Nach kurzer Zeit waren nur noch Reste zu erkennen. Er spülte sich die Hände ab und verschloss die Flasche wieder. Bevor er das Bad verließ, schaute er noch einmal in den Spiegel. Die grüne Flüssigkeit war komplett verschwunden. Er schaltete das Licht aus und ging in die Küche. Sein Magen meldete sich lautstark. Er konnte sich nur noch an das Frühstück erinnern und beschloss, eine Pizza in den Ofen zu schieben. Zwar entsprach dies nicht seinem Diätplan, aber zur Feier des Tages konnte er sich diese kleine Sünde erlauben. Sein Abend verlief ruhig. Frank verspeiste die Pizza, schaute sich einen absurden Film im Fernseher an und beschloss danach ins Bett zu gehen. Dies geschah nicht, ohne noch einmal in den Spiegel zu sehen. Es hatte sich nichts getan. Immer noch krönte ihn eine Glatze.

In der Nacht wachte er auf. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich auf seiner Kopfhaut aus. Er kratzte sich und es wurde etwas besser. Er wollte aufstehen und nachsehen was los war, aber er war zu müde. Ohne das Vorhaben in die Tat umzusetzen, schlief er wieder ein.

Frank wurde geweckt. Unsanft, wie jeden Morgen. Der Wecker erzeugte Töne, die so nervtötend waren, dass sie nicht von dieser Welt zu sein schienen. Er schaltete den Quälgeist ab, streckte sich und begab sich ins Bad. In der Küche hörte er bereits die Kaffeemaschine arbeiten. Dass er in der Nacht aufgewacht war, hatte er bereits vergessen. Draußen war es immer noch dunkel und so musste er das kleine Licht im Bad anschalten. Er schritt zum Klo und leerte, unter einströmender Erleichterung, seine Blase. Danach ging er zum Waschbecken und wusch sich die Hände. Da fiel ihm etwas auf. Auf dem Rand stand eine kleine, schwarze Flasche. Plötzlich lief der vergangene Abend vor seinem inneren Auge ab. Die Gasse, der Mann, die Flasche und der Versuch. Er hatte sich die Glatze mit der Flüssigkeit eingerieben. Bis jetzt hatte er noch nicht in den Spiegel geschaut. Ihm fiel plötzlich die letzte Nacht ein. Er war aufgewacht. Das Kribbeln hatte seine ganze Kopfhaut erfasst. Sollte es vielleicht funktioniert haben. Mit unruhiger Hand strich er sich über den Kopf und erstarrte. Er spürte etwas Weiches. Es fühlte sich wie kurz geschorenes Hundefell an. Noch immer hatte er nicht im Spiegel nachgesehen. Vielleicht träumte er ja? Langsam hob er den Kopf mit geschlossenen Augen, verharrte einen Moment und öffnete sie. Der Schock trieb ihm die Luft aus den Lungen. Er konnte es nicht glauben. Ihn glänzte keine kahle Kopfhaut mehr an. Überall wuchsen kleine, dünne Härchen. Sie waren kurz, bedeckten aber den ganzen Kopf. Noch einmal fuhr er mit der Hand darüber hinweg. Es war weich. Es war echtes Haar auf seinem Kopf. Er konnte es nicht glauben. Dies war bestimmt alles nur ein Traum. Immer wieder fuhr er mit der Hand durch das Haar. Der alte Mann hatte Recht behalten. Er blickte wieder in den Spiegel und ihm fiel auf, dass auch sein Bart kräftiger geworden war. Bevor er ins Büro fuhr, musste er sich dringend rasieren. Er verlies das Bad, doch bevor er das Licht ausmachte schauter noch einmal zurück in den Spiegel. Die Haare waren immer noch da.

Sein Arbeitstag verlief fast wie immer. Einigen Leuten war der dünne Haarflaum aufgefallen. Frank berichtete von einem Mittel, das ihm ein Bekannter aus Amerika mitgebracht habe. Sie gaben sich mit dieser Antwort zufrieden. Er selbst schaute fast stündlich in den Spiegel. Als er am Abend nach Hause fuhr, erlebte er ein Hochgefühl, das er schon eine ganze Weile nicht mehr gespürt hatte. Er hätte die ganze Welt umarmen können und so beschloss er am späteren Abend um die Häuser zu ziehen. Schließlich war Freitag und er konnte am nächsten Tag ausschlafen. Er aß eine Kleinigkeit und ging dann ins Bad, um sich fertig zu machen. Der erste Weg führte ihn zum Spiegel. Im laufe des Tages war der dünne Flaum viel kräftiger geworden. Es sah aus als hätte er einen extrem kurzen Haarschnitt. Die Haare ließen ihn jünger wirken. Erst jetzt fiel ihm auf, dass auch sein Bart wieder gewachsen war. Obwohl er sich am Morgen rasiert hatte, wuchsen die Haare in seinem Gesicht. Dies war genauso verwunderlich, wie die Haare auf seinen Kopf. Sonst hatte er sich höchstens alle drei Tage rasieren müssen und am heutigen Tag schon zum zweiten Mal. Er griff zum Rasierer und begann die Haare im Gesicht zu entfernen.

