Haarige Geschichten
Kurzgeschichte - Haar, Haare, Frisur, Friseur, Haarfarben, blond, Blondine, Rothaarige, Glatze, Haarausfall, Bart, Rasur, Zöpfe, Locken, Dauerwellen ...

Unser Buchtipp

Abenteuer im Frisiersalon

Abenteuer im Frisiersalon
Hrsg. Ronald Henss
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-9809336-0-5

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Danke Hoffnung!

© Anke Kaphengst

Es waren die Sommerferien vor der achten Klasse und wie jedes Mädchen wollte ich am ersten Schultag gut aussehen, also ging ich kurz vorher zum Friseur. Eine Entscheidung, die ich jetzt, 14 Jahre später, bereue. Es gab viele Tage danach, an denen ich dachte, dass dies der Anfang vom Ende gewesen wäre, und das war es auch. Das Ende eines unbeschwerten, normalen Lebens eines pubertierenden Mädchens, das unschuldig durch die Welt gehen wollte. Mein Haarausfall begann, ganz klein und winzig, eine circa ostereigroße Stelle am Haaransatz im Nacken, kaum zu sehen, doch wir sahen es beide und ich sah die Friseurin das letzte Mal! Bis zu den Osterferien wurde ich langsam aber sicher kahl auf dem Kopf, meine langen Haare verschwanden. Ich versteckte mich unter Kapuzen, Cappies und Hüten. Jeder sah es, kein Arzt konnte es aufhalten. Jeder versuchte mir Hoffnung zu machen! Hoffnung worauf? Ach ja, dass sie mich heilen, dass ich meine Haare zurück bekomme. In diesen Tagen habe ich an die Hoffnung geglaubt, die mir gemacht wurde, schließlich haben sie doch studiert, sind Experten, Fachmänner für mein Problem. Ich verbrachte mehr Zeit im Krankenhaus und bei Versuchsreihen als zu Hause. Egal, was sie machten, meine Aufgabe bestand darin Hoffnung zu haben, also hatte ich Hoffnung. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an mein neues Spiegelbild, versteckte meine Glatze nicht mehr. Ich dachte bei mir, dass es besser sei, keine Haare zu haben als eine dieser schlecht sitzenden Frisuren, die mir jeden Tag begegneten. Die Hoffnung auf Akzeptanz starb als Erstes, circa zwei Minuten nachdem ich mich ohne Mütze und ohne Haare der Schule präsentierte. Zu einer Zeit als Mobbing noch nicht erfunden war wurde ich gemobbt. Die Hölle auf Erden begann und ich begann, mich aus der Welt zurückzuziehen und begab mich so oft und so lange ich nur konnte in die Welt der Pferde. Hier konnte ich sein, durfte ich sein, wie nun mal bin, den Pferden war es egal.

Die Ärzte gaben es auf, verstanden nicht, dass ihre Medizin nicht half. Die Naturheilkundler, die meine Mutter für teures Geld bezahlte, gaben auf. Doch ich durfte die Hoffnung noch nicht aufgeben. Die Forschungen würden weiter laufen, irgendwann gibt es Mittel, das mich heilen kann. Heilen? Wovon? Ich war nicht krank. Ich hatte keine Haare und fühlte mich trotz alledem sehr gesund, doch in ihren Augen und den Augen der Welt war ich krank. Krank, hilfebedürftig, mitleiderregend, ich passte nicht mehr in die Norm einer jungen Frau und war deshalb krank! Auf einmal war es psychosomatisch! Ich bin also verrückt und habe deshalb keine Haare, auch gut, dachte ich bei mir und ging wieder zu meinem Pflegepferd.

