Haarige Geschichten
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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Die Haare meiner Familie

© Claudia Binder

Das zarte Blumen- und Rankenbild welches aus meinen ersten Haaren angefertigt wurde, stammt wohl noch von meiner Urgroßtante mütterlicherseits, das damalige Familienoberhaupt, denn unsere männliche Linie verfügte nie über den prächtigen Haarwuchs der Frauen in unserer Familie. Im Gegenteil, selbst in der Jugend glichen ihre Haare den Federn einer halbgerupften Gans und ab dem 25. Lebensjahr, allerspätestens ab ihrem 30. Geburtstag, waren die meisten kahl wie ein Stein. Die Frauen meiner Familie hingegen verfügten über prächtige Haare in allen möglichen Farben und selbst im hohen Alter war ihr Haar noch fest und voll. Meist fand sich bis zu ihrem Tode kaum ein graues Haar in ihrer Pracht. Mensch betrieb in meiner Familie auch einen regelrechten Kult um das Kopfhaar. So durfte es auf keinen Fall am Wachsen gehindert werden, nur die Spitzen durften zwecks Pflege ab und zu geschnitten werden. "Eurer Haar", so sprach meine Großtante immer wieder zu mir und meiner Schwester, "ist wie ein Schutzengel. Es wird euch vor aller Unbill der Welt beschützen." Ja, meine Großtante redete noch so und wir Kinder glaubten ihr. Auch als Erwachsene tat ich das noch. Meine purpurroten Haare, die bis zu meinen Kniekehlen reichten, waren mein ganzer Stolz. Sie waren wirklich Purpur zumindest wenn die Abendsonne drauf fiel und sie wie ein Feuer entzündete. Ansonsten schwankten sie zwischen kastanienfarben und dem Rotorange einer saftigen Karotte. Selbst für die Haarpracht meiner Familie waren sie etwas Besonders. Und meine Mutter hob jedes von ihnen, das sich in der alten Perlmuttbürste meiner Urgroßmutter, denn nur damit durften sie gekämmt werden, verfing auf. Sie gab sie in ein Buch aus weichen selbstgeschöpften Papierseiten. In Stunden der Muße flocht sie dann die einzelnen Haare zu einem Zopf und gab sie meiner Großtante und später meiner Tante, damit sie daraus Haarbilder fertigte. Die Motive waren unterschiedlich, doch meist handelte es sich um Ranken, Blumen, abstrakte Muster und wieder Ranken. Andere mögen sich geschmacklose Bilder von röhrenden Hirschen über ihre Betten im Schlafzimmer hängen, meine Mutter hingegen hatte dort die Haarbilder von mir und meiner Schwester. Sie sagte, sie brächten ihr einen ruhigen Schlaf und Glück selbst im Unglück - besonders mein Haar.

Friseure verabscheute meine Familie wie die Pest. Sie rauben den Menschen die Kraft, indem sie ihnen die Haare schneiden, behauptete meine Großmutter immer. Und es war ihre Art, jedem Friseur, an dem sie vorbei kam, an die Fensterscheibe zu spucken. Nicht von ungefähr wäre die Kraft Samsons aus seinem Haaren erwachsen, betonte sie immer wieder. Mutter und der Rest der Familie benahm sich Friseuren gegenüber meist höflich aber distanziert, doch man merkte ihnen ihre Ablehnung an. Mutter erklärte mir, dass Großmutters Verhalten daher rührte, dass sie sich einst in einen Perückenmacher verliebt hatte. Dieser hatte sie fast dazu überredet, ihm ihr schönes Haar, welches wie aus Gold gesponnen war, zu opfern - ihrer Liebe willen. Um ein Haar hätte sie diese Opfer auch gebracht, doch dann fand sie kohlrabenschwarze Haare an seinem Sakko. Diese konnten nicht die seinen sein, weil er schon vor seinem 18. Geburtstag am Rosenmontag vollkommen ergraut aufgewacht war. Niemand wusste warum, nicht mal er selbst. Er behauptete das Corpus Delikti sei von Rudolf, seinem besten Freund, der nur mal sein schönes meerblaues Sakko anprobieren wollte. Und er log nicht. Aber Rudolf hatte nicht nur das Sakko anprobiert sondern auch seine Hose. Nein, sie hatten nicht nur Kleider getauscht und dies auch nicht zum ersten Mal. Doch verzeiht mir, dass ich abschweife. Dabei gebe es noch viele Geschichte über meine Großmutter zu erzählen und nicht alle handeln von Perückenmachern und ihren heimlichen Liebhabern. Eigentlich nur diese.

