Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Roter Stern

© Laura Meier-Poppe

Die Schaukel schwang. Vor und zurück. Das Gerüst zitterte leicht unter den Bewegungen. Durch meinen Lautsprecher dringen die Geräusche der quietschenden Schaukel, aber auch leicht verzerrt: Sein Lachen. Es war so hell und unbeschwert. Durch die Pixel geteilt kann ich ganz grob seinen Mund erkennen, dessen Winkel sich erstaunlich weit voneinander entfernt hatten. Sein Körper war so geschwächt und er selbst blieb so stark. Er strahlte so viel Energie und Freude aus. Dominierend jedoch war das leuchten seiner roten Haare. Selbst raspelkurz und im Handy fielen sie auf.

Mein Stern. Mein roter Stern. Ich will jetzt bei dir sein! In deiner Pixelwelt. Stern, ich will strahlen, so wie du! In einem kleinen rechteckigen Kasten, in dem ich sicher bin. In dem Sterne sicher sind. In dem du sicher bist!

Das Bild beginnt zu zittern. Die Pixelwelt vor meinen Augen beginnt zu schwimmen. Alles vermischt sich und wird zu einem. Doch ich bin immer noch ich und kann nicht dort sein. Bei ihm. Ein roter Vorhang schiebt sich in mein Blickfeld. Blut? Feuer? Liebe? Mein Stern. Doch es sind meine eigenen Haare. Auch rot. Doch niemals so, wie seine es waren.

Das Fenster zur Pixelwelt verdunkelt sich, bis es ganz verschwunden ist. Ich lege das Handy weg. Was habe ich noch? Tim ist weg. Wo soll ich hin, wenn ich mich schwer fühle und nicht weiß, was ich tun kann?

Ich vermisse unsere Gespräche.

"Ich kann nicht mehr, Tim! Die Andren … sie verstehen nicht … ich versteh nicht."

"Hey!", sagte Tim mit seinen Ringelsocken, mit seinen grünen Slippern. Mit roten Haaren. "Weine. Es ist gut zu weinen. Die Tränen spülen alles raus!" "Tim, ich bin … ich weiß nicht mehr weiter!" Tim war für mich da. Er sagte: "Die anderen sind egal. Sie kennen dich nicht. Sie kennen Oskar nicht." "Aber Tim, es gibt keinen Oskar." "Doch! Ich weiß, dass es ihn gibt! Wir glauben dran, also gibt es ihn! Er lebt irgendwo in Moskuh vielleicht oder in Indernesien. Er ist unsichtbar und nachts ist er immer bei mir, damit ich keine Angst haben muss, wenn es dunkel ist."

Tim brauchte niemals einen Oskar oder Bibo oder einen anderen ausgedachten Freund. Ich brauche sie … ich brauche Tim!

Mein Stern. Du bist so tapfer. Du hattest nie Angst, obwohl du doch schon lange wusstest, dass du bald gehen musst.

"Wenn ich tot bin, bleibe ich trotzdem hier", hat Tim mir einmal erzählt. "Das hat Oskar gesagt. Ich werde ein Stern sein und du auch."

Die Krankheit hat deinen Körper zerfressen. Doch nicht deine Seele, denn die leuchtet. So rot, wie deine Haare, Stern.

Die Schaukel haben wir stehen gelassen. Doch keiner benutzt sie, denn es ist seine Schaukel. Das Handy ist aus. Doch mein roter Stern wird niemals erlöschen.

Die Tränen überströmen mein Gesicht. Das Handy schweigt. Totenstille. Da erinnere ich mich an Tims Worte. Ich lege mich unter meine Decke und schließe die Augen. "Oskar", flüstere ich ins Unsichtbare. "Hilf mir. Du bist Tims letzter Freund. Richte ihm von mir aus, dass ich ihn nie vergessen werde und dass er in seinem kurzen Leben mir so viel gegeben hat, wie niemand sonst."

Und in mein Kissen schluchze ich: "Ich will in deine Pixelwelt, kleiner Bruder."

Roter Stern.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
04. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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Abenteuer im Frisiersalon Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
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