Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Die Punz vom anderen Stern

© Regina Schleheck

Halle wurde in den achtziger Jahren vor einem Waisenhaus namens "Stern" in dem Hafenstädtchen Brixham, Grafschaft Devon, abgelegt. Das Haus hatte seinen Namen von dem englischen Ausdruck für "Achterschiff". Wie die etwa vierzig Kinder, die dort aufwuchsen, zu ihrem Leidwesen erfahren mussten, bedeutete der Name gleichzeitig so viel wie "Hinterteil" und so konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass ihr Leben gewissermaßen von vornherein im Arsch war.

Das galt für Halle sicherlich mehr als für alle anderen und wiederum nur bedingt, da ihre Ankunft in dem Haus unter einem ganz besonderen Stern gestanden hatte. Es war ein nebliger Frühmorgen gewesen, einer der ersten Tage im Februar. Jeden Morgen stellte der Milchmann sieben große Milchkanister vor der Treppe des "Stern" ab. Die Heimleiterin hatte ihn wiederholt gebeten, dass er die schweren Kannen doch direkt vor der Tür abstellen sollte statt am Fuß der Treppe, von wo die Haushälterin Agatha sie zwölf Stufen hoch schleppen musste. Der Mann versprach wiederholt, er werde beim nächsten Mal alles hoch tragen. Aber als Agatha am 9. Februar 1986 noch etwas benommen nach der Nacht, in der sie ausgesprochen schlecht geschlafen hatte, hinausspähte, standen die Kanister wieder am Fuß der Treppe. In ihrer verständlichen Verärgerung schenkte Agatha dem kleinen Bündel, das direkt vor ihren Füßen lag, keine Aufmerksamkeit und so kam es, dass sie, als sie sich anschickte, die Milch zu holen, mit dem Fuß gegen etwas kleines Weiches trat, stolperte und Kind und Haushälterin die Treppe hinunterkugelten, wo Agatha erst zum Stillstand kam, nachdem sie gegen eine der Milchkannen gerumpelt war, die daraufhin scheppernd umfiel und ihren Inhalt über das Kopfsteinpflaster der Hicksville Street ergoss. Halle, die aufgrund ihres geringeren Gewichts etwas langsamer Stufe für Stufe hinunter purzelte, landete mit einem kleinen Platsch mitten in der Milchstraße.

Man nannte den Findling nach dem Kometen Halley, der der Erde in der vorangegangenen Nacht einen Besuch abgestattet hatte. Nicht nur Agatha hatte daraufhin unruhig geschlafen. Der Säugling war erst wenige Stunden alt, als man ihn fand. Mindestens eines seiner Elternteile, die im Übrigen nie gefunden wurden, musste schwarzafrikanische Vorfahren besessen haben, was Schwester Lucy eine Dekade lang schier zur Verzweiflung trieb, weil Halles schwarze Krause nur in stundenlanger Arbeit zu bändigen war. Waren ihre Haare endlich zu einem festen Zopf geflochten, der Jahr für Jahr länger wurde, so blieb dieser allerdings eine gute Woche in Form, ehe die nächste Ganzkörperreinigung einschließlich Kopfwäsche angesagt war und Lucy erneut Halles Haare striegeln musste.

