Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Zwischen Hoffen und Bangen

© Ursula Lübken-Escherlor

Diesen Dingen komme ich noch auf die Schliche, dachte Helen, als sie wieder einmal in einem der Sessel saß und in den großen Spiegel vor sich an der Wand blickte. Und mit "Dingen" meinte sie die Tatsache, etwas regelmäßig, völlig freiwillig zu tun, sich geradezu danach zu sehnen, von dem sie eigentlich überzeugt war, dass es besser sei, es zu lassen, denn vom Ergebnis war Helen nur selten überzeugt.

Schnell fuhr sie mit den Fingern einige Male durch ihre Haare und versuchte, den Resten einer ehemaligen Frisur doch noch etwas Form zu geben, es war zwecklos. Ja, der Tag war richtig gewählt, denn die Frau, die sie im Spiegel sah, ähnelte eher jemandem, der stundenlang im Regen gestanden hatte. Der "Lack" war sozusagen ab, zumindest was die Frisur anging. Helen tröstete sich, denn - würde hier jemand sein, dem es nicht so ginge? Und der Salon war gut besucht mit Frauen und Männern aller Altersgruppen. Helen wich ihrem Spiegelbild nicht aus und hatte große Lust, sich selbst die Zunge herauszustrecken.

Eine Auszubildende legte mehrere neue Modehefte auf die kleine Ablage vor dem Spiegel und lächelte. Dann trat sie einen Schritt zurück und wartete auf weitere Anweisungen der Friseurin. Auch das von Helen gewünschte Glas Wasser stand inzwischen neben den Zeitschriften, die sie oberflächlich durchblätterte, jedoch nicht ohne einen Blick auf die abgebildeten Models und deren gestylte Frisuren zu werfen. Vielleicht wäre eine Abbildung, die ihr gefiele, ein gutes Beispiel dafür, wie es bei ihr später aussehen könnte. Könnte, dachte sie, meistens können die es ja nicht, zumindest war dies Helens Erfahrung nach "was-weiß-ich-in-wie-vielen-Jahren-Friseurbesuchen". Auf die obligatorische Frage: "Wie immer?" würde sie heute mit "Nein" antworten, das war sicher, dann jedoch besser eine Einschränkung hinterherschieben und sagen: "Also, nicht derartig verändern, dass ich mich nachher im Spiegel nicht mehr erkenne. Verstehen Sie, was ich meine?" Die Friseurin würde wahrscheinlich nicken und erklären, dass sie Helen verstanden habe und dann hinzufügen: "Lassen Sie mich das mal machen", als Ausdruck dafür, dass sie ihre eigene Auffassung von den Dingen habe und wie sie das laienhaft Erklärte umsetzen würde. Helen war rhetorisch auf der Höhe, schon von Berufs wegen, aber die Verständigung zwischen der Fachfrau im Salon und ihr schien oft nicht zu klappen, denn nach mehreren Friseurbesuchen musste sich Helen zu Hause oft erst einmal Luft verschaffen und ihren Frust herauslassen: "Ich verstehe es einfach nicht, wie kann man so aneinander vorbei reden." Es war schon mal vorgekommen, dass Helen sich zu Hause so in Rage brachte, ins Badezimmer stürzte und der neuen Frisur mit dem Wasserstrahl der Dusche den Garaus machte.

Nebenan wurde jetzt "Rot" gefärbt. Dem zögerlichen Entschluss der älteren Dame war eine lange Beratung vorausgegangen. Helen hatte das zähe Abwägen über das Für und Wider genau verfolgt und geahnt, dass die Frau trotz großer Zweifel dem Wunsch nach Veränderung ihres Aussehens nachgeben würde. Das ist heftig, dachte Helen, Rot. Rot wie ein Leuchtfeuer. Sie selbst wollte nicht so grell auffallen, denn auf die - wie auch immer gemeinten - Kommentare am nächsten Tag könnte sie gern verzichten.

