Haarige Geschichten
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Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Ein völlig unterschätztes Organ

© Andreas Punzet

Als ich die Tür hinter mir schließe und an die frische Luft trete, sträuben sich sofort meine Haare. Auf meinem Kopf zumindest. Ich friere, weil mir der Wind um die Ohren pfeift. Gerade komme ich aus dem Friseursalon, wo ich mir eine schnittige Kurzhaarfrisur verpassen lassen habe. Am Hinterkopf und an den Seiten ist mein Schädel jetzt fast kahl.

Sofort rückt mir wieder ins Bewusstsein, wie heimtückisch ein Friseurbesuch in der kalten Jahreszeit sein kann. Besonders zu Beginn der kalten Jahreszeit, wenn man sich erst mal wieder an die niedrigeren Temperaturen gewöhnen muss. Es zieht am Kopf und mir läuft es kalt den Rücken runter. Natürlich habe ich mal wieder nicht an meine Mütze gedacht. In den letzten Jahren habe ich mich schon mehrfach nach einem Friseurbesuch verkühlt und mir eine Erkältung eingefangen.

Grund genug, mal ein paar Gedanken daran zu verschwenden, was es überhaupt auf sich hat mit dem Haar und was man an ihm hat. Das Haar, so meine ich mich dunkel an den Biologieunterricht in der Schule zurückerinnern zu können, ist doch sogar ein Organ oder zumindest ein Teil eines Organs. Und dieses Organ dürfte so ziemlich das einzige sein, das man zugleich entbehren, schmerzfrei kürzen und das einfach so wieder nachwachsen kann. Wirklich beeindruckend! Von welchem Organ kann man das schon sagen? Kann man sein Herz entbehren? Kann man den Blinddarm schmerzfrei kürzen? Und das obwohl er zu nichts nutze ist. Wächst ein verlorenes Auge einfach so wieder nach? All diese Organe könnten sich vom Haar mal eine Spitze abschneiden.

Obwohl es nicht ganz fair ist, den Organen selbst diese Schuld zuzuschieben, falls man das überhaupt will. Für die Schöpfung ist entweder niemand oder Gott verantwortlich. Und Gott wiederum darf man um der Vermeidung eines ausgiebigen Fegefeueraufenthalts wegen keine Schuld geben. Um aber wieder auf das Haar zurückzukommen: Das Haar an sich ist, verglichen mit den gerade beschriebenen Schwächen anderer Organe, nahezu perfekt. Grundsätzlich zumindest. Wenn sich die Menschen über ihr Haar aufregen, dann eigentlich nie über das Haar an sich, sondern über seine Form oder zum Beispiel die Stellen, an denen es wächst oder nicht wächst. Nehmen wir als Beispiel einen an Hypertrichose erkrankten Menschen. Dabei handelt es sich um eine Haarkrankheit, die sogenannte Überbehaarung. Das heißt, die Haare sind sozusagen außer Rand und Band geraten und der betroffene Mensch ist berufssunfähig, weil er sich den ganzen Tag über ununterbrochen rasieren muss, um der Überbehaarung Herr zu werden. Sonst würden die Haare so schnell wachsen, dass sich die Person bei jedem Schritt irgendwo wegen der langen Haare verheddern würde oder gleich über ihre eigenen Haare stolpern würde. Außerdem, wer will schon gerne aussehen wie ein Orang Utan.

An der Ausprägung der Körperbehaarung ist also manches nicht perfekt geraten. Warum zum Beispiel hat man in den Achselhöhlen Haare? Angeblich dienen Achselhaare unter anderem der besseren Verbreitung von Sexual-Lockstoffen, sogenannten Pheromonen. Fragt sich nur, wie sich diese Lockstoffe ausbreiten sollen, da kein normaler Mensch ohne Not mit erhobenen Armen durch die Stadt geht. Abgesehen von besonderen Situationen vielleicht, wenn er zum Beispiel gekidnappt worden ist und vor seinem Geiselnehmer herlaufen muss. Auf der Jagd nach einem Flirt jedenfalls dürfte Mann sich erheblich leichter tun, wenn die Arme locker am Körper baumeln. Aber ob dann die Pheromone ihre Wirkung entfalten können? Es bleibt also fraglich, ob Achselhaare bei der Partnersuche wirklich helfen können.

Hingegen ist die Schambehaarung im Bereich der männlichen Geschlechtsorgane eindeutig zu knapp ausgefallen. Denn trotz voll ausgeprägter Schambehaarung ist das männliche Geschlechtsorgan in der Regel deutlich sichtbar. Schon Adam soll sich - mag es im Paradies auch noch so schön gewesen sein - bemüßigt gefühlt haben, dieser unromantischen Entblößung mit einem Feigenblatt zu begegnen.

Auch Eva schämte sich angeblich der bloßen Ansicht ihrer Genitalien und griff ebenfalls zum Feigenblatt. Und noch heute schmücken angeblich japanische Frauen ihr Geschlecht mit Perücken, wenn sie wenig Schambehaarung haben.