Wie geplant war Frank um die Häuser gezogen und in einer Bar hängen geblieben. Er hatte dort Arbeitskollegen getroffen und es war feucht fröhlich gefeiert wurden. Zum ersten Mal seit langer Zeit, fühlte sich Frank wieder glücklich. Er konnte mit anderen Menschen reden, ohne ständig daran denken zu müssen, dass sie sich jeden Moment über seine Glatze lustig machen würden. Es war spät und Frank hatte einiges getrunken. Torkelnd aber glücklich erreichte er sein Haus. Die gute Laune war die eine Sache, das Schlüsselloch zu finden die andere. Immer wieder verfehlte er den Schlitz und erst nach einigen Minuten hatte er die Tür geöffnet. Er schwankte in den dunklen Hausflur hinein und versuchte kein Geräusch zu verursachen. Das ging ziemlich schief. Er hatte zwar die erste Treppenstufe vor sich gesehen, nur war seine Koordination so beeinträchtigt, das er das Bein nicht hoch genug nahm. Er blieb hängen und klatschte auf die Treppe. Dies erzeugte einen dumpfen Ton, der durch das Treppenhaus geisterte. Frank konnte nur schwer ein hysterisches Kichern unterdrucken. Immer wieder tief Luft holend, damit er nicht in lautes Gelächter ausbrach, erreichte er seine Wohnungstür. Diesmal ging das aufschließen der Tür schneller. Mit einer schon fast tänzerischen Bewegung, trat er in seine Wohnung hinein. Er schloss die Tür, glitt mit dem Rücken an ihr hinunter und brach in Lachen aus. Es schüttelte ihn so durch, das Tränen an seinen Wangen herabliefen. Er konnte sich nur schwer beruhigen. Völlig außer Atem, begann er sich auszuziehen. Sein Lachanfall ebbte nun völlig ab und Müdigkeit breitete sich in ihm aus. Nur noch mit Unterhose bekleidet, ging er zum Schlafzimmer. Seine restlichen Klamotten waren kreuz und quer im Flur verteilt. Er sah sein Bett und freute sich auf dessen Wärme, doch noch bevor er sich hinein legen konnte, meldete sich seine Blase. Er drehte sich um und alles begann sich zu drehen. Mit schwerfälligen Schritten begab sich Frank ins Bad. Nachdem er sich erleichtert hatte, wusch er sich die Hände. Er geriet ins torkeln und musste sich am Waschbeckenrand festhalten. Er fand sein Gleichgewicht wieder und drehte den Wasserhahn ab. Da fiel sein Blick wieder auf die schwarze Flasche. Frank hob den Blick und schaute sich im Spiegel an. Die Haare schienen nicht weiter gewachsen zu sein. Er hatte immer noch den gleichen Kurzhaarschnitt, wie am Abend. Mit der Hand fuhr er hindurch. Die einzelnen Haare standen dicht an dicht und bildeten eine kompakte Masse. "Ihr seid schön, aber eigentlich könntet ihr noch ein bisschen wachsen." Flüsterte Frank seinen Haaren zu. Wie hypnotisiert starrte er auf seinen Kopf. "Nur noch ein bisschen länger wachsen." Noch einmal strich er hindurch, dann senkte er den Blick, erspähte die Flasche und griff nach ihr. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, als er langsam den Korken aus dem Gefäß zog. Wieder stieß ihm dieser süßliche Geruch in die Nase. Frank öffnete eine Hand um sie mit der geheimnisvollen Substanz zu füllen, als ihn ein mächtiger Schwindel erfasste. Er schwankte nach hinten. Mit der freien Hand griff er nach dem Waschbecken, erreichte es und schloss eine Hand um dessen Rand. Leider war das Waschbecken noch feucht und er glitt ab. Heftig fiel er auf den gekachelten Boden und etwas Feuchtes verteilte sich auf seinen Körper. Frank blieb eine Weile benommen liegen. Für kurze Zeit fühlte er sich wie auf einem Schiff, das in einen heftigen Sturm geraten war. Er konnte seine Umgebung nur schemenhaft wahrnehmen. Schwer atmend richtete er sich auf. Nach und nach verschwand der Schleier vor seinen Augen, nur der Schwindel schien nicht weichen zu wollen. Frank starrte vor sich auf den Boden. Im ersten Moment fiel ihm gar nichts auf. Er war einfach zu benommen, und besoffen, um klar genug denken zu können. Je länger er auf dem Boden saß, desto mehr kam die Realität zurück. Plötzlich sah er