Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Vom Sinn und Unsinn der Haare

© Birgit Ulrich-Reinisch

Auch wenn es bei manchem unter den geschätzten Lesern vielleicht doch schon länger zurück liegen sollte, so wollen wir uns nun trotzdem einmal den Werdegang des Haares genauer unter die Lupe nehmen.

Wenn wir damit beim Säugling beginnen, so wundern wir uns bereits schon kurz nach der Geburt, warum manche dieser frisch geschlüpften und auch äußerst kleinen Menschen einen richtig wilden Haarschopf auf ihrem Köpflein haben, und andere dagegen so kahl sind wie die oft in ähnlichem Zusammenhang genannte gegenteilige Seite des Kindes, nämlich dem Kinderpopo. Mag sein, dass die bereits von Anfang an Beschopften schon in diesem zarten Alter ein gewisses Maß an Eitelkeit an den Tag legen und von ihrer anderen, kahleren Seite ablenken möchten, falls diese wieder einmal von unangenehmen Düften und anderen übel riechenden Dingen begleitet wird. In diesem Fall zieht so ein kleines Haarschöpflein doch trotz allem Unbill und Duftnoten meist die Aufmerksamkeit seiner Bewunderer auf sich. Wenn auch leider meist nur für begrenzte Zeit, denn bald beginnen bei den meisten kurzfristig Beschopften die ersten Haare wieder auszufallen, um dann wie bei ihren kahlköpfigen Kameraden Platz zu machen für die erste richtige und echte Haarpracht. Welche dann natürlich zu Beginn noch alles andere ist als eine wahre Pracht, sondern eher eine kümmerliche Andeutung von dem, was da noch kommen möge.

Bis jenes jedoch endlich so weit ist, müssen sich die Eltern und die lieben Verwandten in Geduld und Rätselraten üben, welche Farbe denn nun bald auf dem süßen kleinen Köpfchen als Grundlage des künftigen Haupthaars entsprießen werde. Als Übergang werden dann vorübergehend die Augen des Kindleins analysiert, und jeder Erwachsene, ob mit oder ohne persönlicher eigener Haarpracht meint, genau zuordnen zu können, wessen Augen und Augenfarbe der neu angekommene Sprössling nun in seinem zarten Alter bereits imitiert haben könnte. Doch kaum sprießt zaghaft der erste Flaum, weiß sofort jede Tante genau, von welchem Onkel oder welcher Tante das Kind nun seine künftigen Haupthaare mit absoluter Sicherheit geerbt hat. Solche Diskussionen werden dann oft heftigst bei Kaffee und Kuchen diskutiert und sollen schon Feinde fürs Leben geschaffen haben.

Werden die lieben Kleinen dann größer, wächst zwangsläufig auch die nun langsam entstehende Haarpracht mit ihnen. Sobald die zarten Härchen nun allen Frisierkünsten der Mütter und Omas zu widerstehen beginnen, ist endlich der erste Haarschnitt angesagt. Schenken wir uns also dieses Drama, das bei empfindlichen Kinderseelen bis hin zum Trauma führen kann und sie in reiferem Alter zwangsläufig dem Therapeuten in die Arme treiben wird, um die damals entstandenen Verlustängste verarbeiten zu können. Kaum ein Erwachsener versteht das Loslassproblem dieser armen, ihres Haupthaares beraubter Kinder, die einen wichtigen Teil ihrer selbst einfach abschneiden und mit dem Friseurbesen wegfegen lassen müssen. Wobei tatsächlich Mädchen in diesem Alter noch oft im Vorteil sind: stolze Mütter, Omas und Tanten flechten mit Hingabe dicke Zöpfe - oder eher dünne Zöpflein - die dann mit Haarspangen und Schleifen verziert werden und aus dem Kind ein Schmuckstück machen, das man gerne vorzeigt. So lenken sie nicht nur geschickt von ihrem eigenen langsam mehr und mehr schütter werdenden Haar ab, sondern geben dem kleinen Mädchen zunächst auch noch nebenbei die große Chance, vorerst seine Haare behalten zu können.

Allerdings holt auch diese Mädchen irgendwann der Schulalltag mit seinem Sport- und Schwimmunterricht ein. Spätestens dann merken sie, wie lästig diese langen, von Mamis und Omis bewunderten Prinzessinnenhaare sind und nerven ihre entsetzte Mütter so lange, bis diese ihre Töchter resigniert zum Friseur begleiten, um den gewünschten sportlichen Haarschnitt zu gestalten. Dass die Mädchen damit einige Jahre lang von den gleichaltrigen Jungs kaum zu unterscheiden sind, scheint diese nicht zu stören. Die Omas und Tanten allerdings winden sich im Entsetzen und ergrauen daraufhin selbst vor Kummer oft noch viel schneller.

Spätestens im Früchtchenalter gibt sich diese Hysterie meist wieder von alleine. Sobald die Mädchen merken, dass sie für das männliche Geschlecht interessanter wirken, wenn sie ihre Haare wieder Barbiepuppenstil schulterlang tragen, sinkt der Umsatz der Friseurläden dieser Altersgruppe wieder merklich. Dabei wissen die jungen Damen in diesem Alter oft noch gar nicht so genau, ob sie Jungs jetzt noch immer blöd oder auch schon mal süß finden sollen und dürfen. Derweilen wird allen allergischen Reaktionen zum Trotz mit Tönungswäschen, Haarfärben und Strähnchen herumexperimentiert, dies alles sehr zum Entsetzen der dazugehörenden Mütter, die nun merklich spüren, wie ihnen ihre kleinen braven Prinzessinnen immer mehr entgleiten und zu großen bösen Mädchen werden. In dieser Zeit suchen dann häufig die ersten Mütter zum ersten Mal Hilfe bei psychologisch ausgebildetem Fachpersonal, geplagt von Schuldgefühlen, Versagensängsten und Schamgefühlen, die ihnen von ihren eigenen Müttern und Nachbarinnen nachdrücklich vermittelt wurden.

