Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Marios Aschenputtel

© Heidi Gotti

Weit öffnete sich die gläserne Automatik-Schwingtüre des "Salon Milano" im Herzen Berlins.

Die schlanke Frauengestalt im weit fallenden schwarzen Mantel aus glänzender Seide betrat den Eingangsbereich. Mit der rechten Hand streifte sie die lockere Kapuze vom Kopf, öffnete das Kleidungsstück und … schon war Mario zur Stelle … um es ihr abzunehmen. Er war nicht nur der Besitzer dieses Geschäftes, sondern auch dessen Seele und legte selbst viel Wert auf sein Äußeres.

Mit feurig schwarzen Augen schaute er seine Besucher an, das dunkelbraun glänzende Haar in weichen Wellen locker zurückgekämmt. Nun tänzelte er hofierend um diese wunderschöne mädchenhafte Dame herum.

Diese sah so unwirklich aus, märchenhaft geheimnisvoll, wie eine Gestalt aus Tausendundeiner Nacht. Sie schien nicht von dieser Welt zu sein.

Die Frauen blickten neidisch und von den Männern vernahm man viele "Ah" und "Oh" der Bewunderung.

Links in einem Raum mit unzähligen Spiegeln saßen die weiblichen Kundinnen, teilweise unter Trockenhauben, teils wurden ihnen die Haare eingedreht oder geschnitten. Auf der rechten Seite in einer schlauchähnlichen Kammer des Salons hatten die männlichen Besucher Platz genommen. Auch sie wurden von geschickten Händen versorgt. Hübsche Mädchen waren für die Herren, galante und schlanke Burschen für die Damen zuständig.

Aber um diese Schönheit, die eben hereingekommen war, kümmerte sich Mario höchst persönlich. Zuvorkommend führte er dieses Wesen in ein separates Rundzimmerchen, das von einer Spiegelwand umgeben war und das Bild des bezaubernden jungen Mädchens vielfach wiedergab.

Grüne Nixenaugen blickten dem Haarkünstler aus einem schmalen und leicht gebräunten Gesicht entgegen. Das Haar reichte dem Geschöpf bis weit über die Schultern und war so riesig wie eine Löwenmähne. Die Frau schien etwas Besonderes vorzuhaben, denn ihr Abendkleid verriet es. Das schöne Blau glitzerte bei jeder Bewegung wie ein herrlicher Sternenhimmel.

Schon ließ der Haarkünstler Mario die üppigen Haarstränen durch die Finger gleiten und sein Gesicht begann zu leuchten.

"Wie darf ich Madame verschönern?", fragte er galant.

Keine Antwort.

‚Kann oder will sie nicht sprechen?', sinnierte der Mann.

Trotzdem begriff er sofort, was sie wollte und schnappte sich das Buch mit den Modellen der Abendfrisuren. Aufmerksam blätterte die Kundin den dicken Wälzer mit den attraktiven Fotos auf Glanzpapier durch. Bald hatte sie gefunden, was sie wünschte und zeigte darauf. Durch Gesten machte sie begreiflich, dass ihr das einfache Braun des Haares zu dem schillernden Outfit nicht gefallen würde und wählte ein Naturblond, das kupferrote Strähnen bekommen sollte.

Erwartungsvoll lehnte sie sich nun entspannt zurück und schloss die Augen.

Mario umhüllte die Gestalt mit einem weiten, langen, die Kleidung schützenden, Umhang und begann mit seiner Arbeit.

Leise einschmeichelnde Musik ließ alles so unwirklich erscheinen. Hatte die Erde aufgehört sich zu drehen? Befanden sie sich auf einer einsamen Insel - nur sie beide?

Mario umkreiste die Kundin auf leisen Sohlen, streichelte und berührte ihr Haar, als wäre es die schönste Frau der gesamten Galaxis. Als müsste er sie von Höhepunkt zu Höhepunkt führen, um mit ihr nie mehr zurückkehren zu müssen. Geschickt ließ er die Haarspitzen zärtlich durch Kamm und Hände gleiten, um sie etwas zu kürzen bzw. in Form zu bringen und lichtete die üppige, leicht gelockte, Haarpracht auch ein wenig. Anschließend verglich er die allgemeine Länge, um mit dem Tönen zu beginnen. Nachdem er das Haar gewaschen hatte, pinselte er zuerst die Strähnen mit Farbe ein, um sie in die darunter gehaltene Folie einzuwickeln. Als er damit fertig war, kam der Rest des Haares an die Reihe. Nun steckte er alles unter ein Plastikgebilde und schien aus der anderen Welt zurückzukehren.

