Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Wettlauf

© Claudia Bölle

Ihr Kopf fühlte sich warm und glitschig an. Unter den Rändern der Alufolie krochen langsam dickflüssige braune Spuren hervor. Sie rief die Friseurin, welche ihr Schläfen und Hals abtupfte und geschäftig versicherte, die Einwirkzeit betrage nur noch zehn Minuten.

Bea, die seit Jahren in den kleinen Laden zu der burschikosen Schweizerin kam, hatte sich dazu durchgerungen, ihre immer grauer werdenden Locken nachtönen zu lassen - und zwar mit Naturfarben. Die Masse, die ihr dazu auf den Kopf gekleistert worden war, sah aus wie mit Rotwein angerührte Blumenerde und roch nach Cannabis. Sie betrachtete sich im Spiegel und hielt es kaum aus vor Spannung. Auf ihr Original-Kupfer war sie schon immer stolz gewesen und etwas in der Art hoffte sie nun, möglichst wieder zu bekommen. Da sie nie Lust auf Modetöne verspürt hatte, war ihr vierzigstes Lebensjahr ohne eine einzige Wasserstoff-Packung vorüber gezogen. Allgemein mochte Bea sich selbst am liebsten ohne künstliche Colorierung. Ganz selten griff sie einmal zur Wimperntusche - noch seltener benutzte sie Augen-Makeup. Lippenstift fand sie grauenvoll und Nagellack gefiel ihr höchstens an den Zehen.

Rechts hinter sich konnte sie zu den Waschbecken sehen. In einem spülte das zweite Lehrjahr - eine üppige Dunkelhäutige mit Rastazöpfen - gerade eine weißhaarige Dauerwelle. Dahinter bestach ein kleines Wiesenstück mit einer Fülle von Gänseblümchen. Durch das geöffnete Fenster trudelte Vogelgezwitscher herein, dem der Fön von links nun brüsk den Garaus machte. Ebenfalls von links stürmte auf einmal ein schlaksiger Jungspund herein, dessen Frisur sein Erscheinen hier kein bisschen rechtfertigte. Der schokobraune Schopf war modisch geschnitten und mit Gel gestylt. Als ob ihm das in diesem Augenblick selbst bewusst geworden wäre, marschierte er an den brummenden und plätschernden Arbeitsplätzen vorbei und schwang sich behänd über die Fensterbank nach draußen. Was dann passierte, sah zunächst aus wie in einem Stummfilm: Die Auszubildende drehte den Wasserhahn zu, wischte sich die Hände an ihrer Jeans ab und war im gleichen Moment schon aus dem Fenster geklettert. Die Schweizerin brachte den Fön zum Schweigen und nahm ebenfalls die Verfolgung auf. Kurz danach rannte der Inhaber der Eisdiele nebenan durch den Friseurladen und verließ ihn wieder durch besagtes Fenster. Bea verfolgte das Spektakel seitenverkehrt und brachte ihren Aluhelm durch den ständigen Tennisblick in gefährliche Schieflage. Ob der Gel-Junge die Tageskasse im Vorbeigehen eingesackt hatte? Und womöglich zuvor die des Italieners? Die Wärmehaube gab ein Signal und Bea fühlte sich gleichermaßen gefangen und verlassen. Es war schon nach achtzehn Uhr und das Friseurgeschäft demnach nur noch minimalbesetzt. Die tropfende Dauerwelle und die halbfertige Fönfrisur klebten mit weit aufgerissenen Augen unter ihren Nylonumhängen. Als Stammkundin keimte nun ein gewisses Verantwortungsbewusstsein in ihr auf. Sie rückte den silberfarbenen Turban zurecht, verließ ihren Stuhl und wollte gerade die Eingangstüre schließen, als der Wirt des griechischen Lokals zwei Häuser weiter an ihr vorbei zielstrebig in Richtung Fenster zum Hinterhof preschte. Bea sah ihm konsterniert hinterher, verriegelte die Ladentür und machte sich nun - wie ihre Vorgänger - auf den Weg ins Freie.

Vorsichtig balancierte sie ihre feuchtwarme Kopfbedeckung nach draußen und wurde Zeugin eines filmreifen Schauspiels: Das Bürschchen mit der Bilderbuchfrisur huschte kreuz und quer durch die Gartenanlage, die sich an der Hinterseite der Einkaufsstraße erstreckte. Der griechische Wirt, der italienische Eisverkäufer, die schweizer Friseurin und die junge Frau mit den Rastas versuchten ihn zu fangen. Bea schlich an der Wand entlang und versteckte sich hinter einer Regentonne. Der Knabe schlug Haken wie ein Kaninchen, verschwand zwischen Büschen, sprintete wieder in eine andere Richtung und ließ sich partout nicht fangen. Plötzlich schien er die Strategie zu ändern und hielt sich dicht an der Häuserzeile. Wahrscheinlich wollte er irgendwie nach vorne Richtung Straße verschwinden. Es war reiner Zufall, dass er so nahe an Beats Versteck vorbeikam. Sie erhob sich aus der Hocke und riss blitzschnell das rechte Bein nach vorne, während sie sich mit beiden Händen am Fallrohr festhielt. Der Bengel fiel der Länge nach hin, rappelte sich aber zügig wieder auf und rieb sich die Knie. Mittlerweile hatten ihn seine Verfolger eingeholt und umkreisten ihn atemlos. "Ich rufe die Polizei!", entschied die Schweizerin und wollte sich gerade an den Einstieg in ihren Friseursalon machen, als der Grünschnabel rot wurde und stammelte: "Nein! Nein, bitte nicht. Warten Sie. Ich erkläre Ihnen das alles!"

