Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

... wash, cut and dry ... auf Chinesisch

© Elna Kröger

"Diesen Tag haben Sie frei für sich. Genießen Sie einen ungewöhnlich schönen Tag ---" genau dieser vielversprechende Satz in der Routenbeschreibung dieser Chinareise, für den heutigen Reisetag, hat mir schon im Vorfeld unbändige Vorfreude beschert. Vorfreude auf einen "Ich-Tag", den ich ganz für mich alleine planen und gestalten kann.

Nicht etwa, dass ich mich endlich mal von meinen Mitreisenden erholen müsste, oh nein, alle sind richtig nett, und es ist sogar eine ganz besonders harmonische Gruppe. Für mich aber ist es ein immerwährender Wunsch, eine Behaglichkeit, ein Genießen, eine tiefe Freude --- einfach mal ganz gelassen rumzuschlendern und dabei ein Plätzchen zu finden, an dem ich das umsetzen kann, was ich eigentlich auf Reisen am Liebsten tue: Zeichnen ... und --- nach Möglichkeit auch einen "verrückten" Gedanken in die Tat umzusetzen.

Nach einem leckeren Frühstück, gut gestärkt, erkundige ich mich bei unserem Reiseleiter, welchen Weg ich wohl am Besten einschlagen muss, um möglichst viel von dieser zauberhaften, pittoresken südchinesischen Kleinstadt Yangshou einzufangen.

Die Richtung hat er mir gut und schnell erklärt und ich mache mich auf den Weg.

Ich freue mich schon sehr auf die traumhaft schöne Karstkegellandschaft, die mich am gestrigen Tage bei einer angenehm- geruhsamen Flußfahrt schon so sehr beeindruckt hat. Das ist dann eines der Motive, das für Zeichenstift und Pinsel wie geschaffen ist, festgehalten zu werden auf einer erinnerungswürdigen Reisezeichnung. Ich freue mich aber auch auf einen geruhsamen Bummel durch das Städtchen. Dass ich mir aber auch fest und wildentschlossen vorgenommen habe, hier in China, wo ich doch heute mit freier Zeit gesegnet bin, zu einem Friseur zu gehen ---- das habe ich vorerst verschwiegen, kommentieren und bewundern können meine Reisegefährten ja dann hinterher; die "verrückte Idee", den "so genannten" Mut und nicht zuletzt meinen neuen, und hoffentlich schicken, chinesischen Haarschnitt.

Ganz gemütlich schlendere ich nun also erst einmal los , mit neugieriger Aufmerksamkeit und Interesse an den vielen fremden und faszinierenden Eindrücken, bleibe hier und da stehen, schaue und staune. Diese ziemlich langgestreckte Straße, hat dicht an dicht gedrängte kleine bis winzige Läden, fast alle haben sie eine geöffnete Front, an denen morgens eine Art Garagentor hochgerollt oder geschoben wird, teilweise sind es auch Gitter, die seitlich irgendwie verschwinden. Alles ist sehr voll gestopft, dennoch wirkt es geordnet, ich möchte es eine "geordnete Unordnung" nennen, von der ich glaubte, da wird sich wohl so schnell nicht der gewünschte Artikel finden lassen. Aber ich bin sehr beeindruckt, ein einziger Griff und die Ware wird herausgefischt.

Und es gibt alles, aber auch alles, mal ist es ein Hutgeschäft, dann sind es Putzartikel, etwas weiter ein Uhrengeschäft und sogar Fernseher stehen zum Verkauf.

In den schon moderneren Geschäften kann man die neuesten Turnschuhe von Nike oder T-Shirts mit nachgemachten Logos aus der europäischen Welt erstehen; nachgemacht oder echt, schick ist alles und "schick ist in" bei der chinesischen Jugend.

