Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Lebenserfahrungen

© Christiane Spiekermann

Kindergarten war toll! Da war es nie langweilig. Da war immer was los. Ich konnte da mit meinen Freunden spielen und wir machten oft tolle neue Sachen mit Frau Butterkern. Die hieß wirklich so, war aber ganz lieb. Ich mochte sie. Sie verstand viel Spaß und ihre Augen funkelten immer, wenn sie lachte. Sie lachte oft.

Gestern beim Singen im Kreis guckte sie auf einmal so komisch, weil wir uns alle immer und immer kratzen mussten. Dann hat sie uns allen auf den Kopf geguckt und gestöhnt. Und heute Morgen waren zwei fremde Frauen gekommen, die haben uns allen zwischen den Haaren gewühlt mit so dünnen Handschuhen und uns einen Zettel für die Mamas mitgegeben. Sie haben gesagt, wir dürften nicht mehr so dicht mit den Köpfen zusammenkommen beim Spielen. Und wir sollten nicht so viel kratzen. Aber das ging nicht anders, weil es doch so furchtbar gejuckt hat.

Mama war ganz schön hektisch, als sie den Zettel gelesen hat. Sie sagte zu Papa: "Stell dir vor, in Lisas Kindergartengruppe sind die Läuse. Lisa hat auch welche. Da muss ich gleich in die Apotheke. Oh Gott, hoffentlich hat sich Anna noch keine geholt." "Nun sei doch nicht gleich so panisch. Einmal waschen, dann werden sie schon wieder weggehen", sagte Papa. Papa war das egal, aber Papa interessierte sich auch nicht besonders für unsere Meerschweinchen. Wahrscheinlich war er nicht sehr tierlieb.

Anna, meine große Schwester, zog eine krause Nase. Das machte sie immer, wenn sie so groß tat. Ich konnte das gar nicht gut leiden. "Igitt. Mama, kann Lisa nicht die nächste Zeit bei Oma schlafen? Das wäre doch das Beste. Ich habe keine Lust, mich mit diesem ekligen Kleinkinderkram zu infizieren." Ich verstand sie manchmal gar nicht, wenn sie etwas sagte, aber den "Kleinkinderkram" nahm ich ihr übel. Ich habe sie gleich ganz feste ins Bein gekniffen und bin schnell aus dem Haus gelaufen.

Das alles musste ich Alex erzählen. Alex wohnte gleich nebenan und war mein bester Freund. Ich kannte ihn schon so lange, wie ich mich erinnern konnte. Alex' Mama war hässlicher als meine Mama. Aber das habe ich Alex noch nie erzählt. Er wäre dann bestimmt beleidigt. Sie hatte einen Ring über dem einen Auge, mitten im Fleisch. Das hat bestimmt wehgetan. Aber dafür hatten sie einen schöneren Garten als wir, so mit Schaukel und Rutsche und so. "Stell dir vor, ich habe Läuse auf dem Kopf. Richtige Läuse. Alle bei uns in der Schmetterlingsgruppe haben welche. Das juckt ganz doll und ich muss immer kratzen. Aber das hilft auch nicht. Mama holt jetzt was aus der Apotheke, hat sie gesagt."

Alex staunte mich an, mit offenem Mund. "Wirklich? Is ja toll! Kannst du mir auch welche abgeben? Ich hatte noch nie Läuse." Ich war auf einmal ganz stolz. Ich merkte, dass er ein bisschen neidisch war. "Frau Butterkern hat gesagt, dass die Frauen von der Gesundheit gesagt haben, dass die Läuse von einem Kopf auf den anderen springen, wenn man sie nur ganz dicht zusammenhält."

Aber dafür hatten wir dann leider keine Zeit mehr, weil Mama mich gerufen hat. Ihre Stimme klang schon ganz schön schrill. Deshalb lief ich schnell nach Hause.

Mama hatte alle meine Anziehsachen in die Waschmaschine gestopft und auch meine Benjamin-Blümchen-Bettwäsche und sogar alle meine Kuscheltiere, sogar Kreti. Das Kreti hat mir Tante Birgit aus dem Urlaub mitgebracht. Sie hat gesagt, ein Schaf aus Kriechenland, aber Kreti konnte gut stehen, es musste nicht kriechen. Es war mein Lieblingskuscheltier. Ohne Kreti konnte ich nicht schlafen und Kreti konnte ohne mich nicht schlafen. Jeden Abend kuschelte es sich unter mein Kinn in die Kuhle an meinem Hals. Und nun lag es klitschnass auf der Heizung im Wohnzimmer und roch gar nicht mehr so süß wie vorher. Ich hatte es ab und zu mit meiner Honigmilch gefüttert. Davon war es ein bisschen gelb geworden, aber das fand ich richtig gut. Richtige Schafe waren auch nicht so weiß, wie das Kreti nun auf der Heizung lag. Und dann hat sie alle meine Puppen eingefroren. Ich habe gebettelt, dass die da drin ja alle erfrieren, aber sie hat gesagt, dass das nötig wäre, weil die auch alle Läuse hätten. Hoffentlich musste ich nicht auch eingefroren werden.

