Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Keine Haare

© Cornelia Englert

Kein einziges Haar auf Kopf oder am Körper zu haben, war nicht das einzige Problem, das Lisa quälte. Sie hatte auch wenig Selbstwertgefühl und keine Freunde. Sie war jedoch überzeugt, dass das erste Problem die anderen bedingte.

Lisa leidet unter Alopecia congenita, einer angeborenen Haarlosigkeit. Da konnte man nichts machen. Sicher, sie hatte früher schon überlegt, sich einer Haartransplantation zu unterziehen, aber das war nicht nur teuer, sondern auch langwierig und schmerzhaft und man würde es von natürlich gewachsenem Haar unterscheiden können.

Lisa verdiente in ihrem Job als Buchhalterin gerade eben so viel Geld, dass sie ganz gut davon leben konnte und sich gelegentlich eine neue Perücke leisten konnte. Denn das war, wie andere Frauen einen Schuh-Tick hatten, Lisas Tick. Sie hatte Freude daran, immer mal wieder neue Haarschnitte und verschiedene Haarfarben auszuprobieren und dass war ein teures Hobby. Lisa vermied engen Kontakt zu anderen Menschen und war sehr misstrauisch. Sie hatte wegen ihrer Krankheit schon viele schmerzhafte Erfahrungen sammeln müssen. Sie konnte zwar Kopfhaare vortäuschen, aber Augenbrauen und Wimpern fehlten ja auch und das gab ihr in der Tat ein etwas merkwürdiges Aussehen. Es gibt schlimmere Krankheiten, das ist klar. Sicher könnten wir Gesunden argumentieren, dass Aussehen ja nicht alles sei und man sich mit dieser Krankheit schon arrangieren könne. Aber viele von uns wissen ja auch nicht, was es heißt, von Kindesbeinen an gehänselt zu werden, weil man anders ist, oder das Gefühl, wenn einem in der dritten Klasse vor allen Kindern die Perücke vom Kopf gerissen wird und man schutzlos in der ganzen haarlosen Pracht dasteht. Kinder können grausam sein, und Erwachsene können es auf ihre Art auch sein. Zwar reißt dann niemand mehr Perücken vom Kopf, aber angestarrt wird man trotzdem.

Wir wissen jetzt also einiges über Lisa und können uns nun vorstellen, dass sie nicht besonders glücklich war.

Das änderte sich schlagartig, als sie Hanna kennenlernte. Hanna war all das, was Lisa nicht zu sein glaubte. Witzig, frech, hübsch und allseits beliebt. Sie trafen sich, als Lisa eines Tages, ich glaube, es war ein Sonntag, in einem Café bei einem Cappuccino saß und las. "Was lesen Sie denn?" Hanna lehnte sich vom Nachbartisch herüber. Lisa schaute erstaunt von ihrem Buch auf. "Die Verwandlung von Kafka!", antwortete sie. Hanna rümpfte die Nase: "Was für deprimierende Literatur!" Sie kamen ins Gespräch und die Zeit verging wie im Fluge. Beide hatten dieses viel beschriebene Gefühl, als würden sie sich schon ewig kennen. Hanna starrte sie nicht an, mehr noch, Lisas andersartiges Aussehen schien ihr gar nicht aufzufallen oder nicht zu stören. Sie sprachen gar nicht darüber.

Hanna und Lisa verabredeten sich gleich für den nächsten Tag und trafen sich von da an regelmäßig. Schnell entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen.

Hanna war neu in der Stadt und kannte noch nicht viele Leute. Sie hatte gerade begonnen bei einer kleinen Firma zu arbeiten, die Werbefilme für Kino und Fernsehen entwickelte. Sie erzählte Lisa viel von ihrer Arbeit, lästerte über ihre Kollegen, die sich alle für ausgenommen kreativ hielten und alle der Meinung waren, sie hätten ein besseren Job verdient als bei dieser mickrigen Firma.