Mein Haar jedenfalls, ich muss sagen, ich liebte es inniglich und wirklich ich hatte das Gefühl, es beschützte mich vor allem Schlechten auf dieser Welt. Ich flocht es oft in Zöpfen oder hatte es in einem Netz. Doch meist trug ich es offen, um es zu schonen und jedem einzelnen genügend Luft zukommen zu lassen.

Ich verwendete nie schädliche Dinge wie Tafts, Sprays oder Färbemittel. Auch mied ich rauchige Lokale oder die pralle Sonne. Und mein Haar dankte es mir.

Ich arbeitete in einem Geschäft welches Seifen und Cremen aus alten Rezepturen aus aller Herren und Damen Länder verkaufte. Unsere Produkte waren biologischer Herkunft und garantiert fair trade, darauf legte Alma, die Besitzerin großen Wert.

Es war ein feiner kleiner Laden in einer ruhigen Gasse weitab von dem Touristentrubel des Zentrums. Mensch konnte die Wohlgerüche schon beim Betreten der Gasse, die zu uns führte, wahrnehmen. In jeder Ecke des Ladens duftete es anders. Und es erfüllte mich mit einer gewissen Befriedigung, wenn ich meine KundInnen davon überzeugen konnte, ihre schädlichen chemieverseuchten Shampoos und Seifen gegen unsere natürlichen wohltuenden Pflegemittel zu tauschen.

Das war mein kleiner Beitrag für eine bessere und gepflegtere Welt.

Eines Tages betrat Toyin das Geschäft. Sie war so wunderschön wie eine schwarze Rose, kurz bevor sie verblühte. Ihr Körper war wie von Rubens persönlich gemalt. Sie bewegte sich wie ein Grashalm im Wind. Ich kann es nicht mehr mit Gewissheit sagen aber ich glaube wohl, dass ich mich in sie verliebte, als sie an der Ingwerrosen-Basilkumseife roch. Aber spätestens als sie den Stapel aus Schokoholunderseifen mit ihrem hübschen Hintern umstieß, war es um mich geschehen. Wir krochen gemeinsam am Boden um die unzähligen kleinen Kugeln einzufangen. Und dort, dort geschah es. Unsere Köpfe stießen aneinander, als wir die gleiche Seife aufheben wollten. Mein Kopf schmerzte aber nicht von unserem Zusammenstoß sondern von einem Pfeil, der uns beide getroffen hatte, von Amor persönlich geschossen. Wir sahen uns in die Augen, während wir uns die Köpfe rieben. Wir wussten es beide. Ihre und meine Lippen berührten sich spontan. Wir küssten uns inniglich und vergaßen alles um uns herum auch die Schokoholunderseife, obwohl diese sehr gut bei fettigem Haar wirkt. Toyin liebte mich und ich liebte sie. Wir liebten uns von ganzem Herzen. Doch meine Familie, besonders die Frauen, betrachteten diese Liebe mit Argwohn. Nicht weil sie Rassistinnen waren, nicht weil sie homophob waren, nicht weil Toyin als Hundefriseurin arbeitete, sondern weil sie Dreadlocks hatte. "Es rächt sich wenn man seine Haar schlecht behandelt", ermahnte mich meine Mutter.

"Und oft wirkt das Unglück sich auf die Liebsten und auf die unmittelbare Umgebung aus", ergänzte meine Großmutter. Doch ich war verliebt und hörte nicht auf ihre Warnungen. Auch die Geschichte, die mir Großmutter über meine Großcousine Ingeburg erzählte, beeindruckte mich nur wenig.

