Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Ich und meine Frisur - eine haarige Sache!

© Dorothée Wirth

Ich und meine Frisur, wir sind wie ein altes Ehepaar. Denn in den letzten 35 Jahren gab es zwischen uns Höhen und Tiefen. Es kam zur Trennung bedingt durch Mode und Haarausfall, farbliche Eskapaden, Wirrungen durch extreme Dauerwellen und wie in einer Ehe fragte auch ich mich manches Mal, ob ich wohl geistig umnachtet war, dass ich mich für dieses Modell entschieden hatte. Ja, da waren gute Zeiten und schlechte Zeiten ... wobei sich die guten Zeiten wohl in meinen ersten vier Lebensjahren abgespielt haben müssen, ich kann nämlich nicht behaupten, dass ich mich an eine Zeit erinnern könnte, in der ich wirklich zufrieden gewesen wäre mit dem, was sich da auf meinem Kopf abspielt. O.K., es gab kurzfristige Phasen von ca. 5-10 Minuten in denen ich wirklich eins war mit den Gebilden auf meinem Haupt. Obwohl ich heute rückblickend sagen muss, dass es sich dabei um damals wohl moderne, aber nicht immer um geschmackvolle Kreationen handelte.

Da wurden Anfang der 80er Haargel, -lack und -wachs in solchen Mengen verwendet, dass die sogenannte Frisur eigentlich sofort wieder reif für eine Haarwäsche gewesen wäre. Eine knallblonde Strähne im Pony, als Zeichen der Revolte zeigte Mitte der 80er jedem schon von Weitem: da ist jemand schwer in der Pubertät. Ende der 80er wurden dann kleine Dutts mit Halstüchern umwickelt, bis sie aussahen, wie ein Hundehäufchen in Geschenkverpackung und der lang gezüchtete Pony hing dermaßen in den Blick, dass man in der Schule nur die rechte Tafelhälfte erkennen konnte und so manches Mädel frisurbedingt am Schiefhals litt. Und in den 90ern folgten dann viel zu starke Dauerwellen als ein deutliches Zeichen schlechten Geschmacks!

Ja, Frisuren kommen, Frisuren gehen! Und das ist überhaupt das Beste daran - sie gehen auch wieder! Können Sie sich vorstellen, diese gruseligen Denver Clan-Frisuren wären immer noch top-aktuell? Da ist nicht nur das Ozonloch dankbar, dass diese "Albträume in Haarspray" irgendwann ein Ende fanden.

Aber zurück zu meinem eigenen haarigen Werdegang ...

Wie wohl so viele, legte auch ich bis zu meinem 12. Lebensjahr das Schicksal meiner Haare und somit auch manchmal das meiner Ohren, mutig in die Hände meiner Mutter - und das meine ich wörtlich! Denn sie schnitt scharf, wie die Narbe an meinem linken Ohr auch heute noch zu berichten weiß. Auch wenn sie damals an meinem Pony herumschnitt, wie Erny und Bert an der berühmten Lakritzstange - ich fand es klasse, dass ich dank der Kombination aus meiner 70er-Jahre-Horn-Brille und dem Pottschnitt irgendwie Nana Mouskouri glich. Mit einer Haarbürste als Mikrophonersatz wurde dann das Wohnzimmer oftmals zur Showbühne. Ja, bis zur 5. Klasse war meine Mutter für mich der weibliche Udo Walz, doch dann entdeckte ich, dass es noch etwas anderes gibt, außer der Prinz Eisenherz-Gedächtnisfrisur und beschritt neue Wege, indem ich das erste mal in meinem Leben einen richtigen Fachmann an meine Haare ließ. Der erste Besuch beim Friseur war für mich so überraschend, wie die Erkenntnis, dass Jungs nicht nur "pfui" sind, denn obwohl die Friseuse die Schere nur so wirbeln ließ, schnitt sie mir nicht ein einziges Mal ins Ohr. Auch die endlosen Begradigungen meines Ponys waren dort nicht nötig und am Ende hatte ich exakt die Frisur, die ich mir gewünscht hatte und zwar Vo-Ku-Hi-La! Vorne kurz - hinten lang. Ich war euphorisch und fühlte mich erwachsen - zumindest fast einen Tag lang ... dann kam der Kater! Was hatte ich nur getan? Nach zehn langen Jahren mit ebenso langen Haaren hatte ich mich von ihnen innerhalb von zwanzig Minuten getrennt. Einfach so - endgültig getrennt ... Weinend hielt ich die Trümmer dieser Langzeitbeziehung, eine Haarsträhne, die mir die Friseuse als Andenken mitgegeben hatte, in den Händen. Doch man konnte sie eben nicht mehr anknüpfen.

