Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Die Ego-Schöpfung

© Katrin Jackson

Es war lang, wallend, fest, glänzend und blond - die Krönung ihrer Ego-Schöpfung. Ihr Haar war das Tüpfelchen auch dem i. Sie war die Art von Frauen, denen man sich nicht entziehen konnte. Die anderen Weibchen beneideten und bewunderten sie und waren stets in Hab-Acht-Stellung, wenn sie in die Nähe ihrer Ehemänner kam. Den Männchen raubte sie mit ihrem Anblick einfach den Atem. Dazu kam ihr gewinnbringend einzusetzender Charme und eine gehörige Portion Intelligenz, die sie schließlich - natürlich nicht ohne den Charme - zur Marketingchefin eines internationalen Unternehmens gemacht hatte. Sie war Anfang 30, wusste was sie wollte und benutze die Welt als Teppich auf dem sie wandelt. Ob im Büro, Restaurant oder im Urlaub, ohne große Anstrengung bekam sie die besten Projekte inklusive Budget genehmigt, die besten Tische - nach dem Motto sehen und gesehen werden - oder Fensterplatz im Flieger, Freidrinks an der Poolbar und eine bereits angewärmte Liege, um sich im flotten Bikini darauf räkeln zu können. Sie suchte sich ihre Männer aus - ob gebunden oder ungebunden. Nie musste sie die Initiative ergreifen. Ein Blick auf den Auserwählten genügte und sie hatte ihre Essenseinladung bereits in der Tasche. Danach allerdings bestimmte sie das Programm. Und sie beendete es auch. Keiner konnte sich ihr erwehren. Keiner kam ohne Liebeskummer davon. Sie vergaß schnell und wandte sich mit Augenaufschlag der neuen Beute zu. Aber ihre "Abgelegten" waren gebrandmarkt und geschädigt für spätere Beziehungen. Nie wäre ihr in den Sinn gekommen, einer könnte sich dieser "Zeremonie" entziehen.

Ein bisschen gelangweilt von all dem "easy life" nahm sie das Angebot ihrer Firma an in die Zentrale nach München zu wechseln. Neue Stadt, neue Herausforderung, neue Beute. Sie hatte sich bereits mitten in der Stadt eine nette Dachterrassen-Wohnung eingerichtet und ihre beste Freundin war das erste Mal zu Besuch. Es sollte ein richtiger Frauentag werden: Frühstücken im besten Hotel der Stadt, danach Besuch beim Friseur, Lustwandeln im Englischen Garten und schließlich abrocken und bewundern lassen im exklusivsten Club der Stadt. Das Frühstück war köstlich und der Starfriseur wartete bereits auf sie. Ihren alten Friseur zählte sie zu ihren besten Freunden. Er durfte an ihr "Kapital", schon deshalb stand er ganz oben auf ihrer Vertrauensliste. Sie war gespannt, ob sie auch bei dem neuen Friseur wieder einen solchen "Freund" finden würde. Sie würde erst mal langsam beginnen. Schneiden, Waschen, Föhnen - der klassische Einstiegstest beim Friseur. Der Salon war stylisch: viel weiß, viel dunkles Holz und wenige dezente asiatische Elemente vervollständigten den Haartempel. Schnatternd und lachend nahmen sie nebeneinander vor einem Spiegel Platz. Eine freundliche junge Dame brachte ihnen ein Glas Prosecco, dass passend zu ihrer Laune schnell verköstigt wurde. Zeitschriften wurden gereicht und der Friseur für die nächsten Minuten angekündigt. Sie blätterte gerade über den neuesten Tratsch von Brad Pitt - was für ein Mann - und Angelina Jolie - okay, sie konnte ihr vielleicht das Wasser reichen - als ihr eine freundliche, tiefe, mit einer Spur von "Coolness" getränkte Stimme "Guten Tag" wünschte.

