Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Behaarlichkeit und Wellen

© Vilma Hotz-Jordans

"Du wirst noch heulen, wenn du dann die ganzen Lebensmittelkisten auf dem Steg siehst", prophezeite Burt. Er meinte es wohl ernst. Konnte er auch, denn er hatte ja seine Erfahrung. 10 Jahre zuvor liessen er und Isa sich mit ihrer "Moontale" über den Atlantik blasen. Richtung Columbus' "Barfussroute". Immer 'gen Süd und wenn die Butter schmilzt: Kurs West.

Kurs Karibik! Da wollen wir auch hin.

Nun stehe ich also auf Steg Nummer 323 in Las Palmas und harre der Dinge. Mit der Voraussicht eines Murmeltiers, das in seinem Magen jede Ecke auslotet, um für den langen Winter die Fressvorräte zu bunkern, habe ich unser Schiff minutiös gescannt. Da wird Platz sein für die ganzen Foodartikel, die fünf Personen zu essen im Stande sind. Mit eineinhalb Monaten rechne ich mal. Man weiss ja nie. Es könnte Flauten geben. Wir könnten abgetrieben werden. Die Segel könnten reissen, der Mast knicken, das Ruder brechen und auch für die Brechattacken unserer drei Mitsegler bin ich gerüstet. Zwieback, Müsli und Kamillentee alleine machen wohl zwei Fernsehkisten aus. Und dann dreissig bis vierzig Kisten Allerlei. Nudeln, Reis, Konfitüre und so weiter. Bei 40 grad im Schatten gilt es in jede Ecke unserer "Ananda" zu kriechen, über den Platz zu staunen, den ich mit endlosem Umräumen erobere. Wenn nur diese haarsträubenden Attacken nicht wären! Kann ich doch eines auf den Tod nicht ausstehen: Haare!

Haare, die das Haupt ihres Trägers nicht mehr schmücken, wohlverstanden, und die sich in Büscheln und Wellen, in Knäueln und noch schlimmer: einzeln! am geteakten Holz festklebend allen Entfernungsversuchen trotzen. Eine Überwindung sondergleichen ist es, diese hartnäckigen und behaarlich festsitzenden Widerlinge von Wänden und Böden zu zupfen. "Welche genetische Fehlschaltung bringt unsere Segelgäste ständig dazu ihr Fell zu wechseln?" knurrt es aus mir, als ich aus dem Duschabflussloch Gekräuseltes der letzten Crew ins Wisch-und-Weg Papier aufsauge. "Nun mach nicht so einen Buhei wegen ein paar Haaren, das ist ja schon fast manisch!" grummelt mein Skipper und schüttelt den Kopf. Vorsichtig schütteln, bitte, rufe ich ihm lautlos nach, aber da stechen mir schon die abgestorbenen Reste von Haupt und Affengilet ins Auge, die er, sich den schweisstriefenden Brustkorb kratzend, hinter sich verteilt. Die im Zwielicht fluoreszierenden Schuppen lassen sich schwebend endlos Zeit. Sowieso.

Nun also war alles haarlos, schuppenlos, geschrubbt, geteakt und bereit für den Corte Inglais Lastwagen. Ja, verdammt, alles in allem lieber Burt, hattest du recht. Aber meine Tränen sah niemand, und von den tausend Foodartikeln war, nach durchstauter Nacht, auch nichts mehr zu sehen. Unsere Foodliste ergoss sich über vier Dinavierseiten und der Werkzeugkoffer noch bis zur letzten Minute im Salon.

