Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

beim Verlag bestellen
bei amazon bestellen

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Krause Haare, krauser Sinn

© Christel Mauke

Ich habe eine große Familie. Aufgewachsen bin ich in einem Haus mit fünf Generationen. Weil das in den 90ern so ungewöhnlich war, standen wir mit dieser Tatsache sogar in der Örtlichen Presse. Man könnte also sagen, wir sind eine lokale Berühmtheit.

Meine Familie besteht samt und sonders aus sehr dominanten Persönlichkeiten. Nehmen wir zum Beispiel meine Uroma: Oma Li. Nein, sie war keine Chinesin, wie ich ob des sonderlichen Namens oft gefragt wurde. Der Name war einfach das Produkt unserer kindlichen, fehlerhaften Aussprache. Meine Uroma hieß mit vollem Vornamen Marie. Da uns das zu umständlich war, kürzten wir ihn kurzer Hand auf "Li". Es ist ja bekanntlich so, dass kleine Kinder den Laut R oft mit dem Laut L ersetzen.

Oma Li hatte kräftiges, naturgewelltes Haar. Kräftiges Haar ist bei uns, neben der Dominanz, ein durchgängiges Familienmerkmal. Wenn sie ihre Haare geflochten zu einem "Kuz" im Nacken feststeckte, entstanden oben auf dem Kopf nach kurzer Zeit zwei Knicke, die quer, von Ohr zu Ohr verliefen, so als ob jemand die Haare quer gefaltet und mit einem Bügeleisen die Knicke verewigt hätte. Scharfe Knicke, ganz wie bei einer Anzugshose. Ein Knick vorne, ein Knick hinten. Zu Omas Zeiten frisierte man sich so was mit heißen Klammern. Nur dass Oma die Klammern nicht nötig hatte, alles Natur. Nicht, dass ihr das als Bauersfrau so gefiel. Nein! Denn auf dem Markt gab es jedes Mal Gerede: " Hat Euer Mariechen denn sofäle Zit, dass se sich schon am frühen Morgen ondulieren kann?" Ondulieren, so nannte man das Klemmen dieser Haarknicke damals. So "strak" Oma Li sich aber auch das Haar zurückkämmte, die Wellen waren schnell wieder da!

Noch etwas war für diese Zeit sehr typisch: Sinnsprüche. Krause Haare, krauser Sinn, oh weih, da steckt der Teufel drin! Diesen Spruch musste auch ich wohl an die tausendmal hören. Ganz Unrecht hatten die Leute damit aber nicht! Meine Oma war bis ins hohe Alter, sie ist 92 Jahre geworden, sehr eigen und rigoros.

Einmal, kann ich mich entsinnen, kam eine über 80-jährige Frau unsere Einfahrt herunter und wollte in unserem Hofladen einkaufen. Als Oma Li dieser ihr bekannten Dame ansichtig wurde, rief sie entrüstet aus: "Das ahle Trethuhn lebet ja au noch!" "Oma!", entfuhr es meiner Mutter: "Wie kannst du denn so was sagen? Die Frau ist doch mindestens fünf Jahre jünger als du!" Mit keiner Wimper zuckte sie und schaute ernst in unsere grinsenden Gesichter.

Bis 90 Jahre hat sie im Betrieb meiner Eltern noch sehr aktiv mitgearbeitet, obwohl sie zum Feierabend die lange Treppe auf allen Vieren hoch kroch. Es konnte, nein durfte, ihr keiner die Arbeit ausreden! "Ohne Arbeit früh bis spät, wird Dir nichts geraten. Der Neid sieht nur das Blumenbeet, aber nicht den Spaten." Abends gab es noch ein Glas Rotwein mit einem rohen Eigelb und einem Löffelchen Zucker "Das gibt Coleur im Balge!", behauptete sie. Ihren strengen Haarknoten mit dem Netz darüber trug sie bis zum Schluss. Und als sie bettlägerig war, trug sie ihre weißen Haare zu zwei schmalen Zöpfen geflochten, wie es zur Nachtzeit früher üblich war. Rechts und links lagen sie auf ihrer Brust. Dass die Haare ordentlich waren, das war ihr Anliegen bis zum Schluss. Fest musste ich sie ihr immer zurückkämmen, dass sie möglichst eng anlagen. Das Netz kam zur Sicherheit immer noch obendrauf. Im Knoten steckten viele Haarnadeln aus Horn und ein paar Metallklammern an der Seite.

Sollte ich in ein solch biblisches Alter kommen und mein haariges Erbe halten, was es verspricht, werde ich die Wellen auf keinen Fall verstecken! Nein! Meinen Eigensinn darf man ruhig sehen! Ich höre meine Uroma im Geiste mir finanzielle Unterstützung für den Friseurbesuch anbieten, wenn, ja wenn ich mir eine "richtige" Frisur machen lasse, so wie sie es früher oft gesagt hat. Nee, Oma Li! Um Dein prächtiges Erbe zu verstecken? Das schönste an mir?

Ewig werde ich an Dich denken und hoffen, dass ich ein ebenso erfülltes Leben haben werde wie Du! Du wirst mir in Vielem immer Beispiel bleiben: In Konsequenz, Ordnung, Fleiß … aber meine Haare werden frei und wild bleiben!

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
28. November 2007

Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

Ein haariges Lesevergnügen


Noch mehr haarige Geschichten finden Sie in dem Buch, das aus unserem Wettbewerb "Abenteuer im Frisiersalon" hervorgegangen ist.

Abenteuer im Frisiersalon Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

beim Verlag bestellen
bei amazon bestellen

© Dr. Ronald Henss Verlag     Home Page