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Die Kinder von Loskureu

© Elfriede Tychsen


Es sind immer Höhepunkte eines Kenia-Urlaubs, die Besuche bei der Familie unseres Freundes Sainepunyie im Massailand. Meist ist die Anreise zur Manyatta im Busch bereits ein Erlebnis, weil es keinen Fahrweg gibt, des Öfteren schon sind wir bei nassem, regnerischem Wetter im Schlamm stecken geblieben, es bedurfte der Hilfe vieler, starker Massai-Krieger unseren Bus wieder fahrtüchtig zu machen und aus dem Matsch zu ziehen. Zu anderen Zeiten wiederum war es so trocken, dass wir schon völlig verstaubt und verdreckt in Loskureu, der kleinen Massai-Siedlung, ca. 12 km südlich des Orts Simba ankamen. Dann ist nicht nur die Kleidung schmutzig und staubig, auch auf der Haut, im Gesicht und an den Augenlidern setzt sich roter Staub, vermischt mit Schweiß ab.
Trotzdem werden wir mit Freuden erwartet. Sofort nach der Ankunft ist unser Bus umringt von den Kindern und Frauen des Dorfes, wissen sie doch, dass die weißen "Mamas" immer kleine Geschenke und Süßigkeiten für sie mitbringen. Durch regelmäßige Besuche zumindest einmal im Jahr habe ich die Kleinen schon so lieb gewonnen, dass mir immer ein warmes, wohliges Gefühl durch den Körper läuft, wenn ich sie alle wiedersehe.
Da ist mein Liebling, Nyinge, ein aufgeweckter Junge von nun ca. neun Jahren. Er ist mir bereits vor vier Jahren aufgefallen, weil er damals schon Zahlen aufschreiben und rechnen konnte. Wir haben ihn den "kleinen Tänzer" genannt, weil er im frühen Kindesalter bereits mit Leidenschaft die Tänze der Massai nachamte. Sein lieber, kleiner Bruder Selian ist dünn und schmächtig, aber stets lächelnd und freundlich - dieser beider älterer Bruder ist der behinderte Benedikt, der immer lacht, wenn er uns sieht und uns nicht mehr von der Seite weicht. Er ist für jede kleinste Zuwendung unendlich dankbar. Diese drei Kinder habe ich besonders ins Herz geschlossen, weil sie erst im Oktober 2003 ihre Mutter verloren haben - der Vater kümmert sich schon seit Jahren nicht mehr um sie. Das Mädchen Resiato, deren Augen so klar strahlen, ist auch eine Nichte von Sainepunyie, sie wird nun etwa acht Jahre alt sein. Obwohl wir uns nicht mit ihr unterhalten können, merkt man, dass auch sie sehr intelligent ist. Resson, die stämmige, dreijährige Tochter von Sainepunyie mit ihrem wachen und treuherzigen Blick ist eines der jüngsten Kinder der Siedlung, ebenso die kleine, bildhübsche Tochter von Ntikue, dem Bruder Sainepunyies. Den Namen des kleinen Sohns vom Bruder Sentui, der immer so lustig ist, weiß ich leider nicht mehr. Natürlich kommen bei unserer Anwesenheit auch die Kinder der Nachbar-Siedlungen ins Dorf um die fremden "Mzungu" zu begrüßen. Sie neigen ihren Kopf vor uns und warten, bis wir ihn oberhalb der Stirn, am Haaransatz berühren und streicheln. Das ist ihre Begrüßung.
Man kann sich meine Enttäuschung vorstellen, als wir nach der Ankunft während des letzten Aufenthalts im März 2004 nur Babys und Benedikt im Dorf antrafen. Alle Kinder, selbst die kleine Resson waren noch in der Schule, obwohl es bereits Nachmittag war. Die Erwachsenen berichteten uns, dass die Kinder bald kommen müssten, sie hätten einen weiten Weg und so warteten wir und unterhielten uns mit den Eltern, Brüdern und Schwägerinnen von Sainepunyie, so gut wir, trotz aller Sprachschwierigkeiten, konnten. Letztlich beschlossen wir, inzwischen einen kleinen Ausflug mit dem von uns gemieteten Safari-Bus zu einem Gebiet zu machen, wo mein Mann Norbert bei seinen früheren Aufenthalten in Loskureu schon viele Wildtiere beobachten konnte. Es sollte eine Fahrt von ca. 10 km werden. Sainepunyie, Ntikue und seine kleine Tochter kamen mit uns. Nach ca. einen halben Kilometer trafen wir überraschend auf die ersten Kinder des Dorfes, am Heimweg von der Schule. Es waren Resiato und