Verwirrt winkte er der kleinen Elvira, die für die Maniküre zuständig war. Der Nagellack sollte denselben Kupferton haben wie bei den Haaren. Als der Wecker klingelte, waren auch die schönen schlanken Hände der Frau in Ordnung.

Mario und Elvira machten sich an die Arbeit. Schnell Schopf und Strähnen befreit, eine kurze Kopfwäsche und dann wurde das gesamte Haar auf große Lockenwickler gedreht und unter einer elektrischen Haube getrocknet. Die Wartezeit genoss die Frau bei einer duftenden Tasse Kaffee und einer Zeitschrift.

Nachdem Haarnetz und Wickler entfernt waren, kamen die Farbtöne richtig schön zur Geltung und die Kundin hielt vor Begeisterung den Atem an. Fast kam sie sich fremd vor, so schön passte das neue Outfit zu ihren grünen Augen und dem Teint des Gesichtes. Sie würde nur noch etwas Wimperntusche, Rouge und den passenden Lippenstift brauchen. Auch das war bei Mario möglich in der extra eingerichteten Schminkecke.

Mit ruhigen Bewegungen war dieser nun bei der Arbeit und bürstete Strähne für Strähne des goldenen Haares, um es hochzustecken. Einen Teil, mit etwas Kupfer, ließ er links beim Gesicht nach unten fallen, wo es locker in dem gewagten Ausschnitt des bestrickenden Kleides endete, verführerisch auf Berührung wartend.

Duftig umhüllte die Haarpracht den zierlichen Kopf und plötzlich hielt das Elfenwesen ein Diadem mit gleißendem Strass in der Hand.

Mario war entzückt und fügte es in die Hochfrisur. Taft versprühte er reichlich, der ebenfalls mit glitzerndem Flitter versehen war.

Dann schminkte Elvira die Frau passend zu ihrem neuen Outfit.

Begeistert schaute Mario nun auf das Ergebnis, er hatte sich selbst übertroffen. Er konnte es fast nicht glauben. Oder hatte eine Fee mit ihrem Stab tausend Sterne in das Haar des wunderschönen, so zerbrechlich wirkenden Mädchens gezaubert?

Auch die Augen der weiteren Personen im Salon hatten einen seltsamen und unwirklichen Glanz abbekommen. Irgendetwas Unerklärliches war geschehen!

Die Kundin brauchte keine Rechnung, legte stattdessen einhundertfünfzig Euro auf die Theke, ließ sich in den Mantel helfen und schon hörte man ihre silbernen Sandaletten draußen auf dem Gehweg klappern. Ein Taxi musste vor dem Geschäft gewartet haben, denn man hatte es nicht gerufen.

Mario war mehr als zufrieden mit sich.

"Solche Kunden sollten wir öfters haben", flüsterte er Elvira zu, dann würden wir bald bekannt werden und auch finanziell ginge es uns besser, seufzte er anschließend.

Es war für ihn nicht einfach gewesen, hier in Deutschlands Hauptstadt Fuß zu fassen und es gab Monate, in denen er nicht viel verdiente. Gelernt hatte er als Marcel in Paris, der Stadt der Liebenden. Die Frauen dort waren sehr elegant und anspruchsvoll. Um sich zu vervollkommnen war er nach Mailand gezogen und hatte in einem feudalen Salon gearbeitet. Die heißblütigen Italienerinnen liebten ihren Mario, wie er sich nun nannte. Diese schwarzhaarigen Schönheiten wussten was sie wollten.

Kurze Zeit später stand diese wunderschöne Frau im Foyer des Hotels Maritim, in dem der Presseball stattfinden sollte. Eifrig und erschrocken wühlte sie in ihrem mit Strass übersäten Abendtäschchen.

Ein kleiner, mopsiger, schon etwas älterer Herr fragte: "Kann ich helfen?"

