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Blondinen bevorzugt

© Thara


Kaltes, kränklich wirkendes Neonlicht tauchte den Innenraum des Linienbusses in eine diffuse Helligkeit und erzeugte harte Schatten auf den blass wirkenden Gesichtern der Fahrgäste.
Jedes Mal wenn die Reifen des Busses ein Schlagloch auf der Straße trafen, kippten die Körper der Menschen ein Stück nach rechts oder links, griffen ihre Hände nach den Halterungen an den Fenstern oder den Metallverstrebungen in den Gängen und über ihren Köpfen.
Er saß im Heck des Busses, rechts auf dem äußersten von fünf Sitzen, wo man am meisten durchgeschüttelt wurde. Schwüle, stickige Sommerluft wehte ihm vom geöffneten Fenster aus entgegen, waberte über sein Gesicht und seinen Nacken. Diese Luftbewegung brachte keine Erleichterung, das Atmen fiel noch immer schwer in der Hitze dieser Sommernacht, als würde man versuchen, zähen Sirup einzuatmen.
Die verschwitzte, bleiche Haut seiner nackten Beine klebte am roten zerschlissenen Kunstleder des Sitzes fest und löste sich mit einem seltsam schmatzenden Geräusch, als er seine Beine bewegte.
Er fuhr mit der rechten Hand über seine Stirn um sich den Schweiß abzuwischen, der sich dort angesammelt hatte. Mitten in der Bewegung kippte er hart nach vorne und wurde dann zurück in seinen Sitz geschleudert, weil der Busfahrer ruckartig an einer Haltestelle gebremst hatte.
Er richtete seine zusammengekniffenen Augen auf die Schwärze vor seinem Fenster, versuchte zu erkennen, wer in den Bus einsteigen wollte, hatte jedoch keinen Erfolg.
Die mittlere Tür des Busses öffnete sich, ein schabendes, schleifendes Geräusch erzeugend. Eine junge Frau stieg ein, stempelte ihren Fahrschein und setzte sich auf einen Vierersitzplatz, entgegen der Fahrtrichtung.
Ein Ruck ging durch seinen Körper, als er sie sah, jeder einzelne seiner Muskeln spannte sich an. Sein Gesicht verzerrte sich, das Braun seiner Augen wandelte sich zu einem fast schwarzen Farbton.
Er ließ seinen Blick wandern, von den weißen, hochhackigen Sandalen an ihren schmalen Füßen über ihre langen, schlanken Beine, den kurzen, ebenfalls weißen Minirock, ihr rotes Trägertop, bis zu ihrem Gesicht. Ein Gesicht mit großen blauen Augen, langen Wimpern und heller, glatter Haut, die ihre rotgeschminkten Lippen noch mehr zur Geltung brachte.
Doch was ihn wirklich faszinierte, war ihr Haar. Langes, glattes, blondes Haar, sorgfältig am Hinterkopf aufgesteckt. Manche Strähnen hatten sich gelöst und hingen ihr auf den Rücken und die bloßen Schultern, klebten, feucht und verschwitzt, an ihren Schläfen. Wenn das Licht auf ihren Scheitel fiel, glänzte ihr Haar in allen möglichen Tönen und Schattierungen, silberblond, honigblond, goldblond.
Schweiß rann ihm den Rücken hinab, doch diesmal lag es nicht an der Hitze. Ein seltsamer Geschmack breitete sich in seinem trockenen Mund aus, er schluckte hart, um sich davon zu befreien.
Sie war ein Meisterstück. Sein Meisterstück. Sie war besser als alle anderen, übertraf sie alle.
Er verschränkte seine Hände ineinander, bewegte die Finger, bis die Knöchel knackten.
Er musste sie haben. Jetzt. Sobald sie ausstieg, würde er sie sich holen.
Er biss sich auf die Unterlippe, dachte an die anderen vor ihr. Sechs waren es gewesen, alle schön, alle blond wie sie, doch noch nie hatte er so ein Farbenspiel in dem Haar einer Frau gesehen.
Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem nervösen Grinsen, sein flackernder Blick fixierte eine ihrer Haarsträhnen.
