Unser Buchtipp
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Meister Imhorn© Armin SchmidtErinnerungen Die schwere Holztür mit der vergitterten Scheibe in der Mitte ließ sich nur schwer öffnen, auch wenn ich den abgegriffenen Knauf kräftig nach unten bewegte. Es war mir, als widersetze sie sich. Ähnlich hatte ich zu Hause dagegen gekämpft, den Weg zu dieser Tür gehen zu müssen. Als sie sich endlich quietschend nach innen drehte, führten mich zwei Stufen abwärts in einen schmalen Gang. An dessen Wänden verstärkte eine dunkle, verblichene Tapete die Finsternis noch, die von ihm ausging. Dieser Gang war mir viele Jahre lang besonders unheimlich, während ich mich langsam auf dem rutschigen Linolboden einem Vorhang näherte, der die Sicht auf das Ende des Gangs versperrte. Davor hing links eine Wandleuchte. Sie sandte ein spärliches, orangefarbenes Licht aus, das kaum den Fußboden erreichte. Ich erinnere mich noch gut an den muffigen Geruch dieses Prunkstücks von einem Vorhang, während ich mich mühsam zwischen ihm und der kalten Wand hindurchzwängte. Nun stand ich in einem kleinen Vorraum. Er war durch eine mehrarmige Deckenleuchte deutlich heller als der Gang, durch den ich ihn erreicht hatte. Die schwarze Holztür vor mir führte in die Küche. Rechts ging es hinaus auf einen kleinen Innenhof. Links fiel ein Lichtstrahl durch die Scheiben einer schwarzbraunen Schwingtür. Hinter der Tür lag mein Ziel: Der Salon des Friseurmeisters Heinrich Imhorn. Ich betrat den Raum, in dem sich mein Schicksal erfüllen sollte, und setzte mich wie immer auf den gleichen gelben Holzstuhl an der hinteren Wand zwischen Kittel und Zeitungen. Hier saß ich still und wartete auf den Meister, dem eine scheppernde Klingel an der Eingangstür mein Kommen längst gemeldet hatte. Der Raum war meistens leer, denn zu Meister Imhorn kam man auf Bestellung. Wer auch immer vorher im Friseurstuhl gesessen hatte, war bereits gegangen. Heinrich Imhorn nutzte die Pause zu einem Kaffee und einem kurzen Plausch mit seiner Frau in der Küche. Vor mir standen die beiden aus dunkelbraunem Holz gearbeiteten Sessel, auf denen die Delinquenten Platz nehmen mussten. Aus der Mitte ihrer Lehnen stieg ein gebogener, schmiedeeiserner Halter empor. An dessen Ende nahm eine halbrunde, mit weißem Papier überzogene Vorrichtung den Hinterkopf auf, wenn der ganze Sessel wegen einer anstehenden Rasur nach hinten gekippt wurde. Diese Prozedur beobachtete ich einmal bei meinem Vater. Als Friseurmeister Imhorn ein großes Rasiermesser ausdauernd an einem Lederriemen schärfte und dabei meinen Vater aus seinen kleinen, hinter einer Nickelbrille verschwindenden Augen streng fixierte, hatte ich eher das Gefühl einer anstehenden Hinrichtung als einer einfachen Rasur. Ganz so harmlos war sie auch nicht, denn mehrere Male entschuldigte sich der Meister, während er die Blutung zu stillen versuchte.