Ingeburg hatte wunderbare schwarze Locken um die sie alle Welt beneidete. Sie schmückte sie stets mit grünen Schleifen und am Dienstag mit roten, denn Dienstage liebte sie besonders. Dienstage, so pflegte sie zu sagen, geben einem die Gewissheit, dass man den Montag schadlos überstanden hat. Wie jede Frau in unserer Familie liebte sie ihr Haar. Doch als sie ein Backfisch wurde, hielt sie nicht mehr an dem Haarkult und -glauben fest, sondern wandte sich in ihrem jugendlichen Ungestüm gegen unsere althergebrachten Traditionen und Weisheiten. Sie brannte mit einem Friseurbedarfshändler durch. Ihre Mutter und ihre Schwestern weinten viel und befürchteten das Schlimmste. Unsere Urgroßmutter aber, das damalige Familienoberhaupt zürnte ihr. Als nun die Mutter und eine ihrer Schwestern ihr nachreisten und sie zur Heimkehr bewegen wollten, erlebten sie einen oder besser mehrere Schocks. Ingeburg hatte den Friseurbedarfshändler gegen einen Menschenhaargroßhändler eingetauscht, der mit Haaren aus der ganzen Welt, besonders aus den Tempeln Indiens, handelte. Das schlimmste aber war, dass Ingeburg sich ihr eigenes prächtiges Haar zu einer mehrfarbigen stufigen Kurzhaarfrisur zusammenschneiden hatte lassen. Als ihre Verwandten dies alles sahen, war ihre Trauer groß. Doch Ingeburgs Mutter weinte nicht nur bitterlich, sie war ganz gramerfüllt vor Sorge und Angst. Schließlich hatte Ingeburg ihr Haar mehr als schlecht behandelt und führte eine Ehe mit einem Haarmisshändler. Sie warnte sie, sie bedrängte sie regelrecht von ihrem Tun abzulassen. Sie bat sie, wieder in den Schoß der Familie zurückzukommen. Mit dem Fertigen von Haarbildern und durch die Pflege ihrer Haare nur mit dem besten Henna und Balsam könnte sie das Unglück vielleicht noch abwenden. Doch Ingeburg hörte nicht auf sie. Nein, sie schlug alle Warnungen und wohlmeinenden Ratschläge in den Wind. Und innerhalb einen Jahres war der Haargroßhändler tot. Er wurde in seinem Lager in einem Berg von feinstem schwarzem Haar aus Indien gefunden. Sein Mund tief bis in den Magen, so sagte der Leichenarzt, quoll über von gelockten kohlrabenschwarzen Haaren. Von Ingeburg fand die Polizei nur noch ein Büschel schwarzer Locken mit einer roten Masche auf ihrem Kopfkissen, denn es war ein Tag nach Dienstag. Aber sie selbst blieb verschwunden. Manche sagten, sie hätte ihren Ehegatten getötet und sei nach Indien geflüchtet. Aber die, die, es besser wussten, sagten, dass das Büschel Haare alles war, was von ihr übrig geblieben war, denn es rächt sich, wenn man sein Haar schlecht behandelt oder das anderer. Um ehrlich zu sein, ich glaubte meiner Großmutter, was diese Geschichte anbelangt kein Wort. Zu sehr schien sie mir doch an den Haaren herbeigezogen. Außerdem pflegte und hegte ich mein Haar wie eh und je. Und selbst, wenn an der Mär auch nur irgendwas Wahres dran war, so war das Unglück wohl mehr auf Ingeburgs Umgang mit ihrem Haar zurückzuführen als auf ihren Ehemann, den Haarhändler. Als ich dies meiner Familie sagte, meinte meine Großmutter nur:

"Das mag auf andere Familien zutreffen aber nicht auf unsere. Es mag eine Sache sein, wenn der Partner die Partnerin ihre Haare regelmäßig schneiden lässt und dabei sich in eine mehr oder minder moderne Frisur bringen lässt, aber sie zu färben, mit Taft sie zu bändigen, hat für viele Beziehungen kleine Missgeschicke bis großes Unglück gebracht. Denn solche Dinge bereiten Haaren Unwohlsein. Aber Dreads, Dreads lösen regelrecht Angst bei ihnen aus. Und man weiß nie, was geschieht wenn unsere Haare Angst bekommen. Und bei deinen wundervollen roten Haaren kommt noch hinzu, dass sie als schrecklich eifersüchtig und nachtragend gelten. Du hast deine Haare von deiner Ururgroßtante Isedora gerbt. Und Isedora hatte unglaublich schöne Haare und ebenso unglaublich viele Verehrer, doch das Haar mochte keinen von ihnen, was nicht zu letzt an ihren Haaren lag …"

Doch ich hörte ihr nicht mehr zu. Wütend über den dummen Aberglauben meiner Familie zog ich zu Toyin, die in einem Vorstadtplattenbau wohnte, den sie vor kurzem, nach dreißig Jahren, mit blau-roten Blumen notdürftig verschönert hatten. Wir waren so glücklich wie man auf 40 m² mit kleiner Loggia sein konnte. Dort nahmen wir auch all unsere Mahlzeiten ein - soweit das Wetter dies zuließ und manchmal auch, wenn es es nicht zuließ. Denn Verliebten ist das Wetter nicht nur egal sondern sie finden selbst an Hagel und Hurrikans noch etwas Schönes. Immerhin. was gibt es Romantischeres, als zwei ausgerissenen Palmen bei ihrem Liebeswerben im Wirbelwind zu zusehen.

