Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Salon Anton

© Susanne Bloos

Pfeifend räumte Anton seinen Laden auf, legte die Gerätschaften für die Arbeit zurecht, putzte hier ein Waschbecken, fegte dort die letzten Haare zusammen und prüfte, ob noch genug Chemikalien für Dauerwellen, Strähnchen und Volltönungen vorhanden waren. Er sortierte die Tuben nach Farben und Menge des Inhalts, legte die Scheren akkurat nebeneinander und sah sich noch einmal prüfend um, bevor er zufrieden nickte und den Laden verschloss, bis die ersten Kunden kommen würden.

Über die Hintertreppe ging er in seine Wohnung hinauf, setzte Wasser auf für seinen Kaffee, stellte den Toaster auf den Tisch, wischte einmal über die spiegelnde Oberfläche des Gerätes, um einen Fingerabdruck zu entfernen, öffnete den Kühlschrank und entnahm diesem Butter, Marmelade und Mortadella, welche er auf ihre angestammten Plätze auf dem Tisch stellte. Dann holte er das Glas Honig aus dem Küchenschrank und stellte es daneben. Als Kind hatte er einmal nach Schokoladencreme gefragt, aber seine Mutter hatte erklärt, dass diese ungesund sei und seine Zähne verfaulen lasse, und so blieb er bei Marmelade und Honig. Mama hatte auch wirklich recht gehabt, wie immer in seinem Leben. Er holte das Toastbrot aus dem Kasten und legte einige Scheiben in das hübsch mit Blümchenstoff ausgelegte Körbchen. Dann holte er Mama zum Essen, schob ihren Rollstuhl sacht über die Türschwellen und stellte ihn an ihren Lieblingsplatz. Sie schaute so gerne beim Essen nach draußen, sah im Frühjahr den Vögeln zu, wie sie ihre Nester bauten, im Sommer den Kindern beim Schaukeln auf dem gegenüberliegenden Spielplatz und im Winter den tanzenden Schneeflocken, wie sie dem Boden und somit ihrer Vergänglichkeit in Matsch und Wasser entgegen schwebten.‚

Sorgsam röstete Anton das Brot, bestrich die Scheiben dünn mit Butter und dann etwas verschwenderischer mit Marmelade, bevor er eine davon seiner Mutter auf den Teller legte und sie auffordernd ansah. Sie lächelte wohlwollend, und gemeinsam aßen sie ihr erstes Toast. Erst danach filterte er den Kaffee, goss ihnen beiden eine Tasse davon ein, gab Milch und einen Hauch Zucker in beide Tassen und röstete nun die zweite Scheibe Brot für jeden. Nach der dritten saßen sie schweigend beisammen, sahen aus dem Fenster und genossen den ruhigen Morgen miteinander. Schließlich räumte Anton den Tisch ab, wusch das Geschirr und schob Mama in die Stube, wo er ihren Stuhl ans Fenster stellte, sorgsam darauf bedacht, dass sie nach draußen sehen konnte und ihre geliebten Zeitschriften in Griffweite hatte. Einen Fernseher besaßen sie nicht, denn Mama fand, es sei Teufelszeug, und damit hatte sie sicherlich Recht, denn als Anton einmal heimlich in einem Elektrogeschäft auf die Mattscheibe eines solchen Gerätes gesehen hatte, waren dort bunte Wesen herumgehüpft und hatten unverständliche Laute ausgestoßen. Zwar hatte die Sonne in der Sendung ein freundliches Kindergesicht, aber Anton ließ sich nicht so leicht täuschen wie andere. Schnell hatte er weggesehen und an Mamas Worte gedacht.

Jetzt strich er ihr noch einmal über das wundervolle, üppige Haar, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und ging dann nach unten. Er schloss den Laden auf und ließ Robert, seinen Gesellen, ein. Anja, die Auszubildende, kam wie immer in letzter Minute, warf ihren Kaugummi unter Antons tadelndem Blick in einen der Mülleimer, die doch nur für Haare gedacht waren und lächelte entschuldigend.

"Mein Bus, Sie wissen ja. Um diese Zeit sind sie nie pünktlich."