Er stellte sich vor, wie es sein würde, durch ihr Haar zu fahren, daran zu riechen, es auf seiner Haut zu spüren. In seiner Vorstellung war es besser als bei den anderen; den anderen, die jetzt in kalter Erde lagen und mit ihren schreckgeweiteten Augen in eine ewige Dunkelheit starrten, an Orten, die nur ihm bekannt waren, sein Geheimnis.
Der Busfahrer steuerte eine Haltestelle an. Die junge Frau erhob sich langsam, wobei sie sich an einem Griff festhielt, und ging langsam durch den Gang des Busses auf die nächstgelegene Tür zu. Ihr Rock schwang leicht beim Laufen, die blonden Haarsträhnen, die sich gelöst hatten, wippten auf und ab.
Der Bus kam zum Stillstand. Sie drückte auf den Knopf, der die Tür öffnete und stieg aus. Er erhob sich, eilte lautlos, wie ein Schatten, durch den Gang und folgte ihr hinaus in die Nacht.
Die hohen Absätze ihrer Sandalen klapperten auf dem Asphalt des Bürgersteigs, ihre Schritte hallten durch die Nacht. Sie setzte langsam und bedächtig einen Fuß vor den anderen, um die von den Riemchen der Schuhe aufgescheuerten Hautstellen nicht noch mehr zu reizen.
Schweiß lief ihr über die Stirn, den Rücken und den ganzen Körper hinab. Kleine Bäche salziger Flüssigkeit.
Sie atmete die warme, schwere, vom Geruch süßlicher Blumen durchsetzte Luft ein, die sich wie Watte um sie herum bauschte. Ein schwarzer Nachtfalter flatterte vor ihrem Gesicht auf und ab; sie wischte ihn vorsichtig mit der linken Hand weg.
Ein Rascheln hinter ihr ließ sie aufhorchen. Sie blieb stehen, sah sich um, konnte jedoch nichts entdecken. Die Straße war leer. Kopfschüttelnd ging sie weiter, ihre Handtasche fest umklammernd, blieb jedoch nach wenigen Metern erneut stehen und lauschte, die Stirn angestrengt in Falten gelegt. Ihr war, als hätte sie Schritte gehört, schwere, langsame Schritte, die sich ihrem Tempo anpassten. Doch es war alles still. Zögerlich setzte sie ihren Weg fort, auf jedes Geräusch achtend.
Da war es wieder. Erneut hatte das schlurfende, klopfende Geräusch eingesetzt. Sie schluckte hart, biss sich auf die Unterlippe und fing an zu rennen. Auch die Schritte hinter ihr wurden schneller, steigerten sich zu einem hämmernden Staccato. Sie keuchte nach wenigen Metern, die sie in der schwülen Hitze gerannt war, versuchte trotz dem brennenden Gefühl in ihrer Lunge durchzuatmen. Sie musste sich konzentrieren, um mit ihren High Heels nicht ständig umzuknicken.
Die Schritte kamen näher; sie konnte nun schon ein keuchendes Geräusch, wie von schnellem, heftigem Atmen hinter sich hören. Sie beschleunigte ihr Renntempo, ließ ihre Handtasche fallen.
Verzweifelt registrierte sie, dass die Schritte trotz allem lauter wurden, immer näher kamen, bis sie direkt hinter ihr waren. Sie hörte ein leises, kehliges Lachen, ausgestoßen im vollen Bewusstsein des eigenen Triumphs. Schauer rannen ihr den Rücken hinab, ein leiser Schrei entfuhr ihr, als sich warme, starke Hände um ihren ungeschützten Hals legten, zudrückten.
Sie wurde brutal herumgewirbelt und starrte in das grinsende, verzerrte Gesicht eines Mannes, maskengleich.
Die Luft wurde ihr knapp, als sich der Griff um ihren Hals verstärkte. Schwarze Pünktchen tanzten vor ihren Augen, zuerst langsam, dann immer schneller. Die Welt verschwamm vor ihren Augen, drehte sich im Kreis. Das raue, kehlige Lachen des Mannes war das letzte, das sie hörte, bevor sich ihr Blick vollständig verdunkelte...



Eingereicht am 26. September 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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