Der Zopf war aber auch ein Prachtexemplar: schwarz und glänzend und so dick wie Halles Oberarme baumelte er ihr, als sie zehn Jahre alt war, bis über das Gesäß. Die ortsansässigen Jungen hatten es von jeher zu ihren sportlichen Herausforderungen gezählt, den Waisenkindern das Leben zur Hölle zu machen. Halle kam nicht nur aus dem "Stern", sondern sie war auch noch das einzige Niggerkind im Städtchen. Ihr Zopf war also ein gefundenes Fressen. Konnte man daran doch wunderbar zupfen und reißen, nachdem man Halle auf dem Schulhof erfolgreich vom Pulk der anderen Kinder weggeschubst und sie in eine unbeaufsichtigte Ecke getrieben hatte. Schon morgens am Schultor wurde Halle stets von Tim Gorny, einem der größten Plagegeister, mit "Na, du olle Punz? Zeig mal deinen Schwanz!" begrüßt, und auf dem Nachhauseweg hefteten sich immer ein paar der Jungen an ihre Fersen. Dieses Martyrium fand seinen Höhepunkt an einem warmen Junitag, an dem das Mädchen eines Tages sehr verspätet und mit verschmutztem und zerrissenem Kleidchen an der Tür des "Stern" Sturm klingelte. Das Haar stand Halle struppig kraus zu Berge und der Zopf war weg. Abgeschnitten. Das Mädchen selbst schwieg eisern zu dem Vorfall. Schwester Lucy gönnte Halle außer der Reihe ein Bad und Halle schrubbte sich so gründlich, dass ihre Haut sich noch Tage danach pellte. Anschließend bat sie Lucy, ihr die Haare streichholzkurz zu schneiden. Fortan beschränkten sich die Quälgeister darauf ihr Sprüche hinterher zu rufen wie: "Die braune Punz, die stinkt und riecht, weil sie so dicht am Arschloch liegt!" Aber nie wieder wurde sie an ihren Haaren durch die Straßen gezerrt.

Halles Zopf leistete derweil Tim Gorny gute Dienste. Er war ein hagerer Fünzehnjähriger, der besonders stolz auf seine Trophäe war, weil er sie in einem spontanen Alleingang erobert hatte. Die Heftigkeit seines Vorgehens hatte ihn selbst überrascht. Es war ihm gelungen, Halle in einen Geräteschuppen zu schubsen. An und für sich ein harmloser Spaß. Aber als das Mädchen so riesige Kulleraugen machte, war es einfach über ihn gekommen.

Tim Gorny holte Halles Zopf jeden Abend unter seiner Matratze hervor, wo er ihn aufbewahrte. Sein Zimmer lag in einer Dachschräge, das Bett gleich unter einem Fenster, durch das er nachts in den Sternenhimmel blicken konnte. Er hängte den Zopf an den Fensterknauf, so dass er, wenn Tim sich ausstreckte, direkt über ihm baumelte, als hinge er geradewegs von einem der Sterne herunter. Tims Mutter hatte ihm früher gerne Märchen vorgelesen. Die Geschichte von Rapunzel, an deren Haar der Prinz sich hoch hangelte, um von ihren verbotenen Früchten zu kosten, hatte seine Fantasie schon als Kind sehr beflügelt. Daher stieg er nun Nacht für Nacht im Geiste an Halles Zopf zu den Sternen empor, wo erregende Erfahrungen auf ihn warteten. Das Stöhnen, das seine Fantasien ihm entrangen, führte allerdings dazu, dass eines Abends sein Vater nach dem Rechten sah. "Weißt du nicht, dass man davon blind wird?", schnaubte er seinem Sprössling an. Dann riss er den Fetisch vom Fenster und ließ ihn auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Tim Gorny begann kurz darauf eine Lehre als Schriftsetzer in einem Nachbarort und tatsächlich stellte sich bald heraus, dass er eine Brille brauchte. Sein Augenlicht ging so rapide zurück, dass er mit Achtzehn durch eine dicke Hornbrille entstellt wurde.

Jahre später traf er Halle wieder, die in einem kleinen Pub arbeitete. Sie lächelte ihn an, knickste höflich, sagte "bitte sehr", als sie ihm sein Guinness brachte, und sah in ihrem weißen Rüschenschürzchen ausgesprochen appetitlich aus. Am gleichen Abend fing er sie ab, als sie aus der Hintertür des Pubs trat.

"Hey Halle", begrüßte er das Mädchen, das noch damit beschäftigt war, die Knöpfe ihrer Jacke zu schließen, als Tim unvermittelt aus dem benachbarten Hauseingang auf sie zugetreten war, "kennst du mich noch?" Halle zuckte zusammen und starrte ihn aus großen Kulleraugen an. Ihre Hand wanderte langsam in Richtung der Tasche, die sie sich über die Schulter geworfen hatte.

Dann machte sie eine rasche Bewegung und Tim sah etwas vor seinen Augen blitzen. "Na los, Brillenschlange, zeig deinen Schwanz", zischte Halle und ließ die Heckenschere auf- und zuklappen.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
29. Dezember 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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