Mama gab ihr Bestes. Sie shampoonierte, rubbelte, massierte, rieb ein, bürstete und kämmte. Ich hatte Angst, dass meine Haare alle vom Kopf abfallen. Und dann kam mein Kopf in einen Schwitzkasten. Sie wickelte eine Plastiktüte um meinen Kopf und darum noch ein riesengroßes Handtuch. Schade, dass die anderen vom Kindergarten mich nicht sehen konnten. Ich sah aus wie der Maharadscha von Turpistanien, der in meinem Bilderbuch. Ich musste ganz still sitzen, damit der Turban nicht vom Kopf rutschte. Es war so warm da drin, dass es bald schon darunter so kribbelte, als würden alle Läuse ihre Verstecke verlassen und flüchten wollen. Vielleicht aber konnten sie auch den furchtbaren Gestank nicht so gut ertragen, den ich ab und zu durch die Ritze der Haube gerochen habe. Igitt. Ich wäre am liebsten auch geflüchtet, aber Mama hatte mir eingeschärft, dass ich nun einmal tapfer sein müsste. Und feige war ich noch nie gewesen. Gut, dass ich Locken und keine Zöpfe hatte wie Marie, die Arme.

Ich wollte die Läuse so gerne trocknen und aufheben, aber Mama sah mich mit ihrem Wag-es-ja-nicht-Blick an und spülte sie rasch in den Abfluss im Waschbecken, dass ich mich gar nicht mehr traute, ihr zu sagen, dass Alex sie sicher gerne für seine Aquariumsfische als Futter gehabt hätte.

Ich hatte gedacht, ich hätte schon alles überstanden. Aber nein, es wurde noch ganz doll schlimm. Mama kämmte meine Haare, nein, sie ziepte mit einem kleinen Kamm, - sie sagte, es wäre ein Nissenkamm, - so fürchterlich. Ich schrie so laut ich konnte. Das tat so weh, dass sie bestimmt alle Haare ausreißen würde, wenn sie nicht aufhörte. "Das hat so keinen Sinn. So geht das nicht. Tut mir leid, Lisa, aber ich komme durch deine Wuselhaare nicht mit dem Kamm durch. Und raus müssen die Biester. Ich lasse dich nicht mit dem Ungeziefer auf dem Kopf herumlaufen."

Und schon stand sie mit der Schere vor mir. Ihre Schere, mit der sie und nur sie Stoff schneiden durfte - und nur Stoff. Das hatte sie uns immer wieder eingeschärft. Niemand außer ihr durfte diese Schere benutzen und nur für Stoff. Was in aller Welt hatte sie denn nun noch vor? Wollte sie die armen, kleinen Läusebabys nun kaputt schneiden? Das konnte sie doch nicht machen. "Du kannst die armen kleinen Kinder doch nicht leiden lassen. Lass sie doch am Leben. Lieber will ich sie bei mir wohnen lassen. Bitte!" "Aber Lisa, das geht doch nicht. Das musst du doch verstehen. Ich hasse es auch, meine Kinder leiden zu sehen, aber in diesem Fall muss die Vernunft siegen!" Sprach's und ritsch, ratsch schnitt sie mir die längsten und schönsten meiner prachtvollen Locken ab. Vor Schreck vergaß ich das Atmen, bis ich ganz rot und schwitzig im Gesicht war."Atme, Lisa, los atme!" Mama rüttelte mich. " Los, hol Luft, sofort!"

Nicht die kleinen Läuse sollten leiden, sondern ich! Das konnte sie doch nicht machen! Alle meine Freundinnen waren neidisch auf meine schönen, schönen blonden Locken. Ich würde nie, nie wieder in den Kindergarten gehen. Nie wieder!

Als Oma zu Besuch kam, weinte sie, als sie mich sah. Und ich weinte auch immer noch. Ich würde nie wieder aufhören können mit dem Weinen. Ich sah so hässlich aus und schämte mich. Das würde ich Mama nie verzeihen! Deshalb habe ich sie auch vors Knie getreten, als sie mich in die Arme nehmen wollte. Pf, erst Haare schneiden und dann lieb halten. Pf, nicht mit mir! Ich wollte gar kein Abendbrot essen und war gleich ins Bett gekrochen. Und dann hat mir mein Kreti gefehlt. Ich wollte ihm alles erzählen. Es hätte mich verstanden. Kreti versteht mich immer, weil ich es schon ganz lange habe. Aber ich glaube, Kreti ist auch ganz doll sauer auf Mama. Es hat den Kopf und den kleinen Stummelschwanz hängen lassen, als Mama es aus der Waschmaschine geholt hat, so ganz klitschnass - das Kreti natürlich, nicht die Mama.

In der Nacht hatte ich dann alles ganz vergessen, aber gleich beim Aufwachen fiel es mir wieder ein. Ich wollte gar nicht aufstehen. Doch Mama stand neben meinem Bett und hielt eine Kappe in der Hand, so eine, wie ich sie mir schon immer gewünscht hatte. So eine, wie Leah im letzten Urlaub in Italien am Strand immer auf hatte - pink mit vielen bunten Glitzersteinen - wie Diamanten. Leah war wirklich nett. Man konnte gut mit ihr spielen, vor allem Matschburgen bauen, aber beim Wer-traut-sich-weiter-ins-Wasser war ich besser. Nun hatte ich auch so eine Kappe, toll. Die musste ich unbedingt heute im Kindergarten Marie zeigen. Ich drückte mich ganz fest in Mamas Arme. "Ich habe dich soo lieb. Du bist die beste, na ja, beinahe die beste Mama auf der ganzen Welt. Und wenn ich groß bin, dann will ich auch eine Schere für mich ganz alleine - aber nur für Stoff, nicht für Haare - und alle Läuse dürfen bei meinen Kindern in den schönen Haaren wohnen."

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Eingereicht am
10. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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