es. In den Rillen zwischen den einzelnen Kacheln, breitete sich eine dunkelgrüne Flüssigkeit aus. Er verfolgte den Weg der Flüssigkeit um die Herkunft zu ermitteln und erstarrte vor Schreck. Die Flüssigkeit tropfte von seinem Körper herab. Beim Sturz hatte er die Flasche nicht fallen gelassen, sondern so fest gehalten, als klebte sie an seiner Hand. Dabei war sie natürlich in eine Schräglage geraten und hatte ihren Inhalt über Franks Körper verteilt. Er war mit der dunkelgrünen Flüssigkeit überzogen, die bereits damit begannen, in seine Haut einzudringen. Der Schock über dieses Missgeschick, ließ neue Kräfte in ihm aufsteigen. Sogar der Schwindel, verschwand für einen kurzen Moment. Was würde nun Geschehen? Er war sich sicher, dass eine unerwünschte Nebenwirkung eintreten würde. Was sollte er nur unternehmen? Sein Blick fiel auf die Duschkabine. Ohne länger darüber nachzudenken, riss er die Tür der Duschkabine auf und stellte das Wasser an. Eiskalt rann es über seinen Körper. Er schaute an sich herab. Die Flüssigkeit, die noch nicht in seine Haut eingezogen war, wurde nun vom Wasser hinweg gespült. Nach kurzer Zeit war seine Haut von der Tinktur befreit. Er drehte das Wasser ab und begann sich abzurubbeln. Während des Duschens hatte er vergessen die Kabinentür zu schließen. Eine nicht zu unterschätzende Wasserlache, hatte sich auf dem Badezimmerboden ausgebreitet. Es störte ihn nicht, denn er fror erbärmlich und wollte nur noch ins wärmende Bett. Er fühlte sich wie ein Eisklotz. Das Wasser war nicht schnell genug warm geworden. Er streifte sich die durchnässte Unterhose ab, lief ins Schlafzimmer und ging ins Bett. Unter zittern und bibbern, schlief er ein.

Er hatte erst ein paar Stunden geschlafen, als er erwachte. Zuerst spürte er nur das dumpfe Dröhnen im Kopf und den trockenen Mund, der nach Wasser verlangte. Doch je mehr er aus der Traumwelt auftauchte, desto stärker wurde auch ein anderes Gefühl spürbar. Es war das gleiche, unangenehme Kribbeln; wie in der letzten Nacht. Aber nun war es nicht nur auf seine Kopfhaut beschränkt, sondern es breitete sich auf seinem ganzen Körper aus. Es fühlte sich an, als wenn tausende von Ameisen über die Haut tippelten. Mit einer Hand rubbelte er sich über den Bauch und war nun vollkommen wach. Er hatte noch nie eine besonders ausgeprägte Körperbehaarung besessen. Doch was er nun spürte, erinnerte an Fell. Mit einer hastigen Bewegung, griff er zur Nachttischlampe, um sie anzuschalten. Dabei riss er den Wecker zu Boden, welcher scheppernd aufschlug. Von einer auf die andere Sekunde erhellte sich der Raum. Sofort richtete Frank sich auf und schaute an sich herab. Seine Augen weiteten sich ins Unermessliche. Sein ganzer Körper, von den Zehen bis zu seiner Brust, war mit Haaren bedeckt. Er hob seine Hände und auch auf ihnen befanden sich Haare. Unsicher betastete er sein Gesicht, überall Haare. Er musste träumen. Dies alles war nur ein schrecklicher Albtraum. Frank zwickte sich in den Arm. Schmerz breitete sich an der Stelle aus. Wieder starrte er an sich herab. Sogar sein Glied war von Haaren bedeckt. Mit einem Satz sprang er aus dem Bett. Er hätte schreien können. Die Haare auf seinen Körper waren noch nicht lang, aber bildeten schon eine kompakte Masse. Jetzt wo er sich aufregte, spürte er auch die Wärme. Ihm war nicht kalt, obwohl er ohne Kleider im Zimmer stand. Schweiß trat aus den Poren hervor und sorgte in Verbindung mit dem Flaum, zu einem furchtbaren Juckreiz. Er rannte zum Bad, schaltete das Licht ein und stürmte hinein. Keinen winzigen Moment dachte er an die Wasserlache, die sich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Dies war ein Fehler. Zum zweiten Mal in dieser Nacht krachte er auf den Boden. Tränen schossen ihm in die Augen. Der Schmerz jagte wie ein Ungeheuer durch seinen Körper. Für einen kurzen Augenblick war er fest davon überzeugt sich das Rückrad gebrochen