Gruselgeschichten
Grusel - makaber - seltsam

Unser Buchtipp

Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann
Gottes kalte Gabe
Dr. Ronald Henss Verlag
ISBN 978-3-93993705-0

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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.

Der Computer

© Bea Severin

Es war recht ungemütlich draußen. Es goss in Strömen und der Wind pfiff um die Ecken des Einfamilienhauses. Jack saß vor seinem Computer und versuchte eine Kündigung zu Papier zu bringen. Die Kündigung seines Jobs fiel ihm nicht leicht, aber er hielt es in der Firma schlichtweg nicht mehr aus. Das Betriebsklima war dermaßen gesunken, dass er sich nicht mehr wohl fühlte in seiner Haut. Er fühlte sich mittlerweile psychisch sehr angeschlagen. Letztendlich hatte ihn der cholerische Anfall seines Vorgesetzten nun dazu getrieben diese Kündigung in die Tat umzusetzen. Seine Frau Sasha und seine beiden Kinder Emily und Jennifer schliefen bereits seit mehreren Stunden friedlich in ihren Betten.

02:47 zeigte seine digitale Uhr auf dem Schreibtisch in grünen Leuchtziffern an. Er war ebenfalls müde, wollte aber unbedingt diese Kündigung fertig schreiben, bevor er wieder die Lust dazu verlor. Wahrscheinlich befürchtete er eher, er würde den Mut verlieren und einen Rückzieher machen.

Er beschloss sich Kaffee zu kochen und machte sich auf in die Küche. Als er zurück kam war der Bildschirm schwarz. Eigentlich sollte ein Bildschirmschoner laufen, der herbstliche Bilder aus Montana in einer Diashow zeigte. Er setzte sich und in dem Moment, als er auf die Leertaste drücken wollte, erschien grüne Leuchtschrift, ganz wie auf seiner Uhr, ganz wie in alten Computerzeiten. Er schaute gebannt auf den Bildschirm.

"Bitte beobachten sie den Bildschirm! Bitte beobachten sie den Bildschirm! Bitte beobachten sie den Bildschirm! Bitte beobachten sie den Bildschirm! Den Bildschirm! Den Bildschirm! Den Bildschirm! Den Bildschirm! Bildschirm! Bildschirm!" Seine Augen verfolgten den immer mehr werdenden Text, der langsam und dann immer schneller den Monitor mit seinem Grün füllte. Tue ich doch, dachte er und im nächsten Moment fragte er sich warum er es eigentlich tat. Ein Computer, der sich verselbständigte, war allerdings ziemlich erstaunlich und wirklich eine Seltenheit. Er schmunzelte, aber im nächsten Moment überzog eine Gänsehaut seinen ganzen Körper und seine Nackenhaare stellten sich auf. "Guten Morgen Jack." Was zum....er saß senkrecht in seinem Stuhl und starrte auf den Bildschirm. Ein Augenzwinkern und er guckte völlig verdutzt, als der Bildschirmschoner die verfärbten Blätter eines Waldes irgendwo in Montana zeigte.

Hatte er Halluzinationen? War er so fertig durch die Vorkommnisse in seinem Job, dass er anfing durchzudrehen? Er drückte die Escape-Taste, und vor ihm zeigte sich wieder das leere weiße Blatt, das er zu Beginn betrachtet hatte. Wahrscheinlich bin ich einfach nur müde, viel zu müde, um hier noch rumzusitzen und nachzudenken. Er nippte an seinem schwarzen Kaffee und tippte mit dem linken Zeigefinger seine Adresse in die obersten Reihen der Seite. Anschließend versuchte er die Adresse seiner Firma darunter zu setzen. Seine Finger tippten, aber nichts passierte. Jack haute schließlich in die Tasten und wurde ernsthaft ungeduldig. Den Finger bereits auf der Reset-Taste, veränderte sich das Bild auf dem Bildschirm und wurde abermals schwarz. Und wieder erschienen grüne Leuchtziffern. "Schmeckt der Kaffee"? Ihm wurde etwas mulmig und er kniff für ein paar Sekunden die Augen zusammen. Diesmal verschwanden die Ziffern nicht. Jack wartete 3 Minuten. Kein Bildschirmschoner schaltete sich ein, stattdessen blinkte unter der Frage ein Cursor. So, als ob der Computer auf eine Antwort wartete. Langsam bewegte er seine Hand zur Tastatur und tippte schließlich ein "Nein". Braungelbliche und rötlich verfärbte Blätter erfüllten die Bildschirmfläche.