Er bekam keine Antwort, schien sie auch nicht erwartet zu haben, da er sofort anfügte: "Wohl die Einladung vergessen und wie mir scheint, ist auch der vorgeschriebene Begleiter abhanden gekommen?!"

Das dröhnende und ordinäre Lachen ließ einige weitere Gäste pikiert aufhorchen.

"Na, komm Kleene, ick nehm dir mit!", fügte er gönnerhaft an.

Aufatmend entledigte sich die Kleene an der Garderobe ihres Mantels und betrat am Arm dieses aufdringlichen Erdenbürgers den Ballsaal.

Sofort begann das Geflüster und Getuschel.

Die unbekannte Schönheit war der Mittelpunkt der Veranstaltung. Am Arm der Herren, die ihre eigenen Begleiterinnen vergessen hatten, schwebte sie zu den Takten der Tanzmusik durch den Saal, wurde zu Sekt und anderen Getränken eingeladen und mit Beschlag belegt, bis sie sich in Luft aufgelöst zu haben schien.

Mario, der Coiffeure hatte diesen Besuch bald vergessen, als sich wieder einmal die automatische Türe des Salons öffnete und SIE im Eingangsbereich stand.

Dieses Mal in einem Abendkleid aus hellgrünem glänzendem Satin, das bei jeder Bewegung raschelte und in allen Grün-Tönen schillerte. Die freien Schultern wurden von einem durchsichtigen Seidentuch im selben Farbton bedeckt.

Sofort war Mario zur Stelle und dieses Mal sollte das Haar ein kupfernes Rot mit grünlichen Strähnen bekommen. Es würde nicht einfach werden, versuchte er ihr zu erklären.

Wieder sprach die Kundin kein Wort, aber ihre Miene ließ keinen Zweifel aufkommen, wie sie aussehen wollte. Sie hatte sich für eine Frisur entschieden, bei der das Haar leicht geflochten als lockere Zöpfe nach oben gesteckt wurde, um dort von glitzernden Steckbroschen, besetzt mit smaragdähnlichen Steinen, festgehalten zu werden.

Mario seufzte, denn dieses Mal würde es länger dauern, befürchtete er.

Aber die Frau schien Zeit zu haben, obwohl draußen erneut das Taxi wartete.

Während der Friseur mit dem Tönen beschäftigt war, machte er sich seine Gedanken. Wer war diese Frau? Sie musste sehr reich sein und vor allen Dingen war sie gewohnt zu fordern und erwartete die Erfüllung ihrer Wünsche.

Er erklärte nun der Kundin, dass er die Strähnen mit Haarmaskara färben würde, damit man das Grün wieder leicht entfernen könne.

Irgendwie schien ihr das egal zu sein, sie vertraute dem Haarkünstler bedingungslos. Wieder entschwebten diese beiden Menschen auf einen weit entfernten Planeten, wo sie alleine zu sein schienen. Man fühlte die Zärtlichkeit, mit der Mario zu Werke ging. Jede seiner Bewegungen strahlte dieses Gefühl aus.

Nach guten zwei Stunden war das Werk vollbracht und passend geschminkt legte die schöne Fremde einen Schein in Höhe von zweihundert Euro neben die Kasse.

Wieder hatte die attraktive Unbekannte anschließend ihre Eintrittskarte vergessen, als sie den Ball der Reichen und Schönen unsicher machten wollte und fand einen Gönner, an dessen Arm sie Zutritt erhielt. Zuerst wurde sie nicht erkannt, aber nach einiger Zeit, lag ihr das starke Geschlecht zu Füßen. Nie, wie schon beim Presseball, sprach sie ein Wort, lächelte nur geheimnisvoll und die Herren redeten sie mit Mona Lisa an. Wenn ihre Begleiterinnen schon mitten im nervenden Geplapper waren, schwieg diese zarte Elfe aus einer anderen Welt, immer noch angenehm.

Da sie bei der letzten Veranstaltung sang- und klanglos verschwunden war, wurde sie belauert. Selbst als die Dame zur Toilette entschwebte, standen die Herren der Schöpfung in der Nähe, um sich hinterher sofort auf die Geheimnisvolle zu stürzen. Was trieb diese Frau nur so lange in diesen Räumen? Ob ihr wohl übel geworden war?

