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Um ein Haar© Leonora RuoccoDir gefallen meine Haare, weil sie so dick sind und vor Gesundheit und natürlich echtem Glanz strotzen, allerdings sind sie deiner Meinung nach zu kurz, fast schulterlang findest du nicht feminin genug. Du nimmst gerne eine Strähne von ihnen und schlingst sie zart um deine Finger, reibst sie vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger, lässt sie sich behutsam aus dem von Dir aufgewickelten Knoten lösen und beobachtest, wie sie sich, widerspenstig wie sie sind, wieder aufrichten und zurückschnellen, um wieder gerade und glatt an ihrem Ursprungsort zu verweilen. Sie gefallen mir, wenn du deine Nase in sie hineintunkst, eine tiefe Brise von ihnen einatmest und versunken mit mir da stehst, weil du mir dann ganz nah bist. Du magst sie, wenn wir miteinander schlafen, sie durch Dein Gesicht streifen, wenn ich auf dir sitze, um sie mit einem Schwung nach hinten zu werfen, du magst sie, wenn sie mich zart auf der Reise über deinen Körper begleiten, dich kitzeln, angenehm pieksen und du beginnst, dich wohlig dabei zu rekeln. Du machst mir viel Komplimente über sie. Sie passen zu mir, sie sind bzw. ich bin gar nicht so der Typ deines bisherigen Beuteschemas, das lange blonde Haare hatte und blauäugig war. Du stehst plötzlich auf Schwarz und braunäugig. Durch mich, durch sie, meine Haare. Ich darf sie nicht abschneiden, höchstens alle 2 Monate ein ganz wenig nachschneiden lassen, damit sie besser wachsen. Je länger sie im Laufe der Monate werden, umso mehr beginnen sie sich zu locken. Ich bekomme eine Mähne. Du streifst sie mir jedes Mal aus dem Gesicht, fügst sie mit beiden Händen in meinem Nacken zu einem imaginären Pferdeschwanz zusammen, den ich nicht tragen soll, weil du sie nur offen magst. Ich gewöhne mich daran, mir die Strähnen alle paar Sekunden aus dem Gesicht zu pusten oder mit der Hand nach hinten zu wischen, sie hinter das Ohr zu klemmen, doch das gefällt Dir nicht, weil dann meine Ohren so abstehen. Ich gewöhne mich daran, zwischen ihnen durchzuschielen und die Pracht nach deinen Wünschen gedeihen zu lassen. Ich beginne nachts zu schwitzen, weil sie so dick im Genick zwischen Kopfkissen und Haut liegen und Hitze speichern. Im Sommer habe ich das Gefühl, einen Brutkasten auf dem Kopf herumzutragen. Sie machen mich unruhig, weil ich sie häufig zwischen Schulter und Kopfkissen einklemme, und es dabei schmerzhaft zieht, wenn ich mich im Schlaf umdrehe. Und es macht mich ungeduldig, wenn ich morgens so lange mit dem Föhn im Bad stehen muss, bis sie endlich trocken sind. Irgendwann beginnst du, dich zu beschweren. Es liegen so viel Haare im Bad. Täglich - warum ich das nicht ordentlich machen könne, es könne doch nicht so schwer sein, seine Haare beim Föhnen im Griff zu haben. Schade, dass du braune Haare hast. Ich erinnere mich an Constanze Wechselburger, die in "Beim nächsten Mann wird alles anders" bei diesem Vorwurf ihres Freundes heimlich zur Nagelschere greift, ihre Haare auf seine Länge kürzt, um sie dann vorwurfvoll ihm im Waschbecken zu überlassen. Ich beginne nun täglich das Bad zu saugen, schleppe den Sauger aus dem Hauswirtschaftsraum hoch bis ins Bad. Doch dir fallen auch die Haare auf, die ich so im Laufe des Tages verliere. Mal liegt eins auf dem Sofa, mal hängen welche am Mantelkragen - ganz besonders schlimm ist es für dich, wenn sich eines auf dein Kopfkissen verirrt hat und ich es beim Bettenmachen nicht bemerkt habe. Auf dem weiß gefliesten Küchenboden sieht man sie besonders gut, sozusagen peinlichst überführend. Anfangs liest du sie einfach auf und wirfst sie kommentarlos in den nächstgelegenen Mülleimer oder Papierkorb. Nach einer Weile wird daraus eine Zeremonie, voller Pikiertheit und vorwurfsvollen Blicken deinerseits. Ich habe ein schlechtes Gewissen, denn ich haare mich anscheinend schlimmer als deine 4 Katzen, die du vor 16 Jahren hattest, sagst du. Also wird der Staubsauger nun zur täglich angewöhnten Haarentfernungseinrichtung durch das ganze Haus. Dicke lange schwarze Haare. Jeden Tag immer wieder neu, Verlieren und akribisch genaues Suchen, Einsammeln und Einsaugen. Laut deiner Meinung muss ich krank sein, so viel Haare verliert kein Mensch. Ich frage Nina, meine Friseurin und google dazu im Internet. 