Kurzgeschichtenwettbewerb Afrika afrikanisch Kurzgeschichten afrikanische Geschichten
Regenzeit
© Monika Nsangou Adamu
Meine Schwiegereltern und die gesamte angeheiratete Sippschaft hatten nach uns verlangt; schließlich war der letzte Besuch knapp 2 Jahre her. Natürlich wussten mein Mann und ich, dass der August noch in die Regenzeit fällt, aber aus Kamerun wurden beruhigende Statements zum Wetter geliefert. "In diesem Jahr ist der Regen lange nicht so stark!" "Es regnet hauptsächlich in der Küstenregion!" "Und überhaupt: für Europäer ist es doch besser, wenn es nicht ganz so heiß ist, wie in der Trockenzeit!". Letzteres sollte mich beruhigen, denn ich war bisher immer in der Trockenzeit im Land gewesen - und die hat wirklich gewöhnungsbedürftige Temperaturen! Knapp 40° sind da keine Seltenheit, man kommt sich dann wie eine Dörrpflaume vor und sieht aus wie ein frisch gebrühtes Ferkel.
Nach acht Stunden Flug im vollklimatisierten Airbus in Douala aus dem Flieger zu steigen ist ein Erlebnis, dass mich immer wieder fasziniert. Das erste, was man fühlt, ist natürlich die unglaubliche Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit. In Sekundenschnelle klebt die Kleidung am Körper, wenn man nicht in weiser Voraussicht im Flieger schon etwas Traditionelles angezogen hat. Die Vielflieger erkennt man daran, dass sie sich in die Schlange zur Toilette einreihen und Kleider über dem Arm haben. Trotzdem ist der Temperaturunterschied unglaublich. Das Nächste ist dann der Geruch, der einem in die Nase steigt, sobald man den Boden betritt: ein intensiver Geruch nach Holzfeuern, gegrilltem Fleisch und einer Mixtur aus den unterschiedlichsten Gewürzen. Dieser Geruch ist so besonders, dass er für mich Kamerun verkörpert. Ich glaube, selbst mit verbundenen Augen und ohne zu wissen, wohin ich geflogen bin, würde ich diesem Geruch noch erkennen. Wir landeten gegen 5 Uhr nachmittags und es regnete tatsächlich nicht. Nachdem wir die eifrigen Kofferträger abgewehrt und die strenge Dame vom Zoll überwunden hatten, konnten wir endlich das Begrüßungskomitee der Familie in die Arme schließen. Meine Schwiegereltern leben nur eine knappe Autostunde von Douala entfernt, aber in Kamerun wird es Schlag 6 Uhr abends dunkel - eine Dämmerstunde gibt es nicht. Es ist fast so, als hätte man das Licht ausgeschaltet. Straßenbeleuchtung ist eigentlich nur in der Hauptstadt Jaunde üblich, deshalb verbringen wir die erste Nacht immer in einem Hotel in der Stadt.
Zwei Tage später dann der Aufbruch vom Haus meiner Schwiegereltern zu der Tante, die wir am seltensten sehen, weil sie wirklich mitten im Busch wohnt, fast acht Stunden von meinen Schwiegereltern entfernt. Die Straße von Douala zum Wohnort meiner Schwiegereltern ist geteert und stellte daher keine großen Herausforderungen an das fahrerische Können meines Mannes. Das änderte sich allerdings, sobald wir den nächsten größeren Ort und damit das Einzugsgebiet der Hafenstadt Douala verlassen hatten. Die Straßen sind eigentlich nur noch festgefahrene Lehmpisten und da auch voll beladene Lastwagen mit Höchstgeschwindigkeit darüber hinpreschen, sind riesige Schlaglöcher an der Tagesordnung. In der Regenzeit sind das wassergefüllte Rätsel: kann man durch oder säuft man ab? Mit einem normalen Wagen muss man also erstmal anhalten, mit einem Stock bewaffnet durch die Pfütze waten und dann entscheiden, ob man durchkann oder nicht. Wenn man nicht durchkann, bleibt nur das Wagnis, rechts dran vorbei und hoffen, dass das mit mannshohem Elefantengras bewachsene Land keine unangenehmen Überraschungen verbirgt oder links dran vorbei und hoffen, dass die Beifahrerin keinen Herzinfarkt bekommt, denn da geht es steil runter. Zugegeben ein spektakulärer Ausblick, denn der Abhang ist mit üppig grünem Regenwald bewachsen und dampft in den Pausen zwischen den heftigen Regenschauern in der Sonne wie ein Topf heißes Wasser. Dicht am Straßenrand blühen Strelitzien in orange und rot und riesige Bougainvilleas lassen einen ahnen, wie mickerig die im heimischen Garten wachsenden Exemplare in Wirklichkeit sind. Ich habe keine Ahnung, ob mein Mann dem Elefantengras nicht traute, jedenfalls bevorzugte er den Weg am Abgrund entlang.
Sechs Stunden später dann die wirkliche Herausforderung an mein Vertrauen: es regnete zwar nicht mehr, aber der durchgeweichte Lehmboden war glatt und rutschig wie eine Schneedecke bei uns auf der Straße. Hinter uns lag ein schmaler Lehmpfad, gerade breit genug für zwei Autos, und vor uns ging es hinter einer Brücke steil bergauf weiter. Zumindest bezeichnete mein Mann die drei nebeneinander gelegten Holzbretter als Brücke. Darunter schäumte es gewaltig, knapp 3 Meter tiefer gibt es in der Trockenzeit ein kleines Flüsschen, in dem mein Mann als Kind oft geangelt hatte. In der Regenzeit wirkt es auf verschreckte Europäer wie der Zugang zu den Viktoriafällen. Mir fiel ein, dass in Kamerun viele Szenen aus "Greystoke" gedreht worden waren - womöglich hier? "Zurück geht eh nicht mehr," meinte mein Mann lakonisch. Ich blieb im Auto - wenn schon, dann stürzen wir beide ins Verderben. Was sollte ich hier in der Wildnis allein? Im Schritttempo fuhr er auf die "Brücke", ich klammerte mich am Handgriff fest und schloss die Augen. Jetzt sah ich zwar nichts mehr, dafür hörte ich umso besser: das Rauschen und Gurgeln unter mir war ohrenbetäubend, durchs geöffnete Fenster drangen feine Wassertropfen und ich bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Im Busch vor uns (oder hinter uns?) lachte irgendein infames Tier mich aus, zumindest klang das Geräusch so. Zentimeterweise schob sich das Auto über die morschen Holzbretter und ich konnte jedes Knacken und jeden wegspringenden Holzsplitter hören. Hält sie?
Nach einer Minute, die mir wie eine Ewigkeit vorgekommen ist, erreichten wir endlich die andere Seite. Mein lachender Mann erklärte mir, dass das kichernde Geräusch nur der Ruf eines harmlosen Vogels gewesen war. Der letzte Aufstieg bis zum Grundstück seiner Tante wurde in bewährtem Zickzack-Kurs bewältigt. Die überschwängliche Begrüßung der Tante und ihrer Familie hatte ich mir wirklich redlich verdient.
In der Regenzeit fährt niemand aus der Familie herunter in die Ebene, dann spielt sich das Leben oben auf dem Berg ab. Verständlich, wenn ich an den Weg bis hierher dachte! Das wir das ohne Unfall überstanden hatten, war ein kleines afrikanisches Wunder. Aber ich wollte mir noch keine Gedanken über den Heimweg machen - notfalls könnten wir bleiben, bis die Trockenzeit beginnt!
Eingereicht am 02. Mai 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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