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Der fremde Tote© Agnes JäggiHier geht es zum Anfang dieses Kurzromans 4. Vorbreitungen für einen Neuankömmling "Das Dorf ist vor etwa 600 Jahren erstmals geschichtlich erwähnt worden. Ernheim gehörte damals einem Kloster, die meisten Bewohner sind Bauern gewesen. Einige Bauern gibt es auch heute noch. Die meisten Einwohner arbeiten derzeit jedoch ausserhalb der Gemeinde", klärte ich Korbi unterwegs über mein Dorf auf. "Es ist ein Pendlerdorf geworden, ein wenig Industrie, eine grosse Baumschule, eine Garage, einige Restaurants, ein Lebensmittelgeschäft. Die Leute wohnen schon seit vielen Generationen in diesem Dorf, das herrlich eingesäumt von Feldern und Wäldern mitten in einem Tal liegt." - "Klingt sehr idyllisch", meinte Korbi. "Ja, vielleicht. Die Leute sind recht nett, doch wenn einer neu zuzieht, dann bleibt er mindestens fünfzig Jahre 'der von ausserhalb'." "Da gäbe es viele Geschichten zu hören", sagte Korbi verträumt, "du weißt schon, alte Familiengeheimnisse, Leichen im Keller und solche Dinge." Ich widersprach meinem Freund nicht, sondern hoffte inbrünstig darauf, dass ich die Sache von letzter Nacht nicht doch geträumt hatte. Diese Toten oder Lebendigen oder was auch immer sie nun waren, die würden Korbis Neugier über alle Massen befriedigen - nicht nur was alte Familiengeheimnisse und dergleichen betraf. Diesmal parkierte ich den Wagen nicht bei der alten Fabrik, sondern wir rollten durch die menschenleere Bahnhofstrasse (sie hiess immer noch so, obwohl die Station schon vor Jahren geschlossen worden war) hinunter zum Dorfkern, wo sich das grösste Gasthaus des Dorfes befand und wo wir als 'Fremde' nicht besonders auffallen würden. Immer wieder reisten Touristen durch diesen hübschen alten Ort und kehrten im Gasthaus 'Zum kleinen Ackergaul' ein. Der Ernheimer Dorfplatz wird dominiert von besagtem Restaurant, der Landwirtschaftlichen Genossenschaft, dem Lebensmittelgeschäft, dem neuen Postgebäude und der Raiffeisenbank. Hoch über dem Platz mit dem breiten alten Springbrunnen thront die für hiesige Verhältnisse stattliche Gemeindekanzlei und darüber die mächtige weisse Kirche, welche für ein katholisches Gotteshaus merkwürdig schmucklos wirkt.
Korbi schälte seine schlaksige lange Gestalt aus dem Käfer, streckte sich und sog genussvoll die würzige herbstliche Landluft ein. "Schön ist es hier und so ruhig!" Vor dem Lebensmittelgeschäft standen einige Dorfbewohnerinnen plaudernd beisammen; die Glocken der Kirche schlugen viermal. Es war also 16 Uhr. Ein prächtiger herbstlicher Nachmittag mitten auf dem Land. Ich fühlte mich wieder wie das Mädchen, das ich einst war. Ein Mädchen, das mit seinen Freundinnen verstohlen in den Laden schlich, um Süssigkeiten zu kaufen. Ängstlich darauf bedacht, dass nicht etwa eine der Mütter plötzlich auftauchte. Ich sah plötzlich Raoul vor mir, meinen ersten Schulschatz, der so hinreissend zeichnen konnte und der im Zeichenunterricht auch meine Bilder malte, damit ich meiner Unfähigkeit wegen nicht ausgelacht wurde. In Zeichnen war und bin ich nämlich ganz schlecht. Raoul war mein stolzer Indianer, ich seine ihm ergebene Squaw. Ob ich ihm auf dem Friedhof auch begegnen würde?
