Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Sinfonie Nr. 10 und Milchreis

© Karl-Heinz Franzen

Was kann der Pariser Platz dafür? Was das Brandenburger Tor vor strahlend blauem Himmel mit aufgesetzter Quadriga? Göttlich.

Ich hasse Friseure und die Friseurinnen auch. Sie sind klein und dick. Lang und dürr. Mit Bart und ohne. Manche sehen sogar so aus wie du und ich. Oder sie haben einen dicken Busen, der ewig den Nacken kitzelt oder mal die rechte mal die linke Schulter streift. Außerdem sind sie alle schwul. Nur Haare schneiden, das können sie nicht. Ich bin alle durch in meiner Stadt. Bin umgezogen und umgezogen und wieder alle durch. Ich habe einen Charakterkopf, der betont werden möchte und nicht nur beschnitten.

Schnippe, schnappe, schnapp, schnapp. Hallo, Daniel. Du Glanz deiner Zunft. Dir wäre ich beinahe verliebt in deine Eigentumswohnung gefolgt und hätte meine Frau und meine Kinder verlassen. Mann o Mann, hast du eine zarte Schere in deinen Händchen und dein swingender Bariton durchschlug mich von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen.

Haare schneiden kann Daniel auch. Schnippe, schnappe, schnapp, schnapp. Ich sitze in seinem Stuhl und er stylt mich zu Beethoven und ich fühle mich wie sein musischer Klassiker. Schwebe mit dem 5. Klavierkonzert - adagio con poco mosso - an der Spree entlang, schnippe, schnappe, schnapp, schnapp und erspüre die leichte Brise neu in meinen Locken, sitze munter unter der prallen Mittagssonne und empfange im süßen Rausch unter seinen Händen das Drehbuch zur Sinfonie Nr. 10.

Schnippe, schnappe, schnapp, schnapp.

Es war einmal ein richtiger schöner, glatter, runder Fels und lag zum Brocken gepresst und umsorgt behütet im Schoße der Mutter Erde. Das war mein feines Leben. Ich brauchte mich um nichts zu kümmern. Mutter war immer da und sorgte unablässig für mich und dafür, dass mir nichts, aber auch gar nichts, geschehen konnte. So glaubte ich fest an meine kleine Welt. Bis eines Tages der allmächtige Feuergott unbarmherzig zuschlug. Mutter hatte mir an langen Winterabenden bewundernd und mit Demut von ihm erzählt. Er wohnt tief unten im Inneren der Erde, so sagt die Legende. Wir alle haben ihn zu fürchten, zähmen können wir ihn nicht. So gewaltig herrscht er in seinem Reich.

Eines Tages, kein Schatten fiel ihm voraus, erzürnte er sich mit irgendeinem anderen Gott um die Reviere. Dieses hat ihn so und noch mehr in seiner Glut erhitzen können, dass er erbebte, so hervorragend göttlich ohnegleichen in seinem Zorn, dass alles um ihn herum wackelte und wogte und mich mit einer riesigen Erd- und Feuerwelle an die Oberfläche schwappte. Nun bin ich aus der Fruchtblase heraus und Ebbe und Flut ausgesetzt. Allen Gezeiten, zum Teufel. Amen. So umschlingen mich zur Trockenheit Wasser, heulende Stürme und brausende Feuersbrünste in ihrem übelsten Bösen.

Niemals hatte ich mir vorstellen können, dass es diese Welt tagtäglich über mir gegeben hat. Nun denkt ihr euch vielleicht, dass einem Burschen wie mir das alles nichts anhaben kann. Weit gefehlt. Heute weiß ich, dass selbst der härteste Kerl unter uns Felsen hier oben Federn lassen muss. Wie taten mir die ersten Blessuren weh. Der Feuergott ließ mir keine Ruhepause und kam immer wieder aus der Tiefe hervor und von den Vulkanspitzen herbei mit seiner endlosen, fauchenden Hitze und ließ mich an den empfindlichsten Stellen platzen und Wasser und Wind taten es ihm gleich mit ihren schmirgelnden Liebkosungen und so war meine behütete Zeit dahin. Hier ein Stückchen und dort ein Stückchen entschwand, und ich weinte ihnen bittere Tränen nach.