Sooft wie es mir möglich war, kochte ich für meine geliebte Toyin ihre Lieblingssuppe. Es handelte sich dabei um eine Tomaten-Curry-Basilicum-Suppe mit Gurken und Nudeln. Wir saßen dann, wie schon erwähnt, auf unserer kleinen Loggia auf unseren Plastikstühlen, zwischen uns ein kleiner Blechtisch. Unter uns hörten wir das Geschrei der Menschen und den Lärm der Autos. Sie machten einen jähen Krach und das fast zu jeder Tageszeit, doch uns störte dies nicht. Es klang für uns wie die Begleitmusik zu unserem Liebesabenteuer.

Bei jedem Löffel aus unserer gemeinsamen herzförmigen Suppenschale sahen wir uns in die Augen. Wir ließen erst den Blick von einander, wenn wir mit dem Essen geendet hatten. So kam es auch, dass weder Toyin noch ich das Unglück bemerkten, bevor es geschah -- geschweige denn verhindern konnten. Ich hörte zuerst nur Toyins Würgen und Husten, dann tränten ihre wunderschönen mandelförmigen bernsteinfarbenen Augen. Ich sprang auf, klopfte ihr fest auf den Rücken. Sie keuchte und rang um Luft. Ihre Augen quollen aus den Höhlen. Ich hatte schreckliche Angst. In meiner Verzweiflung entsann ich mich des Heimlichgriffs, den mir mal vor langer Zeit ein Freund, der Sanitäter war, gezeigt hatte. Ich schlang also von hinten beide Arme um Toyins Bauch und presste mehrmals meine zu einer Faust verschränkten Hände in den Bauch. Es begann nun ein glitschiges rot glänzendes Ding aus ihrem Mund zu quellen. Nein, ich traute meinen Augen nicht es waren Haare. Ein wahrer Wulst aus Haaren. Und sie sahen aus wie meine!

Ich zog nun an dem ekelhaften Wust. Toyin würgte noch immer ihre wunderschönen roten Lippen färbten sich dunkelblau. Ich zog schneller, doch die Haare, die Haare hörten einfach nicht auf. Sie wurden so schien es immer mehr und mehr statt weniger. Tränen flossen dick über mein Gesicht. Mein Haar, das sich noch auf meinem Kopf befand, klebte mir schweißnass im Gesicht und auf der Stirn. Haare überall Haare. Es schien eine Ewigkeit, aber endlich konnte Toyin, wenn auch mehr keuchend wieder frei atmen. Am Boden lag ein unglaublich großer Haufen gräulichem glitschigem rotem Haar. Es glich einem überdimensionalen behaarten Blutegel. Wir waren uns nicht sicher, ob es nicht lebendig war. Wie um es zu überprüfen, stieß Toyin es mit ihrer Fußspitze an. Doch es rührte sich nicht. Weder Toyin noch ich wussten, ob wir darüber erleichtert sein sollten oder nicht. Toyin wollte mich umarmen, doch ich wandte mich von ihr ab. Zu groß war meine Angst, dass Toyin nochmals durch meine Haare zu Schaden kommen könnte. Ich nahm eine Strähne meines prächtigen rot schimmernden Haares und betrachtete sie. Hatte meine Familie also doch recht behalten? Ich musste etwas tun, bevor meine Haare noch schlimmeres anrichteten. Mein Kopf schwirrte wie ein ganzer Bienenschwarm. Ich beschloss gleich morgen zu meiner Familie zu gehen und sie um Hilfe zu bitten. Für heute konnten wir nicht mehr viel tun, denn die Stunden waren schon zu weit vorgerückt. Zu Toyins Schutz spannte ich mir in der kleinen Loggia eine Hängematte auf, wo ich die Nacht zu verbringen gedachte. Zu groß erschien mir das Risiko, mit ihr in einem Raum zu schlafen. Ich gab Toyin die Anweisung, ihre Schlafzimmertür zu zusperren und die Loggiatüre unter keinen aber wirklich unter keinen Umständen zu öffnen. Zum Glück fanden wir noch in Toyins Schrank einen alten Haartaft. Wenn der Taft nicht alleine die Haare abschreckte dann sollte Toyin mit einen Feuerzeug einen Feuerwerfer daraus machen. Meine Geliebte konnte ihre Tränen kaum noch stillen. Ich sprach ihr Mut zu. Am liebsten hätte ich meine Geliebte umarmt und getröstet. Doch ich wagte es nicht. Es war mir, als hätte ich wie Medusa nur noch bösartige Schlangen auf meinem Haupt und nicht mein geliebtes Haar, welches mich schützte und nicht meine Liebste umbringen wollte.