"Dann nimm morgen einen früheren", entgegnete Anton ruhig und wusste doch, dass ihr Nicken nichts anderes bedeutete, als dass sie seine Anweisung eh schon wieder vergessen hatte. Zu seiner Lehrzeit hatte es das nicht gegeben, da gehorchte man seinem Meister. Aber er brachte es auch nicht über sich, sie hinauszuwerfen, denn natürlich brauchte sie das Geld, und sie machte ihre Arbeit sehr gut, was wiederum Anton zugute kam. Also arrangierte er sich mit ihren Marotten, zu denen auch die breite pinkfarbene Strähne in ihrem schwarzgefärbten Haar gehörte. Er seufzte hin und wieder über so viel Unverstand. Das Mädchen hatte von Natur aus wunderbares dunkelblondes Haar; als sie sich bei ihm vorstellte, war es bis zum Taille gefallen, dick und weich und ohne jeden Makel. Was man damit alles hätte machen können! Er mochte gar nicht daran denken, wie ihm zumute gewesen war, als sie mit ihrem neuen, schwarzbunten Bubikopf zur Arbeit erschienen war und auch noch stolz verkündete, das habe eine Freundin, die gemeinsam mit ihr zur Berufsschule gehe, gemacht. Nicht einmal das abgeschnittene Haar war ihm geblieben.

"Robert, du kümmerst dich heute um Frau Meyer-Hansen, sie wünscht eine Auffrischung ihrer blonden Strähnchen sowie eine neue Dauerwelle."

"Sehr wohl, Herr Woltan."

"Anja, du wirst mir beim Anrühren der Farben für Herrn Kaiser helfen. Es muss ein ganz natürliches Braun mit leichten Lichtreflexen werden, so dass niemand das Grau darunter vermutet."

"Sehr gern, Herr Woltan", entgegnete das Mädchen. Immerhin war sie wohlerzogen genug, um ihm nicht zu widersprechen, weder ihm noch den Kunden gegenüber ein falsches Wort zu benutzen und so gelehrig, wie es sich für einen guten Lehrling gehörte.

Gemeinsam arbeiteten sie schweigend, bis der erste Kunde zur Tür hereinkam. Nicht, dass es deutlich fröhlicher und lebendiger zuging, nachdem sie nicht mehr unter sich waren, aber Anton legte eine Platte mit leichter, klassischer Musik auf und führte eine höfliche Konversation mit dem Kunden. Herr Kaiser kam gegen elf und ließ sich die Haarfarbe auffrischen, und Robert sorgte für frischen blonden Glanz in den Haaren von Frau Meyer-Hansen, die ihn wie immer über den grünen Klee lobte. Anton seufzte. Sicher, Robert war nicht schlecht, aber er sollte sich auch nicht zu viel einbilden, immerhin war er nur Geselle und konnte seinem Meister bei weitem nicht das Wasser reichen!

Gegen zwölf drehte Anton das Schild an der Tür und den Schlüssel im Schloss um. Die beiden jungen Leute schlenderten in ein nahegelegenes Bistro und aßen dort eine Kleinigkeit, während Anton zu seiner Mutter hoch ging und das Mittagessen für sie beide bereitete. Er hatte am Vorabend zwei kleine Kalbsschnitzel in der Metzgerei gegenüber erstanden, die er nun für sie briet. Dazu kochte er Salzkartoffeln, für jeden drei Stück, und Erbsen und Möhren aus dem Glas, sowie eine helle Sauce, die er mit Hilfe eines fertigen Saucenfonds ansetzte. Sicher, Mama hatte früher alles selber gemacht, sogar die frischen Erbsen gepalt und die Sauce aus dem Knochen gekocht, aber seit sie nicht mehr selber einkaufen und kochen konnte, mussten sie sich mit dem behelfen, was er in seiner geringen Freizeit zustande bekam. Und natürlich schmeckte es nicht ganz so gut wie früher, aber schlecht war es deshalb noch lange nicht.