Und gerade entdecke ich auch das, wonach ich schon aufmerksam Ausschau gehalten habe --- ein Friseurgeschäft, sieht sehr nett aus, nicht so marktähnlich, sondern schon eher wie ein kleiner, aber sehr einfacher Salon. Im Anschluss an meinen Bummelstreifzug, wenn dann vielleicht sogar die Füße schmerzen, werde ich mich dann hier verschönern lassen.

Das auch in diesem Städtchen zwar kleine, aber dennoch vorhandene touristische Angebot - die rausgeputzten Souvenirläden und Verkaufsstände - beachte ich einfach nicht, nein, das spricht mich nicht an, ich möchte etwas anderes finden. Ich werde einfach suchen, denn erfahrungsgemäß gibt es hinter dem Tourismus auch irgendwo das Alltagsleben. Also weiter die Hauptstraße und nachdem ich zwei weitere Abzweigungen unbeachtet lasse, geht ein schlichter einfacher Lehmweg leicht abwärts und endet direkt am wunderschönen Li-Fluß der sich hier wie eine Zauberwelt darbietet und darüber bin ich richtig verzückt.

Direkt vor meinen Augen liegen ziemlich alte , schon etwas morsche Schiffe und Boote im Wasser, daneben auch einige grüne Hausboote, und dahinter sehe ich dann das, was ich mir erhofft hatte. Die Karstkegellandschaft tut sich so schön vor mir auf, dass ich sofort weiß ... das ist "mein" Motiv, das genau werde ich zeichnen. Es ist schön, sehr schön - mit einer stillen Freude in mir sitze ich hier im fremden, weiten China, genieße die Situation und die fremde Atmosphäre und zeichne mich in diese traumhafte Landschaft hinein.

Ungern trenne ich mich von diesem schönen Anblick, um langsam den Rückweg anzutreten. Indem ich die kleine Gasse geruhsam wieder bergan schlendere, sehe ich etwas, das mich auf eine witzige Weise an meinen geplanten Friseurbesuch erinnert, der mir ziemlich im Kopf herumgeistert. Was es bei uns wohl so nie geben würde ist hier Alltagsgeschehen. Aber warum nicht, das Wetter ist so warm, da spielt sich halt alles was geht auf der Straße ab - auch ein Friseurbesuch. Ich beobachte mit Freude und Neugier diese Situation: In einem bequemen Korbstuhl sitzt ganz gemütlich ein Mann, er hat ein einfaches weißes Tuch um die Schultern. Ein junger, lässig in gestreiftem T-Shirt und einer umgekrempelten Freizeithose gekleideter Friseur, zaubert dem Kunden mit flinken Händen fachmännisch einen neuen Haarschnitt. Vor dem Stuhl ist ein kleinerer, fast antik wirkender Tisch platziert, darauf liegen wohlgeordnet die nötigsten Dinge, wie Wasserschüssel, Scheren, Kämme und sonstige Friseurutensilien. An alles scheint gedacht, zwei sehr ungleiche, kleine niedrige Hocker für eventuell wartende Kunden stehen bereit und auch der noch eingerollte Sonnenschirm wartet auf seinen Einsatz in der Mittagshitze.

Obwohl ich für Sekunden auch diese Open-Air-Variante für einen Haarschnitt mutig überdenke,

bleibe ich doch bei meiner Entscheidung, den kleinen Salon aufzusuchen.

Ich werde es also wagen, mir hier in Südchina die Haare durchschneiden zu lassen. In Anbetracht dessen, dass die Chinesinnen eigentlich auch alle glatte Haare haben, wird der daran gewöhnte Friseur mit meinen Schnittlauchhaaren sicher bestens fertig werden. Ich, die nur höchstens alle fünf Jahre zum "Putzbüdel" geht, ansonsten trage ich Marke Eigenbau, werde nun diesen großen Schritt wagen. Außerdem --- es wird ja wieder wachsen.

Vor dem Geschäft des Friseurs angekommen, entdecke ich an der Fensterscheibe drei große gelbe, angeklebte Worte: "washing, cutting, drying", und das sind wohl auch die einzigen englischen Worte die im Geschäft verstanden werden. Aber es reicht und ich stelle wieder einmal mehr fest, dass Vieles auch ohne Sprache klappen kann.

