Gruselgeschichten
Grusel - makaber - seltsam

Unser Buchtipp

Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-93993705-0

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Frottee

© Maria Sbrissa

Schwach drangen die morgendlichen Geräusche von draußen in das Badezimmer. Martha dümpelte entspannt in der Wanne. Die Haare nach oben gesteckt, auf dem Gesicht eine dicke Schicht Maske, las sie einen billigen Krimi, den sie kürzlich in der Ramschkiste eines Warenhauses entdeckt und verschämt gekauft hatte. Sie genoss die Ruhe und die Wärme des Wassers. Ihre drei Mitbewohnerinnen waren bei der Arbeit und so hatte sie die Wohnung für sich allein. Seit einiger Zeit war sie furchtbar gestresst, schlief schlecht, aß zu wenig und frische Luft kannte sie nur noch aus Erzählungen. Martha arbeitete als technische Mitarbeiterin in einer Versicherung und war mitverantwortlich für den reibungslosen Ablauf der Computer-Systeme. Eine neue Virengeneration lies ihr derzeitiges Arbeitsleben zu einem regelrechten Albtraum verkommen, von dem sie sich auch in der Freizeit nur noch schlecht erholen konnte. Entsprechend waren die Launen der Mitarbeiter im Generellen und ihres Chefs im Besonderen. Zu einer zusätzlichen Belastung wurden ihre ständig überstrapazierten und schmerzenden Augen. Ab und an veranstaltete sie ein paar halbherzige Sehübungen, die verständlicherweise nicht viel brachten. Martha seufzte und versuchte sich auf das Buch zu konzentrieren. Ein Serienmörder, der seine ausschließlich männlichen Opfer vor ihrem Ableben unappetitlich folterte und ein Psychologe mit erektilen Beschwerden, die er während seiner Hauptaufgabe, der Erstellung eines Täterprofils, praktischerweise auch noch gleich selber therapierte, buhlten um Marthas Sympathien.

Sie ließ etwas heißes Wasser nachlaufen. Ihr ganzer Körper lag unter den Fluten, ab und an drehte eine einsame Schaumwolke, die überlebt hatte, ihre Runden, der Adapter der Halogenlampen surrte wie ein entfernter Staubsauger und die Gesichtsmaske kribbelte angenehm auf der Haut. Mit den Füßen verteilte sie das heiße Wasser gleichmäßig in der Wanne. Aus ihrem rechten Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Sie blickte zur Tür, die ebenso regungslos in den Angeln hing, wie der Badezimmerschrank mit festen, ruhigen Beinen auf dem Holzboden stand. Gleichfalls friedlich und unauffällig verhielt sich der Rest im Zimmer. Marthas Augen verharrten auf den beiden Badetüchern, die an der Tür hingen. Eines der beiden Tücher war quer über den Haken geworfen, da die Lasche wohl wieder abgerissen war. Dieses Handtuch schaukelte leicht hin und her. Das Haus war ururalt und stöhnte dauernd grundlos vor sich hin. Die Wände vibrierten, wenn schwere Lastwagen auf der Strasse vorbei donnerten, selbst die Vorhänge bewegten sich bei geschlossenen Fenstern. Bis zum Abbruch durften die vier Frauen wohnen bleiben, das war vertraglich so geregelt. Wann das sein würde, wusste aber niemand so genau. Hanna, die mystisch veranlagte Mitbewohnerin meinte, dass hier die Geister früherer Bewohner umhergingen. Sie glaubte fest daran. So hat sie vor ihrem Einzug ihr Zimmer mit Salbeikräutern ausgeräuchert, zwecks Vertreibung von schlechten Wellen und Vibrationen.

Marthas Magen wimmerte in abstruser Tonlage, verstärkt durch das Wasser und die Keramik. Beim Gedanken an ein üppiges Frühstück lächelte sie zuversichtlich vor sich hin. Wieder nahm sie aus dem rechten Augenwinkel eine Bewegung wahr. Das kleine violette Badetuch schaukelte erneut hin und her. Die Frotteefalten sahen aus, wie wenn sich etwas dahinter verbergen würde. Martha erschauerte leicht. Hatte sie Halluzinationen? Beim Gedanken, sie würde das ihren Freundinnen erzählen, musste sie vor sich hin grinsen. Sie war eindeutig überspannt. Dann fiel das Handtuch mit einem leisen Plopp auf den Boden und verharrte dort wie mit Luft gefüllt. Martha hielt den Atem an. Der Adapter summte lauter, die Wassertropfen des Hahns knallten rhythmisch in die Wanne. Martha setzte sich abrupt auf und versuchte ein rational denkender Mensch zu werden. Sie hätte am liebsten die Seife auf das Handtuch geworfen. Dieses lag nun regungslos auf dem Boden, wie wenn es tatsächlich ganz einfach harmlos heruntergefallen war, eine nachvollziehbare, physische Reaktion zwischen Erdanziehungskraft und bebenden Hauswänden. Martha war gute zwei Meter von der Tür entfernt und konnte sich nicht überwinden, etwas auf dieses Badetuch zu werfen. Das war nun wirklich ausgesprochen lächerlich. Es sah aus, wie wenn das Handtuch etwas umhüllen würde, etwas Kleines zwar, aber ein eindeutiges Etwas.