zu haben. Dies war nicht der Fall. Unter Stöhnen und schmerzverzerrten Gesicht richtete er sich auf. Die Haare auf seinem Rücken waren nun durchnässt und klatschten gegen seine Haut. Es war ein widerwärtiges Gefühl und er bekam eine Gänsehaut. Und auch wenn die Situation für Frank noch so schlimm war, das was nun passierte, war mehr als absurd. Die Gänsehaut breitete sich vom Rücken her über den ganzen Körper aus und jedes kleine Härchen auf seinen Körper stand senkrecht in der Luft. Es wirkte als hätte Frank in die Steckdose gefasst. Sein Verstand war in diesem Moment überlastet. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte, deshalb tat er beides. Die Tränen kämpften sich ihren Weg durch die Haare, begleitet durch ein irres Gelächter aus seinen Mund. Erst nach sehr langer Zeit hatte er sich wieder beruhigt. Der Juckreiz war nicht gewichen. Frank ging zu einem der Schränke im Bad und holte eine Bürste hervor. Nun begann er die Stellen die Juckten mit dieser zu bearbeiten. Immer wieder sah er sein Spiegelbild. Er hasste es nun mehr, als jemals zuvor. Mit mächtig viel Schwung, zerschlug er den Spiegel mit der blanken Faust und verließ das Bad. In Gedanken versunken, ließ er sich auf einen der Stühle in der Küche nieder. Er bewegte sich kaum, nur manchmal um mit der Bürste den Juckreiz zu vertreiben.

Irgendwann war er eingeschlafen. Die Müdigkeit und die Aufregung, hatten ihn in die Traumwelt gestoßen. Doch er erwachte langsam. Blinzelnd öffnete er die Augen. Für einen kurzen Moment glaubte er, alles nur geträumt zu haben. Aber dann sah er die Haarbürste vor sich auf dem Tisch liegen und er wusste, dass alles Realität war. Die dünnen Plastikspitzen der Bürste waren mit Blut verkrustet; bei diesem Anblick, spürte er nun die zahlreichen Wunden in seiner Haut. Der Juckreiz war immer wieder so stark gewesen, dass er wie besessen mit der Bürste gekratzt hatte. Nach und nach hatten sich die Plastikspitzen in seine Haut gegraben. Er hatte nichts am Leib, keine Hose, kein Hemd, einfach nichts. Trotzdem war ihm warm. Die Haare waren weiter gewachsen. An keiner einzigen Stelle des Körpers schaute seine ursprüngliche Haut hervor. Seine Gesichtszüge waren kaum noch zu erkennen, doch in seinen Augen las man die Verzweiflung. Was sollte er tun? Er grübelte eine Weile nach, bis ihm eine Idee kam. Er stand auf um sich wieder ins Bad zu begeben. Diesmal gab er Acht, nicht wieder in der Wasserlache auszurutschen. Sein Rücken schmerzte noch immer und beim nächsten Sturz, würde er einfach brechen. Frank ging wieder zu dem Schrank, aus dem er die Haarbürste geholt hatte und öffnete ihn. Mit zielsicherem Griff, holte er einen Nassrasierer hervor. Er wagte nicht, in die verbliebenen Überreste des Spiegels zu sehen. Er feuchtete seinen Arm an und begann mit dem Rasierer darüber hinwegzugleiten. Ein paar Haare wurden abgeschnitten, doch mehr passierte nicht. Er versuchte es noch einmal und ein lauter Schrei drang aus seiner Kehle. Er war mit der Klinke abgerutscht und hatte sich in den Arm geschnitten. Dicke Blutstropfen fielen auf den Boden. Voller ungezügelter Wut schleuderte er das Gerät in die Ecke. Die Klinge zerbrach. Frank starrte auf seinen Arm. Das Blut quoll zwischen den Haaren hervor. Fieberhaft überlegte er wie er die Wunde verbinden sollte, wenn doch die ganzen Haare im Weg waren. Schließlich nahm er ein Handtuch und wickelte es um den Arm. Die Wunde pochte. Frank überrollte eine Emotionswelle nach der anderen. Erst Wut, dann Trauer. Er nahm den Kopf zwischen die Hände, schüttelte ihn und sackte in die Knie. Dies alles konnte nicht wahr sein. Er betrachtete seine Hände. Tränen kullerten aus seinen Augen. Was sollte er noch tun? Plötzlich schrie Frank nur noch. Ob es jemand hörte, war ihm egal. Er sank noch mehr zu Boden und kauerte sich ein. Er schien die Nässe unter sich nicht mehr zu spüren. So blieb er liegen. Stunde um Stunde.

