Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Frauen und Frisuren

© Lucie Klassen

Mir gegenüber sitzt Claudia Schiffer. Kaum bekleidet. Auf dem Fußboden. Die Arme um die übereinander geschlagenen Beine geschlungen. Die lange, blonde Mähne fließt über die cellulitefrei-retouchierte Haut ihrer Unterschenkel. Und wie immer wirkt sie so jugendlich frisch, wie eine Anfang-Zwanzig-Jährige.

Ich merke, dass der Kerl neben mir die Shampoo-Werbung von L'oreal ebenfalls betrachtet. Vermutlich überlegt er dabei nicht, ob ihm sein fettiger Seitenscheitel die 3,99 Euro wert ist.

Meiner Meinung nach achten die meisten Männer bei der Wahl der Frau ihrer Träume auf drei Dinge: Sie sollte lange, blonde Haare haben, kochen können und schicke Unterwäsche tragen.

Eigentlich will ich das nicht wirklich glauben, aber warum sonst werden die Worte blond und blauäugig sechzig Jahre nach den Nationalsozialisten noch immer in jeder dritten Kontaktanzeige erwähnt? Ich entschließe mich trotzig, Claudia Schiffer zu ignorieren und blättere wieder in der Klatschzeitung, wo mein Blick nacheinander auf Heidi Klum, Jenny Elvers-Ebertshagen und Pamela Anderson fällt.

Tja, Frauen und Frisuren, das ist eine komplizierte Sache. Männer sind in haartechnischer Hinsicht meist genügsamer: Morgens eine Dreiviertelstunde lang mit Festiger, Gel und Wachs auch die letzte Strähne in die richtige Position zu bringen, erscheint den Herren oft unnötig. Bei uns Frauen ist das Syling wichtiger. Schließlich ist eine Frisur für eine Frau auch gleichzeitig ein Statement. Kurz oder lang, blond oder brünett, das ist eine Aussage - oder etwa nicht? Unübersehbar, beinahe schon politisch, finde ich. Meine Haare verraten etwas über mich, über meine Persönlichkeit, meinen Stil, sogar meine Seele.

Ich frage mich oft, warum ein Psychologie-Studium keine Vorlesung zum Thema Frauen und Frisuren beinhaltet. Das würde so manche Diagnose erleichtern. Bei einem Mittelscheitel zum Beispiel, der die Haare wie Gardinen vor das Gesicht fallen lässt, handelt es sich eindeutig ein Hilfeschrei. Er bedeutet: "Ich bringe mich in absehbarer Zeit um!"

Dass Männer sich nicht durch ihre Frisur ausdrücken, heißt aber nicht, dass sie anderen Menschen nichts über sich selbst verraten möchten. Im Gegenteil, die meisten Männer sorgen dafür, dass ihre Persönlichkeit nicht übersehen wird.

Mein eigener Mann zum Beispiel gönnt seiner neuen C-Klasse-Limousine jeden Samstag eine Heißwachsbehandlung, sein Handy schmettert Arien, wenn jemand anruft, und ganz besonders freut er sich über die Magentabletten, die ihm der Arzt neuerdings wegen seines Stress-Geschwürs verschrieben hat. Da ist das Mountain-Bike von Trek, das laut schreit: Wer mich fährt ist fit und kann sich ein Fahrrad leisten, für dessen Preis sich andere ein Auto kaufen! Da sind die 37-Euro-Cohiba-Zigarren, die er Freunden gern spendiert. Und nicht zu vergessen: Die Rolex, der ultimative Einschüchterer für Geschäftsessen.

Ach so, und ich bin ja auch noch da. Ich fürchte, auch mit mir macht mein Mann eine Aussage. Ich bedeute: Schau mal, ich ernähre eine Familie, ich habe zwei studierende Kinder und eine Frau, mit der man nach zwanzig Ehe-Jahren noch Sex haben will.

"Quatsch!", hat meine Freundin Inge gelacht, als ich ihr das erzählt habe. "Glaubst du im Ernst, er hat dich geheiratet, um mit dir anzugeben?"

Seit einiger Zeit bin ich nicht mehr sicher. Es sind Kleinigkeiten, die mir auffallen. Zum Beispiel hat er mich an seinem Geburtstag gebeten, selbst zu kochen, als ich den Partyservice bestellen wollte. Auf der After-Work-Party spielte er gedankenverloren mit dem spitzenverzierten Träger meines BHs. Und für das Geschäftsessen morgen hat er mir einen Friseurtermin außer der Reihe spendiert. Übrigens mit den Worten: "Lass die Blondierung ruhig auffrischen, dann kannst du die Haare offen tragen."

"So, es kann losgehen!", reißt mich die Friseurin aus meinen Gedanken.

Ich lege die Klatschzeitung zur Seite.

"Wie soll's denn werden?" Sie zupft meine lange, blonde, mit Haarkuren, L'oreal-Shampoo und Honigpackungen gepflegte Mähne dekorativ über meine Schultern.

Ich zögere nur eine winzige Sekunde. "Kurz und rot", sage ich dann entschlossen. "So rot wie möglich."

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
30. Dezember 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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