Während ich in der Hängematte lag, quälten mich allerlei schlimme Gedanken und ich kam einfach nicht zur Ruhe. Aber wer konnte es mir verdenken. Mein brennenster Gedanke war, ob ein Unglück überhaupt noch zu verhindern war. Hätte ich vielleicht gleich meine Familie aufsuchen sollen?

War eine Tür und ein Zimmer zu wenig Abstand, um meine Haare an weiteren Schandtaten zu hindern. Ich beschwor meine Haare, doch Nachsicht mit Toyin zu haben, ich dachte doch nicht im Traum daran, meinem Haar in irgendeiner Weise zu schaden. Ich begann wieder zu weinen aber ich wagte nicht, meine Tränen mit den Haaren zu trocknen, denn ich hatte nur noch Angst vor ihnen. Irgendwann übermannte mich dann doch die Müdigkeit. Ich hatte schrecklich wirre Albdrücke über Haare, meine Cousine Ingeburg, einen Perückenmacher, der wie meine Großmutter aussah, und alles das trug sich in einem Haarbild zu. Irgendwann mischte sich in dieses Durcheinander ein Keuchen. Langsam wurde es stärker, es klang fast, als würde jemand ersticken. Meine Großtante betrachtete mich mit halb mitleidigem und halb erzürntem Gesicht. Sie überreichte mir ein Streichholz. Es war bis auf einen kleinen Teil schon vollkommen abgebrannt.

Plötzlich ein markerschütternder Schrei!

Ich wachte auf und fuhr herum.

Dadurch fiel ich aus der Hängematte und landete auf meinen langen roten Haaren. Noch immer benommen glaubte ich mich noch zwischen Schlaf und Wachheit, denn überall, die ganze Loggia war voll mit meinem Haar. Es hatte sich seinen Weg durch die Ritzen des Fensters und der Balkontüre gesucht. Sie ergossen sich wie ein dunkler unheimlicher roter Fluss durch das Wohnzimmer hin zum Schlafzimmer in dem Toyin schlief. Mir schwante Schreckliches. Doch ich musste erst mit einem Sessel die abgeschlossene Balkontüre einschlagen. Das viele Haar und die Scherben machten jeden Schritt beschwerlich. Ich hörte Kampfgeräusche und grauenvolle Schreie aus dem Schlafzimmer. "Toyin , meine Geliebte", rief ich, "halt aus!" Meine Füße verhedderten sich in meinen Haaren, ich stolperte und fiel. Ich glaubte schon das Opfer meiner eigenen Haare zu werden. Doch ich schaffte es noch mal mit Müh und Not ihnen zu entkommen. Als ich die Türe zu Toyins Schlafgemach aufriss, bot sich mir ein gar schreckliches Bild. Meine monströsen Haare hatten meine geliebte Toyin von den Füßen bis fast zu ihrem üppigen Busen samt ihrer Hände eingesponnen. Sie wehrte sich tapfer, doch es half nur wenig. Die Haare umschlossen wie Würgeschlangen den Körper der armen Toyin. Ich sah auf einem Regal gegenüber Toyins Bette eine große Stoffschere aufblitzen, denn Toyin liebte es zu Schneidern.

Ich hatte wohl keine andere Wahl.

Toyin oder mein Haar …

Und hier meine lieben bis jetzt aufmerksamen Leser können Sie sich für zwei Enden entscheiden:

Das eine ist für Menschen, die Haare lieben, optisch gekennzeichnet durch +++ .Das andere ist eher für solche, die Frauen lieben, gekennzeichnet durch *****. Mensch kann natürlich aber auch beide lesen.

++++++

Hier also das Ende für die Haarpassionisten:

Ich sah von Toyin zu meinem Haar und von meinem Haar zu Toyin. Dann zur großen Schere, deren Metall im Mondlicht schimmerte. Toyin sah mich mit flehenden Augen an.

"Bitte, bitte hilf mir!", keuchte sie. Das Haar stand ihr schon bis zum Hals. Ich zögerte noch immer. Ich liebte Toyin mit jeder Faser meines Herzens. Doch mein Haar war mir bis jetzt immer treu gewesen und hatte mich vor allem Unbill der Welt beschützt. Vielleicht wollte es mich diesmal auch schützen und ich wusste es nur noch nicht.