Als sie die Beine anzog und sich aufrichten wollte, bewegte sich das Handtuch auf dem Boden. Es schien zu atmen. Martha traute ihren Augen definitiv nicht mehr. Sie schloss und öffnete sie mehrmals hintereinander. Das Handtuch atmete ohne Zweifel ein und aus. Ihr wurde schwindlig. Die feuchtheiße Luft und der leere Magen verursachten ihr eine zusätzliche Übelkeit. Sie begann zu zittern, sie hatte Angst, obwohl sie nach wie vor an eine optische Täuschung glaubte. Ihre überstrapazierte Fantasie spielte ihr einen makaberen Streich. Im Nachhinein kann dann alles erklärt und logisch dargestellt werden und sie würde am lautesten darüber lachen - falls es denn ein Nachhinein geben würde. "Das glaubt mir kein Mensch", wie auch, sie konnte es selber nicht glauben. Sie schwor bei allen Heiligen, dass sie wieder in die Kirche eintreten würde, wenn sie hier nur heil heraus käme. Sie schaffte es nicht, aus der Wanne zu steigen. Sie getraute sich auch nicht heißes Wasser nachzulassen, obwohl es langsam kühler wurde, ja sie getraute sich nicht einmal sich zu bewegen. Wie hypnotisiert starrte sie auf das Handtuch, das immer noch lautlos schnaufte.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Das Handtuch war aus violettem Frottee. Sie hatte es geschenkt bekommen. "Vermutlich von meiner Mutter. Wer sonst schenkt mir schon Handtücher." Auf jeden Fall war das schon eine Weile her und bislang hatten sich die Badetücher immer völlig normal verhalten. Martha konnte kaum mehr einen zusammenhängenden Gedanken fassen. Eine Flucht durch die Tür war ebenso unmöglich wie eine Flucht durch das Fenster. Das Handtuch blockierte den Weg zur Türe und ein Fenster gab es nicht. Es gab auch keinen Lüftungsschacht, wo sie sowieso nie in ihrem Leben durchgekrochen wäre. Sie hätte lediglich auf die Waschmaschine steigen können, die am Kopfende der Badewanne stand. Diese Idee fand sie gar nicht mal so schlecht, zumal es die einzige war, die ihr in den Sinn kam. Wichtig war eine größtmögliche Distanz zu diesem Ding zu schaffen. Sie wollte nach dem anderen Handtuch greifen, das neben der Wanne lag, zog dann aber ihre Hand auf halbem Weg wieder zurück. Ihr Arm hätte den geschützten Bereich der Wanne verlassen müssen und das brachte sie nicht übers Herz. Sie war in höchster Alarmbereitschaft. Allerdings konnte sie auch nicht den ganzen Tag im Wasser verbringen. Sie hatte keine Ahnung wann ihre Mitbewohnerinnen heute nach Hause kamen. Ab und zu kehrte Hanna bereits am Mittag heim, aber darauf konnte sie beim besten Willen nicht zählen.

Das Handtuch bewegte sich nun kaum merklich Richtung Badewanne. Es robbte wie eine Krake an Land. Eine Krake in Frottee. Das Ganze war so absurd. Es war 10 Uhr morgens, ein furznormaler Tag im Zeitalter der elektrischen Zahnbürsten und fotografierenden Telefone und Martha saß in der Badewanne und fürchtete sich schier zu Tode vor einem Frottierhandtuch, das auf die Badewanne zukroch, in der sie schlotternd saß. Das konnte nur ein schlechter Traum sein. Sollte sie schreien?

