Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Waschen, schneiden, tot

© Melanie Bayer

Trotz des milden Frühlingsmorgens lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken, als sie den Friseursalon aufschloss. Sie schaltete die Lichter an und schlenderte langsam durch ihren neuen, modern eingerichteten Laden. Das hatte immer noch das Gefühl der inneren Unruhe, diesen Klumpen im Magen und den Klos im Hals. Dabei sollte sie eigentlich mehr als zufrieden sein. Mit ihren siebenundzwanzig Jahren hatte sie schon vieles erreicht. Sie war verheiratet, mehr oder weniger glücklich, hatte endlich ihren Traum vom eigenen Friseurgeschäft verwirklichen können, war also finanziell unabhängig. Alles schien soweit perfekt. Aber in letzter Zeit hatte sie mit Marco immer wieder das ein oder andere Problemchen. Sie hatte sich irgendwie nichts mehr zu sagen. Jeder lebte sein Leben. Gemeinsam unternahmen sie so gut wie nichts mehr. Ständig musste er Überstunden machen. Erst gestern wieder hatte sie blonde Haare am Jackett ihres Mannes gefunden. Ein sehr helles, unnatürliches Blond. Lange hatte sie überlegt, aber es war ihr in ihrem Bekanntenkreis niemand mit solch einer Haarfarbe eingefallen. Wie kamen diese Harre also an Marcos Sakko? Und dann neulich dieser grelle pinke Lippenstift am Kragen seines Hemdes. Das musste geklärt werden. Es war höchste Zeit für eine Aussprache. Heute Abend, entschied sie, denn jetzt musste sie erst einmal den Salon öffnen.

Das Klingeln der Ladenglocke riss sie aus ihren Gedanken. "Guten Tag, mein Name ist Lindenberg, Marion Lindenberg. Ich habe einen Termin um 8 Uhr." Das ist genau die Haarfarbe die ich gestern an Marcos Anzug gefunden habe, geht es Isabella Bühler durch den Kopf. Und die Farbe des Lippenstiftes kommt auch hin. "Guten Morgen Frau Lindenberg. Ich freue mich Sie heute bedienen zu dürfen. Mein Name ist Bella. Wenn Sie mir bitte folgen würden." Bella führte die Dame zu einem freien Platz an der langen Spiegelwand und rückte ihr den Stuhl zurecht. "Was machen wir denn heute mit Ihnen?" fragte Bella freundlich, während sie mit den Händen durch die langen blonden Haare der Kundin fuhr. "Ich möchte gerne etwas mehr Pepp in meine Frisur und die Farbe muss auch aufgefrischt werden. Schließlich möchte ich gerade jetzt besonders attraktiv aussehen." "Gerne Frau Lindenberg, soll es wieder dieselbe Farbe sein?", fragte Bella während sie, den Kopfe nach rechts geneigt, die Haare beim Kämmen genauer betrachtete. "Ja, diese Farbe gefällt meinem Verlobten besonders gut." Verträumt blickte Marion ihrem Spiegelbild entgegen. "Oh, Sie sind Verlobt. Wer ist denn der glückliche? Wann ist die Hochzeit?" Bella atmete erleichtert aus. Diese Frau konnte also nicht die Geliebte von Marcos sein. " Ach je, das ist eine vertrackte Situation. Mein Verlobter ist momentan noch verheiratet. Sie können sich nicht vorstellen, was für eine dämliche Pute seine Frau ist. Friseuse, und so was von naiv. Glaubt doch tatsächlich, sie könnte solch einem Mann was bieten. Und ständig diese Eifersuchtsszenen. Hoffentlich hat das alles bald ein Ende. Na ja, gestern hat er endlich die Scheidung eingereicht." Frau Lindenberg gestikuliert mit einer wegwerfenden Handbewegung. Isabella hatte das Gefühl eine Ohrfeige bekommen zu haben. Ihr wurde plötzlich eiskalt. Sie musste sich setzten. Zum Glück stand da der kleine Hocker. Ihre Beine wollten sie nicht mehr tragen. "Wie heißt er denn, ihr Verlobter?" Sie hatte Mühe zu sprechen. Eigentlich wollte sie die Antwort gar nicht erst hören. "Marco", offenbarte die Lindenberg versonnen. Schmachtend blickte sie ihren Spiegelbild entgegen, derweilen sie mit ihren pinken Lippen einen Kussmund formte. Bella traf es wie einen Faustschlag. Ihr war plötzlich speiübel. Klappernd lies sie den Kamm zu Boden fallen. Seit fünf Jahren waren sie nun ein Ehepaar. Sicher gab es hin und wieder Differenzen, aber wo gab es die nicht? "Ja, warum gerade er nicht?" Diese Frage stellte Bella sich in letzter Zeit immer wieder. Sie hatte das Gefühl kaum noch Luft zu bekommen. Marco war schon immer der Typ, der nichts anbrennen lies.

