Unser Buchtipp
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Nebelmond© Barbara NaziriBremsen kreischen. Ein ohrenbetäubender Knall. Glas splittert. Etwas Dunkles wirbelt durch die Luft und bohrt sich in die feuchte Erde. Eine feine Rauchfahne steigt empor. Stille. Nur der Nebelmond wirft einen Blick auf das Geschehen. Sein Schein streift verstreut herumliegende Trümmer. Ein Lichtstrahl fällt auf einen tiefschwarz glänzenden Füllfederhalter, dessen Kappe jäh aufblitzt. Dann gewinnt die Finsternis Raum.
Grau ziehen Nebelschwaden über das Wendland und verdichten sich immer mehr. Nirgendwo ist eine Menschenseele zu sehen. Die Zeit scheint in dieser Nacht stillzustehen. Der Gedanke an Laura bereitet mir Unbehagen. Nie zuvor habe ich sie so zornig erlebt wie heute. Ihre haltlosen Anschuldigungen haben mich tief verletzt. Die Sicht wird immer schlechter. Mühsam brennen die Nebelscheinwerfer zwei schwache Strahlen in die undurchdringliche Wattewand. Die Landschaft ist nur zu erahnen und gleitet an mir vorüber. Unheimlich wie die Schattenwelt. Es ist mir, als fahre ich durch eine ferne Galaxis. Dabei bin ich nur auf der Heimfahrt. Zurück an die Nordsee. Schemenhaft tauchen Bäume aus dem Nichts auf, schweben wie dunkle Geister an mir vorüber, als wären sie ihrer Wurzeln beraubt, um dann von der Finsternis wieder verschlungen zu werden. Ihre Zweige scheinen wie unzählige Arme nach mir zu greifen. Ich muss mich beherrschen, um das Gaspedal nicht durchzutreten. In mir ist ein Gefühl, als zöge mich jemand in ein bodenloses Loch. Ich schlucke, aber der Kloß in der Kehle will nicht weichen. Ich umklammere das Lenkrad in meinen Händen. Die Innenflächen werden feucht und die Knöchel treten durch die Anspannung weiß hervor. Ich sehne mich nach Entspannung. Ach, eine kurze Pause täte jetzt gut! Auf einem der abgelegenen Rastplätze, die nicht mal beleuchtet sind? Wer weiß, was dort im Verborgenen auf mich lauert! Ich fühle mich ausgestoßen und wünsche mich zurück in die lebendige Welt, die sich irgendwo hinter diesen wallenden Schleiern verbirgt. Jeder Busch, jeder Stein dort draußen in der zähen Suppe scheint mir allein. Es ist, als halte alles Leben den Atem an. Unwillkürlich muss ich über meine Gedanken lächeln. So viel Schiss vor ein bisschen Nebel! Ich versuche mich zu entspannen, strecke meine Glieder hinter dem Lenkrad so gut es eben geht. Mitternacht ist längst vorüber. Müdigkeit und Kälte kriechen in mir hoch und ich schalte die Heizung höher. Wie zwei grimmige Augen leuchten jäh die Rücklichter eines Wagens vor mir auf. Abrupt trete ich auf die Bremse. Ein Stau, der sich wie eine rotäugige Schlange durch die wabernde Dunkelheit zieht. Ich sende einen Stoßseufzer zum Himmel. Selten hat sich wohl jemand so über einen Stau gefreut wie ich. Endlich Gesellschaft! Ich schalte die Warnblinklichter an. Schrill dringen Sirenen durch die Nacht und grelles Blaulicht blendet meine müden Augen. Irgendwo da vorne hat es einen Unfall gegeben. Wie in Zeitlupe wälzt sich die Autokolonne voran. Schritt für Schritt. Am Straßenrand steht ein mächtiger Baum, dessen Stamm stark beschädigt ist. Glassplitter glitzern im kalten Licht der Scheinwerfer. In Fetzen hängt die Rinde an der großen Baumwunde herunter. Auf dem Boden liegt eine verkrümmte Stoßstange. Dann bemerke ich den Wagen. Er ist nach dem Aufprall in den Straßengraben gestürzt. Dort liegt er - wie ein zerbrochenes Spielzeug. Seine Räder sind zum Himmel gerichtet. "Wie ein Maikäfer auf dem Rücken", schießt es mir durch den Kopf. Die Helfer, die im milchigen Licht mit der Rettung der Opfer beschäftigt sind, wirken gespenstisch. Ich wende mich ab. Mehr kann und will ich nicht erkennen. Sie wollen wissen, wie die Geschichte weitergeht?
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