Eines Tages hatten Lisa und Hanna sich nach der Arbeit verabredet und Lisa sollte ihre Freundin bei der Werbefirma abholen. Sie war etwas früh dran, denn sie hasste es irgendwohin zu spät zu kommen. An der Rezeption ließ sie sich den Weg zu Hannas Büro zeigen. Hanna telefonierte gerade, als Lisa nach leisem Klopfen eintrat. Hanna bemerkte sie zunächst gar nicht, so vertieft war sie in ihr Gespräch und war dabei zum Fenster gewandt. Das gab Lisa Zeit sich etwas umzuschauen. Hannas Büro war klein und ziemlich unordentlich. Überall lagen große Plakate und andere Schriftstücke herum und Lisa konnte einige Schriftzüge entziffern. Aha, da ging es wohl um eine neue Werbekampagne für einen Epilierer, der auf den Markt gebracht werden sollte. Lisa musste schmunzeln, einer der wenigen Vorteile, die sie als haarloses Wesen hatte, war ja schließlich sich nicht den Qualen einer Epilierung unterziehen zu müssen. In diesem Moment legte Hanna auf und bemerkte Lisa. "Habe dich gar nicht reinkommen hören. Oh Mann, das war gerade mein Chef, der sitzt mir ganz schön im Nacken, weil ich noch immer nicht mit einer richtig guten Idee für die neue Werbekampagne herausgerückt bin. Mir fällt aber auch so gar nichts ein. Vielleicht hast Du ja ne Idee? Es geht um ..." "Ich habe schon gesehen, worum es geht", unterbrach Lisa sie kühl. Hanna schien das gar nicht zu bemerken und plapperte einfach weiter: "Es soll ein Kurzfilm werden mit einem knackigen Spruch. So was wie "makellos haarlos" oder so." Plötzlich stutze sie und rief aus: "Ich habs!! Das ist DIE Idee! Du wirst unser Model, denn wenn jemand makellos haarlos ist, dann ja wohl du!" Lisa erstarrte: "Du hast es gewusst und nie was gesagt?" Sie fühlte plötzlich eine Kälte in sich aufsteigen wie damals, als Markus, ein Mitschüler in der sechsten Klasse, ihr lauthals hinterrief: "Nackte Schlange, Du ekelige nackte Schlange!" Sie holte tief Luft um sich zu beruhigen: "So was würdest du mir antun? Mich und meine Krankheit vermarkten? Mich in aller Öffentlichkeit zur Schau stellen? Jetzt sag mir noch, das war der Grund, warum du mich damals angesprochen hast? Weil ich so schrecklich aussehe und du dich neben mir noch schöner und begehrenswerter fühlen kannst?" Sie drehte sich um und rannte blindlings aus dem Büro. Sie hörte nicht mehr, dass Hanna verdattert hinter ihr herrief: "Aber das war mir doch ganz egal ..."

Drei Monate später. Hanna und Lisa sitzen in ihrem Stammcafe, in dem sie sich vor einigen Monaten kennen gelernt hatten. "Gut siehst Du aus", sagte Hanna mit einem Augenzwinkern. "Irgendwie ist da ein neues Leuchten in deinen Augen ..." "Ja, und das habe ich dir zu verdanken", meinte Lisa. Sie schaute zum eingeschalteten Fernseher hoch, der an der Wand befestigt war. Auf dem Bildschirm war ein Fernsehspot für einen Epilierer mit einer schönen nackten Frau zu sehen, die selbstbewusst in die Kamera lächelte. Kein einziges Haar auf Kopf oder Körper versperrte die Sicht auf makellose glatte Haut. Auf dem Bildschirm erschienen die Worte: Makellos haarlos!

Lisa lächelte ihrem Fernsehbild zu, drehte sich zu Hanna und sagte: "Unglaublich, aber ich habe heute Morgen schon wieder eine Anfrage für einen Modelvertrag bekommen."

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
07. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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