Er erwachte erst am späten Nachmittag. Ob er geschlafen oder nur gedöst hatte, konnte er nicht sagen. Er erhob sich. Seine Muskeln waren steif und er hatte Probleme auf den Beinen zu bleiben. Das Handtuch, welches um seinen Arm gewickelt war, fiel auf den feuchten Badezimmerboden. Mit wankenden Schritten, ging er in die Küche. Aus seinem Unterleib drang ein forderndes Geräusch. Es war kurz nach fünf und er hatte bis jetzt noch nichts gegessen. Er ging zum Kühlschrank, nahm sich Butter und Wurst heraus und begann sich lieblos ein Brot zu schmieren. Dass die Haare an Händen und Armen länger geworden waren, schien ihn nicht zu stören. Mechanisch, wie in Trance, verrichtete er seine Arbeit. Sein Magen knurrte immer fordernder. Bevor er den Teller auf den Tisch stellte, schaute er aus dem Fenster. Das Licht war trüb. Dicke Wolken trieben über den Himmel und entließen einen stetigen Nieselregen. Es passte zu seinen Gefühlen. Er schritt zum Tisch, setzte sich und wollte seinen Magen befriedigen, doch es funktionierte nicht. Sogar die Haare in seinem Gesicht waren weiter gewachsen und bedeckten nun seinen Mund. Doch anstatt sich aufzuregen, seufzte er nur. Frank ging zur Küchenzeile, öffnete die Schublade und entnahm ihr eine Schere. Im glänzenden Metall des Toasters betrachtete er sein Spiegelbild. Das war nicht mehr der Frank, den er kannte. Mit wenigen Schnitten befreite er seinen Mund von den Haaren. Er ließ sie achtlos auf der Anrichte liegen. Schwerfällig setzte er sich auf den Stuhl und aß sein Brot. Als er fertig war, starrte er abwesend an die Decke. Sein Körper war nun so dicht mit Haaren bewachsen, dass Schweiß wie in Sturzbächen aus seinen Poren drang. Draußen hatte der Regen an Intensität zugenommen und die Dunkelheit begann den Tag abzulösen. Frank schüttelte den Kopf. Wie hatte er nur so dumm sein können? Ohne ein bestimmtes Ziel, schaute er sich im Zimmer um. Er stoppte ruckartig, als sein Blick an etwas kleben blieb. Vor ihm auf dem Tisch lag noch die Zeitung, aus der er die Annonce hatte. Plötzlich schien ein elektrischer Strom durch seinen Körper zu rasen. Mit hastigen Bewegungen griff er nach der Zeitung. Mit wilder Hand schlug er die Seiten um. Ein Teil der Blätter fiel raschelnd zu Boden. Schnell war Frank auf den letzten Seiten angelangt und musste nur noch zwei Seiten umblättern, um die Anzeigen zu finden. Er überflog sie. Seine Augen glitten über die Zeilen. Er fand die Anzeige von Wusof nicht. Frank schob es auf seine Aufregung und begann noch einmal von vorn. Doch auch beim zweiten Versuch, hatte er kein Glück. Er sucht das Datum und fand es. Die Zeitung war von Donnerstag, also dem Tag an dem er die Anzeige gelesen hatte. Er schaute die Anzeigen noch mehrere Male durch, ohne Erfolg. Wusofs Worte schienen gelöscht. Ungläubig ließ Frank die Zeitung zu Boden gleiten. Er war sich sicher, dass die Annonce dort gestanden hatte. Was hatte das nur alles zu bedeuten. Er hatte sie gesehen. Frank las keine anderen Zeitungen, also musste es in dieser gestanden haben. Der Tag verschwand nun gänzlich und Frank konnte die Zeilen kaum noch entziffern. Mit müden Schritten ging er zum Lichtschalter und betätigte ihn. Die Küche wurde erhellt. Vielleicht war er verrückt geworden? Doch seine innere Stimme sagte ihm das Gegenteil. Irgendetwas musste er doch unternehmen können. Das Haare schneiden brachte nichts, sie wuchsen sofort wieder nach. Er grübelte darüber sie einfach abzubrennen. Doch als er an die Schmerzen dachte, die damit verbunden waren, wurde ihm ganz übel und er ließ den Gedanken fallen. Es blieb nur eine Möglichkeit. Er musste noch einmal mit Wusof reden. Der alte Mann hatte so viele Tinkturen. Eine davon konnte ihm