Eine Odyssee begann: Psychoanalyse. Acht Therapeuten in vier Jahren habe ich verschlissen. Die Diagnosen waren doch sehr vielfältig. Mädchen aß zu viel Thunfischpizza, also Haarausfall (ich aß danach nie wieder Thunfisch). Die Seele schützt sie noch, tut mir leid, aber ihre Tochter ist noch nicht so weit, geheilt zu werden. Sexueller Missbrauch vom Vater, dumm nur, dass ich ohne aufgewachsen bin und wahrscheinlich gerade deshalb eine so schöne Kindheit hatte. Hormonstörungen, nach der ersten Schwangerschaft ist alles wieder besser. Schwangerschaft? Wovon redet der da? Ich und Jungs? Ich würde ja gerne, aber die nicht, ich habe keine Haare! Mir ist es egal, doch leider denen nicht. Doch in einem waren sich wieder alle einig, ich sollte Hoffnung haben. Hoffnung darauf, in ihren Augen gesund zu werden. Meine Meinung zählte schon lange nicht mehr. Ich wollte eigentlich keine Hoffnung mehr haben. Ich dachte mir, dass es sinnvoller wäre, mich einfach so zu akzeptieren wie ich bin, statt darauf zu hoffen endlich in eure haarige Norm zu passen, dass ich mich akzeptieren darf. Ich begann, sehr eigensinning zu werden. In der Schule schaffte ich den Übergang zum Abitur nicht, da ich vormittags zu viel bei den Ärzten war und die Nachmittage und Wochenenden im Stall verbrachte. Ich wurde richtig gut was die Reiterei betrifft. Hier war es egal ob ich Haare hatte oder nicht. Na ja, nicht ganz egal, ohne Haare schwitzt man mehr unter der Kappe und an heißen Tagen läuft einem der Schweiß ins Auge. Ich bekam zum Geburtstag mein erstes Reitabzeichen geschenkt und die Idee war geboren, ich werde Pferdewirtin. Ich gehe in die Welt, in der Haare egal sind und bleibe dort. Was soll ich auch woanders, wenn ich doch nur als krank angesehen werde. In der Welt der Pferde gibt es keine Hoffnung, sondern es ist, wie es ist. Eine Einstellung, die mir sehr gut gefällt, die öfter Anwendung finden sollte. Ich schrieb mir die Finger wund und bekam doch keinen Ausbildungsplatz.

Also ab auf die Privatschule! Ich mochte es hier, inmitten der Pseudo-Upper-Class. Hier gab es kein Mobbing, sondern Individualität, die gefördert wurde, gute Lehrer, kleine Klassen und viel Material von der Schule für Projekte. So muss Schule sein. Doch ich wollte zu den Pferden! Zwar fühlte ich mich hier zum ersten Mal seit langem wieder unter Menschen wohl, doch die Zeit war begrenzt. Noch bevor ich in die 13. Klasse kam ging ich ab. Ich hatte einen Ausbildungsplatz in einer guten, renommierten Stallung erhalten und konnte mich beweisen. Zwar glaubte anfangs niemand, dass ein fast 18-jähriges, kahles, sehr zierlich gebautes und schüchternes Mädchen aus der Großstadt in einem landwirtschaftlichen, harten und körperlich anstrengenden Job es lange schaffen würde, doch sie gaben mir die Chance, die ich brauchte um mich selbst zu finden. Mit der Arbeit wuchs das Selbstbewusstsein. Ich arbeitete und aß viel, schlief wenig. Jeder Tag ging leichter von der Hand. Es machte Spaß, es machte mich glücklich, bis … bis ich mir durch eine dummes Missgeschick einen Finger teilweise zertrümmerte. Ich wurde operiert und auf vier Monate krankgeschrieben, es wurden fast fünf. Da war sie wieder, die Hölle auf Erden! Vier Monate ohne Arbeit, ohne Pferde, ohne Leben, muss ich jetzt wieder anfangen zu hoffen? Das konnte ich doch so gut verdrängen, hier, in einer Umgebung in der ich so akzeptiert wurde, wie ich nun mal bin.