Nyinge, die Größeren. Jeder hatte eine kleine, leere Plastikflasche (morgens nehmen sie darin Milch als Wegzehrung mit) und einen einfachen Beutel für die Schulsachen, dabei. Natürlich machten wir uns unter der Leitung von Nyinge sofort auf den Weg, die restlichen, kleineren Kinder aufzusammeln und schließlich war der Safaribus voll mit den kleinen Leuten von Loskureu! Man kann sich ihre Freude vorstellen, denn bisher ist dieses junge Volk noch nie mit solch einem Fahrzeug gefahren. Ich hatte auch noch Geschenke (Spielsachen und Schreibmaterial) für die Jungen und Mädchen dabei und natürlich jede Menge Süßigkeiten, die sie so lieben. Die Fahrt war kurzweilig und die Kinderaugen strahlten, trotz der Hitze und des Staubes. Ich war durstig und fand noch Mineralwasser in einer Literflasche. Nachdem ich getrunken hatte, wollte auch Nyinge trinken, zu meinem Erstaunen leerte er den Rest der Flasche in einem Zug. Als ihn die anderen Kinder trinken sahen, riefen alle durcheinander "engare, engare" (=Wasser), jedes Kind verlangte nach dem Getränk, das gar nicht mehr so frisch war. Die Kleineren, die im Vorderteil des Busses saßen, begannen zu weinen, denn die Flasche war leer und sie bekamen nichts mehr. Gott sei Dank fand ich noch eine zweite volle Flasche mit Wasser! Ich habe noch nie Kinder gesehen, die sich über einfaches, bereits warmes Wasser so gefreut haben. Es war ein Hallo, als sie das volle Gefäß sahen und jedes der Kinder konnte schließlich seinen Durst löschen. Noch nie brachten wir bisher Trinkwasser mit in die Massai-Siedlung und es wäre doch so einfach gewesen, aber wir verwöhnten Europäer denken an die simpelsten Sachen nicht. Ich machte Sainepunyie Vorhaltungen, er hätte uns wirklich schon einmal dahingehend aufmerksam machen können. Er sagte nur: "Yeiyo, you know, we have a desert here" (Mama, du weißt doch, wir haben hier eine Wüste)! Er wollte mir nur höflich klarmachen, dass ich eigentlich hätte selbst darauf kommen können, weil ich diese Gegend ja auch kenne.
Nach etwa 15 Kilometern, als unser Fahrzeug wegen des schlechten Pfades wirklich nicht mehr weiterkonnte, machten wir eine kurze Pause und stiegen aus, um nach den erhofften Wildtieren Ausschau zu halten. Leider gab es diesmal nichts zu sehen. Die Kinder hatten sich aber zwischenzeitlich ihrer Schuluniform entledigt und hatten mit Hilfe der beiden Massai-Väter die Bekleidungsstücke, die gute Freunde aus Europa für sie mitgegeben haben, ausgewählt und angezogen. Wir wollten noch ein Photo in ihrem neuen "Outfit" zusammen machen, Sainepunyie stellte sie der Größe nach auf wie Orgelpfeifen und man merkte, wie sie es genossen, einmal Mittelpunkt zu sein und eine bedeutende Rolle zu spielen.
Auf dem Heimweg schmiegte sich die kleine Resson an mich, als ob sie mich schon immer kennen würde und schlief an meiner Brust ein. Sie war müde, es lag bereits ein langer, anstrengender Tag mit weitem Fußmarsch zur Schule hinter ihr. - Plötzlich begann Sainepunyie ein Lied zu singen, alle Kinder stimmten mit ein und im Nu hatten wir rhythmische, afrikanische Musik im Bus. Alle klatschten im Takt in die Hände und Nyinge und Resiato sangen abwechselnd nach Massai-Art vor. Die Kinder hatten schöne Stimmen und es lag so viel Gefühl in diesem Gesang. Selbst die kleine Resson war sofort wach und auch sie klatschte begeistert im Takt mit.
Die Fahrt zurück nach Loskureu verging für mich wie im Fluge. Obwohl ich sehr gerne afrikanische Wildtiere gesehen hätte, habe ich sie an diesem Tag keine Sekunde vermisst. Es war für mich der schönste Tag dieses Kenia-Aufenthalts. Abends sagte Sainepunyie zu mir: "Yeiyo, the children will never forget this day for their whole life!". Auch ich werde diesen Tag nicht mehr vergessen.



Eingereicht am 29. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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