Angesichts solcher Scham kann der Hobbit nur müde lächeln, hat die Schöpfung seinen Fuß doch neben einer ledrigen Sohle so reichlich mit Haaren gesegnet, dass dieser laut Tolkien gänzlich auf Schuhwerk verzichten konnte und trotzdem nicht fror.

Wenden wir uns einmal denen zu, die vom Haar profitieren, so landen wir neben den Hobbits früher oder später unweigerlich auch bei Rapunzel und dem Fußballexperten Günter Netzer. Für das Leben Rapunzels hat das Haar eine unbestritten zentrale Rolle gespielt. Ihre Haare waren sozusagen das Tor - oder noch besser - das Seil zur Welt, als die Zauberin Frau Gotel sie im Turm vom Weltgeschehen isolieren wollte. An ihren Haaren konnte sich der Königssohn in den Turm emporhangeln und mit Rapunzel Zwillinge zeugen. Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob das Liebespaar zueinander gefunden hätte, wenn Rapunzel die Haare kurz getragen hätte. Die Vermutung liegt aber nahe, dass ohne die langen Haare anstatt einer glücklichen Familie nur gebrochene Herzen zurückgeblieben wären.

Eine wesentlich subtilere, jedoch nicht sofort greifbare Rolle dürfte das Haar im Leben von Günter Netzer spielen. Das Aussehen Günter Netzers wird seit Jahr und Tag maßgeblich durch seinen jeden Trend überdauernden Antihaarschnitt geprägt. Seine Haarpracht ist ein echter Dauerbrenner und man könnte fast schon auf den Gedanken kommen, Netzer möchte sich durch diese Beharrlichkeit als Sympathisant des natürlichen, unverfälschten Haares an sich positionieren. Ist Netzers Frisur eine Würdigung der natürlichen Haarpracht, durch welche er für das Haar an sich werben möchte? Ist Netzer Haar-Fan?

Andererseits war Netzer unbestritten ein erfolgreicher Fußballer und sicher ist er auch ein nach wie vor anerkannter Fußballexperte im Fernsehen. Zudem ist er Werbeikone. Es darf vermutet werden, dass ihm sein unterschwelliges Engagement für das Haar an sich immer wieder zusätzliche Aufmerksamkeit beschert hat und somit zu seinem Erfolg beigetragen hat. Netzer und das Haar, eine perfekte Symbiose: Sein Plädoyer für das Haar bringt dem Haar Ansehen, die Haare steigern Netzers Marktwert.

Etwas anders verhält es sich bei Bob Marley. Er war und ist einerseits als einer der bedeutendsten Reggaemusiker, andererseits auch als überzeugter Rastalockenträger bekannt. Damit kann man auch ihn zu den aufrichtigen Kämpfern für naturbelassenes Haar zählen. Dass Marley durch seine auffällig verfilzten, langen und verquirlten Haare allerdings seinen persönlichen Marktwert steigern wollte, ist nicht zu vermuten. Vielmehr bekannte er sich durch seine Dreadlocks zur Religion der Rastafari.

Leider haben nicht alle Lebewesen eine so uneingeschränkt positive Einstellung zu diesem einzigartigen Organ, dem Haar, sondern erfahren sogar Nachteile durch Vorhandensein oder nicht Vorhandensein desselben. Viele Menschen sind - auch wenn sie nicht an Hypertrichose erkrankt sind - ständig damit beschäftigt, ihr Erscheinungsbild durch Eingriffe an ihrer Körperbehaarung zu ändern, oder an ihrem Haar, sei es vorhanden oder nicht, rumzunörgeln. Es gilt der Grundsatz, wer Haar hat möchte es loswerden, wer keines hat, möchte es haben. Der Anteil derer, die mit ihrem Haarwuchs völlig zufrieden sind, scheint sehr klein und Adam mit seinem Feigenblatt nur die Spitze eines imposanten Eisberges zu sein.

Nehmen wir zum Beispiel die Sportler. Schwimmern und Radfahrern scheint das Haar an vielen Stellen des Körpers ein Dorn im Auge zu sein. Ein Haar an der falschen Stelle kann entscheidende Hundertstel Sekunden zum Sieg kosten. Aber selbst das Entfernen des Haares kostet wertvolle Zeit, die man lieber dem Training widmen würde. Nach einem erfolglosen Schwimmwettkampf zum Beispiel kann das Haar an der falschen Stelle plötzlich zum sprichwörtlichen Haar in der (Chlor-) Suppe werden, weil es den Strömungswiderstand zu sehr erhöht hat. Da verspeist der ehrgeizige Sportler lieber ein Haar mit der Suppe, als ein Haar an der falschen Stelle seines Körpers zu belassen.

Oder nehmen wir Skinheads. Dass diese Gruppe mit ihrem Haarwuchs unzufrieden ist, ist augenscheinlich. Skinheads scheren ihren Kopf kahl, obwohl viele von ihnen vielleicht mit einer fellartigen, dichten Haarpracht aufwarten könnten. Aber mit einer solchen Matte würden sie dem ihnen übergestülpten Klischee nicht gerecht werden. Andere klagen über Haarausfall und kriegen beim Anblick ihrer nackten Kopfhaut das kalte Grausen. Oft greifen sie verzweifelt zu einer schlecht sitzenden Perücke, die unmissverständlich klar macht, warum sie auch als Zweithaar bezeichnet wird.