Nachdem ich diesen Schock irgendwann überstanden hatte, folgten dann die bereits beschriebenen modischen Tiefschläge der 80er und 90er.

Und es verging kaum ein Morgen, an dem ich nicht unzufrieden mit meiner Frisur das Haus verließ. Mal ließ der Pony sich nicht formen, mal geriet die rote Haartönung außer Kontrolle und ich sah aus wie ein Streifenhörnchen. Ich kämpfte tapfer so manchen Kampf, doch stets gewannen meine Haare.

Oftmals erschien ich viel zu spät und kurz vor einem Nervenzusammenbruch beim Frühstück. Da reichte schon ein unbedachter Kommentar meiner Mutter wie z.B. "Heute hast Du aber die Haare schön" und die Welt brach vollends zusammen.

Das größte Hindernis meiner Schönheit von Kopf bis Fuß war jedoch die Tatsache, dass ich bis zu meinem 30. Lebensjahr meine Haare nicht zu einer einzigen naturbedingten Locke bewegen konnte. "Stangenlocken" nannte mein Vater dieses extreme Glatthaar. Ich versuchte alles, was die Frauenzeitschriften mir und meinen Leidensgenossinnen empfahlen: ich klebte Volumenfestiger hinein, mixte Kuren mit Ei und Bier und roch anschließend tagelang wie die Kellerbar meiner Eltern und versuchte es mit angewärmten Lockenwicklern - doch der Erfolg war nur von kurzer Dauer! Dann eines Tages las ich in einer überaus kompetenten Klatschzeitschrift, dass man traumhaftes Volumen erhält, wenn man die Haare beim Föhnen auf eine Lockenbürste dreht und diese anschließend weitere fünf Minuten im Haar verbleibt. Bereits am nächsten Tag probierte ich diesen sagenhaften Tipp aus und saß zehn Minuten später verzweifelt auf dem Badewannenrand, während meine Mutter versuchte die hoffnungslos verwickelte Lockenbürste aus meinen Haaren zu befreien. Weitere fünf Minuten später saß ich, mittlerweile laut heulend, immer noch auf selbigem Rand und konnte nicht verhindern, dass meine Mutter wieder einmal zur Schere griff. Schließlich hieß die Alternative, mit Lockenbürste im Haar zur Arbeit zu gehen und das wollte ich dann doch nicht. Eines muss ich ja zugeben, nach dieser Prozedur hatte ich tatsächlich, wenn auch nur einseitig, eine Volumensteigerung zu verzeichnen. Was aber wohl mehr am Radikalschnitt meiner Mutter lag …

Eines Tages eröffnete mir dann meine Friseuse, dass meine Haare sich tatsächlich ganz freiwillig zu Locken und Wellen formten. Hurra, da ist endlich die Natur, die alles verändern wird. Nun wird das Leben leichter! Ich kam mir vor wie eine Frau, der der Gynäkologe gerade das Ergebnis des Schwangerschaftstests verkündet hatte… Doch, wie das so mit Kindern ist: sie machen einem nicht immer nur Freude! Heute, fünf Jahre später weiß ich das! Wo früher Glatthaar mich zum Wahnsinn trieb, machen heute Wellen und Locken was sie wollen und mich damit an manchem Tag vollkommen ratlos.

Ja, ich und meine Frisur, wir haben keine leichte Beziehung zueinander, aber so ist das nun mal: es ist eben eine Zweckgemeinschaft und keine Liebesheirat …

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
13. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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