Während ich also dasaß und die zahlreichen Töpfe und Kannen hinter den Glasscheiben der Schränke an der Vorderseite des Salons bewunderte oder auf die beiden cremefarbenen Waschbecken davor schaute und die Tropfen zählte, die aus einem der Wasserhähne regelmäßig in das Waschbecken plumpsten, öffnete sich gewöhnlich die Schwingtür, und Heinrich Imhorn betrat den Salon. Der kleine, untersetzte Mann schaute mich kurz an, murmelte so etwas wie einen Gruß und forderte mich auf, im rechten Sessel Platz zu nehmen. Über das Bänkchen davor kletterte ich in das mächtige Sitzmöbel und machte es mir so gut es ging bequem. Der Glatzkopf des Meisters beugte sich kurz über mich, während er mir eine Art Lätzchen umband, das er in meinem Rücken verschnürte, um mich bewegungsunfähig zu machen. Dann trat er in seinem weißen Kittel neben mich, aus dessen mit blauen Biesen gesäumten Taschen Kämme und Scheren herausragten. Er nahm mit kräftigem Schwung die Haarschneidemaschine von der Wand und zog so lange an einem Elektrokabel, bis die Maschine angenehm in seiner Hand lag. Dann begann er mit seiner Arbeit. Das Ergebnis dieser Tätigkeit war der immer gleiche Fassonschnitt, wobei möglichst viele Haare fallen mussten, damit meine Besuche wegen der Kosten nicht zu häufig erforderlich wurden.
Einen Besuch in meiner Heimatstadt vor einigen Monaten nutzte ich bei angenehm warmem Wetter zu einem Gang durch die kleine Stadt mit ihren verwinkelten Gassen und zahlreichen liebevoll renovierten Fachwerkhäusern. Als ich vor einem kleinen Haus mit den großen leicht verwitterten Glasfenstern stand, wurde ich mit einem Schlag in meine Kindheit versetzt. Ich stand vor dem Haus, das einst Friseurmeister Imhorn gehörte. Vergeblich versuchte ich durch die Scheiben zu blicken. Also wandte ich mich nach rechts. Die schwere Eingangstür war genauso gealtert wie ich. Als ich den Knauf herunterdrückte, öffnete sie sich dennoch fast wie von selbst. Ich ging wie früher die beiden Stufen hinunter und betrat vorsichtig den hell verputzten Flur. Keine verblichenen Tapeten, kein Vorhang mehr am Ende, keine Wandlampe. Aber zwei der Türen führten noch wie früher in die Küche und den kleinen Innenhof. Ich betrat den ehemaligen Salon. Ein paar Regale an den Wänden wiesen darauf hin, dass der Raum vorübergehend als Wohnraum genutzt worden war. Nichts erinnerte mehr an den ehemaligen Frisiersalon.
Was mochte aus den Imhorns geworden sein und warum stand das Haus leer? So dachte ich, während ich zurück ging und die Haustür vorsichtig schloss. Ein alter Mann kam von der gegenüberliegenden Straßenseite herüber und stand eine Weile schweigend neben mir. Dann erzählte er mir unaufgefordert eine traurige Geschichte. "Hier haben die Imhorns gewohnt. Der alte Imhorn hatte bis 44 einen Friseursalon. Die Imhorns waren Juden." Ich schaute den Mann erstaunt an. Von meinen Eltern wusste ich zwar, dass vor dem zweiten Weltkrieg viele Juden in der kleinen Stadt gelebt hatten, doch die waren angeblich alle früh genug nach Amerika geflohen, wie sie es nannten. Dass auch die Imhorns Juden waren, erfuhr ich zum ersten Mal.
Gegen Kriegsende war ich mit meiner Mutter wegen der zunehmenden Bombenangriffe zu Bekannten aufs Land gezogen. Ich war damals noch jung und dachte nicht mehr an meine Erlebnisse beim Haarschneiden, zumal meine Mutter während unseres Aufenthalts auf dem Bauernhof meine Locken im Zaun hielt. "Wir haben alle dichtgehalten. Aber noch kurz vor Kriegsende kamen die aus der Kreisstadt und haben sie abgeholt. Der Fritz hat sie verraten. Jeder hier wusste das. Als bekannt wurde, dass die Imhorns noch im Jahr 1945 in einem KZ umgekommen sind, hängte der Fritz sich im Wald auf." "Warum steht das Haus leer?" "Viele haben schon versucht, in dem Haus zu leben, doch der Geist vom alten Imhorn geht um und hat sie alle vertrieben." Der Mann wünschte mir einen guten Tag und ließ mich mit meinen Gedanken allein. ![]() Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.
Eingereicht am ![]() Ein haariges Lesevergnügen
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