Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Neulich beim Friseur

© Nils-Marten Hitzfeld

Bedeutungsschwer knarrt der Stuhl, auf den sich der Kunde überheblich niedergelassen hat. Ich hasse diesen Menschen. Sein arrogant selbstbewusstes Auftreten wird von den böse funkelnden Augen unterstrichen, die mir befehligen, bloß kein Haar falsch zu krümmen. Dabei würde ich es glatt drauf anlegen. Doch meine berufliche Ideologie zwingt mich zu einer Konversation, während ich das dunkle Haupthaar geringfügig stutze. "Dieser Sommer ist wirklich schön", sage ich. "Waren Sie im Urlaub?"

Aufgeschreckt von meiner Kühnheit beobachten seine Augen mich mürrisch musternd. "Ja", brummt er. "Auf dem Obersalzberg."

"Den kenne ich. Man soll ja einen traumhaften Blick auf das Berchtesgadener und Salzburger Land aus haben, hat mir mein Vetter erzählt."

Das folgende Schweigen läutet das Ende des Gesprächs ein. Unterbrochen von den melodischen Klängen der zaghaft schneidenden Schere breitet sich die Stille im ganzen Salon aus. Draußen hört man das Geschrei von Straßenkindern, die diese schweren Zeiten beneidenswert anders wahrnehmen als die von Arbeitslosigkeit und Armut geplagten Erwachsenen in diesem Land. Ich unterdrücke ein Fluchen, als sich der Kunde plötzlich zur Quelle des Lärms wendet und damit fast mit dem Verlust eines Ohres bezahlt hätte. Ich hätte sicherlich mit dem Leben bezahlt.

"Kinder sind die Zukunft unseres Landes", sagt er selbstzufrieden, als müsse er mich von seiner Meinung überzeugen. "Leider haben die heutigen Eltern nicht das richtige Erziehen gelernt. Schauen Sie sich doch diese Lausbuben auf der Straße an."

Ich blicke hinaus und lasse ein zustimmendes Murmeln meinem Mund entfliehen. Wenn die Flucht nur immer so einfach wäre.

"Kinder müssen wie Maschinen funktionieren", sagt der Kunde und wendet sich wieder zum Spiegel und bedeutet mir mit einem Handzeichen, fortzufahren. "Nur dann", fährt er fort, "werden sie Deutschland in der nahenden Zukunft dienlich sein und die großen Probleme unserer Zeit ausrotten." Er redet sich in Rage und sein ganzer Körper gleicht einer einzigen Diskussion, an der jeder Beteiligte mit ruckartigen Bewegungen auf sich aufmerksam machen will. Diese hektischen, zu der Ansprache analogen Körperbewegungen erschweren meinen unsicher agierenden Händen einen reibungslosen, perfekt sitzenden Haarschnitt. Anderen Meinungen zum Trotze vermag mir der entstehende Schweiß auf meiner Stirn nicht wirklich über die schwierige Situation hinweg zu helfen.

"Um eine gesicherte Zukunft für alle garantieren zu können", sagt scheinbar der linke Arm des Kunden, "muss es eine besondere Familienpolitik geben, die besonders die erziehenden Mütter unterstützt und anerkennt. Deutschland braucht viel mehr Kinder, die am besten behütet aufwachsen. Nur so werden sie den älteren Generationen einen nützlichen Dienst leisten können."

Vorsichtig fahre ich mit dem Kamm über seinen Scheitel und setze die Schere erneut an. Zum Glück habe ich in meinem Leben nicht im Traum daran gedacht, jemals Kinder in die Welt zu setzen. Plötzliche Gedanken zur spärlichen Altersvorsorge werden verworfen. Schließlich zählt in diesem Augenblick nur der zahlende Gast, der nur bedient wird, weil er offensichtlich viel Geld besitzt.

"Wenn die Osterweiterung erst einmal abgeschlossen ist", sagt er im Brustton der Überzeugung, "werden Deutschland und Europa in eine neue Ära geführt."

Angeekelt wende ich mich von diesem Menschen ab. Was soll diese sogenannte Osterweiterung bringen? Die haben doch nichts mit uns Deutschen gemein. Lasst sie doch einfach in Ruhe leben. Möglichst weit weg von uns. Wie kann dieser Kunde nur denken, dass uns mit diesen Ländern geholfen wird?

"Auch eine Rasur?", frage ich freundlich mit einem zuckersüßen Lächeln.

"Das komplette Programm." Er wirkt ein wenig unzufrieden über meinem geringen Enthusiasmus seiner Ideen und ich entschließe mich, ein geräuschvoll zustimmendes Murmeln ertönen zu lassen, dass ihn scheinbar beruhigt. Während meine zittrige Hand versucht, die wenigen Bartstoppeln zu beseitigen, ohne den charakteristischen Bart zu beschädigen, wird mir bewusst, wie leicht der Kunde nun zu töten sei. Die scharfe Spitze berührt seinen Hals. Ein Stich und ich bin das Problem los. Nur ein Stich. Warum kann ich nun nicht einfach zustechen? Mir graut es vor den schrecklichen Folgen dieser Tat. Mein Innerstes fechtet einen erbitterlichen Kampf zwischen Pflicht und Gewissen aus. Wie könnte ich ihn davon kommen lassen? Schließlich lasse ich das Messer wie ein mieser Feigling langsam sinken. Der Kunde scheint mit dem Ergebnis zufrieden zu sein und begutachtet sich selbstverliebt im großen Spiegel des Salons. Endlich werde ich mein Geld bekommen, das ich zum Überleben in dieser harten Welt dringend brauche. Ich rede mir ein, dass das der Grund für die glückliche Verschonung des Kunden gewesen ist.

"Was schulde ich Ihnen?", fragt er während mich seine wilden Augen durchleuchten.

"Nichts", sage ich und atme tief durch. "Das geht natürlich aufs Haus, Herr Hitler."

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
09. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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Dr. Ronald Henss Verlag
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