In diesem Moment wurde ihr mitgeteilt, dass es gleich mit ihr weitergehe und jemand zu ihr komme. Endlich. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren setzte sich neben Helens Sessel auf einen Hocker, den Blick in den Spiegel gerichtet. Das Gespräch sollte persönlich sein, die Beratung diskret. "Was werden wir heute machen?", fragte die Friseurin und fuhr mit ihren Fingern mehrmals durch Helens dichtes Haar, vollzog damit eine Art Bestandsaufnahme, der dann auch gleich eine Diagnose folgte: "Ich würde sagen schneiden und neue Strähnchen - Kammsträhnchen, wie immer. Ist das recht?" "Schneiden?", fragte Helen zögerlich. "Sie hatten doch erst, ich meine nicht Sie, aber jemand anderes hier, hatte doch erst …" Helen sah sich um, aber die Akteurin der letzten Sitzung war nicht zu sehen. "Also nur wenig schneiden, am besten nur die Spitzen", sagte Helen streng. Das Kapitel "schneiden" war geklärt - hoffentlich, aber die Farbe … Schon klappte die junge Frau eine Farbskala auf und zeigte mit dem Finger auf verschiedene Blond-Farbtöne, die in kleinen Haarbüscheln als Muster zu sehen waren. "Diese Farbe würde ich empfehlen", sagte sie, "und dann mit einem hellen Grün in den Stufen schattieren, das hat man jetzt." Aha, dachte Helen, erst Rot, nun Grün, ich bin doch kein Kanarienvogel. Ähnliches hatte sie jedoch erwartet. Hier im Salon fehlte jetzt nur noch ein Beispiel für gestreift … Und kaum gedacht, erblickte sie im Spiegel das Profil eines jungen Mannes, auf dessen Kopf sich goldiges Blond mit einem kräftigen Braun in Längsrichtung abwechselte. Ganz schön mutig, der Junge, dachte Helen, während sie die Kreationen auf seinem Kopf begutachtete, scheint ihm zu gefallen, wenn er provoziert.

Die Friseurin unterbrach Helens Beobachtungen und wies auf das Wandplakat einer bekannten Kosmetikfirma, die diese neuen Farbspiele soeben in London vorgestellt hatte. "Grün können Sie tragen", sagte sie, Helens skeptischen Blick richtig deutend, "ich kann mir das sehr gut bei Ihnen vorstellen." In diesem Moment, das wusste Helen, musste sie sich entscheiden und Flagge zeigen oder einknicken und nachgeben. Sah denn die junge Frau nicht, dass sie, Helen, für Experimente auf ihrem Kopf nicht geeignet war? Grün wurde vertagt, die Schiene "langweilig" und "wie immer" stattdessen gefahren. Etappenziel erreicht.

Helen blätterte wieder in den Zeitschriften und genoss die Wärme der Plastikhaube auf ihrem Kopf. Zum Friseur gehen ist wie ein Überraschungsei kaufen, dachte sie, und erinnerte sich an die früheren Besuche in "Gabys Salon". Eine der jungen Friseurinnen dort hatte die Angewohnheit besessen, Helens Bemerkungen oder Fragen jedes Mal mit dem Wort "genau", zu beantworten. Das war einfach und passte fast immer, sozusagen ohne Risiko. Bis auf das eine Mal: "Finden Sie nicht auch, dass der Schnitt diesmal ein bisschen sehr kurz geraten ist?" Und nach einer kleinen schöpferischen Pause kam die bestätigende Antwort: "Genau."

Nebenan wurde inzwischen dem Schnitt der letzte Schliff gegeben und viel Haarspray versprüht, um schließlich mit einem Handspiegel das Ergebnis zu begutachten. Die Friseurin jonglierte den Spiegel geschickt und erwartungsgemäß pries die Dame in Rot ihr eigenes Aussehen. "Schön, ja, schön, doch, gefällt mir." Den Schlussakkord setzte dann die schwungvolle Abnahme des Schutzumhangs, so wie ihn eigentlich nur ein Torero beherrscht. Helen beobachtete die Frau, die, wie sie meinte, ihren Kopf viel lieber in den Sand gesteckt hätte als ihn nun der Öffentlichkeit draußen zu präsentieren. Vielleicht würde die Frau zu Hause genau so reagieren wie Helen es einst getan hatte: Nachdem sie so richtig in den "Farbtopf gefallen" war und nicht mehr wagte, in den Spiegel zu schauen, gab es nur noch ein Ziel: sofort zum nächstbesten Friseur. Und der musste damals sein Bestes geben, um dem unangemeldeten "Notfall" die feuerrote Mähne wieder in ein Rehbraun umzufärben. War das ein Akt gewesen …