"Bitte, bitte hilf mir. Ich liebe dich." Toyins Stimme war bereits am Ersterben. Die Haare begannen sich langsam um ihr Kinn zu wickeln. Mein Blick fiel von der Schere auf einen roten herzförmigen Polster, der am Boden lag. Er war fest mit Rosshaar gestopft. Während ich ihn Toyin auf ihr liebes Gesicht drückte, wurde mir klar, dass Geliebte vergänglich sind aber die Haare sind fürs Leben treu, wenn manchmal auch nur wenige und nicht immer unbedingt am Kopf. Toyins Todeskampf dauerte dank dem Polster und meiner Haare nicht lange.

Als er vorüber war, lag nur noch eine in Haar gewickelte Mumie von Toyin auf ihrer mitternachtsblauen Ausklappcouch. Ich strich ihr über den Kopf und begann zu weinen. Irgendwann hatte Morpheus Mitleid und nahm mich in seine Arme. Als ich am nächsten Morgen erwachte, hatte mein Haar wieder seine alte Länge und von Toyins Körper war nichts mehr da. Bei der nächsten Haarwäsche fand ich eine grüne Holzperle aus ihren Dreads und ein Intimpiercing in Form eines im Dunklen leuchtenden Ringes mit Smileyanhänger. Das war aber auch alles.

******

Nun aber das Ende für die, die Frauen lieben und bei solchen Geschichten immer zu den Menschen halten:

Ich sah von Toyin zu meinen Haaren. Dann zur großen Schere, deren Metall im Mondlicht schimmerte. Ich atmete tief durch. Ich musste es tun. Dicke Tränen rannen mir über die Wangen.

"Du willst es nicht anders!", rief ich. Ich stürzte zu Toyin hin und versuchte, sie mit der Schere aus ihrer Bedrängnis zu befreien. Doch es war unmöglich. Toyin stand die Todesangst aufs Gesicht geschrieben. In einer Verzweiflungstat, von der ich nicht wusste, ob sie von Nutzen war, schnitt ich mir die Haare circa in Schulterlänge ab. Die Bewegung der Haare erstarb jäh. Und waren sie zuvor wie dünne Stahlseile um Tyions Körper gewickelt gewesen fielen sie jetzt bröselnd von ihr ab. Erleichtert fielen wir uns in die Arme. Wir küssten und liebkosten einander, denn fast hätten wir uns verloren geglaubt. Doch unsere Erleichterung währte nicht lang, denn meine Haare begannen plötzlich wieder zu wachsen und sich zu kräuseln. Als wir es in unserer überschwänglichen Freude bemerkten, hatten sie uns bereits um die Brust aneinander gefesselt. Die Schere, die rettende Schere, aber lag nun aus unserer Reichweite. Beide sahen wir unser letztes Stündlein gekommen. Da fiel mein panisch suchender Blick auf ein großes Metallfeuerzeug auf dem Nachtkästchen. Und wirklich ich konnte es mit zwei Fingern erreichen. Die Flamme war so rot wie mein Haar. Und kurze Zeit konnte ich beide farblich nicht von einander unterscheiden. Es ging wahnsinnig schnell. Ich glaubte kurz, mein Haar wie einen kleinen Hund wimmern zu hören. Als die Flammen bei meiner Kopfhaut angelangt waren, löschten wir es nicht gleich. Ich wollte sicher gehen, dass es nie mehr in der Lage war sich zu rächen. Der Schmerz, war er auch nahezu unerträglich, schien mir dafür nur ein geringer Preis. Toyin kümmerte sich derweilen darum, dass von meinem Haarbrand kein Wohnungsbrand ausging. Und ich muss sagen, sie leistete gute Arbeit. Zwei Monate dauerte es, bis alle Wunden verheilten. Die Ärzte teilten mir sichtlich ungern mit, dass ich wohl nie wieder ein Haar am Kopf haben würde. Sie waren sehr verwundert, als ich vor Erleichterung auflachte. Manchmal trauere ich meinen Haaren nach, sie waren trotz allem lange Zeit mein Schutz gegen die Unbill der Welt gewesen. Doch die regenbogenbunten Hauben, die mir Toyin strickt und näht, sind genauso gut, zumindest gegen Regen, Kälte und zu viel Sonne.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
15. Januar 2008

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Ein haariges Lesevergnügen


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