Von außen ziemlich modern, ein wenig jedenfalls, von innen weniger, aber ... die moderne angenehme Aircondition überrascht mich.

Ein schlankes und hübsches, sehr junges Mädchen - ich überlege ob sie wohl noch zur Schule geht - schaut mir fragend in mein Langnasengesicht und nachdem ich die drei wichtigen Worte, die an der Fensterscheibe zu lesen sind, sage, kommt ein für Chinesen ziemlich kräftiger Mann mit Bauchansatz aus dem hinteren Teil des Ladens. "Ah, Ausländerin" scheine ich auf seinem freundlichen Gesicht zu lesen, und wie aus einem Munde schmettern die Beiden mir ein "Dreißig Yuan" entgegen und schon werde ich sanft in einen Stuhl gedrückt.

Während das kleine grüne Gästehandtuch ständig wieder in meinen Nacken geschoben wird, wäscht nun eine andere junge Frau meine Haare - mit viel Eifer und noch viel mehr Schaum. Der Waschvorgang startet in Form von unendlich viel Haarwaschmittel, dass durch sehr tatkräftiges Rubbeln, Schieben und Streichen und unter mehrmaligem Zugeben von wenig Wasser, zu einer ausgiebigen Kopfmassage gedeiht. Schaum, Schaum, Schaum, die Sahnehaube auf meinem Kopf wird immer größer, aber irgendwann schiebt die kleine Chinesin die weiße Masse auf meinem Kopf geschickt mit beiden Händen zu einem dicken Kloß und rennt damit zu einem Gefäß um es loszuwerden. Und nun? Es folgt ein zweiter Durchgang und wieder und wieder wird der weiße Matsch, durch weitere Zugabe von Haarwaschmittel und Wasser auf meinem Kopf geknetet und geschoben.

Ich kann nicht sagen, dass diese Sitzung unangenehm ist, aber langsam mache ich mir Gedanken, ob ich nicht doch falsch verstanden wurde und mir mit den drei Worten womöglich eine Kopfmassage eingehandelt habe. Ich schließe die Augen, verfolge das Tun in meinem Haar und warte ab. Ein zweites Mal läuft die Friseuse geschäftig weg, um den wieder neu entstandenen Haarschaumklacks zu entsorgen. Wie wird sie jemals diese unendlich aufgetürmte Masse wieder in einen gewaschenen Kopf zurückversetzen?

Ein kleiner Tipp auf meine Schulter und ein wortloser Wink, reißt mich aus meinen Überlegungen. Mitkommen soll ich jetzt und so schreite ich mit total geradem Gang, damit nichts vom Kopf tropft, in einen mit einem Vorhang abgeteilten, hinteren Raum. Eine stabile, mit grünem Kunstleder bezogene Liege, an der am Kopfende ein Waschbecken montiert ist, lässt mich ahnen, was nun kommt. Blitzschnell kapiere ich, dass ich mich nun rücklings, zwecks Waschvorgang, auf dieses Unikum legen muss und schon braust das warme Wasser aus dem großen Duschkopf wohltuend über mein Haupt. Auch diese Prozedur ist intensiv und ausgiebig.

Und dann --- oh, nein, nicht schon wieder Haarwaschmittel --- ! Doch nein, es ist nur eine Art Weichspülung und verschwindet beim letzten Ausbrausen wieder von meinem Schopf. Ein Handtuch wird mir jetzt jäh übergestülpt, auf patente Weise schnell verknotet und nach einem kleinen Schubs stehe ich wieder senkrecht, werde mitsamt meinem blauen Handtuchturban zurück in den "Salon" geführt. Irgendwie mutet alles wie eine Behandlung an.

Doch jetzt geht es wirklich los mit dem neuen Haarschnitt.