Die Töchter beginnen derweilen, behaarte Tiere in zwei verschiedene Kategorien zu unterscheiden.

In die Kategorie "Süß" gehören Hunde, Katzen, Meerschweinchen (diese haben nur ganz kurze, aber unbehaarte Schwänzchen), Hamster, Frettchen, Pferde.

Zur Kategorie "Eklig" zählen schließlich Mäuse, Ratten, Nachtfalter und Spinnen (obwohl auch diese äußerst interessant behaart sein können).

Doch auch die Knaben erleben in dieser Zeit eine Veränderung. So pflegeleicht ihr Haarschnitt bislang war, so kompliziert wird das Ganze nun für die jungen Männer. Plötzlich wachsen überall Haare, wo man sie eigentlich nie haben wollte. An den Beinen, unter den Armen, an verschiedenen ungenannten Stellen, auf der Brust und vor allem im Gesicht.

In diesem ersten Stadium, wo diese Haare noch viel mehr wie der zarte, aber unübersehbare Flaum des halb behaarten Bauches eines niedlichen Hundewelpen erscheinen mögen, werden die armen Buben nun leider regelmäßig zum Gespött von großen Brüdern oder ihrer mehr oder weniger wohlmeinenden Vätern und Onkels. Andererseits werden die betroffenen Knaben von noch unbehaarten Klassenkameraden vor allem im Sportunterricht äußerst neidisch und doch auch ein bisschen respektvoll betrachtet.

Kommen dieselben - sowohl männlich als auch weiblich Haarträger - dann in ein Alter, wo man beginnt, sich nach einem festen Partner für den kommenden Lebensabschnitt umzusehen und auch schon Hoffnung auf eigenen Nachwuchs hegt, egal ob dieser nun beschopft oder unbeschopft entschlüpfen sollte, werden jetzt die Haare beiderlei elterlichen Geschlechts eher in züchtige und vielleicht schon vorbildliche Frisuren geschnitten und gelegt. Zu diesem Zeitpunkt sorgt man dann für einen unaufdringlichen, aber gepflegten Haarschnitt.

Allerdings beginnen sich zum Leidwesen der männlichen Fraktion bereits jetzt die ersten Kopfhaare wieder zu verabschieden, und zwar vor allem beginnend an der Stirn. Sich als Mann die Haare darüber zu raufen, soll den Effekt übrigens verstärken. Optimisten werten dies immerhin noch etwas überheblich als Denkerstirn, Pessimisten fürchten sich bereits vor einem Fliegensportplatz, der gerade in seinen Grundmauern am Entstehen zu sein scheint.

Was tatsächlich keiner versteht, ist die Tatsache, dass die Haare im Gesicht, auf der Brust, in den Ohren und in der Nase, am Bauch und an weiteren hier nicht näher bezeichneten Körperstellen sich von dieser langsamen Verabschiedung des Haupthaars nicht weiter davon beeinflussen lassen, sondern unbeeindruckt mehr oder weniger schnell weitersprießen. Manche der jungen Männer versuchen indes, sich selbst durch rechtzeitigen rabiaten oder militärischen Kurzhaarschnitt von der stetig voranschreitenden Veränderung ihres eigenen Haupthaars abzulenken.

Ab einem gewissen Alter nimmt man sich und seine Haarpracht dann plötzlich nicht mehr ganz so wichtig. Gewiss, so mancher Herr versucht sich noch kurzfristig mit einem Toupet, so manche Dame mit einer Perücke oder violettem Haarfestiger, doch die große Masse hat sich mit der Rückwärtsentwicklung ihrer Haupthaare mehr oder weniger abgefunden. Was bleibt, sind die regelmäßigen und hoffnungslosen Versuche - vor allem auch im zunehmenden Alter - sich selbst und seine verlorene Kopfhaare durch häufige Friseurbesuche nochmals selbst in die Tasche zu lügen.

Und irgendwann, lange, nachdem diese vorangegangene Phase überstanden ist, stellt man dann schließlich und endlich doch resigniert fest, dass aus der einstigen Haarpracht wirklich nur noch ein paar graue einzelne Federn übrig geblieben sind. Die Männer, die ihren Bart gepflegt haben, können auch jetzt allerdings noch einigermaßen gut von ihrem spärlich gewordenen Haupthaar ablenken. Frauen dagegen versuchen sich nun in sportlichen Kurzhaarfrisuren - wie schon damals in der Schulzeit - oder mit einem züchtigen, sehr dünnen Zopf.

Damit wäre dann endlich die letzte Station der Haarwerdung erreicht, in welcher eben diese Damen dann beginnen, die Haare ihrer kleinen Enkelinnen und Nichten in Zöpfe zu flechten und hübsche Spangen und Schleifen darin zu befestigen.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
18. Dezember 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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Hrsg. Ronald Henss
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