bestimmt helfen. Er war schon auf dem Weg zur Haustür, als er inne hielt. In seinem jetzigen Zustand, konnte er unmöglich das Haus verlassen. Er musste versuchen, so unauffällig wie möglich zu Wusofs Haus kommen. Er ging ins Bad und schaltete das Licht ein. Die Pfütze auf dem Boden war fast vollständig verschwunden. Er öffnete den Schrank, aus dem er schon die Rasierer genommen hatte und holte eine Schere hervor. Er stellte sich vor den zerbrochenen Spiegel. Sein Spiegelbild war grotesk verzerrt. Er versuchte es trotzdem und begann sich die Haare im Gesicht zu schneiden. In Büscheln fielen sie zu Boden und verteilten sich dort. Frank wusste dass sie wieder nachwachsen würden, aber er musste so unauffällig wie möglich zu Wusof gelangen. Immer mehr Haare schnitt er ab. Das Badezimmer sah aus wie ein Schlachtfeld. Überall befanden sich Blutspritzer, es störte Frank nicht. Er konnte alles reinigen, wenn er die Sache überstanden hatte. Es dauerte eine geschlagene viertel Stunde, bis die Haare eine akzeptable Form bekommen hatten. Zwar lag auf Franks Gesicht, immer noch ein dunkler Schatten, aber dies fiel nicht besonders auf. Er verließ das Bad und begann sich anzukleiden. Dazu gehörten Handschuh, die seine Hände bedeckten. Eine Mütze, die er tief in die Stirn zog und ein Schal der seinen Mund bedeckte. So vermummt verließ er das Haus. Frank war froh, dass es kalt war. So fiel er mit seinen Klamotten nicht auf. Viele Leute, denen er auf dem Weg zum Auto begegnete, hatten Mützen auf und trugen Schals. Zwischen den feinen Nieselregen, hatten sich vereinzelt Schneeflocken gemischt. Trotz der Kälte schwitzte er. Er erreichte seinen Wagen und stieg ein. Seit er das Haus verlassen hatte, fühlte er ein nervöses Kribbeln in seinen Adern. Erst jetzt fiel ihm auf, welchen Gefahren er sich aussetzte. Es wäre nicht einmal so schlimm gewesen, wenn ihn jemand auf der Straße näher betrachtete. Er konnte immer noch davon laufen. Aber was war, wenn ihn die Polizei anhielt? Er würgte den Gedanken ab und startete den Motor. Vorsichtig, auf jede Kleinigkeit bedacht, fädelte er sich in den Verkehr ein.

Frank parkte sein Auto an der gleichen Stelle, wie am Donnerstagabend. Inzwischen hatten sich immer mehr Schneeflocken in den Regen gemischt. Sie fielen auf die Windschutzscheibe und tauten. Frank saß da. Er rührte sich nicht. Nur seine Brust hob und senkte sich bei jedem Atemzug. Er hatte Angst. Was war, wenn Wusof nicht da war? Auf der Fahrt waren seine Haare wieder gewachsen. Ein dünnes Fell bedeckte sein Gesicht. Aber auch am Rest des Körpers waren die Haare immer länger geworden. Streifte er mit seinen Händen an den Hosenbeinen entlang, so wirkten diese wie ausgestopft. Es half alles nichts. Er musste aussteigen. Er trat in die Kälte und verschloss sein Auto. Als er sich umdrehte erschrak er bis ins Mark. Eine Frau stand hinter ihm. Ein junges Ding, viel zu leicht bekleidet für eine derartige Witterung. Sie hatte ein Lächeln und bestimmt auch einen Spruch auf den Lippen, doch beides verlor sich. Ihre Augen weiteten sich. Sie hatte Frank genauer ins Gesicht geschaut. In ihren verwirrt wirkenden Blick, mischte sich auch immer mehr Ekel. "Was bist du für ein Freak?" Drang es zischelnd aus ihrem Mund hervor. Sie schüttelte angewidert den Kopf und lief weg. Das Klackern ihrer Absätze verschwand zwischen den Häuserzeilen. Frank war von der Reaktion der Frau geschockt, wenn auch nicht überrascht. Wenn Wusof ihm kein Gegenmittel gab, würde er nie mehr unter die Menschen treten können. Während er noch über die Folgen nachdachte, ging er auf die Gasse zu. Wieder sah er das Schild auf dem "Endgasse" stand. Er betrat sie. Zwischen den einzelnen Hauswänden hing