Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Heißkalt abgezogen

© Martin Grützner

Sie saß auf dem Badewannenrand und blickte angewidert auf ihr zugepflastertes Bein. Männer behandeln mich oft wie Kaltwachsstreifen, dachte sie. Zuerst machen sie mich heiß und dann werde ich einfach schmerzhaft abgezogen. Zornig riss sie an dem Ding und stieß einen infernalischen Schrei aus, der von den Kacheln des Badezimmers widerhallte. Wütend warf sie den Wachstreifen mit seinem neu erworbenen Pelz ins Klo. Für wen mache ich das eigentlich? Für wen füge ich mir diese Schmerzen zu, fragte sie sich während sie sich das schmerzende Schienbein rieb. Damit mich irgend so ein Flachwichser antanzt, auf einen Drink nach dem anderen einlädt, mich nach Hause bringt, ich ihm um 3 Uhr nachts vor der Haustür einen Kaffee anbiete, er meinen Slip mit dem Mund auszieht und ich am nächsten Morgen alleine aufwache; wenn ich Glück habe wenigstens mit einem Zettel im Bett: War ne schöne Nacht, aber ich muss zurück zu meiner Frau. Mistkerl! Meistens bleibt nichts weiter zurück als ein paar Haare in der Dusche, die den Ausfluss mehr verstopfen, als er eh schon ertragen kann. Kein Croissant, kein O-Saft neben einem Frühstücksei auf einem Tablett, das von ihm, wenn sie aufwacht, durch die Schlafzimmertür getragen wird. Nur Haare, welche sie mit spitzen Fingern aus dem Sieb holen muss; eine Aktion, bei der meistens noch ein Fingernagel draufgeht, weil die darunter liegenden Löcher des Ausgusses scharfkantig wie ein japanisches Küchenmesser sind.

Frustriert blickte sie zur gläsernen, feuchten Dusche, die vor einer Stunde erst von den letzten maskulinen Hinterlassenschaften befreit worden war. Ihr fünfter Kerl in diesem Monat. Was sie zu viel an ihren langen Beinen hatte, war auf seinem Kopf nur noch spärlich vorhanden gewesen. Und wieder war nicht zusammen geduscht worden. Sex, keine Verpflichtungen. Immer dachte sie, dass er der Mann sein könnte mit dem sie ihr weiteres Leben bestreiten würde. Wenn sie eng umschlungen mit ihm tanzte. Ihre Arme um seinen Hals gelegt hatte, seine feinen Nackenhaare mit ihren Fingern streichelte, dann langsam seinen Rücken hinab fuhr, ihn dabei begann zu küssen. Wenn sein Drei-Tage-Bart ihre Lippenpartie pikte, machte sie es ungestümer, es törnte sie geradezu an. Wenn sie sein volles Haar verwuschelte, ihre Hände seine Schläfen hinab glitten, sie die raue Haut spürte. Haare an der richtigen Stelle.

Irgendwie wusste sie, dass sie damit aufhören musste. Immer wieder neue Kerle in die Wohnung bringen brachte nichts. War ja sowieso keiner treu. Dann könnte sie sich auch die Kaltwachsstreifen sparen. Und die Schmerzen erst recht. Sollten die Haare doch sprießen. Hatte niemanden zu interessieren. Momentan, da Winter, erst recht keinem auffallen. Und wenn sie doch jemanden kennenlernen sollte? So ganz plötzlich. Nicht in irgendeinem Club, oder einer Party von einer Freundin. Nein, so ganz zufällig im Buchladen, oder an der Supermarktkasse, oder beim Friseur? Dann waren behaarte Beine natürlich absolut abschreckend. Aber halt: Sie würde ja wohl nicht gleich mit jemandem, den sie an der Aldi-Obstauslage kennengelernt hatte, nach Hause fahren und ihn ins Bett zerren. Oder doch? So wie sie es in Clubs auch tat. War sie ein Flittchen? Eine Schlampe? Eine Hobbyprostituierte? So hatte sie das noch nie betrachtet. Sie war nicht auf One-night-stands aus, aber irgendwie erschien ihr der schnelle Sex immer eine Mittel zu sein, den Typen schon mal etwas fester an sie zu binden - auch wenn es bisher nie so wirklich funktioniert hatte. Eigentlich überhaupt nicht, wenn sie ehrlich war.

In Gedanken strich sie den nächsten Wachsstreifen auf ihrem Bein glatt. Es musste eine andere Strategie geben. Vielleicht nicht immer direkt aufs Ganze gehen. Es erstmal bei Haarwuscheln und ein bisschen Von-Drei-Tage-Bart-Piken beruhen lassen. Telefonnummer gegeben und erstmal warten. Wenn er zurückrief, dann erst am linken Bein die Haare entfernen und nach der Verabredung zu einem Date das rechte vornehmen, damit man auch weiß, wofür sich die ganze masochistische Tat lohnt. Wenn er Sex wollte, sollte er sich ihn erarbeiten. Jetzt erst fiel ihr auf wie naiv sie gewesen war. Sie hatte immer sofort das gegeben, was Mann haben wollte, und sich selber vorschnell das geholt, was sie meinte unbedingt zu brauchen. Sie konnte sich eine längere Bindung nur verdienen, wenn sie ihn etwas zappeln ließ und er sich das Ziel erkämpfen musste. Kämpfen - mit einem Ruck wurde der Streifen heruntergerissen und ihr entfuhr der nächste und wahrscheinlich nicht letzte Schmerzensschrei in ihrem Leben.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
23. November 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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Dr. Ronald Henss Verlag
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