Schnippe, schnappe, schnapp, schnapp. Doch die Tränen wurden mir zum Genuss. So nach und nach wurde ich mit meinen Zacken wissender und klüger. Ich sah sehr wohl, wie das Wasser mit seinem weißen Blut, die Gischt, sich an mir schäumte und wand und unversehrt vorbei fließen wollte und nicht konnte. Ha, ha, der Wind, wie er sich an mir rieb und vor Schmerzen aus dem letzten Loche an mir pfiff und die Trockenheit unter mir darbte. Alles das war mir jetzt in meinem Schmerz eine Wonne.

Ja, Glücklicher, der ich bin. Aus mir ist ein Stein mit Profil geworden. Spitz und zackig und unnahbar. Ich genieße jeden Tag der wird und an dem ich hoffentlich bald ein Stück von dem noch immer an einigen Stellen runden Popo verliere. Auf meinem Kopf ein wulstiger Haarschopf geformt zu Ehren Beethovens und meine Schultern so hoch und breit wie bei Arnie und die Arme einer Krabbe und meine Taille so schmal geschnürt wie bei Marlene.

Schnippe, schnappe, schnapp, schnapp ehe ich mich allerdings versehe, ist die Figur nicht mehr zu halten und ich stürze von meinem Unterteil und zersplittere in tausend Teile. Nur mein Popo ragt noch rund und faltenlos einige Millimeter über den Erdenrand.

Ach, ist das ein Freudenfest für Feuer, Wasser und Wind geworden. Sie spielen, als ich so daniederliege, so richtig bis zum Rande ihrer Kräfte auf, und sie genießen es, meine obere Hälfte restlos zu zermalmen, zerstauben und in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen.

Freut ihr euch nur schadenfreudig mit den Schicksalsmächten. Doch es geht weiter und diese Sinfonie allegro con presto con allegria aus. Vorbei sind die letzten Sekunden einer kleinen Wehmut. Ein Meteorit kommt aus dem Irgendwo von Götterhand geworfen geflogen und prallt ein herrliches Stückchen aus meinem glatten Popo heraus, gerade in diesem Wort. Und bis zu den Knien stehe ich wie von einem Meister gemeißelt in alter Schönheit wieder im Freien. Schnippe, schnappe, schnapp, schnapp. Ja, prima so. Ja, gut. Und ähnliches rufe ich, immer noch dankend der hohen Macht, gegen den Wandspiegel in den Handspiegel, der in deinen zarten Händen, mein einzig geliebter Figaro, an meinem Hinterkopf von allen Seiten geführt vorbeimarschiert.

Ding, ding, kling. Vierundsiebzig Euro und fünfzig Cent wandern aufgerundet zu glatten achtzig Schnippeschnappeschnappschnapp zu ihm.

Heute wird sie mir als Nachspeise Milchreis mit Kokosraspeln und Mangowürfeln kochen. Dafür gebe ich alles auf. Auweia.

Vielleicht sollte ich doch zu Daniel gehen, ihm meine Liebe gestehen und dann zu ihm ziehen. Ich werfe meine Familie und meine Arbeit einfach hin, lasse Milchreis Milchreis sein und vollende meine Sinfonie Nr. 10 mit einer irren, feurigen Musik und fege für Daniel die Haare aller prominenten Göttergötzen zusammen. Immer zwei kleine Büschel davon in den heiligen Schrein. Auweia. Auweia.

Können Sie mir sagen, wie spät es bei ihnen ist? Zwei etwa achtzigjährige Augen schauen mich lustig von der Seite an. Ich drücke einen dicken Kuss unter jedes auf die faltigen Wangen, stehe verdutzt von meiner unserer Sitzbank auf und schwinge mich aufs Fahrrad hinfort von diesem Ort.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
20. November 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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