Eben verließ die Putzfrau das WC, in der Hand einen Eimer. Borstiges, graues Haar lugte unter dem Kopftuch hervor und die Kittelschürze hing zerknittert an der Person. Wie krass der Unterschied - wie eine grobe Ohrfeige für die Augen der wartenden Galane. Vielleicht könnte diese Frau Auskunft geben? Aber schon war sie, ohne auf die Fragen zu reagieren, verschwunden.

Als sich eine Weile später einer der Herren traute, diese Lokalität zu betreten, war niemand mehr da. Die Angebetete schien somit nachweislich von einem anderen Stern zu kommen und die Gabe besitzen, sich in Luft aufzulösen.

Enttäuscht wandten sich die Männer wieder ihren eigenen Damen zu.

Als der Besitzer des Friseursalons am Montag, seinem Ruhetag, die Berliner Tageszeitung aufschlug, lachte ihm seine Kundin entgegen, und zwar zweifach. Man hatte sie mit rotem Haar fotografiert und auch in Blond prangte sie vorne auf der Titelseite.

Ein neuer Stern in der High Society ist aufgegangen:
Am Arm von Konsul Bayer …

Mehr las Mario nicht. Seine Kundin musste den Presseball ebenso durcheinander gewirbelt haben, wie die Gala der Reichsten und Schönen der gesamten Welt. Es drängten sich an ihrer Seite Prinzen ebenso wie Bosse der Wirtschaft und Politik. Sie schien eine beliebte Tanzpartnerin zu sein und die Männer ließen sie nicht aus den Augen. Mario war das schon klar, er hatte diese Ausstrahlung selbst allzu gut bemerkt.

Nur, las der Meister der Friseurkunst … niemand wusste, wer sie war, woher sie kam … und es erfolgte ein Aufruf. Falls jemand diese Dame kennen würde, war eine hohe Belohnung ausgesetzt. Sollte Mario sich dieses Geld verdienen? Natürlich kämpfte er mit sich. Aber Verschwiegenheit war oberstes Gebot in seinem Geschäft. Wo käme man da hin, wenn er verraten würde, dass sich dieser oder jener hohe Herr die Haare färben ließe und die oder jene bekannte Dame der Öffentlichkeit eine Perücke trägt. Nein, er würde schweigen und das verlangte er auch von seinem Personal.

Als die Schönheit einige Wochen später erneut erschien, sprach er mit keinem Wort diesen Artikel in der Zeitung an. Sie war in einem goldgelben Abendkleid bei ihm und dieses Mal wollte sie mit schwarzem Haar zur Veranstaltung gehen. Die Frisur überließ sie Mario, da sie wusste, dass er das richtige Outfit für sie zaubern würde. Und so war es auch. Er hatte sich die Mühe gemacht, sie im extravaganten Afrolook, besprüht mit goldenem Glitzerspray, erscheinen zu lassen und schmunzelnd war es der Kundin dieses Mal dreihundert Euro wert, nachdem sie fertig geschminkt und auch wieder mit der passenden Maniküre, das Geschäft verließ, um ins wartende Taxi zu steigen.

Erneut ihr Foto auf der Titelseite, dieses Mal in allen wichtigen Berliner Zeitungen. Bekannte und reiche Männer suchten diese Frau.

Das Märchen von Aschenputtel schien sich auf die moderne Art zu wiederholen. Nur einen Schuh hatte sie nicht verloren und auch sonst keinen Gegenstand, durch den man sie hätte identifizieren können.

Liebestolle Herren wandten sich per Aufruf an die Bevölkerung und an die Schöne selbst, sich doch zu melden.

Die Unbekannte war nicht nur bei allen Großveranstaltungen dabei gewesen, die wichtig zu sein schienen, sondern noch bei weiteren und auch dort folgten ihr die Kavaliere auf Schritt und Tritt.

Man lobte den Schneider, aber vor allen Dingen den Friseur.

Die Frauen tuschelten, wo sich diese Unbekannte wohl verschönern ließe. Sie - die wie hässliche Entlein neben einem wunderschönen Schwan wirkten - mussten neidlos anerkennen, dass bei dieser Dame wirklich alles stimmte. Solch einen Barbier müsste man haben, der passend zum Gewand die Haare tönt oder färbt. Die Abendfrisuren waren ebenfalls ungewöhnlich und verzauberten dadurch.