100 pro Tag sind anscheinend normal. Ich mache mir ein paar Tage lang die Mühe, sie alle täglich zu zählen und komme nie über 100. Doch das gesunde Ergebnis kann mich nicht richtig beruhigen. Wir kaufen einen kleinen Handsauger, der im Bad angebracht wird, weil ich staubsaugerschleppresistent geworden bin. Auch siehst du ein, dass Haarspangen, Gummis und Bänder hilfreich für mich sein könnten. Im Lauf der Zeit lerne ich, meine Pracht kunstvoll hochzustecken und dabei ein oder zwei Strähnen neckisch an der Seite herausschauen zu lassen. Das gefällt dir. Als der Kellner im Restaurant beim Bezahlen mich freundlich anlächelt, wirst du sauer. Noch Tage danach schimpfst du, dass ich meine Haare benutzen würde, um andere Männer anzubaggern. Also stecke ich sie morgens nun schnell und pragmatisch zu einem Knoten zusammen, lasse das ganze Styling- und Strähnengedöns, um abends, wenn ich den Knoten öffne, festzustellen, dass die inneren Haare immer noch nass sind von der Morgendusche. An Deinen Kopf darf niemand, geschweige denn an deine Haare. Keines Deiner Kinder beim Schmusen, kein Hut, keine Sonnenbrille, keine Sonne, kein Regen, kein Schnee, keine Creme und erst recht nicht eine meiner Hände, wenn sie dich zärtlich streicheln möchten. Als wir uns kennenlernten, war ich erstaunt, als du den Kopf schnell wegdrehtest, wenn ich dich am Kopf berühren, liebkosen oder dir über die Haare streicheln wollte. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Don't touch - Tabuzone - steht fett in Großbuchstaben auf deiner Stirn. Du verhältst dich sehr eigen mit deinen Haaren. Da die Geheimratsecken überhandnehmen, und der ungewollte Scheitel in der Kopfmitte immer breiter wird, zupfst du sie morgens akribisch und vorsichtig minutenlang im Bad in die richtige Position. Dabei verwendest du Gel. Mittlerweile haben wir über 20 verschiedene Tuben und Pumpsprays in Form von Haargel im Bad stehen. Von mega leicht zu ultra strong mit allen möglichen Zauberformeln im Quadrat, klinisch getestet, warentesterprobt, friseurempfohlen usw. Doch jedes neu ausprobierte Stylingwunder, jede neue Volumenunterstützung, jedes nachweislich getestete Aufbauprogramm oder jede Neuerfindung, die verspricht, nicht zu verkleben und Kräftigungsproteine, wie auch spannkrafterhaltende Fülleformel extra for men enthält, entspricht nicht deinen Vorstellungen. Nachdem du eines der vielen Gels vorsichtig in Millimeterarbeit in deine Haare eingearbeitet hast, kommt Haarspray hinterher. Da hast du ein Stammprodukt, ein Frauenhaarspray. Kein Wunder, ich habe bisher auch noch kein Angebot in Form eines Haarsprays for men gesehen. Jedes Mal, wenn du im Bad bist, wird auffrischenderweise gesprayt. Ich weiß noch, wie du ausgerastet bist, weil ich bei unserer ersten gemeinsamen Reise vergessen hatte, dein Haarspray einzupacken. Eines Morgens im Bad, ich föhne gerade und du bist beim Gelen angelangt, fliegt eines meiner Haare durch den Föhnwind in dein Waschbecken hinein. Du schaust entsetzt darauf und dann mit verkniffenem Gesicht auf mich und fängst an, mich zu beschimpfen, ich solle das eklige Zeug endlich in den Griff kriegen, das sei ja nur noch widerlich. Ich nehme das Haar aus deinem Waschbecken und verlasse das Bad. Als wir zusammen im Supermarkt einkaufen sind und ich ziemlich rasant um die Ecke des Gemüsestandes biege, kann ich gerade noch abrupt stehen bleiben, um den Zusammenstoß mit einem Mann zu verhindern. Nach dem ersten Schreck fangen wir beide an zu lachen, entschuldigen uns gegenseitig beieinander und jeder geht seines Weges, um seinen Einkaufswagen weiter zu füllen. In meinem Genick spüre ich den bohrenden Blick von dir aus der Richtung des Fleischstandes und eine Ahnung packt mich, sie rieselt mir heiß das Genick hoch und lässt mir das Blut in den Ohren einmal pochend aufkochen. Zuerst bist du nur angespannt ruhig, um Dich weiter aufzupumpen, und dann rastest du nicht nur aus, du entlädst dich, überschlägst und verhaspelst dich geradezu vor Kommentaren, Beschimpfungen, Zuschreibungen und immer wieder hochkochenden Wutausbrüchen. Ich gestehe alles - natürlich stehe ich auf kurz geschorene weißblond gefärbte Solariummänner - das ist mein Geschmack, klar, das gebe ich meinetwegen auch noch zu, wenn dir damit gedient ist. Ich versuche mich an mein ‚Fast-Unfallopfer' zu erinnern und bin mir nicht einmal sicher, ob er wahlblond war. Aber das interessiert dich nicht. Ich könne doch gleich zu ihm gehen, so wie ich ihn angemacht hätte, auch noch so plump und auch noch direkt vor Deinen Augen. Du fragst mich, wie man nur so blöd sein kann wie ich. Ja, das frage ich mich auch. Das frage ich mich immer wieder während der ganzen Fahrt nach Hause und plötzlich werde ich ruhig. Es ist gut jetzt. Ich gehe ohne Termin zu Nina. Eigentlich war ich, bis ich dich kennenlernte bei Luigi, einem wunderbaren Friseur, der sein Handwerk beherrschte, es war jedes Mal ein schönes und lustiges Erlebnis bei ihm, wenn ich aus seinem Salon heraus kam - doch sogar den schwulen Luigi hast du mir verboten, ich darf nur Frauen an meine Haare lassen. Nina kann mich kurzfristig eintakten. Ich lasse unser all-zweimonatiges Begrüßungsritual und nehme in kurzen und knappen Worten die Abkürzung, indem ich ihr sage, dass sie sie mir einfach nur abschneiden solle und zwar kurz, richtig kurz, meinetwegen auch noch mit dem Langhaarschneider nachrasieren könne auf ein paar Millimeter. Nina ist erstaunt, fragt mehrfach nach, ob es mein voller Ernst sei, wir hätten diese schöne Pracht nun so lange gezüchtet. Ich bleibe kurz und knapp beim Abschneiden und sie beginnt mich fast zu beknien, holt Zeitschriften und Frisurenmusterbücher, um mich auf eine andere Schiene zu lenken. Doch ich bleibe dabei. Sie sagt, dass sie ernsthaft erwägt, ob sie sich meinen Entschluss schriftlich geben lassen soll, falls mich nach dem Schnitt die Reue packen sollte. Ich erkläre ihr, dass wir in Deutschland und nicht in den USA sind, und dass ich nicht vorhätte, sie zu verklagen, sondern einfach diese Last endlich abgenommen bzw. abgeschnitten haben möchte. Sie gibt sich redlich Mühe, mich weiterhin abzuhalten, den Millimeterschnitt anzupeilen. Sie kämpft wie eine Löwin um mein Resthaar und wir einigen uns schließlich auf einen elegant-frechen fast-Bob - hinten im Genick ganz kurz und angeschnitten und nach vorne immer länger werdend bis Kinnhöhe. Parallel dazu Luft im Pony, in Form von dünnen Strähnen, damit ich endlich wieder den Kopf gerade halten und normal in die Welt schauen kann. Jede Strähne, die durch die Schere zu Boden fällt, ist eine Befreiung für mich. Nina schüttelt nur den Kopf, Wehmut schwingt in ihrem Scherengeklapper. Sie erinnert mich daran, dass du doch lange Haare magst. Ich lächle ihr freundlich im Spiegel zu und fordere sie auf, weiter zu schneiden, wächst doch eh wieder nach. Ninas Kollegin ist da weitaus pragmatischer, fast schon neidisch und hält Nina vor, dass sie selten die Möglichkeit bekommen würden, mal radikal mit der Schere zu hantieren, um sich so richtig auf dem Kopf des Kunden auszutoben. Nina nickt ergeben und macht weiter. Als sie fertig ist, bin ich stolz wie Oskar, fühle mich erleichtert, entspannt, geradezu gelöst und glücklich. Zufrieden gehe ich nach Hause. Du schaust mich erschrocken an. Deine Stirn kräuselt sich, die Augen verengen sich und du schnappst tief nach Luft. Stolz hebe ich mein Kinn und schaue dir fest in die Augen. Daraufhin sagst du nichts und gehst aus dem Zimmer. Ich verliere mehr Haare am Tag, als du bald auf dem Kopf haben wirst, mein Liebster, denke ich dir hinterher. In der darauf folgenden Nacht muss ich zum ersten Mal nicht mehr schwitzen und am nächsten Morgen geht es gigantisch schnell durchs Bad, es ist einfach wunderbar. Du hast den restlichen Abend und auch am Morgen noch kein Wort mit mir gesprochen. Ich lasse Sauger und Suchaktion und bin entspannt. Du wirst dich schon wieder einkriegen. Die nächsten Tage verlaufen sehr schweigend. Du machst dich rar, bist kurz angebunden, hast viel zu tun und kommst spät aus dem Büro nach Hause. Eines Morgens hänge ich deinen Anzug vom stummen Diener auf einen Bügel und will ihn zum Kleiderschrank bringen, als mir ein blondes langes Haar auf Deinem Sakkokragen auffällt. Um ein Haar hätte ich es übersehen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors. Ein haariges Lesevergnügen
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