ein widerlicher Geruch. Frank kam er schlimmer vor als beim letzten Mal. Er schritt über das Kopfsteinpflaster. Durch den Schneeregen, hatte sich darauf eine schmierige Schicht gebildet und er musste aufpassen, dass er nicht ausrutschte. Diesmal sprang ihm keine Katze in den Weg. Er kam zügig voran und schaute auf die Schilder an den Wänden. Er war schon bei Hausnummer zwölf. Nur noch ein kleines Stück. Schnell hatte er die Entfernung überwunden und stand vor Hausnummer dreizehn. Frank wirkte in diesem Moment wie angewurzelt. Er zeigte keine Regung. Wie gebannt starrte er auf das Haus. Die Fenster waren mit dicken Brettern vernagelt. Die Tür hing schief in den Angeln und die Hausnummer hatte sich fast von der Wand gelöst. Dies war nicht das Haus von Donnerstagabend. Verwirrte drehte sich Frank im Kreis. Auf der rechten Seite konnte er am Ende die Mauer sehen. Gegenüber war Hausnummer vierzehn. Er war sich sicher richtig zu sein und trotzdem konnte er es nicht glauben. Langsam ging er auf die Tür zu. Sie war morsch und zeigte einige Risse. Mit einem Tritt beförderte sie Frank ins Innere. Er betrat das Haus. Tapete löste sich von den Wänden und hing wie Zungen von der Wand. Aus der Decke hatte sich Putz gelöst und war in großen Stücken auf den feuchten Boden gekracht. Es stank nach Urin und Verwesung. Frank schritt den Gang entlang und erreichte das Zimmer mit dem Kamin. Es war das gleiche Haus, nur sah es komplett anders aus. Das Zimmer war leer. Nur an der rechten Wand befanden sich die Überreste eines großen Regals, das einmal die ganze Wand bedeckt haben musste. Das Holz war feucht und Schimmel hatte sich ausgebreitet. Vor ihm befand sich der Kamin. Er war leer, nicht einmal Asche befand sich in ihm. Das ganze Haus wirkte so, als wäre es seit Jahren verlassen. Nicht ein einziges Lebenszeichen zeigte sich in den Räumen. Es gab nichts, das auf einen Bewohner hindeutete. In dem Raum, in dem er sich nun befand, hatte sich der Geruch von verwesendem Fleisch verstärkt und es dauerte nicht lange, bis Frank den Grund herausfand. In einer dunklen Ecke lag eine kleine Gestalt. Frank trat näher an sie heran. Es war eine Katze. Eine schwarze Katze, der ein Auge fehlte. Der Körper war aufgedunsen und ein paar Fliegen schwirrten um den Kadaver herum. Übelkeit stieg in ihm auf. Frank drehte sich um und rannte hinaus. Er stolperte über die aus den Angeln gerissene Tür und wäre fast gefallen. Im letzten Moment konnte er sich fangen. Nach Atem ringend stand er im Freien. Immer noch hing ihm dieser Geruch in der Nase. Was hatte das zu bedeuten? Am Donnerstagabend hatte er an dieser Tür Wusof kennen gelernt. Er war in diesem Haus gewesen. Doch was er nun vorfand, ließ ihn an seinem Verstand zweifeln. Er musste in einem Albtraum stecken. Bald erwachte er bestimmt in seinem warmen Bett und freute sich eine Glatze zu haben. Doch er erwachte nicht. Der Schneefall hatte nun zugenommen und vereinzelt zeigten sich kleine weiße Inseln. Franks Atem kondensierte. Noch einmal sah er sich das Haus an, dann trat er voller Verzweiflung den Rückweg an.

Er erreichte wieder seine Wohnung. Seine Bedenken, von der Polizei angehalten zu werden, hatten sich nicht bestätigt. Er verschloss seine Tür und betrat sein Schlafzimmer. Ihm war unerträglich heiß. Frank entledigte sich seiner Kleidung. Die Haare an seinem Körper hatten eine enorme Länge angenommen. Beim Versuch sich die Hose abzustreifen geriet er ins Schwanken und Stürzte. Mit einem lauten Knall, schlug sein Kopf gegen den Schrank. Benommen erhob er sich. Das ganze Zimmer drehte sich. Mit wackeligen schritten ging er zum Bett und ließ sich darauf nieder. Frank atmete noch einmal tief und fiel dann in Ohnmacht.

