Gruselgeschichten
Der fremde Tote - Agnes Jäggi - Teil 4

Unser Buchtipp

Der Füllfederhalter des Grauens Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten
Hrsg.Jörg Sprave
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-93993705-0

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Der fremde Tote

© Agnes Jäggi

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6. Ein Publikumserfolg

Erwartungsgemäss war das kleine Theater bis auf den letzten Platz besetzt. Korbi flüsterte mir zu, dass Aaron das Publikum noch einige Minuten musikalisch auf dem Flügel unterhalten würde. Das war neu. Aaron hatte noch nie vor einer Aufführung Klavier gespielt. Korbi klärte mich auf: "Henri hat sein ganzes Selbstwertgefühl und sämtlichen Text vergessen. Er ist fast wahnsinnig vor Lampenfieber. Ich habe ihm verboten, vor dem Spiel Wein zu trinken, und das verkraftet er nicht. Er wollte sogar schon durch die Hintertür abhauen." - "Muss er denn als erster auf die Bühne?", flüsterte ich im düsteren Foyer. "Nein, erst kommt die Diva (Korbi nannte Elsie Anderson, die ehemalige Leinwandgrösse, stets die Diva, was ihr sehr gefiel). Dann folgt die kleine Liebeszene mit Julie (der jungen Kellnerin) mit einem Germanistik-Studenten namens Viktor. Diese Schmuserei muss Henri als besorgter Vormund des Mädchens rüde unterbrechen. Er meint aber, dass ihm diese Liaison vollkommen gleichgültig wäre und er dringend einen Schnaps benötige." Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Beruhigend klopfte ich Korbi auf die Schulter: "Henri trinkt seinen Wein seit etlichen Jahrzehnten, und während der Proben hast du ihn auch nie davon abgehalten, trotzdem hat er gespielt, als hätte er nie etwas anderes getan als zu schauspielern. Also, lass ihn!" Korbi winkte resigniert ab, und ich eilte in Henris 'Garderobe'. Die Kosmetikerin, Frau Altenburg, war völlig aufgelöst. "Sehen Sie sich ihn an!", kreischte sie verzweifelt, "ich habe ein Kunstwerk aus seinem Gesicht und seinem Haar gemacht, und nun sehen Sie sich das an!" Henri wirkte wie ein Clown nach einem Fünfzigkilometermarsch. Er schwitzte, sein Make-up war total verschmiert und die weiss gepuderten Haare standen auf alle Seiten ab. Mit irrem Blick starrte er in den Spiegel und fluchte über die Menschenschinder, Sklaventreiber (womit wahrscheinlich einzig und allein Korbi gemeint war). "Keinen Schritt mache ich nach draussen. Ich verschwinde von hier, ausserdem weiss ich überhaupt nicht, welches Stück wir aufführen!" Ich liess ihn noch eine Weile gewähren, dann tunkte ich ein Handtuch in eiskaltes Wasser und begann dem verdutzten Henri das Gesicht abzuwischen. "Was zum Kuckuck tust du da?", keifte er verschreckt. "Nun hör mir mal zu, mein Lieber: Während Frau Altenburg dich wieder schminkt, trinken wir beide ein Glas roten Burgunder. Du meine Güte, wie viele brenzlige Situationen hast du auf der Strasse schon erlebt, Leute haben über dich gelacht, dich beschimpft und jetzt, wo dich ein Publikum sehnlichst auf der Bühne erwartet, willst du kneifen." Ich redete, Henri trank seinen Wein und Frau Altenburg brachte Gesicht und Frisur des aufgeregten Akteurs derweil wieder in Ordnung. Nach dem zweiten Glas war Henri endlich bereit, sogar begierig darauf, sich auf die Bühne hinauszustürzen. "Nicht so hastig", zügelte ich ihn. "Zuerst spielt Aaron seine Musik zu Ende, dann beginnt die Diva mit ihrem Monolog, und wenn schliesslich das kleine Liebespaar turtelt, dann stürmst du hinaus, bist gehörig geladen und sagst den beiden, was Sache ist!" Henri war einverstanden. Wir verliessen die Garderobe und beim Schliessen der Tür sah ich Frau Altenburg erschöpft im Sessel sitzen und an einem Glas Rotwein nippen. Na also, das wäre geschafft! Das bunt gemischte Publikum, bezaubert von Aarons Spiel am Flügel, klatschte wie verrückt Beifall. Die Diva machte ihrem Namen alle Ehre, wie sie so dastand im langen schmalen königsblauen Seidengewand und mit tragischer Stimme von der traurigen Liebe des einfachen Handwerkers zu dem Mündel eines hartherzigen Vormundes berichtete. Wieder Beifall als der Vorhang sich schloss. Das Liebespaar küsste sich zärtlich und besprach den Fluchtplan, als ein grimmig dreinblickender Henri drohend auf das Paar zustürmte: "Auseinander!", dröhnte er, "du widerwärtiger alter Säufer" (nicht ganz passend und wohl auch nicht ganz richtig), doch Henri war in seinem Element. "Was erlaubst du dir, Nichtsnutz, mein unschuldiges Mündel (er schrie Bündel)...!" Das Drama nahm seinen Lauf, am Ende siegte die Liebe trotz allem, und das Liebespaar fand sich unter einer zauberhaften Brücke in Paris wieder. Das Publikum bog sich vor Lachen. Henri war ein Schatz, kein grosser Schauspieler, aber einer, der unfreiwillig Leute zum Lachen bringen konnte. Eine herrliche Gabe und ein wunderbares Geschenk an die Menschheit!

Beim anschliessenden Apéro - die feinen Häppchen samt Wein stammten aus dem Gasthof, wo Julie als Kellnerin arbeitete - widmete Henri sich ganz seinen Gästen, seinen Fans. Er platzte fast vor Stolz. Auch die Diva, Julie und Viktor wurden zu ihrer Leistung beglückwünscht. Nur Korbi schien nicht ganz bei der Sache zu sein, er wirkte irgendwie abwesend. "Was ist los mit dir? Der Abend war doch ein voller Erfolg!" - "Es ist der Friedhof in deinem Dorf, die Leute dort, sie lassen mich nicht los. So etwas muss doch auf die Bühne!", sagte er leidenschaftlich. Ich wusste nicht, wie das zu bewerkstelligen war und ob die toten Ernheimer damit überhaupt einverstanden wären. Korbi wischte meine Bedenken weg: "Sie müssen doch nicht selbst auf die Bühne. Ich muss einfach mehr wissen über ihren Alltag, ob sie essen, ob sie streiten, ob sie lieben, ob sie schlafen - einfach mehr wissen muss ich!" - "Hast du der Diva und den anderen davon erzählt?", wollte ich wissen. Er verneinte. "Noch nicht, aber das könnte ein phänomenales Bühnenstück abgeben." Die heutige Vorstellung würde noch einige Tage auf dem Programm stehen. Und in zwei Tagen würden wir wieder den Friedhof aufsuchen. Bis dahin wäre auch der Neuankömmling in die Gemeinschaft integriert, und die Leute hätten Zeit, uns über ihren Alltag aufzuklären. "Aber wir müssen sie um Erlaubnis bitten, bevor wir über sie ein Stück schreiben", ermahnte ich Korbi.

Fortsetzung folgt

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