Ich werde verrückt. Ich bin überarbeitet und zu wütend, um diese Kündigung zu schreiben. Vielleicht sollte ich den Rechner ausmachen und morgen einen erneuten Anlauf starten. Er strich sich mit beiden Händen durch seine Haare und starrte weiter auf den Bildschirm. Als hätte der Computer seine Gedanken gelesen, wurde der Bildschirm sofort wieder schwarz. "Warum trinkst Du ihn dann?" Sollte er sich auf diese absurde Spielchen einlassen? Warum eigentlich nicht, dachte er. Morgen ist Samstag, ich muss nicht früh raus und außerdem, was zum Teufel geht hier vor! "Damit ich wach bleibe." "Interessant. Warum willst Du wach bleiben?" "Damit ich Dir antworten kann." "Das ist eine Lüge Jack." Gebannt schaute er auf diesen aggressiven Satz, der ihn verblüffte und auch verletzte, was ihn noch mehr verblüffte. Was fällt dem Ding eigentlich ein. Bin ich denn total bescheuert, mich von einen Computer anblaffen zu lassen. Was ich hier tue ist doch völlig irre. "Verrückt", tippte er mit einem Finger. Mehr unbewusst, denn aus Überlegung. "Bist Du verrückt, Jack?" "Wer bist Du?" , brachte er immerhin mit zwei Fingern zustande. Gleichzeitig dachte er, dies wäre sein erster vernünftiger Einfall an diesem seltsamen Tag. "Bist Du verrückt, Jack? Bist Du verrückt, Jack? Bist Du verrückt, Jack?" Lass den Quatsch, Du Idiot. Was soll das?"Vielleicht so verrückt wie Du, Du Miststück", er wurde richtig sauer. "Ja, vielleicht bin ich das. Willst Du spielen?" "Spielen???" "Genau, ein Spiel. Kein Entkommen!" Was zum Teufel sollte das, kein Entkommen. Er rümpfte die Nase und tippte: "Was soll denn das sein?" "Der Name des Spiels Jack - kein Entkommen." "Sehr witzig!" "Oh nein, ganz und gar nicht. Das ist ein sehr ernstes Spiel." "Und wie soll das gehen?" "Wenn Du verlierst, werde ich Dich töten, Jack!" Jack sprang auf, der Stuhl kippte hinter ihm um und er traf mit seiner rechten Hand den Kaffeebecher. Der ging mit einem Scheppern zu Boden und zersprang in tausend kleine Teile. Der Kaffee spritze über den Dielenboden und bildete ein künstlerisches Muster darauf.

Er schaute auf den Fußboden. Verflixter Mist. Was ist bloß los mit mir? Sein Blick fiel zurück auf den Bildschirm. Schwarz. Nur Schwarz war zu sehen, und ein blinkender Cursor. "Was willst Du von mir?" Jack war etwas wackelig auf den Beinen. Er tippte diese Worte langsam und während er sich setzte. Nichts rührte sich, der Bildschirm gab keine Antwort. Schwarz war alles, das er zu sehen bekam. Dachte er, in diesem Moment fing der Bildschirm an, Farben zu spucken. Spiralen in allen Spektralfarben füllten den Monitor. In Jacks Augen spiegelten sich alle Farbtöne des Regenbogens. Er starre fasziniert auf das Schauspiel, das sich ihm bot. Seine Gedanken schweiften zu seinem Chef. Er sah ihn vor sich, seinen Wutausbruch, sein hochroter Kopf. Er fühlte sich ziemlich schlecht. Sein Magen erzählte ihm komische Geschichten. "Spielst Du das Spiel?" "Ja!" "Gut." "Was soll ich tun?" Jack fuhr sich mir seiner rechten Hand über sein Gesicht. Es fühlte sich taub an. Alles veränderte sich, Jack ließ seinen Blick durch das Arbeitszimmer gleiten. Nichts schien so wie es vorher war. Er hatte das Gefühl, er würde schweben. Er befand sich ungefähr einen Meter über seinem Arbeitsstuhl. Auf dem Bildschirm verschwamm alles. Jack stand auf und setzte sich dann wieder. Sein Blick klärte sich und er sah ganz deutlich folgende Sätze vor sich, Buchstabe für Buchstabe.

