Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Haflingerblond

© Reinhart Hummel

Ich verstand es nicht und wusste nicht mehr weiter und konnte es nicht einordnen und meine Erfahrung hatte Vergleichbares nicht auf Lager.

Ich kam zu ihr jeden Tag, weil es meine Aufgabe war, Menschen zuhause zu besuchen und sie dort zu versorgen, wenn es nötig war und sie es nicht selbst konnten, ihnen Medikamente zu geben oder sie zu waschen, ihre Haare zu bürsten oder ihre Zähne zu putzen, auch wenn es nicht ihre eigenen waren und zuzuhören, ihrer Furcht und Not und ihren Anliegen in Tiefgang und Oberflächlichkeit.

Sie wohnte in einem jener Häuschen auf Stelzen über dem Wasser und ein schmaler Steg führte vom Uferweg zu ihrer Haustür und ich hörte von Weitem

die Schwingungen der Saiten auf ihrem Cello. Sie spielte in einem Orchester und es war bedeutend und ich glaube, sie auch und sie saß mit breiten Beinen und übte ohne Ende.

"Hallo", sagte ich und die Luft vibrierte und das Brummen legte sich auf meine Haut und machte alles anders. Sie hieß Josefine und wir sagten Du zueinander, weil wir gleich alt waren und weil sie das so wollte von Anfang an und ich mich nicht widersetzte, obwohl mir professionelle Distanz wichtig war.

Sie zog den Bogen noch ein paarmal hin und her und legte ihn beiseite und das Kribbeln verlor sich im Raum und das Plätschern vom Wasser unter uns war freundlich und ich dachte an Georg Friedrich Händel und seine Wassermusik.

"Wie geht es Dir?" Ich wusste wie abgegriffen die Frage war, aber ich sagte sie trotzdem, weil es die ultimative war in meinem Job und eine ehrliche.

Sie warf ihre Haare zurück mit einer Bewegung, die nur sie brachte und ich sah den Haflinger vorne an der Seewiese, weil er seine Mähne in Blond auch so zurückwarf wie Josefine und ich fand es herrlich.

Wenn sie spielte, dachte ich manchmal, hoffentlich geraten ihre Haare nicht zwischen Saiten und Bogen und versauen alles, aber das sei noch nie passiert, sagte sie mir, was für eine abgefahrene Idee, und ihr Lachen war dabei so hell wie ihr Blond und das war wie die Semmeln oben beim Bäcker.

"Sie tut immer noch weh." Sie sah dorthin, wo sich das Pflaster so groß wie ihr Notenblatt unter dem Strumpf abzeichnete und es war nahe ihrer Leiste.

Sie hatten ihr dort einen Pfropfen von Geronnenem herausgeschnitten, weil er den Fluss des Blutes behindert und ihr Bein in Gefahr gebracht hatte und eine Menge Schmerzen. Die Operation sei perfekt gelungen, sagten sie, das Blut zirkuliere und niemand müsse sich mehr Sorgen machen.

"Ich versteh' das nicht. Sie müsste längst zugeheilt sein. Und die Schmerzen verschwunden."

Josefine hatte sich zurückgelegt und bot sich mir als Patientin und ihre Beine waren weit voneinander. Die Wunde lag vor mir und war groß und ohne Besserung seit gestern und vorgestern und seit Wochen und ich verstand die Welt nicht mehr und ihr Höschen war winzig und schneeweiß neben dem Rot der Wunde.

"Die kann einfach nicht heilen. Dort sehe ich ein wenig Granulation, da außen herum auch. Dein Gewebe möchte sich gern reparieren, aber irgendetwas hält es davon ab." Ich besah mir den Defekt genau und fotografierte ihn und verglich und spülte und behandelte ihn nach allen Regeln der Kunst und konnte mir keine Vorwürfe machen, etwas vernachlässigt zu haben.

Gedanken um Josefine, um Selbstheilungskräfte, die ihr abhanden gekommen waren und darum, wie sie zu mobilisieren seien, besetzten alle meine Zellen, als ich den Steg hoch über dem Wasserspiegel ging und sie verflogen auch nicht mit Entfernung.

Bereits war ich vorne an der Seewiese und die Nüstern des Haflingers waren weit, weil er meinen Geruch suchte und seine Mähne war Josefines. Ich rannte zurück und legte meine Kleider ins Schilf und schwamm zu ihrem Häuschen und da war nur das Gurgeln und ich stieg die Leiter aus dem Wasser hoch und sah Jo, wie sie das Pflaster anhob und ein Haar von ihren vielen nahm und in die Wunde legte und ihre Bewegungen waren zaghaft und besonnen.

Wir saßen ohne Ende und wir fühlten uns und ihr Haar fiel auch über meine Schulter und ich dachte an den Haflinger und es war großartig.

"Mein Opa. Er hat's mir erzählt. Als ich noch klein war. Er wurde verletzt im Krieg und lag im Lazarett und hatte Angst vor der Front und wollte überleben. Er hat heimlich für ein Haar in seiner Wunde gesorgt und sie blieb immer eine Wunde."

"Und?"

"Was und?"

"Hat er überlebt?"

"Er ist 98."

"Und Du? Wovor hast Du Angst?"

"Dich zu verlieren."

Ihre Stimme war dünner als Papier und das Wasser plätscherte unter uns und ich hatte Lust, Jo auf ihrem Cello spielen zu hören und ich wollte das Kribbeln noch einmal spüren und ihr Blond um die Saiten wehen sehen.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
12. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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