Als ihre Teller leer waren, wusch Anton ab, stellte das Geschirr ins Abtropfgitter und fuhr Mama wieder an den Balkon, nachdem er sie zur Toilette gebracht und sich versichert hatte, dass sie ihr Geschäft verrichtete. Er seufzte leise, als er ihre fahrigen Bewegungen beobachtete, das Flattern ihrer Hände, den stumpfen Blick. Früher war sie bildschön gewesen, viele Männer hatten sich nach ihr umgedreht, aber natürlich hatte es sich für sie als Witwe nicht geziemt, den Blicken Beachtung zu schenken. Heute war nur noch ihr Haar ein Blickfang, wunderbar glänzend und seidig. Goldbraun und voller Reflexe, und Anton liebte es, abends vor dem Schlafengehen mit langen, zärtlichen Strichen diese Pracht zu bürsten und schließlich zu einem Zopf zu flechten, damit die kostbaren Strähnen nicht über Nacht zu sehr zerzaust würden. Auch morgens machte er sie zurecht, bürstete, bis das Haar glänzte und Funken zu sprühen schien. Erst dann war er glücklich, wenn Mama schön aussah. Die Traurigkeit in ihrem Blick übersah er geflissentlich, doch jede Strähne, die sie verlor, riss an seinem Herzen. Auch jetzt wieder lag ein kleines Büschel auf ihrer Schulter; er nahm es sorgsam und betrachtete es lange, bevor er es in den Papierkorb schweben ließ.

Um Punkt halb zwei war er wieder im Laden, schloss die Tür auf und klopfte auf seine Uhr, um Robert und Anja anzuzeigen, dass sie unverzüglich wieder zu erscheinen hatten. Nicht jeder Lehrling oder Geselle hatte den Luxus einer einstündigen Mittagspause, da konnte man wenigstens erwarten, dass sie rechtzeitig wieder zurück waren. Kaum dreißig Sekunden, nachdem er geöffnet hatte, standen sie wieder vor ihm.

"Wir haben Hefekringel aus der Bäckerei mitgebracht, wenn Sie möchten ...", hob Anja fast schüchtern an.

Anton sah sie irritiert an. "Direkt nach der Mahlzeit?"

"Nun, wir dachten, wir könnten nachher gemeinsam eine Tasse Tee trinken und dazu die Kringel - natürlich nur, wenn keine Kundschaft im Laden ist", fügte Robert schnell hinzu, als er Antons Blick sah, der sich leicht verfinstert hatte.

"Nun ja, warum nicht", brummte dieser schließlich und scheuchte sie wieder an die Arbeit. Kurze Zeit später verirrte sich eine junge Frau in den Laden, die er hier noch nie zuvor gesehen hatte. Sie wirkte etwas unsicher und nicht unbedingt glücklich, machte aber dennoch drei entschlossene Schritte auf Anton zu und sagte, sie wolle sich das Haar schneiden lassen.

"Selbstverständlich, gnädige Frau. Schwebt Ihnen etwas Bestimmtes vor?"

"Kurz", war die knappe, aber unmissverständliche Antwort, begleitet von einer Geste, als wolle sie sich selbst guillotinieren. Anton wusste nicht recht, was er sagen sollte. So wunderbares langes Haar schnitt man nicht einfach ab! Und doch war er froh, dass sie mit diesem Wunsch nicht in irgendeinen Salon gegangen, sondern zu ihm gekommen war. Wahrlich, er würde ein Meisterwerk vollbringen!

"Gewiss doch, bitte setzen Sie sich. Möchten Sie eine Tasse Tee oder Kaffee?" Anton betonte auf der letzten Silbe, es klang einfach vornehmer, fand er.

"Einen Tee, wenn es keine Umstände macht", willigte sie ein.

"Aber nicht doch, das ist in unserem Service inbegriffen." Er winkte Anja, und sie bereitete den Tee zu, legte Kekse auf einen Teller und brachte alles gemeinsam mit einem Zuckertöpfchen und Milch zur Kundin. Diese bedankte sich, schenkte Tee und Milch ein, nahm einen Keks und tunkte ihn in die Tasse. Anton erstarrte leicht ob des Sakrilegs, hatte sich aber augenblicklich wieder in der Gewalt, schließlich war der Kunde zu jedem Zeitpunkt König in seinem Salon.