Angesprochen darauf, schwieg die mädchenhafte Ballbesucherin. Sie schien stumm zu sein. Oder wollte sie es nicht verraten?

Die anderen weiblichen Anwesenden waren wütend, neidisch und ignorierten von da an diese Person, wie sie sie nun nannten.

Mario fühlte sich über das Lob der Zeitungen geschmeichelt, wenn die wüssten. Das wäre eine tolle Werbung für ihn und sein Geschäft. Aber er würde nichts verraten. Na ja, was könnte er denn verraten? Er kannte SIE doch auch nicht. Diese erschien sporadisch, sprach kein Wort, ließ sich verschönern, zahlte großzügig und enteilte.

Sie musste stumm sein, denn auch in den Zeitungen wurde erwähnt, dass sie nie redete. Eben das liebten die Männer so an ihr, dass sie ohne Worte, mehr sagte und dadurch so einen großen Eindruck hinterließ.

Geheimnisvoll verschwand sie bei jeder Veranstaltung und als ihr einmal ein Verehrer hinterher lief, sah er sie eben noch in ein Taxi steigen. Schnell winkte dieser einer weiteren Droschke und befahl dem Fahrer, dem Fahrzeug zu folgen. Einige Zeit jagten sie das Auto, doch plötzlich war es verschwunden.

Auf Anfrage stellte sich heraus, dass keines dieser Unternehmen um diese Zeit in jener Straße eine Fuhre gehabt hatte. Seltsam. War sie doch ein Wesen aus einer anderen Welt? Stammte sie von einem fremden Planeten und war mit einem Raumschiff gekommen? Dabei fühlte sie sich so real und fraulich an.

Mario musste zugeben, dass auch er sich ein kleines bisschen in die Frau verguckt hatte. Schon bei ihrem ersten Erscheinen war es geschehen, als sie den Mantel fallen ließ und trotz der weichen wohlproportionierten Rundungen wie ein süßes Mädchen vor ihm stand.

Am Ende der Ballsaison erschien SIE erneut.

Er staunte, denn ihr kurzes, buntes Kleid mit den gelben Sonnenblumen, passte nicht zum bisherigen Outfit. Er geleitete die junge Frau auf ihren Stammplatz. Bevor er aber nach dem Buch mit den Vorschlägen greifen konnte, hatte sie bereits die Schere in der Hand und begann die schönen langen Haare oberhalb der Schultern abzuschneiden.

Der Friseurmeister schüttelte sich bei jedem Schnitt, da dieses Ritsch-Ratsch in seinen Ohren fürchterlich klang. Tränen rannen über seine Wangen, als er Strähne um Strähne zu Boden fallen sah.

Was war nur geschehen? Wie oft hatte er mit sich gerungen, als er die Anzeigen in der Zeitung gelesen hatte und nun sah alles nach Abschied und Ende aus.

Schnell nahm er dem Mädchen, denn das war sie noch, die Schere aus der Hand und zauberte ihr eine schöne Frisur. In leichten Wellen legte sich das mittlerweile wieder in ihre braune Naturfarbe zurückverwandelte Haar um das Gesicht, oben leicht in die Stirn fallend. Bevor die geheimnisvolle und knisternde Stimmung sie wieder in fremde Welten entführen konnte, stand die Kundin schnell auf. Nein, sie wollte heute nicht geschminkt werden.

Vorne beim Tresen, gab sie Mario die Hand und bedankte sich für die hervorragende Bedienung. Ihre helle Stimme, die wie tausend Glocken klang, verzauberte den Mann, der nun wusste, dass sie nie mehr kommen würde. Sie ließ es sich nicht nehmen und hinterließ wieder einen hohen Geldbetrag, den Mario erfreut in die Kasse legte.

Eilig rannte sie aus dem Laden, um ein paar Häuser weiter in einem dieser Wohnsilos zu verschwinden. Der Aufzug brachte sie in den dritten Stock, zu einem der hundert Appartements.

Die Tür mit dem Namen "Maier" schloss sie auf: "Hi Tommy, ich bin wieder da!"

"Wie schön, Moni! Aber wie siehst du denn aus?"

"Nun brauche ich das lange Haar, wie Männer es lieben, nicht mehr. Hast du übrigens das Taxi verkauft?"

"Ja und ich habe ein gutes Geschäft dabei gemacht!"