Sie schaute auf. Und es war geschehen. Er war ein Bild von einem Mann. Sie sah noch mal auf die Zeitschrift, blinzelte Brad ihr gerade zu? Sie musste kurz einmal schlucken und nach ihrer Stimme suchen. Er war groß, muskulös und ihr männliches Gegenstück. Sie machte sich bereit ihren Blick, ihr Lächeln und ihren Charme auszusenden. Abschuss und? Irgendetwas war anders. Während sie lächelnd, blinzelnd und charmant seinen Empfehlungen für ihr Haar entgegen nahm, wurde sie sich bewusst, dass dieser Mann nicht so leicht zu knacken war wie die anderen. Er modellierte ihr Haar zu einem wahren Kunstwerk, war charmant und machte ihr Komplimente, aber mehr auch nicht. Schließlich verabschiedete er sich mit dem charmantesten Lächeln, das sie je bei einem Mann gesehen hatte, drehte sich um und widmete sich seiner nächsten Kundin. Unmöglich, das konnte einfach nicht sein. Das war ihr noch nie passiert. Wie in Trance zahlte sie am Empfangstresen ihre Rechnung und landete vollkommen durcheinander am Arm ihrer Freundin auf der Strasse. Hatte dieser Mann wirklich gerade eben all ihre Annäherungsversuche - und es waren nicht wenig - abblitzen lassen? Während ihre Freundin auf sie einsprach, versuchte sie immer noch eine Ursache für sein Verhalten zu finden. Schließlich offenbarte sie sich ihr, vielleicht hatte sie eine Erklärung. Sie solle sich keine Gedanken machen, er sei vielleicht mehr der anderen Geschlechterseite zugetan und nur deshalb ihren Reizen nicht erlegen. Sie überlegte kurz. Nein, er war nicht schwul. Sie hatte einige Kollegen, die männliche Partner bevorzugten. Auch wenn diese immer sehr dezent damit umgingen, hatte sie meistens einen guten Riecher dafür. Entweder der verließ sie gerade oder es musste etwas Anderes sein. Egal, sie wollte den Tag mit ihrer Freundin genießen. Aber am späten Abend, nachdem sie beim besten Italiener der Stadt zu Abend gegessen hatten und anschließend noch um die Häuser gezogen waren, lag sie im Bett und dachte an ihn. Es war passiert, er ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie musste einfach wissen was mit ihm los war.

Sie ließ ein paar Tage vergehen und rief wieder beim Friseur an. Sie hätte ein wichtiges Geschäftsessen und bräuchte morgen dringend einen Termin bei ihm. Nach langem Zögern bekam sie schließlich einen für 11:00 Uhr. Als sie am nächsten Tag über die Schwelle des Salons trat, hatte sie zum ersten Mal wegen einem Mann Schmetterlinge im Bauch und weiche Knie. Die gleiche Prozedur wie vor ein paar Tagen begann: Prosecco - hatte sie dringend nötig -, Zeitschrift und "Guten Morgen". Aber das war nicht seine Stimme. Er sei leider krank geworden, aber er - klein, gepflegter Vollbart, Halbglatze auch gepflegt - werde sie sicher auch zufrieden stellen. Nein, ganz sicher nicht. Aber was sollte sie machen. Und weil sie so durcheinander war, willigte sie ein, zehn Zentimeter ihrer Haare zu opfern. Schließlich kämpfte sie gerade gegen ihre Wuttränen an, die sich über ihre Augenwinkel aus dem Staub machen wollten. Okay, der Kleine hatte es nicht schlecht gemacht, aber sie hatte ihm keinerlei Informationen über ihr Objekt der Begierde entlocken können. Und auch in den folgenden Tagen ließ ihr dieser Mann keine Ruhe. Also vereinbarte sie erneut einen Termin beim Friseur. Sie bemerkte die kleine Unsicherheit in der Stimme der Dame mit der sie schon wieder einen Termin vereinbarte. Endlich war es soweit, sie betrat wieder einmal den Salon, natürlich im neuesten Outfit - klassisch und ein Hauch sexy. Siegessicher nahm sie wieder im Stuhl Platz, verzichtet diesmal auf das Glas Prosecco. All ihre Sinne sollten geschärft sein. Sie würden diesen Salon nicht ohne ein Date verlassen. Und schon ertönte hinter ihr wieder dieses gepflegt erotische "Guten Tag". Sie ließ es sich im Gehörgang zergehen. Legte den perfekten Augenaufschlag hin und lächelte ihn an. Er entschuldigte sich für seine Abwesenheit beim letzten Termin und erkundigte sich, ob sie mit seinem Kollegen zufrieden gewesen wäre. Alles mit diesem gewinnenden Lächeln um die Lippen. Flirtete er mit ihr? Ja, er flirtete mit ihr. Sofort stieg sie mit ein - endlich! Was er für sie tun könne? Ist doch egal, sie wollte nur hier sitzen und ihn anschmachten. Also stammelte sie irgendetwas von Farbe und vielleicht doch noch etwas kürzer.