"Lass uns beginnen! Es ist gar nicht so schwer wie Du denkst, Jack!" "Was soll ich tun?" tippte er wiederholt in die Tastatur. "Beantworte mir einfach ein paar persönliche Fragen." "Das ist alles?" "Sage immer die Wahrheit!" Woher will ein Computer wissen, ob ich die Wahrheit sage? Vor allen Dingen, wie will ein Computer mich töten falls ich verliere! Vielleicht liege ich auch bereits im Bett und träume das alles hier nur? "Ok, frag mich!" "Liebst Du Deine Familie Jack?" "Natürlich!" "Bitte beantworte meine Fragen immer nur mit ja oder nein. Danke." "Ok, kein Problem. Also ja." "Bist Du Dir sicher Jack?" Er überlegte, war er doch sicher, dass in den letzten Jahren eigentlich alles bestens war in ihrer Ehe. Er war fremdgegangen. Das war schon einige Jahre her und längst vorbei. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass etwas in der Beziehung nicht in Ordnung ist? Dass er sie vielleicht nicht so sehr liebte, wie er gerne annehmen würde? Seine Frau wusste nichts davon. Wusste es der Computer? War er sich wirklich sicher? "Ja." Er hatte es nie wieder getan. Er liebte Sasha und seine beiden Töchter über alles. "Würdest Du für sie sterben Jack?" Ach so läuft das, dachte er. Was soll der Quatsch! Dieses Ding macht sich über mich lustig. Oder vielleicht macht sich irgend jemand über mich lustig, indem er gerade meinen Computer manipuliert. Das hat ja ziemlich lange gedauert bis ich auf diese Idee komme.

"Wie ist Dein Name?", tippte er anstatt eines Ja oder Nein. "Ja oder nein Jack." "Beantworte mir wer Du bist, dann können wir weiterspielen." "Halte Dich an die Regeln Jack." "Nein." Jack fing an sich zu amüsieren, vielleicht sollte er sich statt Kaffee einen Whiskey gönnen. Er grinste über das ganze Gesicht, jetzt kriege ich Dich. Zeig mir wer Du bist. "Ich meine dieses Spiel völlig ernst Jack." "Was kannst Du mir schon anhaben. Du bist ein Stück Blech, weiter nichts." "Ich werde Dich töten Jack!" "Nur zu, das will ich sehen." Er musste unwillkürlich über seine Bemerkung lachen. Lächerlich, er stand auf und ging zu seiner kleinen Bar, um sich ein Glas zu genehmigen.

Jack achtete nicht auf die Scherben der Kaffeetasse, die immer noch auf dem Boden verteilt lagen. Er trat direkt auf eine Scherbe, die sich tief in seinen nackten Fuß bohrte. Ein lautloser Schrei entrang sich seiner Kehle, während der andere Fuß auf dem nassen Boden ausrutschte. Er fiel und seine Arme flogen Halt suchend nach hinten, knallten auf den Schreibtisch, und seine Hände umschlossen krampfhaft einen Gegenstand. Er fiel rückwärts und stieß mit dem Ellenbogen auf dem Fußboden mit solch einer Wucht auf, dass sich sein Arm schmerzvoll verdrehte und der Brieföffner, den er ergriffen hatte sich beim Aufprall in seinen Hals bohrte.

Schwer verwundet schleppte sich Jack in Richtung Badezimmer. Als er es mit letzter Kraft erreichte, stützte er sich auf das Waschbecken, während aus seiner Kehle das Blut lief. Er spürte wie die rote Flüssigkeit sich über seinen Bauch verteilte. Ihm wurde schwindelig und kalt. Eine Hand griff zur Seite, ertastete den Duschvorhang und hielt sich daran fest. Die Plastikringe, die den Stoff an der Stange hielten gaben nach, und er stürzte seitlich über den Wannenrand in die Badewanne. Der Vorhang fiel wie ein Leichentuch über ihn.

Um 7.00 Uhr morgens erwachte Emily und tapste mit nackten Füßen in die Küche, um sich ein Glas Milch zu holen. Es war noch still im Haus, bis auf ein Summen, dass sie in das Arbeitszimmers ihres Vaters lockte. "Dad?" Auf dem Stuhl vor dem Computer saß er nicht, aber der Computer schien noch an zu sein. Sie lief um den Schreibtisch herum und genehmigte sich einen Blick auf den Bildschirm. In grünen, leuchtenden Buchstaben erschienen dort zwei Sätze. "Guten Morgen Emily. Möchtest Du ein Spiel mit mir spielen?"

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Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 17. Oktober 2006

Ein totes Mädchen geistert über nächtliche Gräber, Vaters stille Brüder kommen einer nach dem anderen auf seltsame Weise ums Leben und ein junger Mörder weint des Nachts bitterlich in seine Kissen. Unheimlich? Ja, aber auch wunderbar unterhaltsam. Und ein bisschen süchtig machend. ... Karin Reddemann... entwickelt mit einem ausgefeilten Sprachgefühl kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.

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