Ich rief ein paar Freunde von früher an, es waren ja nicht alle schlecht zu mir gewesen. Ich ging mit ihnen abends weg, lernte neue Menschen kennen und fing an mein neues Selbstbewusstsein, das ich durch die Arbeit hatte, auch im Privatleben zu nutzen. Um die Sache mit der Hoffnung wollte ich mich später kümmern, vielleicht auch gar nicht. Ich will damit nicht sagen, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe, dazu werde ich wahrscheinlich nie bereit sein, doch ICH akzeptiere mich. Was bringt Hoffnung, die nicht erfüllt wird? - Sie bringt Enttäuschungen, diese werden von Schmerzen verfolgt und alles endet in einer riesigen Schale Mitleid in der ich dann säße. Ich wollte lieber leben statt zu hoffen. Lieber lachen als weinen. Warum auch weinen? Es geht um Haare und eine intolerante, engstirnige Gesellschaft, in deren Norm ich nicht passe. Und da war er dann auch, eines Abends in meiner Stammkneipe, ein Mann, ein Punk, er sprach mich an und er sah gut aus. Ich kannte ihn schon vom Sehen, er spielte in einer Band und war echt süß zu mir. Der erste Mann in meinem Leben! Es dauerte Wochen bis er mich auf meine Glatze ansprach. Als ich ihm erzählte, dass diese krankheitsbedingt ist, lachte er, strich mir über den Kopf und meinte: "Sei froh, überleg was du für Geld sparst, außerdem finde ich dich so schneller wieder." In seinen Augen machte es mich zu etwas Besonderem, etwas besonders Gutem. Er gab mir so viel Kraft, so viel Gutes. Ich blühte auf wie das hässliche Entlein. Mein Leben war perfekt! Ich hatte einen wundervollen Freund, Arbeit, die ich liebte und einen Freundeskreis, jetzt brauchte ich nur noch Haare. Oder auch nicht? Ich bin glücklich, das war doch die Aufgabe, die ihr Mediziner, ihr Ärzte, ihr Psychologen, ihr wart euch doch alle einig, die ich zu lösen hatte, wenn ich es schaffe ein normales Leben zu führen und glücklich zu werden, wird der psychosomatische Knacks verschwinden und sie kommen wieder. Also weiter, ich weiß, Hormone, also schwanger werden. Ich bekam auf der Arbeit die Chance meines Lebens, ich sollte mit der Tochter meines Chefs in eine andere Stallung, knapp 600 Kilometer weit weg. Die Tochter ritt auf internationalem Spitzenniveau und konnte dort effektiver trainieren, die Pferde hatten endlich ihre Weiden am Stall, ich wurde zur Spitzenturnierpflegerin auserkoren. Ich konnte nicht Nein sagen, zu groß war die Chance, dass ich dieses Angebot wert bin und meine neue Aufgabe schaffe.

Der Freund ging, die Pferde blieben und leider auch die Hormone, die nach Sex schrien, das Selbstbewusstsein blieb, der Alkoholkonsum an meinen freien Tagen, die ich zu Hause verbrachte, wuchs. Zurück auf der Arbeit wurde es hart. Ein Azubi war lange krank. Die Turniersaison lief auf Hochtouren, gleichzeitig zwei Fohlen und die Jungen, die zusätzlich langsam eingeritten werden mussten. Ich erlitt eine Fehlgeburt. Scheiße! Von wem war ich schwanger? Vom wem ist eigentlich auch egal, da ich es ja nicht mehr bin. Sollte nicht eine Schwangerschaft die letzte Hürde sein auf dem Weg zur Lösung? Auf dem Weg zu neuen Haaren, dass ich endlich wieder genormt bin? Da war er nun, der psychische Knacks, den ihr wolltet. Ich konnte nicht mehr, ging zurück nach Hause, wechselte den Betrieb und wurde unglücklich. Ich gab auf! Ich gab alles auf, was mir von meiner Hoffnung noch geblieben war. Diese elende Hoffnung hat mich durch mein Leben gehetzt, getrieben, wie ein Hase von einem Fuchs getrieben wird, in der Hoffnung seinen Bau zu erreichen bevor ihn der Fuchs erreicht hat. Mich erreichte der Fuchs völlig ohne Gegenwehr. Wozu auch noch länger meine Kraft und mein Leben in eine unnütze Hoffnung setzen, die sich nicht erfüllen wird. Das Aufgeben der Hoffnung brachte erstaunlicherweise zum ersten Mal ein wenig Erleichterung in mein Leben. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn hätte ich damit gerechnet, hätte ich die Hoffnung früher aufgegeben und mir damit bestimmt unnötiges Leid erspart. Zufrieden, ihr Ärzte? Und? Keine Haare! Ich konnte machen was ich wollte, es kamen einfach keine Haare! Es zog mich in die Depression, diese zog mich in die Philosophie und ich las alles was ich in die Finger bekam. Neue Theorie: Ich bin besser als ihr, weil ich keine Haare habe. Das liegt daran, dass mein Kopf zu klein ist für das was ich alles weiß, und deshalb habe ich meine Haare rausgeschmissen, weil ich Platz für neues Wissen brauchte!

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Eingereicht am
15. Januar 2008

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