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Fußballgeschichten
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© Dr. Ronald Henss Verlag
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Kurzgeschichten - Erzählungen - Geschichten - rund um das Thema Fußball
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Krasse Fehlentscheidung © Hanns M. Glygg Das Ganze ist jetzt fast acht Monate her. Und manchmal glaube ich schon, dass ich den Überblick verloren habe. Also, ich sollte es einmal aufschreiben, nur damit ich später einmal weiß, wie jetzt alles begann. Und irgendwie wird es weitergehen, Superstars sind wir jetzt, was kommt dann? Es fing so harmlos an, damals, an einem Donnerstag - oder war es ein Freitag? In der Kneipe. Dort entstehen auf dem Boden eines Bierglases sowieso die besten Ideen. Oder morgens auf dem Klo, aber dies ist eine andere Geschichte. Diese hier begann auf in der Kneipe. Nach einer angeordneten und deshalb eher öden Betriebsfeier waren wir im "blauen Förster" gelandet; Inga, Simone, Michael und ich. Wir hatten jeder einen dicken Humpen Osnabrücker Pils vor uns auf dem Tisch, als ein still vor sich hin grinsender Claas hereintaperte. Auf unsere Nachfrage bezüglich seiner augenscheinlich guten Laune erzählte er, sein Bruder bekäme zu Weihnachten eine Gitarre geschenkt, und er habe das Instrument gerade getestet. Absolut super, das Teil. Natürlich waren wir baff, bisher wusste niemand davon, dass ausgerechnet Claas Gitarre spielt. Bei sinkendem Bierglaspegel erzählte er uns, dass er bereits eine ganze Weile herumklampfe, mal alleine, mal in einer Band und auch manchmal mit unserem Kollegen Oliver. Wie es nun mal so ist, meinte ich dann äußern zu müssen, dass ich früher auch eine ganze Weile gespielt habe - aber das Instrument steht bereits eine ganze Weile auf dem Speicher und wird nicht mehr angefasst. Und wie es bei Claas mit "More than words" und den drei Akkorden angefangen hat, so ging es seinerzeit bei mir mit Bob Dylans "Blowin in the Wind" und den gleichen drei Akkorden los. Später bin ich dann damit aufgetreten und noch später habe ich dann mit dem Jürgen Zwiebel zusammen in der NdW-Combo "Krasse Fehlentscheidung" gespielt. Damals hatten wir sogar einen lokal begrenzten Hit, "Rote Karte". Aber während das nächste Bier auf den Tisch gestellt wurde, ging erst mal alles seinen in der Kneipe üblichen Gang. Wir lästerten über den ein oder anderen Kneipengast, hechelten die ein oder andere unkollegiale Kollegin durch - kurzum, alles war so, wie es sein soll. Bis auf einmal durch den Kneipennebel ein Satz zwischen meine Ohren knallte - "Eyh, warum spielt ihr beide nicht zusammen in´ner Gruppe?" "Jo," kam die nächste Stimme "warum eigentlich nicht?" Ich weiß gar nicht mehr, wer, wann, was gesagt hat, aber auf einmal wurde geplant ... "Du bist die Rampensau vorne an´ner Bühne, Thomas", meinte, glaube ich, Inga. "Und der Claas muss den coolen Linkshänder Bass zupfen!" Ich glaube, der Einwurf kam von Michi. "Genau - und der Olli spielt bei Euch dann die Keyboards"! Das war, meine ich mich zu erinnern, wieder Inga. "Okay - aber nur, wenn Simone unsere Promoterin wird", hörte ich mich sagen. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Noch ehe wir in der nächsten Kneipe das nächste Bier bestellt hatten, waren die Rollen klar verteilt. Claas spielte Bass und Percussion, Olli (der von noch gar nix eine Ahnung hatte, weil er an dem Abend krank war und gerade mit Dünnpfiff zwischen Thron und Bett hin und her switschte) Olli für die Keyboards, ich selbst sollte singen und ein wenig Gitarre spielen, Michael sollte der Roadie und Tonmixer werden, Simone war die Promoterin und Inga war für die Termine und Gagen zuständig. . Am nächsten Tag wollten wir gleich loslegen. Nun ja, der Mensch plant, träumt und denkt, aber die Geldbörse und der Arbeitgeber lenken. Erst einmal war es nix mit Auftreten, schließlich mussten wir zukünftigen Superstars ja unsere Leberwurstbrötchen verdienen. Aber, aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und außerdem musste nun vor allem die Werbemaschinerie angeworfen werden. Und das gefälligst nicht zu knapp. In unseren knapp bemessenen Arbeitspausen phantasierten wir vor uns hin und ließen uns Gerüchte einfallen. Und zu jedem Gerücht natürlich auch das halbherzige Dementi, mit dem es dann erst richtig wahr wird ... So dauerte es nur wenige Tage, da fand sich in unserer lokalen Zeitung bei den Kultur-News eine ganz kleine Notiz. "Thomas M." stand dort, "ehemals Frontmann der NdW-Gruppe "Krasse Fehlentscheidung" habe nach mehr als zwanzig Jahren seine Instrumente wieder ausgepackt und arbeite mit jungen Musikern an einer Neuaufnahme seines Smash-Hits "Rote Karte". Der Titel sei ja damals mehrfach vergoldet worden, nicht nur in Deutschland sondern auch gleich in Holland, Österreich und der Schweiz und wäre, so hieß es weiter, nach Thomas M.´s Meinung gleich wieder der richtige Einstieg". Es ging ja nun keinen etwas an, dass die "goldenen Schallplatten" von damals nur von mir selbst mit Goldbronze überzogen worden waren, oder? Zwei Tage später hieß es dann an gleicher Stelle, die Gruppe sei mittlerweile im Studio. Um aber den richtigen Chorus zu bekommen, habe man ein Abkommen mit dem VfL Osnabrück getroffen. Man wolle einige Sequenzen des Titels, unter anderem die Zeile "Tritt den Ball und nicht den Mann" live beim nächsten Heimspiel des VfL aufnehmen. 15.000 Besucher würden erst die richtige Atmosphäre schaffen ... Zum gleichen Thema fand sich im "Osnabrücker Stadtblatt" eine kurze Notiz darüber, dass "Krasse Fehlentscheidung" sich nach mehr als zwanzig Jahren neu formiert habe und an neuem und altem Material arbeite. Eine Woche später vermeldete dann der Musik-Express, na was wohl? - Klar. Die Dementis ließen nicht lang auf sich warten. Ich dementierte natürlich, dass ich jemals mit dem VfL gesprochen habe. Der VfL dementierte, dass er mit mir gesprochen habe. Dafür fand ich am Abend in meiner Mailbox zwei fast identische Emails - die eine kam von Rudi Assauer, die andere stammte von Ulli Hoeness, beide mit der Frage, warum wir denn die Aufnahmen nicht in der Schalke-Arena, bzw. in der Allianz-Arena machen würden. Da sei doch wirklich Stimmung in der Bude ... Während ich nun gleich zum Handy griff, um den anderen davon zu erzählen, hörte ich unter den Short-Show-View-News auf "Eins Live", diesem Sender für Spätpubertierende, dass Claas H. die Mitarbeit an dem Projekt hingeschmissen habe. Erstens wolle er mit dieser kommerziellen Hype nichts zu tun haben und zweitens wolle er jetzt erst einmal sein Studium zu Ende bringen. Wohin es führt, wenn man sich nur auf die Musik konzentrierte, sieht man ja an mir, Thomas M.. Schließlich sei ich immer noch ein ganz normaler kleiner Angestellter. Von dicken Tantiemen oder gar feinem Leben sei bei mir nichts zu sehen. Dies sei ihm, Claas H., eine wichtigzunehmende Lehre. Natürlich war auch dieser Beitrag wieder lanciert. Frei nach der Devise "Jeder Redakteur ist Dick, Dumm, Faul und Gefräßig" - und übernimmt den allergrößten Schwachsinn, wenn man ihm den nur druck- oder sprechfertig vorsetzt, hatte unsere Promoterin alles fein säuberlich vorgeschrieben und per Email an die Redaktion geschickt. Wir brauchten nur noch zu dementieren. Denn - wo dementiert wird, ist immer etwas dran. Wie spricht der Volksmund? Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Klar dementierten wir. Und das war der Zeitpunkt, an dem Olli L. ins Spiel kam. Olli L. äußerte sich gegenüber dem Redakteur Hanns M. Glygg, Mitarbeiter eines deutschen Nachrichtenmagazins, welches aber auch absoluten Wert auf Fakten legt, insofern, dass er meinte, man solle uns doch jetzt in Ruhe unser Ding machen lassen. In Japan seien bereits in einem Club erste Kassetten von der "Roten Karte" aufgetaucht, niemand wisse woher, und autorisiert hätten wir auch nichts. Aber dieser fast ins Teccno abdriftende Mix mit organischen Instrumenten wie Kontrabass, Akkordeon und gesampelten Stimmen sei dort in der Club-Szene der absolute Hammer. Ich brauche wahrscheinlich nicht zu erwähnen, dass dieses Nachrichtenmagazin von diesem Mitarbeiter noch nie etwas gehört hat - aber die Meldung ging als brandeilige Email und Vorabdruck an sämtliche Tageszeitungen und Presseagenturen. Begleitet wurde sie von einem Jugendfoto von mir in kurzer Hose und Fußballtrikot von Borussia Dortmund. Dies war natürlich für die Bild-Zeitung der Aufmacher am nächsten Morgen. Eine Fotomontage mit diesem Bild, einer roten Karte und Michael Meier sowie der Schlagzeile "Jaaaa - Rote Karte für´s Westfalenstadion!!!" plakatierte, wir wären gerade an den Planungen für eine Deutschland-Tournee. Außerdem waren als Aufkleber 10 Millionen Rote Karten in der Bild zu finden mit der Aufschrift: Rote Karte! Krasse Fehlentscheidung!" Unser erstes Merchandising-Geschäft brachte uns gleich knapp 50.000 Euro ein. Es ist klar, dass Simone unsere Auftrittspläne im Westfalenstadion heftigst dementierte. Dies sei nicht mit ihr abgesprochen und außerdem sei Olli L. absoluter Hertha BSC-Fan. Aber, die Aktion brachte die ersten Fernsehsender auf den Plan. Nahezu zeitgleich waren RTL, Sat 1, Vox und das ZDF am Telefon und baten um ein Interview mit Homestory. Kurze Zeit später dann Pro7 mit Stefan Raab. Die allgemeine Meinung war jetzt, wir sollten uns doch noch einen kleinen Hauch von Exklusivität bewahren und demzufolge erst einmal bei RTL´s Exclusiv zusagen. Gesagt, getan. Claas lackierte schnell seine uralte Wandergitarre in schneeweiß, Olli besorgte sich ein altes Akkordeon und dann drapierten wir noch ein paar ungestimmte Musik-Instrumente in meinem Wohnzimmer. Ach ja, und außerdem stapelten wir in ein paar teuer aussehenden Bilderrahmen in der Ecke die mit Gold überzogenen Singles. Hoppla, RTL konnte kommen. Für dieses Interview hatte Inga übrigens großzügig und schnell eine ganz nette Gage ausgehandelt, es wurde im Voraus überwiesen und das nicht zu knapp. Dabei waren unsere Rollen mal wieder ganz klar verteilt. Claas markierte den großen Schweiger, der immer einmal ein paar Akkorde von der weißen Klampfe perlen ließ. Olli L. zog seine Pudelmütze in die Stirn und gab mehrfach ein gut gelauntes "Jo, eyh", von sich. Und ich sagte eigentlich nichts anderes als "Möönsch, lasst uns doch mal in Ruhe erst unser Ding machen" um dann als kleines Zuckerchen für die Moderatorin noch einmal die erste Zeile loszuschmettern... "Hau den Ball jetzt rein, Jung, wühl´ Dich durch den Torraum".... Nach diesem Interview konnten wir uns schon einmal das erste gemeinsame Bandauto kaufen. Na gut, es war nur ein gebrauchter 3er BMW für fünf Leute - aber immerhin. Auffallend auch: Direkt nach dieser Sendung gab es über den Home-Shopping-Kanal die ersten Tour-Kapuzenjacken mit der Aufschrift "Rote Karte" zu kaufen. Und bei Ebay tauchten erste Singles aus den 80er Jahren auf mit der Roten Karte - sie wurden zu Phantasiepreisen gehandelt. Drei Tage später fanden wir uns dann bei