Der Wecker zeigte das Ende der Einwirkzeit an, Plastikhaube und nasse Handtücher wurden entfernt. "Nun noch ein Cocktail", sagte die Friseurin forsch. Sie hatte offensichtlich Gefallen daran, dass Helen diese Bemerkung nicht einordnen konnte. "Was heißt das?", fragte Helen deshalb sofort. Und während ihr Haar gewaschen wurde, erfuhr sie von der Wirkung einer flüssigen Substanz, die offensichtlich in Fachkreisen den Namen "Cocktail" trug. Verstanden hatte sie den Zusammenhang nicht, gab sich aber zufrieden. Nun kam die Stunde der Wahrheit, die Friseurin nahte mit dem Instrument, das die Kunst ihres Handwerks ausdrückt - oder auch nicht. "Nur wenig", sagte Helen noch einmal zur Erinnerung, ihre Stimme klang sanft. "Sie wissen ja, ich rede nicht, wenn ich schneide", sagte die Friseurin freundlich und erweckte den Eindruck, augenblicklich in einen meditativen Rausch zu versinken. Helen war die Ankündigung ganz recht, denn sie hatte keine Lust auf Small Talk über Urlaub oder Regenwetter. Sie blickte aufmerksam in den Spiegel, sah, wie die junge Frau die Haarspitzen schnitt, immer wieder die Längen miteinander verglich und scheinbar nicht zufrieden war mit dem Ergebnis, denn sie kürzte die gleichen Haare noch einmal und immer wieder in einem anderen Winkel. Helen hätte sich die Haare raufen können, ahnte sie doch, dass sie beim Verlassen des Salons wie ein gerupftes Huhn aussehen würde, doch sie saß unter ihrem schwarzen Umhang, flügellahm, mundtot, den Vorgängen auf ihrem Kopf ausgeliefert. Sie ahnte, weshalb Schweigen angesagt war. Kein Wunder, dachte Helen, die Dame will nicht unterbrochen werden, wenn sie anderen Frauen den Kopf "schert". Dann stoppte sie ihre abwegigen Gedankengänge, rief sich zur Vernunft. "Das reicht". Helen erschrak, als sie die Stimme der Friseurin hörte, denn diese hatte während des Haarschneidens - wie angekündigt - kein Wort gesprochen, nun war sie wieder auf Sendung. Noch einmal kontrollierte sie ihr Werk und schien zufrieden. "Dann ist es ja mal wieder geschafft, jetzt haben Sie lange Ruhe." Offensichtlich, dachte Helen und sie schwor, zu Hause sofort einen Verbotskalender für Friseurbesuche anzulegen. Allein die aufkeimende Idee, wieder einmal zum Friseur zu müssen, sollte sofort von einer anderen übertrumpft werden. Kino wäre gut, Kosmetikerin noch besser, oder Sport, das wäre total gut, anschließend Kapuze auf und weg mit den Haaren. Aber noch war das genaue Ergebnis nicht zu sehen. "Glatt oder Wellen?" fragte die Friseurin, bevor sie den Föhn einschaltete. "Glatt", antwortete Helen, genau so im Stakkato, denn dann wäre der Schnitt besser zu erkennen, dachte sie. Wellen? Komische Frage. Das, was sich nun vor ihr im Spiegel so langsam zu entwickeln schien, glich einem Haarschopf, der sich in der "Mauser" befindet. An einigen Stellen standen die Haare vom Kopf ab, wie elektrisiert. "Modern Style" nannte dies die Friseurin und gestaltete Helens Kopf mit reichlich viel Gel und Wachs, nachdem diese nicht mehr widersprochen hatte. "Ja, machen Sie nur …", hatte sie gesagt und dem Schöpfergeist grünes Licht gegeben.

Sie dachte an ihren Bruder und dessen Geschichte, die sie nie vergessen würde: Der Knirps, gerade einmal neun Jahre alt, wurde damals zum Friseur geschickt und weigerte sich anschließend mehrere Tage, das Haus zu verlassen, spielte "krank" und sie, Helen, war seine Komplizin gewesen. Vielleicht sollte auch sie einfach irgendwohin verschwinden, oder sofort eine Haarverlängerung machen lassen, zumindest an den Stellen, die so abgefressen und stoppelig aussahen. "Gefällt es Ihnen?", fragte jetzt die Friseurin und strahlte Helen an. Wie sie diese Situation hasste! "Ein bisschen gewöhnungsbedürftig", antwortete Helen, "ganz anders als vorher." Und während der Handspiegel um ihren Kopf herum geführt wurde bemerkte die junge Frau mit jovial selbstverständlicher Mine: "Ja, aber das wollten Sie doch auch, wenn ich Sie richtig verstanden habe …"

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Eingereicht am
25. November 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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