Alle Härchen auf ihrem Körper stellten sich in die Höhe, sie fror und schwitzte, der Blick verschwamm ihr vor den Augen. Es war eindeutig keine optische Täuschung, das Handtuch bewegte sich vorwärts. Sie brauchte eine Waffe, das hier wurde nun ernst. Sie fühlte sich bedroht, sie hatte eine Heidenangst und sie wollte raus hier, so schnell wie möglich. Hastig blickte sie sich im Raum um. Mein Gott, gab es denn hier nichts Spitziges, Langes, Schweres, Scharfes. Das einzig korpulente war der Wäschekorb. Sie könnte den Wäschekorb auf das Handtuch werfen. Er war randvoll mit schmutzigen Kleidern, was ihm ein zusätzliches Gewicht verschaffte. Es war ihre einzige realistische Hoffnung. Ein hellgrüner Wäschekorb aus Plastik.

Sie versuchte so wenig Bewegungen wie möglich zu machen um nichts Unnötiges zu provozieren. Den billigen Krimi ließ sie ins Wasser sinken. Das Handtuch verharrte nun gut einen Meter vor der Badewanne. Es wartete. Martha hatte Angst, eine Panikattacke zu bekommen. Sie atmete flach durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Langsam und leicht bebend hob sie ihren Arm, hievte ihn über den Wannenrand und bugsierte ihre tropfenden Finger Richtung Wäschekorb. Das Handtuch beobachtete sie. Aus ihrer ergonomisch ungünstigen Position heraus, würde sie den Korb niemals in die Höhe heben können, es sei denn, sie würde sich die Schulter vorher auskugeln. Es blieb ihr also nicht viel anderes übrig, sie würde aufstehen müssen, blitzschnell den Korb fassen, ihn auf das Handtuch zielen, über den Korb hechten, die Türe aufreißen und sich in Sicherheit werfen. Sie sammelte ihre restliche Konzentration und spielte das Ganze durch. Das Handtuch hatte sich wieder in Bewegung gesetzt.

Martha gab sich einen Ruck, sprang auf die Beine, bückte sich über den Wannenrand, riss mit beiden Händen den Wäschekorb in die Höhe und ließ ihn mit voller Wucht auf das Handtuch krachen. Schreiend sprang sie über den Korb und griff zur Türfalle. Im selben Moment wurde die Türe von außen aufgerissen und Martha prallte auf Hanna, welche völlig perplex rückwärts an die Wand katapultiert wurde. Martha lief nackt und immer noch schreiend um ihr Leben. Hanna verfiel in eine Schockstarre.

Marthas Schlafzimmer lag am anderen Ende der Wohnung, weit entfernt vom Badezimmer. Dort wickelte sie sich in das Leintuch, das am Boden lag und zitterte, dass Gott erbarm. Hanna, die sich wieder aufgerappelt hatte, rannte ihr ins Zimmer nach und kreischte sie an: "Bist du völlig übergeschnappt? Ich hätte beinahe einen Herzinfarkt gekriegt. Und eine Hirnerschütterung hab ich mir auch noch geholt. Scheiße, und wie du aussiehst!" Martha brabbelte zusammenhangslose Sätze von einem Handtuch, das atmete und robbte und Hanna begann sich nun ernsthafte Sorgen um sie zu machen. Sollte sie Sabina anrufen oder Carla, die anderen Mitbewohnerinnen? Sie zündete eine Zigarette an, schob sie Martha in den Mund und setzte sie behutsam auf den Bettrand. Dann kniete sie sich vor Martha hin und sagte langsam und mit ruhiger Stimme: "So, und nun erzählst du mir ganz genau, was passiert ist." Martha saugte an der Zigarette als ob ihr Leben davon abhinge und kam langsam wieder zu sich. Sie nahm den Verkehr wahr, der dicht unter ihrem Fenster vorbeizog, sie sah das Sonnenlicht über die Möbel huschen, sie sah in Hannas Gesicht und die dortigen Sommersprossen brachten sie wieder vollständig auf den Boden der Realität zurück. Sie begann sich zu schämen. Sie erzählte Hanna vom Handtuch, das sie angreifen wollte. Hanna verhielt sich absolut professionell. Sie stand auf und ging Richtung Badezimmer. Dort stieß sie die Türe auf und sah die über den ganzen Boden verstreuten Kleider sowie den Wäschekorb mitten drauf und in der Wanne lag ein ertrunkenes Buch. Das kleine violette Frottierhandtuch kauerte versteckt hinter der Waschmaschine und duckte sich, als Hanna in seine Nähe kam um das Badewasser abzulassen.

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Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 17. Oktober 2006

Ein totes Mädchen geistert über nächtliche Gräber, Vaters stille Brüder kommen einer nach dem anderen auf seltsame Weise ums Leben und ein junger Mörder weint des Nachts bitterlich in seine Kissen. Unheimlich? Ja, aber auch wunderbar unterhaltsam. Und ein bisschen süchtig machend. ... Karin Reddemann... entwickelt mit einem ausgefeilten Sprachgefühl kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.

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