Drei Tage vor unserem Start trudeln unsere Bleichgesichter ein. Und nach einem Tag auf See, entschleiert sich, was mir bevorsteht. Mutter Theresa darf ihre Begluckung rund um die Uhr betreiben. Der Skipper leert stoisch Kotz- um Kotzkübel und bei aller Freundschaft, denke ich bösartig, wäre es doch soviel einfacher gewesen, wenn wir zwei alleine den grossen Atlantik überqueren würden. Schon allein wegen der Haare. Es geht der Crew so elend, dass sie nichts handreichen können, nicht Kochen, nicht Wache schieben, keine Funkmeldung durchbröseln. Eigentlich sind sie stetig essender und wieder von sich gebender Ballast mit Haaren. Haufenweise. Wenn der Vollmond Silberlicht ins Cockpit schüttet, schlängeln sie sich mit eignem Schattenwurf, den man einem solch feinen Gespinnstchen gar nicht zutrauen würde, auf schneeweissem Polyester. Wenn die Sonne dann endlich anfängt die Butter zu schmelzen, finde ich sie im Deckel derselben, denn der fällt in diesen Tagen natürlich immer mit der Deckelseite nach unten.

Ich liebe Gäste, wohlverstanden. Nichts beglückt mich mehr, als ihnen die Schönheiten der Welt zu zeigen, sie zu bekochen, zu verwöhnen. Aber diese identifizierten Haare auf den Planken? Man ist ja auf kleinstem Raum. Und für einmal sinds ja keine Gäste, sondern es ist eine Atlantik-Rallye-Crew. Da könnte man doch erwarten, wenn sie schon für sonst nichts Nutze sind in ihrem seekranken Elend, dass sie ihren Pelz bei sich behalten. Aber nein, es scheint, als ob sich mit jedem Erbrechen auch eine Flut vom Schädel löst. Diese schlangengleiche Häutung von Wellen und Geraden verteilt sich in jeden Winkel.

Nach fünf schlaflosen, wache-schiebenden, kochenden, kübel-leerenden und haarzusammentragenden Tagen auf dem Ozean sind alle psychischen und physischen Ressourcen aufgebraucht und wir müssen mal kommunizieren, d.h. Klartext reden. In Tagessichtweite liegen die Kapverdischen Inseln. Islands in Vicinity. Mit einem Flughafen, und Flugzeugen, die soviel schneller sind, als unser, mit fünf Knoten dahinschneckendes Zweimasterli. Das ist so, als würdet ihr zu Fuß über den Atlantik, oder, wenns richtig doll laufen wird, mit einem alten Holländerfietse. Die könnten euch dorthin fliegen, wo es euch vielleicht viel wohler wäre, als hier auf Kleinstraum mitten im Atlantik. Wir lassen die Rallye, die ein Anlanden unterwegs untersagt, einfach flöten. Da liegen noch Wochen Wasserwüste vor unserem Bug. Ihr müsst nicht kochen, aber rüsten helfen, nicht navigieren, aber Wache schieben und vor allem müsst ihr eure vermaledeiten Haare jeden morgen aus der Abflussrinne im Cockpit grübeln. Ich, jedenfalls, habs satt. Ich hab auch Haare und der Skipp auch, menschlich, nicht wahr? Und ja, auch uns haften sie nicht wie Harpunen in der Kopfhaut! Aber ich werde nicht mehr die einzige Haarentsorgerin hier an Bord sein. Nicht schon wieder. Da kommen mir 10 Jahre WG wieder hoch. Da gings doch auch immer um die Suche nach dem Besitzer der morgendlichen Haare im Abfluss und den leergefressenen Kühlschrank. Nein, und nochmals nein. Nicht hier, wo Poseidon unberechenbar ist und Big Brother mit aller Macht alles zerschlagen könnte, ohne jegliche Fluchtmöglichkeit. Man kann ja nicht mal schnell weg, das Gartentürchen hinter sich zuschlagend!