"Woran denkst du?", erkundigte Korbi sich, "Du bist so still und machst ein Gesicht, als hättest du in eine Zitrone gebissen." Ganz der liebe, feinfühlige Korbi. "Ach, ich fragte mich nur gerade, ob die Toten tatsächlich noch einen Körper besitzen?" - "Du hast die Frauen und den Mann doch sehen können; ihr habt euch doch sogar umarmt, wenn ich mich recht erinnere?" Das stimmte allerdings. Nur, ich konnte es nicht recht in Worte fassen. "Korbi, manchmal, wenn man träumt, dann unterhält man sich doch mit Menschen, die man kennt. Wenn du aber aufwachst, dann weißt du, dass diese Leute überhaupt nicht denen gleichen, welchen du im Traum begegnet bist - äusserlich meine ich. Sie hatten im Traum zum Beispiel ein ganz anderes Gesicht, trotzdem wusstest du, es war genau diese Freundin oder dieser Freund, dein Vater oder deine Schwester - wie auch immer." Ich schwieg, wusste nicht mehr weiter. Korbi begriff. "Du meinst, dieser Amtmann, Robert sowieso, oder deine ehemalige Nachbarin, Mathilde, die Schneiderin, die sahen nicht so aus wie die realen Menschen, die du einst gekannt hast?" "Ganz genau, und trotzdem wusste ich, ausser bei Eva, die habe ich nie vor ihrem Tod gesehen, dass die beiden anderen Robert Sander und Mathilde Neuling waren. Bei beiden habe ich zwar etwas Vertrautes wieder erkannt - Roberts tiefe Stimme, der weisse Bart und Mathildes grosse schwarze Augen." "Tja, da müssen wir diese Leutchen halt fragen, falls wir sie antreffen", meinte Korbi lächelnd. Er schien mir noch immer nicht ganz zu glauben.
Auf dem langen Spaziergang durch mein Heimatdorf zeigte ich Korbi mein ehemaliges Elternhaus, in dem inzwischen Fremde wohnten. Nachdem mein Vater gestorben war, zog meine Mutter zu Freunden, weil ihr das Haus zu gross geworden war. Meine anderen Geschwister lebten weit verstreut über den ganzen Erdball, wir sahen uns nur noch selten, hielten aber telefonischen Kontakt. Meine Mutter, die inzwischen einen netten Freund gefunden hat, besuchte ich hin und wieder.
"Sieh mal, dieses Haus in der kleinen Gasse, dort lebten zwei Schwestern ganz für sich allein. Sie sind sehr alt geworden. Als Kind ging ich zu ihnen, wenn wir Trauerkarten brauchten. Die Schwestern Maria und Rose vertrieben wunderschöne Karten mit aufgedruckten Versen und Gedichten bekannter Autoren. Ich habe die beiden immer etwas beneidet. Sie hatten ihre eigene Welt und einander." Korbi lächelte: "Das sieht dir ähnlich, immer verkriechen, immer verstecken, das eigene kleine Paradies besitzen. Du, deine kleine Bude und deine Frani." "Und mein Computer natürlich", lachte ich zurück. Ich zeigte ihm auch das alte verlotterte Bauernhaus am Rain. "Hier haben Geister ihr Unwesen getrieben", vertraute ich Korbi kichernd an, "jedenfalls musste jeder, der in unsere Clique aufgenommen werden wollte, bei Einbruch der Nacht zu diesem Haus schleichen und eine Weile drin bleiben. Sein letzter Bewohner hat sich da drin erhängt." "Du meine Güte, das ist ja gruselig. Kein Wunder, dass du diese verdrehten Geschichten schreibst." Korbi schüttelte sich. Ich weiss nicht, ob der Umstand, dass ich nicht allein vor dem kleinen, in den Hügel geduckten Haus stand oder die Tatsache, dass ich erwachsen geworden war und somit die Tragödie des einsamen alten Mannes besser verstehen konnte, mich plötzlich traurig stimmte. Von Gruseln jedenfalls keine Spur mehr, obwohl es bereits dämmrig wurde. "Es sieht eher ängstlich aus, dieses kleine Haus", stellte Korbi fest. "Ja, traurig und ängstlich", stimmte ich ihm zu. Vor dem weissen klotzigen Gemeindehaus blieb ich wieder stehen und zeigte auf die breite tiefrote Eingangstür: "Hier habe ich nach der Schule meine Lehre gemacht. Du kannst dir nicht vorstellen, was für Schätze da drin sind!" Damit meinte ich die modrigen alten Jahrbücher, wo Gerichtsfälle, dunkle Familiengeheimnisse, Todesfälle, Geburten, Auswanderungen, Trauungen usw. fein säuberlich von Hand eingetragen worden waren, über Jahrhunderte hinweg. Im Archiv befanden sich Bücher, die mehrere Hundert Jahre alt waren. "Jetzt weiss ich endlich, woher du dieses schrecklich Morbide hast", neckte Korbi mich. "Bisher warst du damit ganz zufrieden", konterte ich vergnügt, "mit solch 'morbiden' Geschichten hast du schon so manche Abende dein Theater gefüllt." Es war nun einmal eine Tatsache: Mich faszinierte die Vergangenheit, das Vergängliche überhaupt. Was war schlimm daran? Alle sind sterblich und alles ist vergänglich. Wir alle sind nicht mehr als ein Fliegendreck auf der Karte der Zeit.