Der junge Mann saß am Tisch und zählte Geld. Schein für Schein sortierte er: Die Fünfziger, Hunderter, Zweihunderter usw. lagen in Stapeln vor ihm.

Monika fing zu kichern an: "Diese geilen Böcke bemerkten nicht einmal, dass ihnen Geld fehlte. Obwohl ich mit der Zeit nur noch nach den großen Scheinen griff."

"Wenn man genug davon hat, tut es nicht weh", meinte Tommy "und außerdem hatten sie nur Augen für dich und dein tolles Aussehen. Schau dir doch mal die Zeitungsausschnitte an. Dein Mario muss ein Zauberkünstler sein, sonst hätten dich die Typen jedes Mal gleich von Anfang an erkannt!"

"Ja, er ist ein Schatz", seufzte die Frau. Irgendwie hatte sie sich in den galanten Friseur verliebt.

"Muss ich mir Sorgen machen und eifersüchtig sein?", fragte Thomas.

Aber er bekam keine Antwort.

Stattdessen meinte seine Komplizin nach einer Weile: "Es war richtig, den Spuk zu beenden. Als ich mich das letzte Mal in der Toilette nicht mehr umkleiden konnte, war es sehr gefährlich. Nicht auszudenken, wenn der Typ mich auf der Straße erwischt hätte. Wie gut, dass du gewartet hattest. Und vor allen Dingen, dass du dich in Berlin auskennst und das andere Fahrzeug abschütteln konntest."

"Meine süße, kleine Gaunerin", flüsterte Thomas zärtlich. "Hattest du eigentlich keine Angst, dass sie dich anzeigen oder gar verhaften lassen?"

"Nein, ich denke, dass ich sie sehr gut gegeneinander ausgespielt hatte und jeder es nie zugegeben hätte, dass er bestohlen worden war. Als Einzelopfer dazustehen - wie peinlich!", lachte die junge Hochstaplerin gurrend und selbstgefällig.

"Du bist schon ein kleines Biest", fiel ihr Partner in das Lachen mit ein.

Eine Weile später verließ ein junges unauffälliges Paar das Hochhaus, fuhr mit einem Taxi zum Flughafen und einige Stunden später lagen die beiden glücklich schmusend, mit sich und der Welt zufrieden, am Strand einer kleinen Südseeinsel.

Mario war traurig, zwei Monate hatte er SIE nicht gesehen und diese Frau fehlte ihm, irgendwie hatte er sich in die schöne von den Medien gesuchte Unbekannte verliebt. Sie geisterte sogar durch seine Träume. Er konnte somit nur allzu gut verstehen, dass es vielen Männern ebenso ging.

Ein Vierteljahr später flatterte ihm ein Brief ins Haus, abgestempelt in einem Ort, dessen Namen er nicht kannte und auch nirgends finden konnte, weder auf einem Atlas noch bei Google im Internet.

Na ja, ihm war es egal.

Die Frau teilte ihm mit, dass es ihr gut gehe und er sich ruhig bei den Zeitungsredaktionen melden dürfe. Im Umschlag befanden sich Fotos seiner Angebeteten mit den von ihm kreierten Frisuren. Er solle sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, denn er wäre ein wunderbarer Friseur und sie wünsche sich, dass er berühmt würde.

Versehentlich fiel ihm beim Lesen vor Überraschung seine Kaffeetasse um und nun konnte man den Poststempel überhaupt nicht mehr entziffern, was ihm mehr als recht war.

Der Friseur machte seinen Weg, bald war er bekannt.

Politiker, Wirtschaftsbosse, Filmleute fanden ebenso den Weg zu ihm, wie die Reichen und Schönen der ganzen Welt.

Manchmal wurde er sogar in einen weiter entfernten Winkel der Erde beordert und man schickte ihm hierzu livrierte Fahrer, Flugzeuge, Helikopter und andere Beförderungsmittel, nur damit er den bekannten Persönlichkeiten die Haare nach Wunsch tönen, färben, eindrehen und frisieren konnte.

Wenn er aber an sein Aschenputtel dachte, fühlte er eine Wehmut in sich aufsteigen und er wusste, dass er dieses Mädchen immer noch sehr mochte, obwohl er sie nie mehr wiedersehen würde.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
01. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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