Wundersame Genesungen geschehen tatsächlich. Steht unsere Crew doch wider Erwarten fast augenblicklich von den Scheintoten auf. Sie schieben Wache, rüsten die Karotten, schmeissen die Angel ins Kielwasser und wünschen sich mit Sicherheit eine Fleischkappe statt Haaren auf dem Kopf, jetzt, wo sie selber die unangenehme Aufgabe der Haarentfernung aus der Rinne übernehmen. Täglich und Büschelweise. Nach Adam Riese dürfte niemand von uns mehr einen Faden an sich tragen. Keila motzt als Erste, ihr stehen sozusagen die Haare zu Berge. "Warum, um Poseidons Willen müssen wir jeden Tag die Rinne putzen?", fragt sie allmorgendlich. Sie, immerhin, habe sich ihre Haare doch extra zu einem sportlichen Bob schneiden lassen? Diese Rinne ist nun mal Auffangbecken für Alles, was Homo atlantikus so vor sich hin knüsselt. Schwappend, in Meerwasser eingelegte Zigarettenasche, Brotbrösel, Tee-Rum (letzteres, vermischt mit der Asche sorgt für die piss-ähnliche Farbe) und vieles mehr aus meinen Corte Inglais Schachteln verstreut sich auf jeden Zentimeter unserer kleinen Cockpitwelt, dort wo wir uns meist aufhalten. Alles wird im Laufe von Stunden durch Wind und Welle in die Rinne gespült, dort wo's als Zwischendepot auch hingehört, aber eben, die Rinne muss ablaufen können. Ein täglich wiederkehrender Alptraum, gewiss, aber, Heureka!, nicht mehr nur der meine. Da koche ich zum Feste doch gerne ein Viergangmenü bei Viermeterwellen unter Verwendung unseres ersten, von nun täglich frisch gefangenen Fisches. Von den Schuppen dieser Delikatessen könnte man Barbiehäuser bauen. Schillernd, daumennagelgross und in allen Farben des Regenbogens. Und auch diese transparenten Wunderwerke landen in der Rinne, umschlungen von Haaren, die, analysiert frau Länge und Farbe, auch von einem blonden Bob stammen könnten.

Wir lassen Capo Verde links liegen.

Zwanzig Tage auf dreizehn mal vier Meter zu fünft liegen da noch vor uns. Da werden mit Sicherheit fünf Kilo Körperschutz über Bord gespült oder aus der Rinne geputzt. Wohin tragen die Wellen die Haarwellen wohl? Schwimmt glattes Haar anders und sucht es sich einen anderen Weg an ferne Gestade auf diesem endlosen, nie gesehenen, weil so tiefem Atlantikblau? Als uns die Flaute doch noch einholt, verbringe ich Stunden damit in diese Weite zu glotzen oder unter meinen baumelnden Füssen nach Leben in unbegreiflicher Tiefe zu starren. Wie sie da so auf diesem ölig wirkenden riesigen Spiegel schwimmen, das sieht eigentlich sehr schön aus. So friedlich. Und sie schwimmen immer oben, kleben regelrecht auf dem Wasser, ziehen es fast mit scharfen Linien aus seinem Element. Selbst wenn Äolus hinter uns die Wellen türmt und Schaumkronen sich auf Wassertürme setzen, durch die wir die Sonne sehen können: sie sind immer obenauf.

Und kein Mensch wird uns glauben, dass die meisten Goldmakrelen auf Haar mit Lametta und zerschnittenen Putzhandschuhen beissen. Mitten im Atlantik jedenfalls.

Die ANANDA kam dann mitternachts und mit voller Beseglung in St. Lucia an. In den vemeintlich westindischen Inseln. Wie weiland Kolumbus, nur etwas südlicher.

Und dann ging's erst mal ans Lüften. Jedes, der über zweihundert Segelschiffe, die an dieser Regatta teilnahmen, dürfte einen unvergleichlichen Duft in die Rodney Marina geschleppt haben. Man kann ja nicht so einfach lüften, wenn die Sicht durch die Luken einem Blick ins Aquarium gleicht. Fünfundzwanzig Tage mal fünf Personen Körperduft: entspricht, ja Burt, auch da muss ich dir beipflichten, dem Odeur eines Antilopenhauses.

Alles vergessen, Reggae im Ohr, karibische Luft auf der Haut. Angekommen.

Matrazen raus, Kleider auf die Wäscheleine, der Sauger saugt und überquerungserschöpfte, blasenbestückte Hände putzen ein letztes Mal die Haare aus der Rinne, als ein Welcome-Früchtekorb mit Mensch dahinter unsere gefigelten Planken betritt. Homo caribicus:

Oh, diese herrlichen Rastalocken !

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Eingereicht am
22. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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