Es war schliesslich nach neun, als wir den Friedhof endlich betraten. Korbi kramte eine Taschenlampe aus seiner Tasche und richtete den starken Strahl direkt auf das mächtige stark verwitterte Marmorkreuz. Auf der Bank sass diesmal niemand. Gemeinsam schlenderten wir durch die gepflegten Gräberreihen. Der Friedhof war durch fein säuberlich gerichtete niedrige Gebüsche in vier kleine Gärten aufgeteilt: Die Urnengräber, die Gräber von Erdbestattungen sowie die Familien- und die Kindergräber. "Meinst du, die schlafen tatsächlich unter der Erde?" Nach kurzer Überlegung verneinte ich. "Ich denke eher, dass die sich einfach auflösen, wenn sie ruhen möchten. Die Grabsteine sind wohl vor allem für die noch lebenden Angehörigen gedacht. Sie stehen vor den Gräbern ihrer Toten, damit sie nicht einfach irgendwo auf dem Friedhof herumstehen", erklärte ich ziemlich ungeschickt, was Korbi zum Kichern veranlasste. "Du meinst also, sie werden unsichtbar?", fragte Korbi. "Ganz richtig, mein junger Freund!", dröhnte Robert Sanders Stimme direkt vor uns durch die Nacht, "Eigentlich sind wir sowieso körperlos, aber für unsere wenigen lebenden Freunde nehmen wir der Höflichkeit halber und des besseren Verständnisses wegen Gestalt an." Korbi liess vor Schreck die Taschenlampe fallen und stand steif wie ein Brett da, während in einem sanften silbrigen Licht der alte Amtmann langsam sichtbar wurde. "Wo sind die anderen?", fragte ich mit zittriger Stimme, denn auch ich war vom plötzlichen Auftauchen des Geistes überrumpelt worden. "Wir halten eine Versammlung ab. Der Nikolaus Meinder ist heute gestorben. Bald wird er sich zu uns gesellen. Wir bereiten seine Ankunft vor", antwortete Robert Sander. Korbi, der sich einigermassen gefasst hatte, wollte wissen, um welche Vorbereitungen es sich denn dabei handelte? "Er war ein Gauner, aber ein liebenswerter. Diejenigen von uns, welchen er Schaden zugefügt hatte zu Lebzeiten, werden ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Auch ich habe übrigens noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Als junger Kerl hat er sich aus der Schützenkasse bedient, um sich in einem Club in der Stadt eine Nacht lang zu vergnügen. Ich konnte ihm die Sache damals nicht nachweisen, aber ich bin sicher, er hat es getan. Diese und andere Dinge werden wir mit Nikolaus zu klären haben. Danach wird er in unsere Gemeinschaft aufgenommen, ihm werden seine Pflichten und seine Rechte erklärt und ... - wisst ihr, das ist heute wirklich ein ungünstiger Zeitpunkt, um euch unsere Kultur und Lebensweise zu erklären. Kommt in ein paar Nächten wieder." Damit gab er uns die Hand und verabschiedete sich hastig. "Wir sehen uns!", rief Korbi ihm begeistert nach. Hier geht es zur Fortsetzung: Der fremde Tote (Teil 5) Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors. eBook-Tipp
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