Wilde, unheimliche Träume malträtierten ihn. Von einem dieser Träume wurde er wach. Er spürte seine rauen Lippen und den Durst der ihn quälte. Sein Körper fühlte sich an, als hätte er Fieber. Unter Anstrengung versuchte er die Augen zu öffnen, doch es misslang. An seinen Lidern schienen Gewichte zu hängen. Er versuchte sich zu erheben, doch auch dies funktionierte nicht. Etwas Schweres zog ihn immer wieder nach unten. Im ersten Moment konnte er es sich nicht erklären. Waren es die Nachwirkungen des Sturzes? Wieder versuchte er es und wieder schlug es fehl. Das Atmen fiel ihm schwer und er konnte sich noch nicht einmal drehen und plötzlich wusste er warum. Er musst lange Bewusstlos gewesen sein. In dieser Zeit waren die Haare immer weiter gewachsen. Sie waren nun so lang, dass sie ein enormes Gewicht bekommen hatten. Panik machte sich in ihm breit. Mit aller Macht seiner Muskeln, versuchte er diesem haarigen Gefängnis zu entkommen. Immer mehr Adrenalin raste durch seinen Körper, bis er plötzlich keine Luft mehr bekam. Die Haare hatten nun seine Atemwege blockiert. Wie ein dichter Teppich lagen sie auf Mund und Nase, doch er konnte die Haare nicht entfernen. Seine Arme ließen sich nicht bewegen. Ihm wurde immer heißer und Frank spürte wie das Blut durch seine Adern strömte. Sein Herz begann schmerzhaft zu schlagen und dies war das Letzte was er spürte. Er fiel hinein in einen Tunnel und die Schwärze verschluckte ihn. Seine Muskeln wurden schlaff und er blieb reglos liegen.

Einige Tage später fand man Frank. Er war nicht zur Arbeit erschienen und hatte sich bei keinem gemeldet. Er ging nicht ans Telefon und auch das klingeln an der Tür brachte nichts. Man begann sich sorgen zu machen und so wurde die Polizei verständigt. Auch ihnen wurde die Tür nicht geöffnet und aus diesem Grund entschloss man sich, die Tür öffnen zu lassen. Für den Schlüsseldienst eine Leichtigkeit. Zwei Beamte betraten die Wohnung. Sofort stieg ihnen ein unangenehmer Geruch in die Nase. Es stank nach Tod. Die Räume schienen leblos zu sein und es herrschte eine enorme Unordnung. Auf dem Küchenboden waren die Überreste einer Zeitung verteilt und eine mit Blut verkrustete Haarbürste fand man ebenfalls. Auf dem Küchentisch befanden sich eine Dose mit Butter und eine offene Packung mit Wurst, beides war mit einem dünnen, grünen Film überzogen. Auf dem Badezimmerboden musste sich vor Tagen eine große Wasserlache befunden haben, denn es hatten sich bräunliche Umrisse gebildet. Ein Rasierer lag zerbrochen in der Ecke, in seiner Nähe befand sich Blut. Der Spiegel war zerborsten. Es musste etwas Grauenvolles in dieser Wohnung geschehen sein. Franks Leiche fanden die Beamten erste einige Minuten später. Sie hatten den Rest der Wohnung durchsucht und standen vor dem letzten Zimmer. Nach ihren Berechnungen musste sich dort das Schlafzimmer befinden. Sie öffneten die Tür und sofort stieß ihnen ein widerwärtiger Geruch entgegen. Es war ein süßlicher Verwesungsgeruch und sie waren sich sicher den Mann gefunden zu haben. Frank lag auf dem Bett. Er war nackt. Seine Haut war bläulich verfärbt und dunkle Flecken, die ersten äußerlichen Merkmale der Verwesung, malten sich auf ihr ab. Seine Hände waren verkrampf. Die Finger hatten sich in die Bettdecke gegraben. Einige Nägel waren abgebrochen. Ein schrecklicher Todeskampf musste stattgefunden haben. Sein kahler Kopf war verdreht und seine Augen waren vor Schreck geweitet und blickten leblos nach oben. Frank musste schon seit mindestens drei Tagen tot sein. Die feuchte Wärme der Wohnung, hatte den Verwesungsprozess beschleunigt. Nach dem Auffinden der Leiche wurde ein Amtsarzt benachrichtigt, der die Todesursache verstellen sollte. Für ihn war die Ursache schnell gefunden. Frank war einen Herzanfall erlegen. Damit schien der Fall erledigt. Franks Leichnam wurde abtransportiert, einige Gegenstände wurden beschlagnahmt um den Bericht korrekt abschließen zu können. Haare fand man nie. Auch für die Nachbarn war dies ein Schock. Vor allem für Anita, die Frank wirklich gemocht hatte. Er würde ihr fehlen. Doch im Moment konnte sie nicht an ihn denken. Sie saß in einem weichen Sessel. Im Fernsehgerät lief eine Talkshow. Doch was um sie herum geschah, interessierte sie nicht. Sie las in einer Zeitung und war in eine Anzeige vertieft. "Sie wünschen sich größere Brüste! Ihre kleine Oberweite ist für sie ein Handikap! Sie möchten endlich wieder Attraktiv wirken! Kommen Sie bei mir vorbei. Endgasse dreizehn, Frankfurt."

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Eingereicht am
14. Januar 2008

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