"Wir fangen dann heute erst mal mit der Farbe an, der Schnitt kommt danach." Bella brauchte jetzt dringend zwei Minuten Zeit um sich wieder zu sammeln. Was sollte sie denn jetzt bloß tun? Wie sollte es denn nun weitergehen? Mit zitternden Knien eilte sie nach Hinten. "Bloß weg von hier", dachte sie.

Kurz darauf kam Bella mit der Farbe und dem Umhang zum Färben zurück. "So, dann wollen wir mal. Erzählen Sie doch noch etwas von Ihrer neuen Liebe. Bei mir ist es nun so ich auf rosa Wolken schwebte." Es tat so weh, aber jetzt wollte sie unbedingt alles wissen, trotz des Schmerzes der ihr die folgenden Worte sicher zufügen wird. Marion bemerkte nichts von Gefühlsregung, so sehr war sie mit sich selbst beschäftigt. Und natürlich lies sie sich nicht zweimal bitten. Überschwänglich fing sie mit der Schwärmerei an. "Er ist ja so lieb. Noch nie hat ein Mann solche Gefühle in mir geweckt. Er raubt mir einfach den Verstand. Das Allersüßeste aber an ihm ist sein Muttermal, rechts neben dem Bauchnabel." Bella kannte die Stelle nur zu gut und auf einmal fühlte sie wie ein unwahrscheinlicher Hass in ihr emporstieg. Am liebsten hätte sie dieser Person vor sich auf dem Stuhl eine Schere in den Hals gerammt. Mit Tränen des Zorns in den Augen wandte sie sich ab.

"Jetzt muss die Farbe runter und dann schneide ich", sagte Bella nach 15 Minuten in einem eisigen Ton und nahm die Kundin mit zum Waschen.

Im Waschraum war es schummrig. Die dunkelblaue Decke wurde von vielen kleinen Lämpchen beleuchtet, so dass es aussah, als blickte man zum Sternenhimmel empor. "Nehmen Sie hier Platz und lehnen Sie sich zurück." Bella wusch der Kundin die Farbe aus dem Haar. Sollte sie diese Person denn jetzt etwa noch mit einer entspannenden Kopfmassage belohne. Niemals!

Endlich, sie waren allein. Bella holte zwei Handtücher. Das erste Handtuch schlang sie der Kundin, welche den Nacken mit den tropfenden Haaren nach hinten ins Becken gepresst dasaß, blitzschnell um den Hals und drehte es hinten fest zusammen. Ein fragender Blick, dann versuchte Frau Lindenberg sich mit den Händen zu befreien. Aber sie hatte keine Chance, da Bella mit aller Kraft zuzog und nun das zweite Handtuch der Rivalin fest aufs Gesicht drückte und somit den Kopf der Konkurrentin in die Ausbuchtung des Waschbeckens presste. Bella ließ keinen Millimeter locker. Frau Lindenberg begann nun wild mit den Füßen zu strampeln und versuchte sich zu befreien. Vergeblich.

Das Wasser lief immer noch und so wurden die gurgelnden Geräusche der erstickenden Dame durch das Gluckern des ablaufenden Wasser übertönt. Bella Drückte das Handtuch immer fester auf Marions Gesicht und drehte ihr gleichzeitig mit der Anderen Hand die Gurgel zu, bis keine Gegenwehr mehr zu vernehmen war.

Verstohlen blickte Bella sich um. Immer noch allein. Nach kurzer Überlegung öffnete sie blitzschnell links von sich eine Tür, die in den Keller führte. Fürs Erste war das die Lösung. Wie einen Sack Kartoffeln schleifte sie die leblose Frau die Kellertreppe hinunter und legte sie in einer dunklen Ecke ab.

"He, Bella, ist deine Kundin schon weg?", fragte Mandy, ihre Mitarbeiterin kurze Zeit später. "Ja klar, war mal wieder eine von der schnellen Sorte." Bella wandte sich dem aufgeschlagenen Terminbuch zu.

Die Ladenglocke läutete. "Guten Tag, ich hatte meiner Verlobten, Frau Lindenberg, versprochen Sie hier abzuholen. Ist Sie denn bald fertig?" Sprachlos starrte Bella den fremden Mann, der ihr an der Ladentheke gegenüberstand an. Plötzlich verspürte sie am ganzen Körper ein seltsames Kribbeln, das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden.

"Bella, deine nächste Kundin wartet schon auf dich." Wie in Trance drehte sich die Angesprochene um. Und da saß sie. Dieselben wasserstoffblonden, langen Haare und genau der gleiche grellpinke Lippenstift. Das war zu viel für die arme Bella. Ohnmächtig sackte sie in sich zusammen.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
10. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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