Um solche Haarfetischisten herum ist eine ganze Industrie entstanden. Mittelchen, die angeblich dem Haarwuchs förderlich sein sollen, Ärzte die im Rahmen einer sogenannten Mesotherapie Substanzen in die Kopfhaut injizieren, mit denen die Haarwurzel zur Produktion neuer Haare angeregt werden soll. Es soll schon Massagesalons geben, in denen eine Haarwurzelmassage angeboten wird. Dabei wird jede der hundert- bis hundertfünfzigtausend Haarwurzeln einzeln massiert, was in Einzelfällen sogar schon die bereits beschriebene Hypertrichose ausgelöst haben soll.

Daneben profitieren Friseure, die das in der Vorwoche gekürzte Haar wieder verlängern und der Perückenhändler, der an der Gesellenprüfung zum Friseur gescheitert ist und deshalb nur durch eine künstliche Haardecke die geschundene Seele aller Glatzköpfe heilen darf.

In Anzeigenblättern finden sich manchmal direkt nebeneinander die Hoffnungsträger von Haarsympathisanten und Haarfeinden. Neben einem Inserat mit dem Titel "Kopfhaar wie ein Bärenfell" wirbt ein spezialisierter Arzt mit dem Slogan "10 Jahre dauerhafte Haarentfernung". Ganze Haarsysteme werden hier angeboten.

Das Thema Haar polarisiert die Massen. Männer mit Glatze wünschen sich nichts mehr als Haar auf dem Kopf, Frauen mit Damenbart nichts weniger als Borsten auf der Oberlippe. Graue Haare sollen schwarz, naturgelockte glatt, lange Haare kurz und kurze lang sein. Wahrscheinlich gibt es wenige Themen, bei denen die Menschen eine so klare Position haben, wie bei ihrer Körperbehaarung.

Man muss sich deswegen auch wundern, dass das Thema Körperbehaarung nicht viel stärker in das Programm politischer Parteien einfließt. Mit einem so polarisierenden Thema ließe sich wunderbar Wahlkampf machen. Die Parteien müssten einfach nur in Umfragen ermitteln, welche Vorlieben ihre Zielgruppe bezüglich der Haare hat und entsprechende Standpunkte in ihr Wahlprogramm aufnehmen.

Während heutzutage in den Programmen der großen Volksparteien nur noch ein Haarspalter Unterschiede vorfinden, wäre es doch viel geschickter, sein Profil beim Wähler durch eine klare Position beim Thema Haar zu schärfen, und das Haar selbst zur Spaltung der Wählerschaft einzusetzen. Zum Beispiel könnte sich der CSU-Wähler sicherlich sofort mit Glatze und Vollbart identifizieren, während die CSU-Wählerin mit langen zum Zopf geflochtenen Haaren über leichtem, herb urigem Damenbartansatz kokettieren dürfte. Die Grünen könnten mit Rastalocken punkten und bei SPD-Wählern würden die Emotionen überkochen, wenn zu roten Socken, rotem Pullover und rotem Schal auch noch rote Haare kämen. Bei den rechten Parteien würde natürlich der Hitlersche Rotzfänger als Bart unter dem zur gescheitelten Stinkmorchelattrappe frisierten Kopfhaar zum Dogma erhoben.

Wenn uns auch derart geschärfte Profile die große Koalition der Jahre 2005 bis 2009 nicht mit Sicherheit erspart hätte, so wäre es dennoch nur logisch gewesen, dass ein durch derartige Emotionen frisierter Wahlkampf die Wahlbeteiligung massiv in die Höhe katapultiert und von der allseits beklagten Politikverdrossenheit abgelenkt hätte. Sicherlich kann man an dieser These kritisieren, dass man auch mit der politischen Thematisierung des Haares nicht alle Teile des Volkes an die Urne gebracht hätte. Denn welche Partei - abgesehen von der APPD vielleicht - hätte sich zum Beispiel für den bunten Irokesenschnitt stark gemacht. Aber die tendenziell systemkritischen Fraktion der Punks bringt man wahrscheinlich auch mit einem solchen Schachzug nicht an die Urne.

Fassen wir also zusammen: Alle Probleme wird auch das Haar nicht lösen können. Nicht jetzt und auch nicht in Zukunft. Aber dennoch wird das Haar heutzutage massiv unterschätzt. Schon früher, in der längst vergangenen Epoche der Märchen, rettete das Haar vor Isolation und unterstützte damit die Familiengründung. Vor allem wenn es fehlt, kann das Haar Erkältungen oder sogar Depressionen verursachen. Am Haar verdient eine ganze Industrie. Haar hat das Zeug, bestimmte Einzelpersonen und Gruppen wesentlich zu charakterisieren. Vielleicht könnte das Haar sogar die Wahlbeteiligung bei demokratischen Wahlen steigern. Das Haar, es ist Teil eines völlig unterschätzten Organs.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
15. Dezember 2007

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