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Haar Art

© Antares


Sobald ich morgens meinem Schopf länger als zehn Minuten widmen muss, weiß ich, ich muss zum Frisör. Oder Friseur? Oder Coffeur? Haare schneiden, eben.
Einer alten Verbundenheit verpflichtet, ging ich dieses Mal zu Winfried. Zum warmen Winni, besser gesagt. Ich kenne ihn noch aus der Schule. Winniboy wollte damals schon keine Spielzeugautos. Oder Ritter. Oder Indianer. Er hatte Puppen. Viele. Aber nach einigem Rumprobieren hat er die Barbies weg geschmissen und den Ken auf den Ken gelegt. Mal so rum und mal so rum. Einmal hatte er die roten Spitzen von Streichhölzern zwischen die Beine der Kens geklebt und derart damit rumgerubbelt, dass sich beide Kens gehörig das Maul verbrannten. Hatte ihn tierisch beeindruckt.
Also betrat ich die Pimp-my-hair-Hütte. Oberlockenwickler Winni wandte den Kopf, erkannte mich und flötete: "Jahaha, wer kommt denn da?" Alle anwesenden Köpfe zuckten ihn meine Richtung und grinsten über alle vier Backen. Ich zwang so etwas wie ein Lächeln auf mein Gesicht und nahm Platz.
Kopfschüttelnd und mit entsetzt aufgerissenen Augen schwebte Chili-Winni auf mich zu.
"Du siehst ja furchtbar aus, Steffen-Baby. Setz dich und ich mache wieder einen Charming Boy aus dir." Reichte mir seine manikürte Pfote und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.
Mir wurde etwas ranzig im Bauch. Der Chef-Scherenwedler entfleuchte mit seltsam wiegenden Schritten. Entweder hatte er sich beide Knie verletzt oder der große Ken hatte heute Morgen vergessen, den Vibrator wieder aus ihm raus zu ziehen.
"Steffen-Schatz", säuselte Winni von hinten, "kann ich dir einen Kaffee oder Saft anbieten?"
"Nee, lass stecken", winkte ich ab, "mir ist schon schlecht."
Während ich wartete und mir angewidert seinen Lippenstift von der Backe kratzte, sah ich mich um. Außer mir waren noch zwei weitere Kunden da. Dazu kam Winfried selbst und die beiden, in seinen Diensten stehenden Arschbacken-Jongleure. Die Letztgenannten trugen knallenge, schwarze Latexhosen, worunter sich nicht mal Strings abzeichneten und brutalrosa - zärtlichviolett längs gestreifte Blusen. Bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Die Magensäure schwappte hoch zu meinem Gaumenzäpfchen..
Um die Zeit tot zu schlagen, beobachtete ich Cuttingboy One bei seiner Arbeit. Er zupfte hingebungsvoll an seines Opfers nicht existierendem Pony. Und zupfte und zupfte...
Irritiert sah ich genauer hin. Seine Augen waren ganz woanders. Er starrte verträumt und unverhohlen seinem Kunden auf dessen Körperschwerpunkt, während dieser dabei genüsslich an des Cuttingboys schlecht enthaarter Achselhöhle schnüffelte.
Ich übergab mich in das nächste Waschbecken. Sofort stürmten alle, inklusive der Kundschaft, auf mich zu und ich beeilte mich, Brötchen und Erdbeermarmelade noch im Gesicht, wieder in eine aufrechte Haltung zu kommen. Meinen Hintern ängstlich an die Wand gepresst. Abrupt stoppte der Mob und trabte mit enttäuscht herabhängenden Unterlippen wieder ab.
Noch mal Glück gehabt. Rückwärts Jungfrau geblieben. Ich erwog mich zu verabschieden, bevor ich doch noch vergenussstöpselt werden konnte als aus der hinteren Ecke dieser Schwuchtelfeste seltsame Geräusche kamen.
Cuttingboy Two stand tief gebeugt über dem Kunden und fuchtelte diesem leise glucksend am Haar herum. Allerdings nicht am Haupthaar, sondern dort, wo nur die allerallerkleinsten Lockenwickler was zum Greifen hatten. Wenn man von dem einzelnen, recht fleischigen... Haar absah.
"W... W... Winfried", keuchte ich und meine zitternde Hand wies dem aufmerksam gewordenen Kajal-Junkie den Weg.
"Ja was denn nur", tütelte mein Ken-Fan, "DAS ist SERVICE, mein Freund. Der Kunde kommt jede Woche zweimal, um sich sein Haar legen...".
"Quatsch", zischte ich. "Der lässt sich ganz was anderes legen, der kommt, um sich seinen... na du weißt schon... bohnern zu lassen. Und dafür nimmst du Geld. Das ist... Prostitution. Du... du... Puffmutter".
Scheinbar kraft- und fassungslos fiel Hot-Dog-Winni vor mir auf die Knie. Dann schlug er sich theatralisch die Manikür-Peripherie vor die Erdbeer-Lippen und quiekte seine Entrüstung in die schweißnassen Handflächen.
Ich entfloh dem Sodom und Gomorra dieser mir doch zu spezifischen Haar-Art-Hütte.
Nach zwei Stunden intensiver Suche fand ich am anderen Ende der Stadt einen Salon, in dem ausschließlich junge, hübsche Frauen schnitten.



Eingereicht am 12. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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