Sanft wusch er der jungen Frau das lange, leicht wellige Haar, trocknete es in einem Frottiertuch und kämmte es in weichen, gleichmäßigen Bewegungen aus. Sie hatte die Augen geschlossen, ihr schien nicht nach einem Gespräch, und ihm sollte es recht sein. er konnte kaum die Augen von ihrem Haar lassen, so wunderschön war es. So schön wie Mutters Haar. Selten hatte er eine andere Frau mit so perfektem Kopfputz gesehen und er genoss den Anblick. Einen Moment ließ er sie warten, ging zum Plattenspieler hinüber und legte Mozarts Violinkonzert in A-Dur auf, den dritten Satz. Im Takt der Musik schließlich schnitt er die honigfarbenen, von der Nässe schweren Strähnen von ihrem Kopf. Eine nach der anderen fiel zu Boden, und schließlich war der Rohschnitt fertig. Sorgfältig nahm er die Haare auf und legte sie zur Seite. Anja und Robert fragten nicht, sie kannten die Marotten ihres Meisters bereits zur Genüge. Dann machte er sich an den Feinschliff, arbeitete das grazile Puppengesicht der Kundin heraus, betonte ihre hohen Wangenknochen und großen, tiefliegenden Augen mit weichen, leicht in das Gesicht fallenden Strähnen. Nicht einen Moment öffnete sie die Augen, nicht einen Blick gönnte sie ihrem Spiegelbild.

Schließlich föhnte er die letzte Feuchtigkeit aus ihrem Haar und zupfte alles zurecht. Zufrieden nickte er.

"Schauen Sie, es wird Ihnen gefallen", sagte er und legte ganz sacht zwei Finger auf die Schulter der Kundin. Diese atmete tief ein und öffnete dann die Augen.

Einen Moment starrte sie sprachlos ihr Spiegelbild an. Dann breitete sich ein ungläubiges Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

"Man hat mir versichert, Sie wären der Beste", murmelte sie. Dann sah sie ihm voll ins Gesicht, strahlte ihn an. "Und es ist wahr, niemand sonst hätte mir ein so perfektes Aussehen geben können wie Sie!" Sie stand auf, betrachtete sich mit Hilfe eines Handspiegels von allen Seiten und geriet immer mehr in Verzückung.

"Was bin ich Ihnen schuldig?"

Anton nannte einen Preis, der sie überraschte, doch offenkundig eher, weil er ihr zu niedrig erschien, denn sie gab ein großzügiges Trinkgeld. Anton bedankte sich höflich und geleitete sie zur Tür, von wo aus er ihr nachsah, wie sie beschwingt und wie von einer schweren Last befreit davonging.

"Nun könnte ich einen Hefekringel und etwas Tee vertragen", sagte er, sich zu Anja und Robert umdrehend. Diese hatten ihren Chef lange nicht mehr so guter Laune gesehen und beeilten sich, das Gewünschte zu bringen, um seine Stimmung recht lange zu erhalten.

Abends, als der Laden sauber gefegt und die beiden jungen Leute gegangen waren, schloss Anton achtsam die Tür ab, ließ die Jalousie herunter und ging in den kleinen Nebenraum, wo er das Haar der Kundin verwahrt hatte. Es hatte sich beim Trocknen leicht gekräuselt, aber nicht sehr, und er nickte glücklich. Ja, es war perfekt. Sanft drückte er seine Nase hinein, sog den warmen Geruch des Shampoos ein und lächelte. Dann legte er es in eine mit Stoff gepolsterte Schachtel und ging mit dieser hoch zu seiner Mutter.

"Schau, was ich Dir mitgebracht habe", sagte er und legte die Schachtel in ihren Schoß.

Ihre Hände betasteten das Geschenk, sie öffnete mit zitternden Fingern den Deckel und berührte die Gabe. Leise seufzte sie. Anton stellte sich hinter sie, legte ihr den Friseurumhang um und machte sich an die Arbeit. Mama sollte doch schön sein für ihn, immer, solange sie bei ihm war.

Mit einer feinen Nadel drückte er Strähne um Strähne in ihre Kopfhaut, und sie ertrug klaglos den Schmerz.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
13. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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