Unser Buchtipp
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Haarige Indizien© Monika DieckWie tausend kleine Messerstiche fuhr Lena das Knarren der Tür durch die Lunge. Sie versuchte ihren Atem zu kontrollieren und schlich sich aus dem Bad. Ihr Herz pochte wie wild. Durch das Küchenfenster konnte sie erkennen, dass Vollmond war. Plötzlich bekam sie schlagartig keine Luft mehr. Sie wollte schreien, aber ihre Stimme versagte. Ein letztes Röcheln, dann war sie tot.
Am nächsten Tag beugten sich zwei Beamte über ihre Leiche. "Was glaubst du?", fragte Hauptkommissar Boixen seinen jungen Kollegen, "könnte sie Kosmetikerin gewesen sein?" Das Opfer war blondiert, geschminkt und großbusig. "Möglich", gab dieser zu, "aber Friseuse wäre auch denkbar. Bei den Haaren! Ich kenne keine Frau, die so einen Schnitt ..." - "Was ist denn das?", unterbrach ihn Boixen. Er sprang um die Leiche. Dann hielt er dem Kollegen etwas Haariges unter die Nase. "Geh weg damit!", kläffte dieser. "Bah pfui, was ist das?" "Eindeutig ein Zopf", sagte Boixen, "und zwar richtig lang. Die Frage ist nun, ob unsere Leiche erdrosselt wurde." Wie bestellt traf in diesem Moment der Rechtsmediziner ein. Er untersuchte die Leiche und bestätigte den Verdacht. "Ja, die Frau ist erstickt worden." Boixen ließ den Zopf wie eine Trophäe vor den Augen des Arztes baumeln. "Vielleicht hiermit?" Aisen zuckte unwillkürlich zusammen. Der braunrote Zopf kam ihm bekannt vor. Und der Duft ebenfalls. Er beäugte ihn skeptisch. "In ein paar Stunden kann ich euch mehr sagen."
Kurze Zeit später tropfte Schweiß von Aisens Stirn auf den Seziertisch. Der Zopf stammte von seiner Schwester. Das hatte er gleich am Tatort geahnt. So kompliziert flocht sich nur Erna die Haare. Was nur bedeuten konnte, dass sie ..., er brachte es nicht fertig, den Gedanken zu Ende zu bringen. Er hatte an der Toten bereits mehrere Haare gefunden, die von ihrem Zopf stammten. Haare, die er ohne zu überlegen mit Strähnen von einer seiner Leichen ausgetauscht hatte. Meine Toten werden wohl kaum unter Mordverdacht geraten, hoffte Aisen, und keiner wird je herausfinden, von wem die Haare stammen. Mit diesem tröstenden Gedanken verließ er das Gebäude und fuhr zu seiner Schwester. Während er viel zu schnell durch die Stadt raste, malte sich Aisen aus, wie er ihr die Todesspritze setzte. Sie hätte es verdient, dachte er, immer musste sie ihn in brenzlige Situationen bringen. Von klein auf hat sie gegen das Gesetz verstoßen. Ob mit Drogen oder Diebstahl. Und er hatte ihr jedes Mal aus der Patsche geholfen. Mit quietschenden Reifen parkte er seinen Wagen vor ihrem Haus. Als Erna ihm die Tür öffnete, schoss er ohne ein Wort der Begrüßung an ihr vorbei. Kam zurück, knallte die Tür zu, packte sie unsanft am Handgelenk und riss sie mit sich ins Wohnzimmer. "Wir müssen reden!", fauchte er. "Wie ich sehe, hast du dich von deinen langen Haaren getrennt. Sag mal für wie bescheuert hältst du mich eigentlich?" "Wovon redest du?" "Bist du geisteskrank?" Er hielt die Luft an, das Blut schoss ihm ins Gesicht. Und dann brach der letzte Rest seines Panzers. Gegen jede Vernunft packte er sie an den Schultern, schleifte sie ins Bad, presste ihren Kopf gegen den Spiegel und zwang sie, sich ihre neue Kurzhaarfrisur anzusehen. "Du hast deinen verdammten Zopf am Tatort zurück gelassen. Damit ich deine Notsituation sofort erkenne, damit ich den Mörder schütze, dir helfe, aus der Sache ungeschoren rauszukommen. Aber so nicht. Nein, das kannst du vergessen." Er verdrehte die Augen. Erna zitterte am ganzen Körper. "Ich weiß überhaupt nicht wovon du redest." Da verlor er völlig die Kontrolle über sich. Ernas Kopf knallte auf den Rand des Waschbeckens. Mit voller Wucht warf er sie auf die kalten Fliesen, griff nach der Haarschere und drückte seiner Schwester die Spitze wie besessen an den Hals. "Du machst mich zu deinem Komplizen. Konntest du dir nicht etwas anderes überlegen, als deinen verdammten Zopf abzuschneiden und beim Opfer zurück zu lassen? Ein einziger Anruf hätte gereicht. Ich hätte dir so oder so geholfen. Aber was du dir mit deinen Haaren geleistet hast ..." - Erna traute sich kaum zu flüstern, aber sie musste ihm die unglaubliche Wahrheit sagen. Sonst würde er sie noch umbringen. Die Kopfverletzung zeigte erste Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Ihr war furchtbar schwindelig. Übelkeit regte sich im Magen. Sie fasste sich mit einer Hand an den Kopf. Ihre Finger berührten feuchte, glitschige Haut. Blut!, knallte die Erkenntnis mit voller Wucht. Sie sah ihren Bruder bittend an. "Abgeschnitten... nachts..., ohne dass ich es bemerkt habe. Ich weiß nicht wer. Mit kurzen Haaren aufgewacht ...", ihre Stimme brach, sie wurde ohnmächtig.
In der Zwischenzeit hatte Boixen einen Hauptverdächtigen in dem Raum, in dem die Verhöre stattfanden, durch die Mangel genommen. Durch seinen scharfen Verstand hatte er herausgefunden, dass die Tote eine Affäre gehabt hatte. Und eine Freundin des Opfers hatte ihm anvertraut, dass die Ermordete den verheirateten Mann zwingen wollte, sich von seiner Frau zu trennen. Dass es ausgerechnet der Mann von Aisens Schwester sein musste, verursachte dem Kommissar tiefes Unbehagen. Hatte Erna einen Zopf getragen, als er sie das letzte Mal gesehen hatte? Er konnte sich nicht mehr erinnern. ![]() Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.
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