Er schaute in die Runde. Der kugelbäuchige Mittfünfziger zeigte mehr Haare im Ausschnitt seines schweißnassen Hemdes als auf dem glänzenden Kopf. Er trug eine dicke Goldkette um den Hals und hechelte noch immer heftig. Seine rechte Hand steckte in der Hosentasche, wo sie unablässig mit Kleingeld klimperte. Dem wesentlich jüngeren Mann neben ihm bereitete es weniger Probleme, Luft zu bekommen und sein T-Shirt wies keine Transpirationsspuren auf. Der Bauch konnte gerade noch als Ansatz durchgehen. "Mamma, mia!", stöhnte er und rollte die Augen, während er zu der Schweizerin hinüber sah. Diese machte ein Gesicht, als hätte sie gerade eine Kuh vorbeifliegen sehen und fluchte vor sich hin. Die Zöpfchenfrau stemmte die Hände in die Hüften und schob das Kinn vor. "Ja? Und?", hakte sie nach und wedelte mit ihrer dichtberingten Rechten. Der Bursche sah noch mal alle an und nuschelte: "Äh. Ich, also ich habe nichts geklaut oder so." "Ach und warum schleichen Sie dauernd hier hinter unseren Läden rum und rennen dann weg wie von der Tarantel gestochen?", mischte sich der Schwitzende ein.

Wieder betrachtete der Jüngling seine Verfolger der Reihe nach. "Es handelt sich um - um eine Wette." "Ach", raunte Bea. "Also - die Wette war, ob ich mindestens sechs Nationalitäten zu einem Räuber- und Gendarm-Spiel bewegen kann - ohne vorherige Ankündigung." Keiner der Anwesenden erwiderte etwas. "Und ich hab's geschafft!", rief der Bursche jetzt. "Wir haben einen Griechen, einen Italiener, eine Schweizerin, eine Deutsche, vermute ich - die gilt ja auch, denn sie hat mir das Bein gestellt - ich selbst bin Franzose und Sie?", fragte er die Zöpfchenfrau und lächelte schief. Alle Augen ruhten auf der jungen Frau mit der haselnussbraunen Haut. "Sie Blödmann haben es überhaupt nicht geschafft! Stellen Sie sich vor, ich bin nämlich Französin!" Die Stille kam Bea ewig vor, auch wenn es sich letztlich nur um ein paar Sekunden gehandelt haben mochte. Dann prustete die junge Frau los und ihr Landsmann fiel in das Gejohle ein. Die beiden bogen sich vor Lachen, während die Umstehenden ratlos dreinblickten. Nach und nach löste sich das Grüppchen murmelnd und achselzuckend auf.

Fünf Wochen später saß Bea wieder unter ihrem silbrigen Helm und schwitzte. Die Schwüle des Tages drängte sich in dem kleinen Laden und sie schlief fast ein. Es war wie ein Déjà-vu, als sie im Spiegel die Bilderbuchfrisur hereinschlendern und mit einem Strahlen im Gesicht, das jede Zahnpastawerbung in den Schatten stellen würde, auf das zweite Lehrjahr zu gehen sah. Bea rieb sich die Augen und beobachtete, wie die Beiden händchenhaltend Richtung Türe abzogen. Sie grüßten freundlich zum Abschied. "Der arme Tropf streifte anscheinend schon seit Wochen hier 'rum und traute sich nicht, das Mädel anzusprechen", grinste ihre Friseurin, während sie vorsichtig die Alufolie von Beats Kopf pellte. "Kürzlich ist ihm einfach das Wort im Hals stecken geblieben - verständlich, wenn die Deutschlehrerin sich unter den Fittichen der Angebeteten befindet …" "Und die Wette?", fragte Bea, während sie die rechte Augenbraue hochzog. "Die hat er sich spontan aus den Fingern gesaugt!" Schimmernd wie ein nagelneues Cent-Stück verließ sie wenig später den Friseursalon. Ihre Haare fühlten sich an wie mit Weichspüler behandelt - und zumindest was deren Farbe anging, sah Bea nun wieder aus wie zwanzig. Sie schmunzelte und dachte an den Franzosen mit der lebhaften Fantasie. So viel Einfallsreichtum und so großen Respekt vor der Deutschlehrerin …

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Eingereicht am
09. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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