Eine dritte Chinesin reicht mir jetzt mit einer höflichen Geste einen Pappbecher mit frischem Wasser, den ich gern annehme. Nein, keinen Kaffee, in China reicht man immer und überall Wasser, heiß oder kalt, aber immer abgekocht oder den erfrischenden grünen Tee. Wasser, sagt man hier, das ist Lebenselixier pur. Ist diese Weisheit in unserer Heimat ein wenig in Vergessenheit geraten?

Inzwischen steht jetzt ein smarter, sehr westlich wirkender junger Mann hinter mir, macht, da er keinerlei Englischkenntnisse zu haben scheint, mit Zeigefinger und Daumen eine Längenangabe, bloß weiß ich jetzt nicht, ob er das gezeigte Stück abschneiden wird oder ob er so ein Stück stehen lassen wird. Ich nicke und murmele ein "Okay" und schon flitzt die Schere gekonnt durch meine nun supersauberen Haare. Irgendwie passt dieser Typ Mann nicht in diesen Laden, aber sicher ist er froh, dass er hier sein Geld verdienen kann. Es beruhigt mich sehr, dass ich ihm durch den Spiegel bei seiner Arbeit zusehen kann, notfalls schreie ich los, wenn zu viel Haar von der Schere fällt. Aber, diesen Einsatz brauche ich wirklich nicht, immer mal wieder schaut er zurück in mein Spiegelbild, schaut auf meinen Gesichtsausdruck, um zu sehen, ob ich auch zufrieden bin, er lässt den Ur-Schnitt so, wie er war, kürzt sorgfältig alle Seiten, lässt mir meinen langgezüchteten Seitenpony, schneidet nicht plötzlich die Haare ohrfrei und lässt auch die Haare im Nacken da, wo ich sie behalten will. Seine eifrige Mühe, es mir auch rechtzumachen, berührt mich. Ein Weilchen noch Fönen, ein bisschen Kämmen, ein Hauch von Haarspray und ich verlasse schön gestylt, sehr zufrieden und um ein China-Erlebnis reicher dieses Friseurgeschäft in Yangshuo.

Schnell gehe ich die wenigen Schritte zu dem schmucken Hotel in dem wir für diese zwei Nächte Gäste sind. Ich muss mich jetzt unbedingt noch einmal ganz alleine im Spiegel betrachten. Ja, ich bin mehr als zufrieden mit meinem neuen, flotten chinesischen Haarschnitt.

Auch werde ich die Schuhe wechseln, denn als Tagesabschluß habe ich mir noch vorgenommen, auf den kleinen Hügel zu klettern, der sich in einem schönen baumbestandenen Park in der Nähe befindet.

Zum Eingang des Yangshuo- Parks ist es nicht sehr weit zu laufen, das ist auch gut so, denn meine Beine hatten heute ja schon reichlich Bewegung. Ich zahle ein sehr geringes Eintrittsgeld und gehe munteren Schrittes in Richtung des "Xilang Hill"- steige nun, von einigen "alters- und leistungsbedingten" Lufthol-Pausen unterbrochen, viele, viele ungleichmäßig hohe und holprige Steintreppen hinauf. Am Gipfel angekommen habe ich doch ein klein wenig das Gefühl, einen Berg, statt eines Hügels bestiegen zu haben.

Ein zum Verschnaufen einladendes, offenes tempelartiges Häuschen steht an der höchsten Stelle, von der ich mit einem weitschweifenden Blick über die gesamte Umgebung belohnt werde.

Inmitten der aufragenden, bizarren Karstkegelbergwelt, liegt eingebettet und geborgen dieses liebenswürdige südchinesische Städtchen und mitten drin ein kleiner Friseursalon, in dem ich eine "haarige" Geschichte erlebt habe, die ich so schnell wohl nicht vergessen werde

... und sollte ich irgendwann noch einmal wieder nach Yangshou kommen, dann ...

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Eingereicht am
02. Oktober 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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