Sie waren zwar immer noch fest und glänzend aber jetzt brünett und schulterlang. Sie stand auf der Strasse, ihre Haare hatten sich komplett verändert - ihr Leben leider nicht. Was hatte sie getan, ihre Haare geopfert und immer noch kein Date mit ihm. Dabei lief alles so gut, sie hatten sich unterhalten und ihrer Meinung nach auch geflirtet. Aber zum entscheidenden Höhepunkt kam es einfach nicht. Sie musste zurück ins Büro. Vollkommen verwirrt und durcheinander, bemerkte sie nicht mal die verwunderten Blicke ihrer Kollegen. Auch ihr Chef ließ sich nur zögerlich zu einem "Oh, neue Frisur!" hinreißen. Sie stotterte nur "ja, ja". Irgendwie brachte sie den Tag hinter sich und gab sich zu Hause auf ihrem Bett erstmals in ihrem Leben Tränen des Liebenkummers hin. Nach 10 Stunden Schlaf war ihre Kämpfernatur von Neuem geweckt. Sie hatte zwar, als sie ihre Haare im Spiegel sah, eine kleine Niederlage hinnehmen müssen, aber die war spätestens nach dem Frühstück vergessen. Sie vereinbarte noch zwei weitere Friseurtermine. Einmal um sich doch wieder blonde Strähnen in die brünetten Haare machen zu lassen und beim zweitenmal musste sie angeblich unbedingt diesen kinnlangen, roten Bob haben der gerade so "chic" war. In Wahrheit vermied sie schon seit Wochen jeden engeren Kontakt zu einem Spiegel.

Während ihre Haarwünsche stets erfüllt wurden, ging ihr Herzenswunsch stets leer aus. Von sich aus zu fragen, kam ihr nicht in den Sinn. Immerhin hatte sie schon ihre Haare eingebüßt, ihren Stolz wollte sie definitiv behalten. Er war immer charmant zu ihr gewesen, hatte Späßchen nach dem Motto "was sich liebt, das neckt sich gemacht" und doch nie die entscheidende Frage gestellt. Sie hatte Nächte mit Grübeleien verbracht und selbst das tägliche Leben schien sich gegen sie zu verschwören. Türen wurden nicht mehr selbstverständlich aufgehalten, in den Restaurants saß sie nicht mehr in der ersten Reihe und selbst den Kampf um eine Parklücke hatte sie letztes Mal gegen einen attraktiven Herrn verloren. Was war nur los? Jetzt saß sie wieder mal auf dem Friseurstuhl, hatte bereits zwei Prosecco hinter sich und war kurz davor ihren Stolz ebenfalls zu opfern. Sie sah sich im Spiegel an. Ihre blonde Mähne hatte einem trendigen Kurzhaarschnitt "Platz" gemacht. Aber es war ihr egal, wenn sie nur endlichen diesen Mann zu einem Date überreden könnte. Sie sah wie eine Frau den Salon betrat. Sie war nicht sonderlich hübsch, aber auch nicht hässlich. Klein, vielleicht ein bisschen zu viel auf den Hüften. Aber sie ging doch tatsächlich auf ihren Herzbuben zu und küsste in auf den Mund. Das konnte einfach nicht wahr sein. Er würde dieses Durchschnittsgesicht doch nicht ihr vorziehen. Aber da sah sie auf einmal dieses Lächeln auf ihren Lippen und die ganze Person fing an zu strahlen. Ihre Augen blitzten und ihre Nase kräuselte sich ganz leicht an der Wurzel. Ihr Blick wanderte zu ihm. Wie er sie ansah! Als würde er in ihren Augen versinken, als gäbe es nichts Anderes auf der Welt als sie. Und auf einmal verstand sie. Er hatte bereits seinen Deckel gefunden. Sie war immer nur eine Kundin gewesen. Sie fing an zu lachen. Niemals hätte sie ihn zu einem Date überreden können, es war eindeutig, dass er diese Frau über alles liebte. Nie hatte ein Mann sie so angesehen. Nie hatte sie sich bisher einem Mann so öffnen können. Und da machte es Klick bei ihr. Sie hatte verstanden, ihre Lektion gelernt. Glück war nicht bestechlich. Sie sah in den Spiegel und lächelte sich an, das erste Mal seit Wochen. Er kam zu ihr zurück und entschuldigte sich, aber er und seine Freundin würden in wenigen Wochen heiraten und sie hatte gerade ihr perfektes Brautkleid gefunden. Sie sah in an - und gratulierte ihm. Sie wünschte ihm das Allerbeste für die Hochzeit und ihr gemeinsames Leben. Sie war fertig, ihr Haar saß perfekt. Sie verabschiedete sich von ihm, zahlte ihre Rechnung und lächelte sich noch einmal in einem der Spiegel zu. Als sie den Salon verlassen wollte kam ihr ein attraktiver Herr entgegen und hielt ihr mit einem Lächeln die Tür auf.

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Eingereicht am
24. September 2007

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Ein haariges Lesevergnügen


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