Haarige Geschichten
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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haarige Geschichte

© Angela van Wylick

Sie nannten ihn den "großen Sucher". Er konnte Tage lang durch die Wälder des großen Tals streifen und nach Essbarem und Spuren suchen. Er war immer derjenige, der die meisten Tiere fand und war seinen Brüdern immer einen Schritt voraus, ständig auf der Suche. Er konnte die Tiere riechen, er konnte sogar ihre Spuren riechen. Er fuhr mit seinen Fingern durch Hufabdrucke und konnte daran die einzelnen Tiere unterscheiden. Er war einfach der Beste seines Faches und hatte sich den Namen verdient.

Er war vom Stamm der Chitee. Gemächlich durchzog dieser Stamm Winter für Winter und Sommer für Sommer weite Teile des Landes und nur selten kam es zum Streit mit anderen Stämmen. Das Land war so endlos, dass man sich nicht in die Quere kam. Der große Sucher hatte nur einmal einen Stammeskrieg erlebt. Es war eine blutige Auseinandersetzung mit den Sioux gewesen bei der acht seiner Brüder gefallen waren. Man hatte die Toten an einem Flussufer aufgebahrt um Abschied zu nehmen. Die Frauen hatten alle sichtbaren Kampfspuren an den Kriegern beseitigt und man hätte fast denken können, die Männer schliefen.

Der große Sucher sah auf die leblosen Körper herab. Er fühlte den Tod aus ihnen heraus scheinen. Er konnte den Tod richtig sehen, in den Gesichtern, auf der Haut, oder war es das fehlende Leben was er sah? Da lagen nur noch Körper, reine Materie. Vergeblich suchte er nach einem Lebenszeichen. Diese Männer waren doch viele, viele Sommer und Winter Teil des großen Ganzen gewesen, hatten gelebt, geliebt, gelitten, Kinder gezeugt. War das alles weg? War das alles umsonst gewesen? War von ihrem Geist nichts mehr zu spüren? Hat ihr Geist gar keine Spuren hinterlassen? Hier müssen doch noch Spuren von Leben sein, oder wenigstens Spuren von einem Effekt des Lebens, irgendwelche Abdrücke. Der große Sucher kniete neben einem der Männer nieder und begann mit den Händen den leblosen Körper zu ertasten. Die Haut war kalt und fühlte sich lederartig an. Er fuhr mit den Fingern über den Hals zum Gesicht, über die Wangen, die Nase, aber er konnte keinen Gesichtsausdruck mehr spüren. Er fand nichts mehr. Keine einzige Spur von Leben, hatte es das überhaupt gegeben? Dann kamen seine Hände zu den Haaren und plötzlich spürte er es! Da war dieses Gefühl der Erregung was ihn jedes Mal erfasste wenn er eine Fährte aufgenommen hatte. Er lies die langen Haare des toten Kriegers langsam durch seine Finger gleiten. Er rieb sein Gesicht darin und zog ihren Duft ein. Eine leichte Brise spielte mit ihnen und sie bewegten sich leicht. Diese Haare waren genauso lebendig wie seine eigenen, fühlten sich genauso an wie seine. Sie waren nicht tot, sie lebten fort. Die schwarzen Haare des Kriegers glänzten in der Sonne und sahen so unwirklich aus neben dem toten Körper, sie passten nicht mehr zu dem Körper.

Der große Sucher zog sein Messer aus der Scheide und schnitt ein kurzes Stück der Haare ab. Mit einem Grashalm band er sie zusammen. Am liebsten hätte er den ganzen Schopf abgenommen, aber das wäre unpassend gewesen. Bei den anderen Männern legte er das gleiche Ritual ab.

Die Schöpfe hing er über den Eingang des großen Zeltes, dort wo die Männer immer zusammen kommen zum reden und rauchen. Nein, dieser gewaltsame Tod hatte nicht alle Spuren dieser Männer verwischen können, er hatte nicht gewonnen.

Als der Sommer zu Ende ging und der Winter ins Tal kam verbreiteten sich Neuigkeiten unter den Stämmen des großen Tals. Es war die Rede von fremden Stämmen, die ins Land kamen. Menschen, die man vorher noch nie in dieser Gegend gesehen hatte, Fremde, die nicht immer Freunde waren, die anders aussahen und anders sprachen.

Auf einer seiner Spurensuchen fand der große Sucher die tiefen, fremden Spuren im Schnee. Sie führten ihn zu einer Gruppe von Zelten. Er beobachtete die Gruppe lange aus einer sicheren Entfernung. In dem Lager bewegte sich aber die ganze Zeit nichts. Langsam, wie ein Raubtier, pirschte er sich an die Planwagen heran. Seine Neugier war größer als seine Angst. Schließlich schaffte er es, unter einer der Zeltplanen hindurch zu schauen. Viele ihm unbekannte Dinge sah er dort liegen, aber keine Menschen. Zögernd fing er an, die Sachen zu durchwühlen, es könnte ja etwas Brauchbares dazwischen sein. Aber seine Hände zitterten als er unter einigen Decken den Umriss eines Körpers ertastete. Vorsichtig schlug der große Sucher die Decken eine nach der anderen zurück, bis er ein Stück Hand entblößt hatte. Dann kam ein Körper zu Vorschein und schließlich ein Gesicht. Sein Atem stockte. Er starrte in das Gesicht einer Frau, einer jungen Frau, und sah sofort den Tod in ihren Augen. Er nahm ihre steif gefrorene Hand in die seine und betrachtete sie von allen Seiten. Um ihr Handgelenk war ein rotes Bändchen gebunden. Dann wanderte sein Blick wieder zu dem leblosen Gesicht, aus dem jeglicher Ausdruck verschwunden war. Die Haare der Frau waren unter einer Kappe verborgen und er fragte sich, ob sie wohl lange, schöne Haare habe.

Er hatte so etwas noch nie gesehen. Die Haare hatten keine Farbe, sie waren nicht schwarz wie alle Haare die er bis jetzt in seinem Leben gesehen hatte, sie waren so hell wie das Fell eines Ziegenbocks. Ein langer, geflochtener Zopf rollte aus der Kappe, so hell wie Schnee im Sonnenschein. In seiner Sprache gab es gar kein Wort für so eine Haarfarbe. Der große Sucher hatte etwas ganz Besonderes gefunden. Seine Finger waren inzwischen ganz steif von der Kälte und nur mit Mühe konnte er den Zopf der fremden Frau entflechten. Ihr Haar war sehr lang und weich und lockig. Mit den Fingern kämmte er es und breitete es über seinen Schoss aus. Er hob es zu seinem Gesicht empor und er roch den kalten Winter darin. Er roch, dass diese Menschen auch auf der Suche gewesen sein mussten, dass sie wahrscheinlich den Winter unterschätzt hatten und in der Kälte eingegangen sind. Er roch auch Sommer und Blumen und Leben. Die Haare waren noch nicht tot. Ihr Glanz hatte sie noch nicht verlassen.

Mit dem roten Armband der Frau band er die Haare zusammen. Sein scharfes Messer glitt hindurch um den langen Zopf vom Schädel zu trennen. Als er sich auf den Heimweg machte, sah er noch einmal zurück. Über dem Wagen wehte ein langer, blonder Zopf im Winterwind.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
09. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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