Stefan Raab wieder, lümmelten uns auf seinem Sofa herum und weigerten uns, mit ihm zusammen die Rote Karte zu singen. Dabei mussten wir dem Raab dann erst einmal erklären, dass er erst einmal ein wenig Fußballverstand haben müsse, um mit uns auf eine Ebene zu kommen. Natürlich kündigten wir an, dass unsere nächste Scheibe "Haut´s drauf Buam" heiße. Nach dieser Sendung fanden Kaffeebecher mit roter Karte und dem Aufdruck "Krasse Fehlentscheidung" reißenden Absatz. Tags drauf ließ Claas über die Bild-Zeitung vermelden, er habe nun ja doch mit Fußball überhaupt nicht am Hut und er würde doch lieber Kammermusik machen. Wir mussten gar nicht einmal selber dementieren, genauso, wie wir uns schon seit einiger Zeit keine neuen Gerüchte mehr einfallen lassen mussten. Die Saat war gelegt. Ab jetzt ging alles wie von selbst. Die PR-Maschine lief auf Hochtouren. Wir buchten in einem Call-Center 10000 Anrufe bei MTV, die sollten doch mit uns eine "Unplugged" Sendung aufnehmen. Kurz danach meldete sich Viva, wir seien für den "Komet" als beste deutsche Newcomerband nominiert ... Das lehnten wir natürlich ab. Nur hin und wieder warfen wir noch mal ein gezieltes Gerücht in die Runde, Olli L. hätte das Mobiliar in einem Hamburger Hotel auseinandergenommen, Thomas M. habe in Dieter Bohlen´s Ferrari uriniert, Claas H. sei für eine Fernsehrolle unter Regie von Wedel gecastet worden, überhaupt sei eine 12-teilige Fernseh-Serie mit uns angedacht. Oder auch: Thomas M. habe auf einer Einkaufstrip durch die Münchner Innenstadt innerhalb von zwei Stunden 60000 Euro verjubelt, Claas H. überlegt, ob er nach Rom zieht und Olli L. sei mittlerweile von dem ganzen Rummel so genervt, dass er sich ein Schloss am Rhein gekauft habe. Die Bild-Zeitung titelte neulich: "Thomas M. - gründet er eine Sekte????" Über Claas war einen Tag später zu lesen, dass er sich seinen größten Wunsch erfüllt und mit den Berliner Philharmonikern eine neue Version von Freddy´s "Junge, komm bald wieder" einspielt. Nacheinander ließen angeblich Grönemeyer, Westernhagen, Lindenberg, Nena, Fanta 4, Seal, Pink, Bryan Adams und Ozzy Osborne anfragen, ob man nicht einmal etwas zusammen machen könne. Thomas Stein ließ anfragen, ob er nicht mit uns produzieren dürfe. Der unvermeidbare Stefan Raab auch. Alle erhielten Absagen. Schließlich wollen wir unsere Arbeit selber in der Hand haben. Das Gerücht ging um, wir planten die Präsentation des bald fertigen Albums zum Bundesligastart in allen neun Stadien gleichzeitig. In einem seien wir live, in die anderen würden wir mittels Lasertechnik dreidimensional und überlebensgroß hinein projiziert. Dies sei eine Erfindung unseres genialen Roadies Michael, der bis jetzt bei allen Gerüchten und in allen Berichten und Artikeln doch ein wenig stiefmütterlich behandelt worden war. Kurz - wir haben es geschafft. Wir sind Stars. Der Absatz mit unseren Fan-Artikeln läuft bombig. Eigentlich könnten wir uns schon von den Umsätzen zur Ruhe setzen. Aber andererseits - wir sind ja noch jung und dynamisch. Vielleicht sollten wir uns etwas ganz neues einfallen lassen. Schau´n mer mal. Erst einmal ist es jetzt Zeit, dass wir darüber nachdenken, was für Musik wir machen wollen. Na klar, "Rote Karte" und "Haut´s drauf, buam" stehen fest, aber dann? Wir könnten beispielsweise nach Hollywood gehen. Oder nach Köln-Nippes. Mal sehen, unserer Promoterin fällt schon was ein ... Übrigens, nur am Rande: Im "blauen Förster", da wo damals alles anfing, müssen wir unser Bier immer noch selber bezahlen ... Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit Zustimmung der Rechteinhaber. |
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